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Der stete Fluss der Bilder
Being Singular Plural im Deutsche Guggenheim


Als erste Schau im Deutsche Guggenheim widmet sich "Being Singular Plural: Moving Images from India2 ausschließlich zeitgenössischen Positionen aus Indien. Sie setzt dabei auf Film und Videoinstallationen und fordert ein anderes Sehen und Erleben: Aus dem „Ich“ des Zuschauers soll ein „Wir“ werden. Daniel Völzke hat sich die Ausstellung angesehen.


Es ist leicht zu überhören, das Gesumme der tropischen Insekten, das Plätschern des Baches und sogar das Geschrei der Vögel aus den heiligen Wäldern von Mawphlang im nordindischen Bundesstaat Meghalaya. Hier draußen, vor dem Gebäude des Deutsche Guggenheim, kippt die Großstadt einfach ihren ganzen Soundmüll über diese Klanglandschaft: den dumpfen Lärm des Verkehrs auf dem Boulevard Unter den Linden, die Schritte und Stimmen der Passanten. Dabei hat das Desire Machine Collective einen Bruch mit der Tradition riskiert, als es diese Geräusche aufnahm, um sie mit seiner Klanginstallation in die Stadt zu tragen: Gemäß des animistischen Glaubens des nordindischen Meghalayan-Volkes ist es strengstens untersagt, etwas aus dem heiligen Hain mitzunehmen. Diesem Glauben zufolge bewachen die Geister oder die U Ryngew U Basa das Gebiet. Wer hier ein Tier tötet, Pflanzen abreißt oder auch nur einen Ast als Feuerholz mitnimmt, wird bestraft. Aber kann man Klänge stehlen? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Materiellem und Immateriellem, Natur und Zivilisation? Und wer zieht diese Grenzen? In seiner Soundinstallation lässt das Desire Machine Collective Begriffssysteme von konzeptioneller Gegenwartskunst und spiritueller Tradition aufeinanderprallen.

Trespasser Will Be Prosecuted (2008/2010) hat das Kollektiv seine Arbeit sinnigerweise genannt und diese Hinterfragung von Regeln, Verboten, Traditionen und auch der Rolle der Kunst stimmt ein auf das, was dem Besucher in den Ausstellungsräumen begegnet: Sandhini Poddar, Assistant Curator of Asian Art am New Yorker Guggenheim Museum, hat mit Being Singular Plural: Moving Images from India eine Gruppenschau mit bewegten Bildern eingerichtet, die in ihrer Zurückhaltung dem Kitschkino von Bollywood und der Überwältigungskunst indischer Boomkünstler kaum ferner stehen könnte. "Ich war an ephemeren Positionen interessiert", sagt sie, "und ich habe nach Arbeiten gesucht, die sich ohne einen konsum- oder spektakelorientierten Ansatz mit Sounds, Bildern und Texten auseinandersetzen. Es geht hier nicht um Autorenschaft oder Künstleregos, sondern um eine demokratischere Idee vom Medium Film."

Gefunden hat Poddar fünf indische Film- und Videokünstler, die bereits fürs Kino arbeiteten und die sich in den hier ausgestellten Arbeiten lokalen Zusammenhängen mit einer internationalen, fast schon abstrakten Filmsprache zuwenden. Trotz des theoretischen Aufwands der Kuratorin, die anhand dieser Ausstellung und mit Rückgriffen auf den Philosoph Jean-Luc Nancy nicht weniger will, als eine "Ontologie des bewegten Bildes" zu betreiben, wirkt die Schau erstaunlich unangestrengt. Vielleicht liegt es daran, dass die Künstler sehr frei sind im Umgang mit ihren Mitteln und in der Präsentation der Arbeiten. Trotz aller selbstreferentieller Haken, die sie schlagen, geben sie wenig auf Genrekorsetts oder Zuständigkeiten. Wo hört Kunst auf, wo fängt Kino an? Was ist dokumentarischer Film, was Poesie, was Inszenierung und subjektiver Eindruck? Die Künstler interessieren sich brennend für diese Fragen – und gerade deshalb können sie die Grenzen zwischen den Kategorien durchbrechen. Was ihnen dabei wichtig ist: die konkrete Wirklichkeit ihres Materials - und nicht so sehr die Beziehung der Bilder zur einer Wirklichkeit außerhalb.

Diese skeptische Liebe zum eigenen Handwerk führt am radikalsten der Künstler Kabir Mohanty mit seiner impressionistischen Videoinstallation Song for an ancient land (2003) vor. Zu sehen sind von diesem bislang unfertigen Opus die ersten beiden Teile. Gerade das Prozesshafte gehört zur kuratorischen Strategie Poddars, die der Kunst ihren Waren- und Fetischcharakter nehmen will. Mohanty fährt mit seiner Kamera – darin dann doch fetischisierend – gefundene Fotografien ab: Das Licht spiegelt sich in den Oberflächen der Kontaktabzüge – doch was ist Fotografie anderes als fixiertes Licht? Mohanty lässt die Ränder der Bildträger sichtbar werden. Er bringt dem Zuschauer die Mechanik der Digitalkamera ins Bewusstsein, indem er Autofokus beim Abfilmen auf Autofokus stellt und zeigt, wie die Linse sich scharf stellt und dann wieder den Brennpunkt verliert. Unter das Summen der Kamera mischt sich das Atmen und Rascheln des Künstlers bei der Arbeit.

Bilder werden hier als etwas Gemachtes erkennbar, das von vielen Parametern abhängt: vom Ausschnitt, von Bewegung oder Stillstand, Perspektive und Material. Und genauso konzentriert und kühl, wie Kabir Mohanty Fotografie abfilmt, sind auch seine Aufnahmen von seiner Heimatstadt Mumbai und die Gedanken, die er aus dem Off mitteilt. "Ich war Video", sagte der Künstler einmal. Das bewegte Bild und die Wahrnehmung des einzelnen Menschen liegen so nah beieinander, dass sie sich beinahe überlagern. So wie das tägliche Erleben sich nicht auf einen Punkt einfrieren lässt, sondern von einem Augenblick zum nächsten eilt, "immer in Bewegung, auf kein Rätsel hin sich weiterbewegend, keine Enthüllung, nur dieses Dahingleiten in Richtung auf sich selbst" (Nancy) – so auch der Film. In diesem Sinne ist der Ausstellungstitel zu verstehen: Der Film- und Kinoapparat synchronisiert Weltwahrnehmung und schafft gemeinsames Erleben, die Teilhabe an einer Pluralität.

Sandhini Poddar wehrt energisch ab, wenn man sie nach einem gemeinsamen kulturellen Hintergrund ihrer Künstler fragt. Sie weiß um die Unzulänglichkeiten ethnischer Zuordnungen. Und doch, wenn es um den Gedanken der Einbettung des Einzelnen in einem kollektiven, sozialen Ganzen geht, dann erinnert sie doch – vorsichtig und in Nebensätzen versteckt – an die Nähe zur buddhistischen Philosophie.

Doch ebenso gut passen hier natürlich auch andere Denkrichtungen, etwa das Konzept eines produktiven maschinellen Unbewussten, das Gilles Deleuze und Félix Guattari entworfen haben – der Name Desire Machine Collective weist in diese Richtung. Sonal Jain und Mriganka Madhukaillya, die seit sechs Jahren gemeinsam arbeiten, präsentieren neben ihrer Soundinstallation auch den Film Residue (2009-10), der in einem ausgedienten Kohlekraftwerk aufgenommen wurde. Auch hier die gleiche Kühle beim Scannen komplexer Systeme wie in der Arbeit von Mohanty. Die Zahnräder, Regler, Druckmesser, Kugellager, Rohre und hinter den beschlagenen Scheiben der fremde, genauso undurchdringliche Dschungel, den der Ingenieur nur als Ressource wahrnimmt. Dieser Film aber klagt nicht irgendeine Entfremdung an, es gibt hier kein Zentrum, keine Geschichte, keinen Willen, sondern nur einen steten Fluss der Bilder, der sich durch seine ziellose Strömung von den massenmedialen Kanälen unterscheidet.

In diesem Fluss fischt auch Amar Kanwar, zweimaliger documenta-Teilnehmer und der wohl bekannteste Künstler in der Ausstellung. In seiner dreiteiligen 19-Kanal-Videoinstallation The Torn First Pages (2004-2008) projiziert er Filmschnipsel auf Papierbögen, die in eine Stahlkonstruktion gehängt sind (auch wieder so ein Verweis auf Apparate und Maschinen). Diese filmischen Miniaturen setzen sich mit der Widerstandsbewegung in Myanmar auseinander. Sie bringen somit natürlich auch die Macht der Massenmedien ins Bewusstsein, gehen aber in ihrer Konzentration auf Gesten, isolierte Sätze, Szenen und Symbolik darüber hinaus. Angesprochen wird hier eine Verantwortung, die der Einzelne im Sozialen entwickeln kann: Der Titel der Arbeit bezieht sich auf einen Buchhändler aus Mandalay, der aus allen seinen angebotenen Büchern und Magazinen die mit Propaganda bedruckte erste Seite entfernt hatte.

Und ähnlich wie dieser Händler arbeiten hier alle Künstler: Sie zerreißen Sinnzusammenhänge und räumen auf mit den übermächtigen Bildwelten der Massenmedien, mit Schelmenstreichen wie den Klangraub aus den heiligen Wäldern, mit Behutsamkeit und viel Geduld. Es lohnt sich, ihnen in ihre Bilder zu folgen – dorthin, wo das Ich ein paar Minuten Wir sein kann.

Being Singular Plural:
Moving Images from India
26. Juni - 10. Oktober 2010
Deutsche Guggenheim, Berlin




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