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Die Fotokünstlerin Annegret Soltau
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"Diese Nadel, dieser Stich, der da in einem ist …"
Die Fotokünstlerin Annegret Soltau


Im Zuge einer Renaissance der frühen feministischen Kunst wird Annegret Soltau gerade wiederentdeckt. Seit über 30 Jahren provoziert die Fotokünstlerin mit ihren Fotoübernähungen. Bild für Bild, Stich für Stich stellt sie sich Themen wie Geburt, Verletzung und Verfall. Jutta von Zitzewitz hat Soltau, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in Darmstadt besucht.


Es ist nicht ganz einfach, Annegret Soltau zu finden, obwohl ihr Atelier nur zehn Autominuten vom Darmstädter Bahnhof entfernt liegt. Das Navi zeigt ihre Adresse gar nicht erst an, und der Taxifahrer ist sichtlich erleichtert, als ich ihm einen detaillierten Anfahrtsplan reiche. Mitten in den Wald hinein, vorbei an Hundeplatz und Schützenverein, führt der Weg zum ehemaligen Forsthaus Tanne, das die Fotokünstlerin zusammen mit ihrem Ehemann, dem Bildhauer Baldur Greiner, in jahrelanger Arbeit instandgesetzt hat. Das Backsteinhaus mit hohem Giebel liegt idyllisch auf einem großen Grundstück mit hohen Bäumen.

Als das Taxi zum Stehen kommt, steht Annegret Soltau bereits am geöffneten Fenster und winkt mir zu. Wenig später stehe ich der schlanken, jugendlich wirkenden 64-Jährigen gegenüber, die mich ohne Umschweife in ihr Atelier im Erdgeschoss führt. Die Arbeitsflächen sind mit ausgerissenen Fotofragmenten von Gesichts- und Körperteilen für ihre Vernähungen bedeckt. An der Wand hängen eigene Arbeiten und das Ausstellungsplakat zu WACK! Art and the Feminist Revolution, der wegweisenden Retrospektive zur feministischen Kunst, die 2007 von Los Angeles aus um die Welt tourte. Es zeigt das Foto einer von Soltaus Umwicklungs-Performances aus den 1970er Jahren: "So wird man dann Geschichte!", lacht die Künstlerin. "Nein, im Ernst, es ist ja gut, dass die feministische Kunst endlich aufgearbeitet wird und dadurch einen anderen Stellenwert bekommt. Vorher hatte das Stichwort ‚Frauen und Kunst’ ja immer so einen negativen Anstrich." WACK! markiert den Beginn eines neunen Interesses an der feministischen Avantgarde. Neben Amerikanerinnen wie Ana Mendieta und Francesca Woodman dokumentieren auch Positionen aus Deutschland und Österreich wie VALIE EXPORT, Birgit Jürgenssen oder eben auch Annegret Soltau den starken Einfluss dieser Kunstbewegung auf die aktuelle Szene. Das machte vor kurzem etwa die Ausstellung DONNA in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom deutlich.

Gegen Vorurteile und Widerstände anzuarbeiten, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie von Soltau. Sie deutet das belastete Verhältnis zu ihrer Mutter an, spricht von der Abwesenheit des Vaters, der im Zweiten Weltkrieg verschollen ist. Sie spricht von einer Kindheit des Mangels, die sie bei ihrer Großmutter auf dem Land verbrachte: "Ich durfte nicht lesen und nichts von den Dingen machen, die ich gerne machen wollte. Dann hieß es immer, nein, du musst stricken." Der Faden, der zu ihrem Markenzeichen wurde, hat seinen Ursprung in einer tiefen Ambivalenz: "Es ist eine Hassliebe, da ist so eine Anti-Energie drin, in diesem Faden, weil man ja in der Kindheit und Jugendzeit mit Handarbeiten traktiert wurde."

Nach Abschluss des Kunststudiums, das sie selbst finanzieren musste, bestimmt ein starkes Interesse an Körperumschnürungen ihre Arbeit. Ihre Suche nach größtmöglicher Direktheit führt sie über die Radierung zur Performance. Beeinflusst vom Wiener Aktionismus und den radikalen Körperaktionen von Günter Brus, entdeckt sie in den 70er Jahren den Faden als Mittel, um direkt auf den Körper zu zeichnen. In Permanente Demonstration verschnürte sie Freiwillige aus dem Publikum und umwickelte ihre Gesichter. Diese "Be-zeichnung", so Soltau, hinterließ nach Abnahme der Fäden netzartige Abdrücke, die wie vorzeitige Altersspuren aussahen. "Durch die Dokumentation dieser Performances kam ich auf die Idee, mit Fotos zu arbeiten. Ich wollte einfach körperlicher, unmittelbarer mit meinem direkten Abbild arbeiten. So ein Foto ist wie ein realer Abdruck. Es war ja auch die Zeit, in der Frauen sich selbst entdeckten und mit neuen Medien arbeiten wollten, die traditionell nicht so besetzt waren."

Performance und Fotografie wurden auch für Soltau ein Mittel der Befreiung. Nach einer Serie von Selbstporträts, die sie in einem Kokon aus schwarzem Faden in verschiedenen Stadien der Verpuppung darstellt, entstehen 1975 ihre ersten Fotoübernähungen. Ihr Verständnis der menschlichen Existenz als ständige Metamorphose, die Bedrohung und Ausdehnung des Selbst in diesen Verwandlungen prägen fortan ihr Werk. Sie selbst rückt nun endgültig ins Zentrum ihrer Kunst: "Ich nehme mich selbst als Modell, weil ich mit mir am weitesten gehen kann."

Das haptische Zeichnen mit Nadel und Faden, das fortan zu ihrem Markenzeichen wird, ist in der Selbstporträtserie Verspannungen aus der Sammlung Deutsche Bank in seiner wohl ästhetischsten Form zu sehen. "An diesen Automatenfotos fand ich das Simple so gut, sich einfach in diese Kabine zu setzen. Wichtig war mir, dass die Fäden die einzelnen Zustände wie Telegrafenmasten miteinander verbinden." Wie Spinnweben folgen die Fotoübernähungen den Konturen ihres Gesichts. Augen, Nase und Mund werden Fixpunkte in einem ornamentalen Schnür- und Nähwerk, das wie eine besonders subtile Form der Selbstverletzung wirkt.

Wie andere feministische Künstlerinnen der 70er Jahre, etwa Cindy Sherman, Suzy Lake oder Birgit Jürgenssen, nimmt Soltau mit Arbeiten wie Verspannungen die komplexen Theorien der Postmoderne zu Identität und Subjektverlust vorweg. Es gibt kein eigentliches Selbst, das sich hinter der Maske verbirgt: "Dieses Festlegen auf eine Identität, das ist für mich nicht stimmig." Die Bedeutung dieser frühen feministischen Arbeiten für die zeitgenössische Kunst kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: "Ohne diese Werke wäre die Kunst, die sich mit Fragen der Identität auseinandersetzt, oder auch Performance und ein großer Teil der politischen Kunst in ihrer heutigen Form nicht denkbar", so Holland Cotter 2007 in der New York Times.

Im männlich beherrschten Kunstbetrieb der 70er und 80er Jahre erlebte Soltau ihre Schwangerschaften als existenzielle Verunsicherung, die zu ihrer Beschäftigung mit dem Bild des Körpers führte: "Ich konnte ja gar nicht beim Gesicht bleiben. Ich habe das als massiven Körpereingriff empfunden, auch im negativen Sinn." Getrieben von der Angst um den Verlust ihrer Identität als Künstlerin entstanden in dieser Zeit Fotoradierungen von ihrer Schwangerschaft, in denen sie die Negativoberfläche mit einer Nadel zerkratzte und dieses Verfahren bis zum Punkt der Selbstauslöschung im Bild trieb.

In den 80er Jahren wurde Annegret Soltau mit ihren ersten Fotovernähungen noch drastischer. Wurde die Unversehrtheit des Bildes in den FotoÜBERnähungen lediglich angekratzt, so wird sie in den FotoVERnähungen vollends geopfert. Der Faden wird nun das bildkonstituierende Element schlechthin, das die zerrissenen Fragmente von Gesichts- und Körperteilen mit großen Stichen und groben Nähten wieder verbindet.

Auf den Betrachter wirken diese Arbeiten zutiefst verstörend, weil sie die Gewalt nicht illustrieren, sondern physisch so unmittelbar spürbar werden lassen, dass manche Bilder nur schwer erträglich sind. "Ich will an Grenzen gehen, das interessiert mich, damals wie heute", sagt sie. Die im Alltag so sorgsam verborgene Vergänglichkeit unserer Existenz stülpt Soltau nach außen. Auseinanderreißen, Zerstückeln und Wiedervernähen sind ihre Mittel. Die Risse ihrer Fotografien gehen auch durch den Betrachter hindurch. Durch ihre radikalen Eingriffe verleiht Annegret Soltau dem Medium Fotografie eine ins Schmerzhafte gesteigerte Präsenz und gibt ihm eine längst verlorene geglaubte Bildmagie zurück. Die Fotografie wird selbst zum Körper, wird Fetisch, Totem – und Tabu.

In der Werkgruppe generativ erreichte Soltau mit ihrer Strategie der schonungslosen Konfrontation das bislang größte Provokationspotenzial. In dieser Werkserie zeigt Soltau ihre eigene Familie: Großmutter, Mutter, Tochter und sich selbst – nackt, farbig, überlebensgroß, als Patchwork aus vertauschten und vernähten Körperfragmenten. Soltau verschränkt Werden und Vergehen, zeigt, dass bereits im jungen Mädchen die Greisin angelegt ist und die Greisin das Mädchen noch in sich trägt. In der Serie transgenerativ erweitert sie die Werkgruppe mit der Einbeziehung ihres Mannes und Sohnes.

Der Effekt der Überwältigung, auch durch die Überlebensgröße ihrer Aktfotografien, ist beabsichtigt: "Ich will, dass es voll reinschlägt", sagt die zierliche Künstlerin und verleiht ihrem Statement mit einer Boxgeste Nachdruck. Über die heftigen Reaktionen zu generativ war sie dennoch erstaunt, es kam zu Abhängungen und anderen Zensurmaßnahmen. Noch heute ist ihr die Empörung über den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld anzumerken, der 1995 vier Bilder Soltaus aus einem Sammelband entfernen ließ – wegen ihrer "Ästhetik des Hässlichen". Der ungebrochene Vormarsch der plastischen Chirurgie und der anti-feministische Backlash, der seit den 90er Jahren zu beobachten ist, sorgen dafür, dass die Darstellung des alternden weiblichen Körpers noch immer tabuisiert ist. Soltau irritieren diese aktuellen Tendenzen: "Da möchte ich bewusst dagegenhalten, und deswegen arbeite ich auch weiter mit dem eigenen Körper. Einige Künstlerinnen aus den 70er Jahren nehmen ja jetzt auch wieder Modelle, die jung und schön sind, das stört mich. Ich will das anders machen, auch wenn mir das schwer fällt."

Im Werk von Soltau gibt es kein Versprechen auf Erlösung. An Heilung glaubt sie nicht, auch wenn sie ihre Autobiografie, ihre Ängste und Traumata für wichtige Triebfedern ihrer Arbeit hält: "Diese Nadel, dieser Stich, der da in einem ist – das ist schon ein wichtiger Impuls." Mit der Arbeit Vatersuche, in der sie Dokumente ihrer Recherche wie Briefe, Landkarten, Fotos in die ausgerissene Fläche ihres Gesichts einnäht, hat sich Soltau vorerst vom Körper entfernt. Es ist die Verlusterfahrung einer ganzen Generation, die sie in darin verarbeitete: "Ich kriege so viel Feedback auf diese Arbeit, treffe wunde Punkte bei anderen Menschen. Das mit der Selbsttherapie klappt nicht, aber es ist eine Art Trost, so eine geteilte Erfahrung." Auch Annegret Soltaus 2007 begonnene Serie Personal Identity, in der sie Zeugnisse ihres eigenen Lebens vernäht, ist der Identitätsarbeit gewidmet. Bis zur letzten Konsequenz: "Wenn ich einmal nicht mehr bin, soll meine Tochter das letzte Bild der Serie vollenden und meine Todesurkunde einnähen, erst dann wird die Arbeit abgeschlossen sein."




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