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Neues Wohnen: Mike Bouchet in der Frankfurter Schirn

Ob er in Kolumbien Jeans vom Himmel regnen lässt oder auf der Venedig-Biennale ein schwimmendes Fertighaus installiert – mit subversivem Humor hinterfragt Mike Bouchet die Phänomene einer globalen Konsumkultur. Der in Frankfurt lebende Kalifornier ist mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten und im Rahmen der neuen Kunstausstattung des Frankfurter Hauptsitzes wird Bouchet eine ganze Etage gewidmet. Jetzt präsentiert ihn die Schirn Kunsthalle in einer großen Ausstellung. Oliver Koerner von Gustorf hat sie sich angesehen.


"In every dream home a heartache" sang Bryan Ferry mit Roxy Music in den frühen siebziger Jahren – hinter den Fassaden von Traumhäusern verbergen sich Kummer und gebrochene Herzen. Das Stück thematisiert nicht nur die bizarre Liebe zu einer aufblasbaren Puppe, sondern auch das moderne Eigenheim als Schauplatz eines entfremdeten und normierten Lebens. Der Roxy Music-Song böte den idealen Soundtrack zu Mike Bouchets Ausstellung Neues Wohnen in der Frankfurter Schirn Kunsthalle. Denn der kalifornische Künstler serviert hier den mit kollektiven Sehnsüchten, Neurosen und Ängsten aufgeladenen Traum vom modernen Eigenheim in allen nur erdenklichen Varianten: geschnitten, gestapelt, gerahmt und gepresst. Dieser Traum, dem Bouchet mit Kettensägen, Gabelstaplern und Äxten zu Leibe rückt, ist durch und durch vorgefertigt. Er hat den Geschmack von frisch gemähtem Rasen, Auslegware, weißen Zäunen, Immobilienanzeigen und Dauerwerbesendungen, in denen der Himmel blau, die Wäsche sauber und das Leben neuwertig ist: Den Ausgangspunkt für Bouchets Installation bildet ein komplettes, von der amerikanischen Firma Forrest Homes als Holzbausatz vermarktetes Fertighaus, so wie es millionenfach in den Vororten der gesamten USA und zunehmend auch in Europa zu finden ist – lieferbar mit weißen, herrschaftlichen Säulen für den Haupteingang.

Das 250 qm große Haus mit dem schönen Modellnamen Sir Walter Scott, das nun in hunderte von Einzelteilen zerlegt und zu Stapeln aufgeschichtet in der Frankfurter Schirn zu sehen ist, war zuvor in einem hochkarätigen Vorspiel zu dieser Ausstellung zu bewundern – 2009 auf der Biennale in Venedig. Bereits die Ausgangsidee für Bouchets Projekt Watershed war spektakulär: In Anspielung auf die künstliche Struktur der homogenen Vorortarchitektur, die sich auf parzellierten Grundstücken rund um die Großstädte ausbreitet und dabei Unabhängigkeit, Individualität und Naturnähe suggeriert, wollte Bouchet auch in der Adria ein Fertighaus errichten – als Entwurf für globalisiertes Wohngefühl auf dem Wasser. Venedig als eine der touristischsten und künstlichsten Städte der Welt, Inbegriff europäischer Kultur und zugleich ein der Natur abgerungenes, historisches Disneyland, bildete den idealen Standort, um diese Art der Besiedelung auf die Spitze zu treiben. Für die Biennale ließ Bouchet das tonnenschwere Fertigbauhaus mit großem Aufwand schwimmfähig machen, um es im Hafenbecken beim Arsenale zu installieren. Aufgrund eines technischen Defekts versank das Haus bereits nach wenigen Stunden zu zwei Dritteln im Wasser und musste mit Tauchern und Hubkränen unter reger Publikumsbeteiligung geborgen werden. Unfreiwilligerweise brachte diese Panne ein symbolträchtiges Bild hervor: Obwohl das Projekt bereits vor dem Crash des US-Immobilienmarktes geplant worden war, erinnerte das havarierte Haus unweigerlich an die marode Weltwirtschaft und die Szenen aus dem vom Hurrikane Katrina zerstörten New Orleans.

Nach dem Ablauf der Biennale wurde das Haus zerlegt und nach Frankfurt verfrachtet. Rund ein Jahr später bietet sich hier ein ganz anderes Bild: Aus den Resten des Fertighauses ist die raumfüllende Installation Sir Walter Scott geworden – ein Hybrid aus Arte Povera und Minimal Art. So reihen sich in regelmäßigem Abstand 15 mannshohe, säuberlich gestapelte und extrem schwere Quader aus unterschiedlichsten Holzteilen, von denen jeder den Boden der Ausstellungshalle mit 450 kg pro Quadratmeter bis an die statischen Grenzen belastet. "Die Idee zu der Installation kam mir bereits als ich das Haus in Venedig aufbaute, bevor es sank oder überhaupt zusammengebaut war", erzählt Bouchet mit sanfter Stimme. "Alle Materialien wurden ungefähr in den Maßen dieser Stapel angeliefert, verpackt in Überseecontainer. Und ich dachte sofort: 'Wow, es wäre toll, ein Haus zu nehmen und es wieder zurück in diese Formen zu transformieren'." Hinter seiner Hornbrille wirkt der vierzigjährige Wahlfrankfurter wie ein freundlicher Nerd. Doch während er genüsslich erzählt, wie er das Fertighaus mit einem kleinen Team eigenhändig mit Motorsäge und Axt zerlegt hat, wird man irgendwie das Gefühl nicht los, dass man einem ausgemachten Schlitzohr gegenübersteht.

Die sogenannte Transformation war ein brutaler Akt. Die Spuren des Massakers, das hier verübt wurde, lassen sich an den auseinander gerissenen, mit Nägeln übersäten Holzteilen wie in den Schichten eines Baumkuchens ablesen. "Ich liebe Aktion in der Kunst", sagt Bouchet. "Und ich mag an meiner künstlerischen Praxis besonders, dass sie menschliche Aktivität mit einbezieht. Und das wollte ich mit dieser Arbeit noch deutlicher zeigen als in meinen anderen Werken." Die brachiale Demontage des amerikanischen Traums verbindet sich bei ihm dabei vor allem mit formalen Fragestellungen. Die Installation konfrontiert den Besucher mit Form, Masse und Gewicht und setzt ihn mitsamt der Skulptur in bester minimalistischer Tradition ins Verhältnis zum Raum. Eine Serie von Bouchets Studien aus der Sammlung Deutsche Bank zeigt, wie präzise er bei der Konstruktion der Stapel vorging: Während in einer eigens angemieteten Fabriketage die Bauteile in immer wieder neue Varianten geschichtet wurden, nutzte er die Zeichnung, um sich über die Abfolge der einzelnen Materialien und Farben, die Höhe und Statik seiner Konstruktionen klar zu werden. Es war ihm wichtig, betont Bouchet, dass sich dem Betrachter durch die Arbeit auch die verschiedenen Stadien des Entstehungsprozesses vermitteln, dass man seine künstlerischen, formalen und auch sehr subjektiven Entscheidungen sehen kann. Zu diesen Entscheidungen gehört auch, Teppiche aus dem Discounter unter die Holzstapel zu legen. "Ich mag diese Verbindung zwischen Innen und Außen", sagt Bouchet, "und natürlich auch die Teppiche selbst, besonders die mit den orientalischen Mustern – ihre Motive stammen alle aus der Natur. Die vier Ecken symbolisieren die Himmelsrichtungen, und in der Mitte ist immer ein Brunnen mit einem Garten drum herum – ein Garten in deinem Haus. Damit spiele ich gerne."

"Innen" und "Außen", das bezieht sich in Bouchets Werk auch auf das ambivalente Verhältnis zwischen dem Kunstbetrieb und der "Real World": der globalen Welt kapitalistischer Massenkultur, der Welt der Unterhaltungs- Mode- und Sexindustrie – jene kommerzielle Welt, die unsere Träume von Leben, Arbeit und persönlicher Erfüllung prägt. Immer wieder hat Bouchet in diesem Kontext seine Rolle als Künstler und die ökonomischen Prozesse, die der Kunstproduktion zugrunde liegen, kritisch und ironisch hinterfragt. Bouchet bedient sich dabei durchaus unternehmerischer Strategien, die er in seiner Arbeit gerne ad absurdum führt. So ließ er 2004 für das Projekt Carpe Denim tausende von selbst designten Jeans in einer kleinen Fabrik in Kolumbien in der Größe "One size fits all" herstellen. It’s raining Jeans: Die Hälfte der Produktion wurde als Bestandteil der Aktion gleich aus einem Flugzeug über dem Herstellungsort abgeworfen, der Rest als Leinwandstoff zu Gemälden umgearbeitet oder in europäischen Galerien als Mode verkauft – mit Jeans-Installationen, die aussahen wie die Dekoration in High-End-Boutiquen. Im selben Jahr produzierte Bouchet für das Projekt My Cola Lite seine eigene Cola-Marke – pechschwarz und ohne Zuckerzusatz. Die Produktion bildete den Grundstock für eine Skulptur aus Getränkekästen mit 2000 1-Liter-Flaschen und einem fünf Meter langem Container mit Bouchets Cola-Logo. Die schwarze Flüssigkeit diente ihm zugleich als Farbe für eine Serie von Gemälden und Papierarbeiten wie etwa Atlanta Gold (2004) aus der Sammlung Deutsche Bank, in denen er das Produktdesign und die Slogans unterschiedlicher Cola Marken zur Bildkomposition nutzt. Nach demselben Prinzip entstehen später die Bouchet-Canburger, eingedoste Hamburger, die er 2007 auf einem Wochenmarkt in Paris verkaufen lässt und 2008 in der Pariser Galerie George Phillipe & Nathalie Vallois in einer Installation aus 10.000 aufeinander gestapelten goldenen Dosen präsentiert.

Wie stark Identität in der öffentlichen Wahrnehmung als Produkt und Marke fungiert, zeigt Bouchet mit einer seiner wohl bekanntesten Serien – den Jacuzzis, die er seit 1998 ohne Auftrag für Prominente entwirft und nach ihnen benennt: Jude Law, Steffi Graf, Ted Turner oder Kofi Annan zum Beispiel. Die aus Pappe und Fiberglas hergestellten Bäder wirken modernistisch, sie sind Skulptur und Möbel zugleich. Wie jeder gewöhnliche Jacuzzi können sie in Betrieb genommen werden, doch ihre Form zwingt den Benutzer häufig in unbequeme oder bizarre Körperhaltungen. In ihrer rohen, improvisiert wirkenden Machart wirken sie geradezu anti-kommerziell – wie eine Favela-Version luxuriösen Lifestyles. Zugleich erinnern diese absurden Prototypen an die Körperlichkeit und Sterblichkeit der Personen, denen sie gewidmet sind und vermitteln eine fast bedrückende Intimität: Bouchet rückt den Namensgebern mit seinen individuellen Modellen zu nahe und nimmt ihnen mit seiner do it yourself-Haltung die Aura von Glamour und Unnahbarkeit.

Immer wieder thematisiert er in seinen Werken die Macht Hollywoods. Mit seiner Zeichnungsserie FBI ID drawings (2007) aus der Sammlung Deutsche Bank bezieht er sich auf den Umstand, dass Zeugen vom FBI heute nicht mehr gefragt werden, wie eine verdächtige Person aussah, sondern welchem Star sie ähnelte – eine Methode mit erheblich höherer Trefferquote. Bouchet bat Freunde und Bekannte ihn nach demselben Schema zu beschreiben. Einhellig wurde eine große Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Eric Stoltz attestiert und so entstand eine Reihe von Selbstporträts, die Bouchet/Stoltz in unterschiedlichen Filmrollen zeigen. Für seine Gemäldeserien wie den Tapestry Cartoons (2005-), fertigte er Collagen aus unterschiedlichen Mainstream-Filmplakaten an und ließ sie von professionellen Plakatmalern abmalen. Die großformatigen Leinwände sind wie Frankenstein-Geschöpfe aus unterschiedlichen Filmen zusammengestückelt und mit Titeln wie Broke Instinkt (2005) oder Elephant Miss Undercover 2 versehen. Sie transformieren die ausgefeilte Werbeästhetik der Filmindustrie zu einem Tapetenmuster, in dem sich Posen, Slogans, Symbole und Signale in immer wieder neuen Kombinationen zu einer unendlich fortsetzbaren Matrix zusammenfügen. Zugleich sind es klassische Ölbilder, die als "Unikate" im Kontext einer Galerie oder eines Museums funktionieren.

Ganz gleich ob es sich um Skulpturen oder Bilder handelt, immer haben Bouchets Arbeiten einen stark performativen Charakter und thematisieren den Prozess und den Kontext der ihnen zugrunde liegt. Hierbei erscheint seine Arbeit untrennbar mit einer subversiven Hinterfragung der realen ökonomischen Bedingungen verbunden, die zum künstlerischen Endprodukt führen – sei dies nun eine Hose, ein Gemälde, ein Hamburger oder ein Haus.

In diesem Sinne kann man Bouchets Ausstellung in der Schirn auch nicht als bloßen Vorschlag für "Neues Wohnen" verstehen. Der Titel deutet auch an, dass es hier um die "Einrichtung" des Museums selbst geht. Ähnlich wie bei seinen Jacuzzis thematisiert Bouchet in seiner Frankfurter Installation mit der Aura des Kunstwerks gleichzeitig seinen Waren- und Repräsentationscharakter. Eine Kunstidee ist immer auch eine Geschäftsidee. Hatte Bouchet mit Warsaw Travel/Travel Warsaw bereits 2001 ein Reisebüro gründet, in dem man ausschließlich Flugstrecken buchen konnte, die nach oder über Warschau führen, besteht der zweite Teil der Ausstellung in der Rotunde der Schirn aus einem Maklerbüro. Verkauft werden hier Pool-Modelle wie Sussex oder Petersburg, die auf einem simplen Prinzip beruhen. Der "Pool" ist die in den Boden gegrabene Negativform des Hauses eines jeden Käufers, die geflutet wird. Seine Abmessungen folgen exakt dem jeweiligen Grundriss, seine Tiefe entspricht der Höhe der einzelnen Gebäudeteile. Auch für die Schirn hat Bouchet solch ein Modell entwickelt, das neben dem Haus ausgehoben werden könnte. Dass es sich hierbei um eine Art Anti-Architektur handelt, deutet auch die Skulptur Swiss Stack an, die das Büro schmückt: ein Podest mit einem zum Block zusammen gequetschten USM Haller Regalsystem, auf den Architekturbücher gestapelt wurden – ein Anblick bei dem jedem Architekten das Herz blutet. Wie bei Bouchets Haus-Skulptur prallen hier ganz unterschiedliche Wertesysteme aufeinander: Die Abwertung oder Zerstörung von Designobjekten und Behausungen führt zu deren Aufwertung im Kunstkontext. Während Bouchets Arbeiten die Form von modernen oder minimalistischen Kunstwerken annehmen, kann man nie ganz sicher sein, ob sie sich tatsächlich in den Kanon der Kunstgeschichte einfügen – oder vielleicht nur Zitate einer untergehenden Warenkultur sind.

MIKE BOUCHET: NEUES WOHNEN
1. JULI – 12. SEPTEMBER 2010
Schirn Kunsthalle, Frankfurt




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