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The Makings of Me
Samuel Fossos Selbstporträts


Disco-Kid, Malcolm X oder Angela Davis – Samuel Fosso schlüpft in die unterschiedlichsten Rollen. Dabei benutzt er die afrikanische Kulturgeschichte wie eine Requisitenkammer. Daniel Kothenschulte über Fossos Selbstinszenierungen, mit denen der Fotograf aus der Zentralafrikanischen Republik auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.


Glamourfotografie schöpft im Allgemeinen aus dem Vollen. Der amerikanische Star-Fotograf Peter Basch erklärte einmal, dass bei seinen Porträtsitzungen der Materialverbrauch so wenig eine Rolle gespielt habe wie in einem Hollywoodstudio. Schon allein die immense Fülle von Aufnahmen garantierte gelungene Motive. In Samuel Fossos Fotostudio in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, spielte Materialverbrauch sehr wohl eine Rolle. Einen nicht voll belichteten Rollfilm trotzdem ins Entwicklerbad zu legen, bedeutete in den siebziger Jahren die reine Verschwendung, doch Eilaufträge ließen ihm manchmal keine andere Wahl. Also nutzte er die freien Felder auf dem Negativ für private Zwecke.

Der junge, attraktive Mann warf sich ins coolste Outfit, das er hatte. In engen Hemden, dunklen Brillen, kurzen Hosen posierte er auf Plateausohlen oder barfuss. Manchmal blickte er dabei in die Kamera, öfter jedoch fixiert er wie ein kontrollierter Tänzer einen imaginären Punkt im Leeren. Kaum zu glauben, dass Fosso bis zu seinem vierten Lebensjahr gelähmt war. Als die westliche Medizin versagte, übernahm sein Großvater, ein Medizinmann, die Sache. Er vollzog Opferrituale, weckte ihn mitten in der Nacht und rollte ihn vom Hausdach. Allmählich lernte das Kind zu laufen.

Dafür, dass keine von Fossos Posen verloren ging, sorgte seine Mutter in Nigeria, der er regelmäßig Abzüge für das Familien-Album schickte. Sie dürften für einiges Erstaunen gesorgt haben. Denn Fossos Modestil war kaum weniger gewagt als der in dem New Yorker Club Studio 54: ein androgyner Look, nah am Drag. Auf einer Aufnahme aus der Sammlung Deutsche Bank präsentiert er sich in weißen Bermudas mit langen Fransen, Muskelshirt und Disco-Boots, auf einer anderen trägt er nichts als Hot Pants und weiße Handschuhe. An eine Veröffentlichung dieser Bilder war nicht gedacht. Erst 1994, nachdem der französische Fotograf Bernard Deschamps auf Fosso gestoßen war, erreichten sie die internationale Kunstwelt. Im Kontext westlicher Künstler-Selbstinszenierungen lassen sich Fossos Arbeiten unschwer zwischen dem frühen Jürgen Klauke und Cindy Sherman einordnen. Dennoch entstanden sie vollkommen autonom – wenn auch nicht ganz unberührt von internationalen Strömungen. In vielen afrikanischen Staaten war spätestens seit dem "Rumble in the Jungle", dem 1974 im damaligen Zaire ausgetragenen und weltweit übertragenen Boxweltmeisterschaftskampf zwischen George Foreman und Muhammad Ali, eine starke Jugend- und Popkultur allgegenwärtig. Das Selbstbewusstsein des Mannes, der sich hier vor seiner eigenen Kamera inszeniert, ist nicht zu trennen von einem heute schon historischen, kollektiven Gefühl des kulturellen Aufbruchs.

Samuel Fosso hat die Intention seiner frühen Selbstporträts klar beschrieben, es dürfte auch die seiner meisten Kunden gewesen sein. Vermutlich würde kaum jemand, der irgendwo auf der Welt sein Gesicht einem Fotografen überantwortet, anderer Ansicht sein. "Ich wollte zeigen, wie gut ich aussehe. Darum ging es."

Heute transportieren diese Fotos sehr viel mehr als dieses durchaus berechtigte narzisstische Anliegen. Sie sind historische Dokumente einer damals gerade voll erblühten afrikanischen Jugendkultur, die im Dialog mit internationalen Trends entstand. In der Mode, aber auch in den Posen erkennt man deutliche Anklänge an die zeitgenössische afroamerikanische Dance Culture.

Als Kind war der 1962 in Kamerun geborene und in Nigeria aufgewachsene Fosso vor dem Biafra-Krieg geflohen und hatte sich nach Bangui durchgeschlagen. Dank der Unterstützung seines Bruders war es ihm möglich, sich dort als erst Dreizehnjähriger im Jahre 1975 mit einem eigenen Fotoatelier selbstständig zu machen. Sein "Studio Convenance" führt er bis heute und noch immer fertigt er täglich Pass- oder Hochzeitsfotos an. Niemand im Ort weiß von dem zweiten Samuel Fosso, dem Künstler, der im New Yorker Guggenheim und der Londoner Tate präsent war und zu den Teilnehmern der wichtigen, in vielen Ländern gezeigten Schau Africa Remix zählte. Man denkt, dass er auch im Ausland Hochzeiten fotografiert.

Und so wie er selbst als Teenager fotografische Grüße an die Verwandtschaft im Ausland schickte, dürften noch immer Migranten zum selben Zweck sein Geschäft besuchen. Auch sie werden sich in Schale werfen, nicht unbedingt in Disco-Kluft, aber gewiss im besten Zwirn. Es dürfte kaum einen Ort geben, wo kommerzielle Fotografen nicht davon leben, dass Migranten positive – wenn nicht gar geschönte – Lebenszeichen in ihre Heimat schicken. Fossos Werk hat viel mit dieser individuellen Positionierung innerhalb kollektiver Identitäten zu tun.

Eines der erstaunlichsten Beispiele dieser Art fotografischer Selbstinszenierung ist die Porträt-Sammlung von Taliban-Kämpfern, die der Fotograf Thomas Dworzak im Sommer 2001 in Kandahars Fotogeschäften erworben hat und in seinem Fotobuch Taliban veröffentlichte. Trotz des strengen Bilderverbots posierten die Kämpfer in prächtig kolorierten Schwarzweißfotos. Ihre in bunten Farben "nachgeschminkten" Gesichter wirken erstaunlich feminin. Sie haben ebenso wie die prächtigen Hintergründe nur wenig mit der äußeren Realität zu tun, aber umso mehr mit der idealisierten Wirklichkeit von Selbstidentität.

Überall auf der Welt erfüllen Fotoateliers, insbesondere wenn sie in einer Diaspora operieren, eine wichtige Rolle bei der Bewahrung kollektiver Identitäten. Zugleich führen sie aber auch die fotografischen Traditionen des 19. Jahrhunderts fort, als es üblich war, den Kunden wechselnde Hintergrundprospekte und Requisiten anzubieten. In einer Zeit, da kommerzielle Fotografie und museale Fotokunst in weitgehend getrennten Kontexten operieren, gehört Samuel Fosso zu einer selten gewordenen Spezies: Er ist Fotograf und Fotokünstler zugleich.

Samuel Fosso spielt in seinen Selbstporträts lustvoll mit dem Erbe seines Berufsstandes. In seiner Frühzeit posierte er bevorzugt vor einem einfachen schwarzen Vorhang und nutzte die Requisiten, die gerade zur Hand waren. Die neueren Aufnahmen, in denen Fosso in historische Rollen schlüpft wie Malcolm X und Angela Davis in der African Spirits-Serie von 2008, sind dagegen minutiös komponiert. Eine zentrale Arbeit dieser späteren, mit Blick auf die internationale Kunstöffentlichkeit entstandenen Werke ist The Chief Who Sold Africa to the Colonialists (1997) aus der Serie Tati. Der von Fosso verkörperte Stammesführer thront mit stolzem Blick auf einem westlichen Stuhl mit Leopardenfell-Bezug, präsentiert einen Strauß Sonnenblumen – ein Symbol afrikanischer Heilkunst – und trägt eine modische weiße Brille. Doch gerade ihr schmaler Rahmen erinnert an eine traditionelle afrikanische Maske. "Die Leute denken, ich sei Mobutu", erklärte Fosso in einem Interview. "Tatsächlich aber steht das Bild für alle afrikanischen Häuptlinge, die ihren Kontinent an die Weißen verkauft haben."

Während sich Fosso in seinen frühen Aufnahmen als Teil einer kosmopolitischen Pop-Kultur inszenierte, posiert er hier in einem Afrika aus Versatzstücken von zweifelhaftem sentimentalen Gehalt. Das Leopardenfellmuster auf dem Stuhl ist schon lange nicht mehr die Beute der Kolonialisten, sondern ein industriell hergestelltes Simulakrum, das nicht nur den Touristen, sondern auch den Afrikanern ein lieb gewonnener Platzhalter für den verlorenen Ursprung ist. Fossos Selbstporträts behandeln die afrikanische Kulturgeschichte in spielerischem Ernst. Noch lustvoller als in seiner Jugend arrangiert er Requisiten, Kostüme und Kulissen. Aber indem die Fotografien die Fragmente der kulturellen Identität immer neu zusammensetzen, verweisen sie auf ein unwiederbringlich verlorenes Ganzes. Ein Nirgendwo in Afrika.




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