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"Multiple Identitäten und Geschlechter"
Ein Interview mit Jürgen Klauke


Bereits Ende der sechziger Jahre rückt Jürgen Klauke den eigenen Körper ins Zentrum seiner Fotoarbeiten. Radikal stellt er dabei konventionelle Geschlechterrollen in Frage. Dann folgen minimalistisch-surreale Versuchsanordnungen, in denen er Grundbedingungen der menschlichen Existenz durchdekliniert. Die Direktheit und Unmittelbarkeit besonders seiner frühen Serien besitzt für eine junge, performativ orientierte Künstlergeneration eine neue Relevanz. Jetzt widmet das ZKM in Karlsruhe Jürgen Klauke, der seit 1985 mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, eine große Ausstellung. Achim Drucks hat den in Köln lebenden Künstler für ArtMag interviewt.


Achim Drucks: Man bringt Sie vor allem mit inszenierten Fotoarbeiten in Verbindung. In Ihrer neuen Ausstellung Ästhetische Paranoia im ZKM zeigen Sie aber auch nicht gestellte Bilder aus einem Schlachthof. Was hat Sie an diesem Ort interessiert?

Jürgen Klauke: Es war ein Vorhaben, das ich schon lange mit mir herumtrug, ähnlich wie bei dem Prosecuritas-Projekt 1987/88, wo ich auch schon immer dachte, ich müsse mal die Kofferschächte am Flughafen für mich und meine Bildwelten nutzen. Also die Durchleuchtung. Irgendwann ist es dann soweit. Beim Schlachthof dauerte der Anlauf ähnlich lange bis ich mir Einlass verschaffte und mich sehr schnell für das Innenleben interessierte. Absonderungen wie Blut, Scheiße und Innereien weckten mein Interesse - eine andere Form von Durchleuchtung, eine andere Form von Innenleben - der Rest.

Ihre neue Serie "Schlachtfelder", die auf diesen Aufnahmen basiert, präsentieren Sie als 16 Meter langes Tableau aus 144 Farbfotografien. Warum haben Sie sich für dieses monumentale Format entschieden?

Die "16 Meter" bestehen aus 12 Tableaus, die auch einzeln oder als Duo, übereinander oder nebeneinander funktionieren. In der Ausstellungsinszenierung im ZKM arbeite ich mit weiten Blicken, so dass die monumentale Wand über die Lichthöfe hinweg einsehbar wird und wenn man letztendlich vor ihr steht, entfaltet sich die Dramaturgie des Ganzen. Andererseits soll dieser etwas blutige Auftritt, also die anders geartete Ästhetik, wie ein Keil oder wie eine Injektion in die große Schwarz-Weiß-Show hineinragen.

Man denkt bei dieser Arbeit an Tod und Vergänglichkeit, der Titel "Schlachtfelder" suggeriert aber auch Krieg. Inwieweit reagieren Sie hier auch auf aktuelle Ereignisse wie die Kriege im Irak oder in Afghanistan?

Tagespolitik ist nicht meine Sache - Tod und Vergänglichkeit schwingen mit und der Titel Schlachtfeld ermöglicht dem Betrachter Bezüge darüber hinaus. Ich habe die Mägen, die neben dem Blut die zentrale Rolle spielen, aus einer Perspektive fotografiert, die sie wie menschliche Köpfe scheinen lassen. Auf mich wirken sie im bildlichen Anschnitt wie Aufgebahrte. So fremdartig die Arbeit auf den ersten Blick wirken mag - so schlüssig findet sie sich ein in mein experimentelles Denken und Handeln.

"Ästhetische Paranoia", ist der Titel Ihrer Ausstellung im ZKM und einer Ihrer jüngsten Fotoserien. Wie definieren Sie ästhetische Paranoia?

Ich könnte ja mit Beckett sagen "ich weiß nicht was es ist - ABER ES IST WAS". Titel sind bei mir als Teil der Arbeit zu verstehen. Ästhetische Paranoia ist die Arbeit mit dem langen Haar, das mich abdeckt, übers Bett gleitet und weiter in den Raum fließt bis zum Anschnitt. Eine melancholische Arbeit über den Menschen alleine im Raum. Die Inszenierung ist keine Illustration des Titels, aber sein Sound ist eine weitere Möglichkeit, sich der Arbeit zu nähern - sie sich zu erschließen.

Ihre Serie Transformer lässt ja nicht nur an die Selbstinszenierungen von Pierre Molinier denken, sondern auch an den damaligen androgynen Look von Musikern wie Brian Eno oder David Bowie. Welche Rolle haben die Pop-Kultur der damaligen Zeit oder die Filme von Praunheim oder Schröter für ihre Arbeit gespielt?

Den androgynen Look pflegte ich auch im Alltag, jedoch gehen Arbeiten wie Selfperformance und die Transformer-Serien etc. über dieses Spiel der Aneignung des Weiblichen hinaus. Mein Körper als Projektionsfläche multipler Identitäten und Geschlechter wird in die Kunst eingeführt. Schon in dem ersten Tagebuch von 1969/70 Ich & Ich werden zeichnerisch Grundsteine zu diesen Transformationen gelegt und im fotografischen Teil zeigen sich die ersten Inszenierungen wie Selbst, Boddys etc. Alles in Allem ging es um die Brechung tradierter und beschränkter Vorstellungswelten. Doch das bezog sich nicht nur auf sexuelle Typologien, sondern auch andere gesellschaftliche Phänomene werden in der Folge dekonstruiert wie zum Beispiel in Das Menschliche Antlitz im Spiegel Soziologisch-nervöser Prozesse. Bataille, Molinier oder Bellmer waren mir in der Tiefe näher als die Pop-Kultur.

In der Serie "Transformer" (1970-75) rücken Sie Ihren eigenen Körper ins Zentrum Ihrer Fotografien und stellen die klassischen Männerbilder und -rollen radikal in Frage, zeitgleich mit den Anfängen der Frauen- und Schwulenbewegung. Wie wichtig war der emanzipatorisch-politische Aspekt für Ihre Arbeit?

In erster Linie geschah es aus mir heraus - gepaart mit einem experimentellen Leben auf hoher Lust-Stufe. Kunst und Leben bilden in diesem Zeitraum eine positive und fröhliche Allianz. Der Reflex, die intellektuelle Auseinandersetzung desselben, zeigt sich in den Arbeiten und natürlich sind sie politisch - auch in so ferner, ironischer Weise, dass Teile der Frauenbewegung z.B. eine Arbeit aus der Werkgruppe Formalisierung der Langeweile Das ewig männliche - als ewig langweiliges, zum Anlass nahmen, mich zum Frauenfeind zu erklären. Von einer massiven Schwulenbewegung war Anfang der 70er noch nicht viel zu spüren. Die Offensiveren waren Teil einer gemischten dynamischen Subkultur, in der wir uns jeder nach seiner Facon bewegten.

Was hat Sie im Hinblick auf die "Transformer"-Serie formal beschäftigt?

Ich war damit beschäftigt, das alles beherrschende Tafelbild mit anderen Möglichkeiten zu konfrontieren. So entstanden Sequenzen, Tableaus, Essays, Großformate etc. und mein Körper als Bildgegenstand, als "Body Art", etablierte sich in der jüngeren Kunstgeschichte. (Peter Weibel spricht auch vom "Anagramatischen Körper"). Die Selbst-Darstellung und die Welt-Darstellung objektivierten sich im Medium der Inszenierten Fotografie.

Wenn man diese Fotografien heute sieht, besitzen Sie noch immer ziemliches Provokationspotential. Wie hat das Publikum in den Siebzigern auf Ihre Selbstinszenierungen reagiert?

Eher ablehnend. Wobei das weibliche Geschlecht, wie mir schien, empfänglicher war. Aber auch innerhalb der Wissenschaften polarisierten sie. Mir war das durchaus klar, dass diese Arbeiten zu keiner friedlichen Übereinstimmung führten - Sie wurden diskutiert und zeigten Wirkung. Zeigen Sie immer noch.

Warum haben Sie sich damals mit dem Thema Transformation in Form von Foto-Serien, aber nicht in den Medien Performance oder Video auseinandergesetzt? Die Verwandlung ist ja ein Prozess, den man auch in diesen Medien "dokumentieren" kann, wenn man etwa an die Filme wie Flaming Creatures von Jack Smith denkt.

Von 1970 bis ca. 1974 habe ich mich schwerpunktmäßig mit Identität, Sexualität und den "Transformern" beschäftigt. Video spielte für mich zu diesem Zeitpunkt keine Rolle. Meine erste Performance machte ich 1975 bei der Galerie Stichting De Appel in Amsterdam. Sie beschäftigte sich im weitesten Sinn mit Identität. Die Arbeit war getan und mein Denken zog weiter Bahnen und rückte andere Themen der menschlichen Existenz und ihrer Abgründe ins Zentrum, z.B. in Schussfolge/Schlussfolge Viva Espana oder das Menschliche Antlitz... etc. Jack Smith lernte ich 1978 kennen. Er spülte bei mir zu Hause, was sich zwangsläufig zu einer gelungenen Performance entwickelte.

Nach ihrer Serie "Dr. Müllers Sex Shop oder so stell ich mir die Liebe vor" (1977) scheint ihr Werk in eine andere Phase zu treten. "Formalisierung der Langeweile" (1980/81) zeichnet sich durch eine gewisse Abkühlung oder Beruhigung aus. Die Schwarz-Weiß-Bilder wirken distanzierter und inszenierter. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Das intensive Leben und die intensive Arbeit führten zu dieser "beunruhigenden Beruhigung". Die Widerholungen der grandiosen Tag- und Nacht-Exzesse begannen unerträglich zu werden und der mehr oder weniger abrupte Stopp führte zu wahrnehmbaren Leerstellen, die erstmal nicht gefüllt werden konnten. Rhythmusstörungen - Blockade - Herr Klauke allein im Raum - hatte Probleme. Das Raum-Zeit-Gefüge war mehr als instabil. Zu guter Letzt instrumentalisierte ich diesen Zustand, in dem ich ihn thematisierte. So kam es zu der großen Werkgruppe Formalisierung der Langeweile.

Es ist ja per se ziemlich schwer, eine spannende Arbeit zum Thema "Langeweile" zu machen. Was hat Sie an diesem Thema gereizt?

Den Zustand, den ich erlebte, in Bilder zu überführen. In meinem letzten zeichnerischen Tagebuch ziemlich (Salon Verlag, Köln) wird schon einiges vom Rande des Sinnlichen, fast Wahnsinnigen vorformuliert. Auch die Experimente mit Wörtern im Bild, die Unbestimmtes oder Dehnbares in sich tragen: "ziemlich", "mehr oder weniger", "so zu sagen", "vielleicht" etc. Der Schritt von hier aus zur Umsetzung der "Formalisierung der Langeweile" - allerdings mit dem Medium der Fotografie - war kein großer. Im Kern ging es darum, den Fast-Stillstand oder das zähe Verrinnen von nicht gelebter, kommunikationsloser Zeit ins Bild zu rücken. Hier fallen beinah nicht Fassbares und Sinnliches mit einer gewaltigen Briese psychischer Verfasstheit zusammen. Wenn die Gegenwart zäh wie Brei nicht vergehen will. Anwesende Abwesenheit und abwesende Anwesenheit spielen mit im Bild; das hat mich gereizt und zu diesen heiter bis melancholischen Bildern geführt.

Immer öfter werden jetzt Gegenstände wie Hüte, Eimer, Stühle zu Mitspielern in ihren Inszenierungen, gleichzeitig verwandeln Sie sich vom "Transformer" zu einer Art "Mann ohne Eigenschaften" im dunklen Anzug. Ging es Ihnen dabei auch darum, diesen Arbeiten eine stärkere Allgemeingültigkeit zu verleihen?

Ja - auch. Ich bin das ein oder andere Mal im Bild weniger präsent, aber auch in den neuen Arbeiten Bildgegenstand. Ich sehe mich als "Stellvertreter" und letztendlich als Material. Eine gewisse Neutralität ist da angebracht, Zeitlosigkeit wäre auch ein Begriff.

Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Künstlern haben Sie ihre Arbeiten immer betitelt. Auf vielen Zeichnungen und auch auf einigen Fotoarbeiten taucht Schrift auf. Welche Funktion haben diese "Notizen" und die Titel in Ihrem Werk?

Ich hatte das schon angesprochen - sie bilden zum dominanten poetischem Bild ein wichtiges Nebengeräusch, das hilfreich sein kann beim Betreten des Bildraums. Bei den zeichnerischen Tagebüchern 1970 bis 1980 verbinden sich subjektive Erlebnisse, Erfahrungen und Eindrücke, teilweise auch mit einer beiläufigen Dokumentation des Zeitgeschehens. Den sprachlichen Aufzeichnungen der äußeren Wirklichkeit wird eine Zeichnung der inneren gegenübergestellt. Hier das Echo der Welt - da die Verortung des Selbst.

Jürgen Klauke. Ästhetische Paranoia
13.05.2010 – 03.10.2010
ZKM | Museum für Neue Kunst, Karlsruhe

23.10.2010 – 06.03.2011
Museum der Moderne, Salzburg




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