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Wangechi Mutus Installation im Deutsche Guggenheim
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My Dirty Little Heaven
Wangechi Mutus Installation im Deutsche Guggenheim


Als "Künstlerin des Jahres" der Deutschen Bank hat Wangechi Mutu das Deutsche Guggenheim in ein faszinierendes Environment transformiert: Ihre Collagen, eine raumspezifische Installation und eine neue Video-Arbeit verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk, das alle Sinne anspricht. Kurator Friedhelm Hütte, Global Head of Art, Deutsche Bank, stellt Wangechi Mutus vielschichtiges Werk vor.


Wangechi Mutus Installation My Dirty Little Heaven ist die erste Ausstellung im "Künstler des Jahres"-Programm der Deutschen Bank. Ihr substantielles, absolut eigenständiges Werk macht Mutu zu einer der bedeutendsten afrikanischen Gegenwartskünstlerinnen. Da der Schwerpunkt der Sammlung Deutsche Bank auf Arbeiten auf Papier liegt, richtet sich die Auszeichnung "Künstler des Jahres" an junge Künstler, die bereits ein unverwechselbares, herausragendes OEuvre geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine zentrale Rolle spielen. Dabei steht auch der Gedanke im Vordergrund, dass das Medium Papier am besten geeignet ist, um den Entwurf, die erste Idee, das Konzept festzuhalten – jene Elemente, in denen sich der künstlerische Prozess auf unmittelbare Weise spiegelt. Das Hauptaugenmerk unseres Kunstengagements liegt auf der Förderung internationaler Gegenwartskünstler, die durch ihr Schaffen der Gesellschaft Orientierung geben, für Irritationen sorgen, neue Perspektiven und Sichtweisen eröffnen.

Auch Wangechi Mutus Werk fordert den Betrachter heraus. Es hinterfragt unsere Vorstellungen von Schönheit, unser Bild des Anderen, des Fremden. So äußerte Mutu im Interview mit dem Direktor der Kunsthalle Wien, Gerald Matt: "Das sehr christlich puritanische, national und historisch schizophrene, wunderschöne Kenia meiner Vergangenheit sollte sich als perfekter Leichnam erweisen, in dem ich herumstochern und so mich selbst und die kulturell zerbrochene Welt um mich herum verstehen lernen konnte." Der Vorstellung, dass sie eine "afrikanische" Künstlerin ist, die in ihrer Arbeit von der Kultur ihrer "Heimat" zehrt, setzt Mutu einen multiperspektivischen Kosmos entgegen, der genau von dem Verlust einer eindeutigen Identität zeugt. Er ist bevölkert von Mischwesen, die wie Meeresbewohner oder Mikroorganismen umherzutreiben scheinen und sich nur flüchtig, in immer wieder neuen Konstellationen berühren. So scheinen auf Fallen Heads, einer großformatigen Collage, die in Mutus Ausstellung im Deutsche Guggenheim zu sehen ist, mit Rosen und Perlen überwucherte Frauenköpfe durch einen Schleier aus blutigen Rottönen zu schweben. Aus ihren Augen und Mündern quellen schwarze Linien, die an Tentakel oder Seetang denken lassen: bizarre Extremitäten, die wie Sensoren zur Kontaktaufnahme dienen. Die Entfremdung und Entwurzelung in Mutus Bildern und Installationen ist offensichtlich. Es scheint hier weniger um eine Rückbesinnung auf ursprüngliche kulturelle Identität zu gehen, sondern eher die Vision einer Zukunft, in der immer mehr Menschen als Migranten und permanent Reisende zu Bewohnern der "AlieNation" werden. Kulturelle Identität wird dann nicht mehr durch die geografische Herkunft, Abstammung oder biologische Anlagen determiniert, sondern zunehmend zum hybriden Konstrukt, das man auch selbst bestimmen und verändern kann.

Die kulturelle Vielfalt unserer Welt – aber auch Herausforderungen wie Migration oder die zunehmende Globalisierung – zu veranschaulichen ist eines der zentralen Anliegen der Sammlung Deutsche Bank. Das dokumentiert auch die neue Kunstausstattung des Frankfurter Hauptsitzes. Das erste Kunstkonzept der beiden Deutsche-Bank-Türme gilt inzwischen als legendär – etwa die Widmung der Stockwerke an einzelne Künstler. Ein Rundgang durch das Bankgebäude wurde hier zu einer Reise durch die deutsche Kunstgeschichte nach 1945. Wenn die Türme nach ihrer umfassenden Modernisierung Ende 2010 wieder eröffnet werden, spiegelt die neue Kunstausstattung den inzwischen globalen Fokus der Unternehmenssammlung wider. Die Auswahl der Künstler wurde deutlich verjüngt und internationalisiert. Zu den Positionen aus allen fünf Kontinenten, denen dort eine eigene Etage gewidmet wird, zählt Wangechi Mutu.

Ihre Ausstellung im Deutsche Guggenheim ist auch von Erinnerungen an Berlin inspiriert. Als Schülerin – Mutu lebte damals in Wales – war sie hier kurz nach dem Fall der Mauer zu Gast. Ihre Eindrücke von der materiellen Diskrepanz zwischen Ost- und West- Berlin sowie dem übermächtigen Verlangen der Menschen aus der ehemaligen DDR nach den Produkten, die sie bislang nur aus dem Fernsehen kannten und die sie wie Fetische zu verehren schienen, sind ein wichtiger Ausgangspunkt für das Projekt im Deutsche Guggenheim. Die Künstlerin hat außerdem das Phänomen der "Shanty Towns", die Barackensiedlungen an den Peripherien von Metropolen wie Rio de Janeiro, Lagos oder Kapstadt, mit in ihre Installation eingebracht. Für deren improvisierte Gebäude wird von Plastikmüll bis Bauabfällen alles recycelt, was den Bewohnern in die Hände fällt. Weggeworfenes wird repariert oder umgenutzt, Dinge werden neu zusammengesetzt. Ihre materielle Not zwingt die Menschen in den Shanty Towns zu einem kreativen Umgang mit den wenigen Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen.

"Es geht nicht darum, Dinge auf eine originelle oder ungewöhnliche Weise in etwas Neues zu verwandeln", hat Wangechi Mutu in einem Interview für das Deutsche Guggenheim Magazine erklärt. "Es geht darum, keine Wahl zu haben, darum, ein halbwegs menschliches Leben zu führen, während einem die Menschlichkeit ständig abgesprochen wird. Es geht darum, sich ein behagliches Heim einzurichten, während die Welt da draußen dir signalisiert, dass du eigentlich ein Krimineller oder ein Tier sein sollst. Ich versuche deshalb auch nicht, einfach so aus Spaß die Dinge nach 'Ghetto' aussehen zu lassen. Ich versuche vielmehr herauszufinden, was an diesem Impuls menschlich zu bleiben auch für diejenigen interessant ist, die nicht in dieser Armut leben müssen. Tatsächlich bin ich überzeugt, dass wir von dieser Denkweise lernen können."

So transformiert Mutu für My Dirty Little Heaven die Ausstellungshalle Unter den Linden in ein suggestives Environment, das gleichzeitig an einen schützenden Kokon wie an die improvisierten Konstruktionen in den Shanty Towns erinnert. Mit einfachen Mitteln wie grauen, filzartigen Decken aus recycelten Materialien oder braunem Paketklebeband fertigt sie organisch wirkende skulpturale Gebilde. Sie bedecken Wände und Pfeiler der Ausstellungshalle und bilden gleichzeitig Rahmen und Hintergrund für Mutus Collagen und die neue Videoarbeit Mud Fountain. Form und Inhalt sind dabei eng miteinander verschränkt: Die Auseinandersetzung mit Themen wie Überfluss, Schönheit, Geschlechterrollen oder Ökologie findet ihre Entsprechung in einer künstlerischen Praxis, die Mutu selbst "bescheiden" nennt. Im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Jeff Koons, Anselm Reyle oder Takashi Murakami, die mit einem Heer von Assistenten arbeiten und regelrechte Kunstfabriken gegründet haben, versucht Mutu, so viel wie möglich eigenhändig zu machen. So nimmt alleine das Ausschneiden der Bildmotive für ihre Collagen Tage und Wochen in Anspruch. Diese zeitaufwendige "Handarbeit" gibt ihr die Möglichkeit, über die entstehende Arbeit nachzudenken. Während des Produktionsprozesses fällt sie immer wieder intuitive Entscheidungen, die das Endergebnis prägen und verändern.

Es ist kennzeichnend, dass sie auf den Einsatz von Bildbearbeitungsprogrammen verzichtet. Wenn Mutu anmerkt, das Internet als Bilderbank sei ihr "zu offen" und sie könne anhand von Magazinen viel deutlicher erkennen, "was gerade das Problem ist, was wir lieben und was wir verabscheuen", hat dies nicht nur mit dem Massengeschmack zu tun, der sich darin abbildet. Es liegt sicher auch an der physischen Präsenz der Bilder: an der Haptik des Papiers, an den Alterungsprozessen des Materials, an der Qualität des Drucks. Die gedankliche Aneignung von und das Nachdenken über Bilder gehen in Mutus Arbeit mit einer körperlichen Erfahrung einher: "Ich glaube, bei Künstlern sitzt das Gehirn in jeder Faser des Körpers, die man bei der kreativen Arbeit einsetzt." Die Bilder einer entfremdeten Welt transformiert Mutu zu etwas Eigenem, indem sie sie berührt, de facto als greifbares Material in Neuschöpfungen "verarbeitet". Zwar thematisiert Mutu die postmoderne Vorstellung von Baudrillard, dass es unmöglich geworden ist, zwischen Original und Kopie, Vorbild und Abbild, Realität und Imagination zu unterscheiden. Doch schafft sie aus trivialen, tausendfach reproduzierten Images so etwas wie Originale, die durch ihre künstlerische Handschrift, durch den sehr persönlichen und zeitaufwendigen Arbeitsprozess "auratisch" aufgeladen werden – durch Gedanken, Ideen und Assoziationen, die durch die Hand in das Werk einfließen.

Man kann sich My Dirty Little Heaven wie einen Transformator vorstellen, der diese Energie an den Besucher weiterleitet – durch visuelle, haptische, olfaktorische Reize, durch die wiederum Assoziationen, Erinnerungen und Fantasien ausgelöst werden. Der White Cube als neutraler, reiner Raum, in dem abgelöst von der Alltagswirklichkeit Kunst betrachtet werden kann, verkörpert als ein Sinnbild der westlichen Moderne das Streben nach Symmetrie, Rationalität und Aufklärung. Dieser Vorstellung setzt Mutu einen "kleinen, schmutzigen Himmel" entgegen, eine improvisierte, organische, zusammengestückelte Architektur, die den Raum okkupiert, im wahrsten Sinne des Wortes verunreinigt. Sie spricht von dem Versuch, sich in dieser kühlen Struktur notdürftig einzurichten, sich ein Zuhause, Wärme, einen eigenen "Himmel" zu schaffen. Einen Raum, dessen Wände mit Sehnsüchten und Träumen gepflastert sind, in dem fast alles ein Ersatz für etwas ist, das man nicht besitzen oder sein kann. Von der Decke tropft aus umgedrehten Flaschen langsam aber stetig eine Flüssigkeit. Die emaillierten Blechschüsseln, in denen sie aufgefangen wird, erinnern an Massenspeisungen oder wirken als seien sie aufgestellt, um Wasser aufzufangen, das durch ein undichtes Dach tropft. Die Tische könnten auch Tragen für Verletzte oder Bahren für Leichen sein. Während man die grauen Decken, die vor Wände gehängt sind, auch als Beuyssche Metapher für Wärme und Schutz sehen kann, nehmen sie auf ganz reale Katastrophen und Notlagen Bezug.

So wird im Durchgang zwischen Ausstellungshalle und dem Deutsche Guggenheim Cafe die Dokumentation des Projektes Miss Sarah’s House zu sehen sein, das Mutu 2008 im Rahmen der Prospect 1 Biennale in New Orleans begann. Die Biennale wurde als kulturelles Hilfsprogramm ins Leben gerufen, um die Bewohner der vom Hurrikan Katrina zerstörten Stadt zu unterstützen. Die Grundidee, durch Verkäufe von Werken und Kunsttourismus Geld zu generieren, erweiterte Mutu durch aktive Hilfe. Auf dem Grundstück von Sarah Lastie, einer alten Dame, die durch Katrina ihr Heim verloren und später von einem Bauunternehmen betrogen wurde, errichtete sie ein poetisches Mahnmal – das nackte Holzgerüst eines Hauses, das Nachts mit hunderten von Glühbirnen illuminiert wird. Die Arbeit war zugleich ein Hoffnungszeichen: Mutu entwickelte eine limitierte Edition und begann damit, die fehlenden 120.000 Dollar zu sammeln und gemeinsam mit dem New Orleans Women Artist Collective Sarah Lasties ursprüngliches Haus wieder aufzubauen.

In Mutus Collagen und Installationen mit massenhaft (re-) produzierten Images und Materialien geht es um Verschwendung: den tagtäglichen Overload von medialen Bildern, Konsum, die gnadenlose Ausbeutung von natürlichen, ökonomischen und spirituellen Ressourcen, eine Welt, in der der Körper zur Ware geworden ist. Diesen Erscheinungen setzt sie die Forderung nach einer alternativen, menschlicheren Ökonomie entgegen. Der Versuch, diese Ökonomie zu entwickeln, bestimmt ebenso ihre Kunstpraxis wie auch ihr generelles Denken: "Ich habe diese Theorie über die ungeheure Verschwendung von Ressourcen, Einfallsreichtum und Ideen, die eigentlich direkt vor unserer Nase liegen. Dabei findet man sie häufig an den Orten, wo man sie zuletzt erwartet: in Gegenden, die völlig verarmt sind, bei Leuten, die als völlig ungebildet gelten, die aber tatsächlich genial sind, da sie noch immer am Leben sind – trotz der unmenschlichen Umstände, in denen sie sich befinden. Für mich ist diese Ausstellung eine Hommage an ihre Strategien, an ihre Arbeitsweisen, an ihre Hartnäckigkeit und an ihren Erfindungsreichtum."

Wangechi Mutu
My Dirty Little Heaven

30.04. - 13.06.2010
Deutsche Guggenheim, Berlin




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