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Zum Tod von Louise Bourgeois


Sie würde es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen, erklärte der Kritiker und Kurator Stuart Morgan: "Sie erzählt Lügen, allerdings nur auf die erdenklich netteste Weise". In diesem Sinne kann man sich Louise Bourgeois selbst als Spinne vorstellen, die die feinen Fäden ihrer Biografie immer wieder neu in ihr Werk verwob und in ihren imaginären Netzen die Dämonen einfing, die sie seit ihrer Jugend verfolgten. Jetzt ist die Künstlerin im Alter von 98 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Es waren Momente ihrer Familiengeschichte, um die das Werk der 1911 geborenen Künstlerin immer wieder kreiste: Die Kindheit in der elterlichen Tapisserie-Manufaktur bei Paris. Die Mutter, die zwar Frauenrechtlerin war, aber es der Mätresse ihres Mannes erlaubte, als Hauslehrerin für zehn Jahre mit der Familie zusammen zu leben. Der traumatische "Verrat" des Vaters, der die Familie wegen der englischen Geliebten verlies. Bourgeois’ Hochzeit mit dem renommierten amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater, mit dem sie 1938 nach New York zog. Die Adoption ihres Sohnes Michel, die beiden Söhne, die sie selbst zur Welt brachte. In dieser Zeit entstanden auch die ersten ihrer Personages, die Bourgeois auf dem Dach ihres Mietshauses anfertigte, von dem aus man auf die Hochhäuser von Manhattan blicken konnte: geheimnisvolle, totemistische Stelen aus Holz und Gips, die an zerbrechliche Türme oder Ahnenfiguren erinnern.

Bereits diese von afrikanischer, "primitiver" Kunst beeinflussten Skulpturen, ihre rätselhaften Zeichnungen und die frühen, an Art Brut erinnernden Gemälde von geisterhaften Frauen, die in Häusern gefangen sind, lassen bedrückende Einsamkeit und Verlust anklingen. Und da ist eine Dringlichkeit, die noch Jahrzehnte später Künstlerinnen wie Tracey Emin oder Kiki Smith zu Fans macht. Ihre Kunst, hat Bourgeois einmal gesagt, drehe sich um das, "was schief gelaufen" sei. Und schon lange bevor die 68er Generation das Private zum Politischen erklärt, erforschte Bourgeois sich und ihre zerrüttete Familie, sezierte mit atemberaubender Schonungslosigkeit die weibliche Psyche und Sexualität. Doch bis zu ihrem Durchbruch musste sie sehr lange warten. Nach ersten Erfolgen wurde sie vom männerdominierten Kunstbetrieb der Fünfziger ignoriert – es folgte eine Zwangspause. Der Rückzug auf die eigene, ambivalente Welt brachte alles wieder hervor: die Eltern, die Kinder, die Kleider – mutiert zu Freudschen Nachtmahren und Kunstfetischen. Neben dem Latex-Ständer mit den dicken Hoden, den Bourgeois Filette (kleines Mädchen) taufte und sich auf der legendären Fotografie von Robert Mapplethorpe fröhlich unter den Arm klemmte, entstanden andere Arbeiten, die sich in das Gedächtnis der Gegenwartskunst eingebrannt haben: die klaustrophobischen Gefängniskäfige, die Cells, die sie seit den frühen Neunzigern mit Kleidern, Spiegeln, Gläsern, Wachsfiguren und anderen Fundstücken als mysteriöse Gefühls- und Grabkammern ausstattete. Oder Janus Fleuri, eine gesichtslose, doppelköpfige Bronze-Larve, die wie eine Kreuzung aus Penis und Klitoris wirkt. Auch in der Sammlung Deutsche Bank war Bourgeois mit ihrer Serie 10 am is when you come to me (2006) vertreten, für ArtMag gab sie 2004 eines ihrer seltenen Interviews.

Immer wieder brachte Bourgeois Kritiker auf die Palme, die genervt waren von ihrem zwanghaften Abarbeiten an sich selbst, von ihrem allzu offensichtlichen Spiel mit psychoanalytischen Deutungen und sexueller Symbolik. Doch gerade diese Zwanghaftigkeit gehört zur Antriebskraft der großen Dame der Gegenwartskunst, die weiter ihre legendären Künstlersalons abhielt und unverdrossen ihre eigensinnige und egomanischen Werke produzierte. "Es geht nicht darum, woher meine Motivation kommt, sondern vielmehr darum, wie sie es schafft zu überleben", äußerte Bourgeois vor wenigen Jahren. Und all denen, die sich wünschen, sie würde endlich die Klappe halten, hat sie eine Botschaft auf ein Taschentuch gestickt, das auf ihren großen Retrospektiven der letzten Jahre zu sehen war: "Ich bin in die Hölle und zurück gereist", war dort zu lesen, "und lasst euch sagen, es war wunderbar."




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