ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Fiona Tan: Professionelle Fremde
„Hinter der sichtbaren Oberfläche“: Ein Interview mit Anni Leppälä
Ein Besuch bei Ebtisam Abdulaziz
Ein Gespräch mit Anna Molska
Die Fotokünstlerin Annegret Soltau
Yto Barrada „Künstlerin des Jahres“ 2011 der Deutschen Bank

drucken

weiterempfehlen
Die Politik der Zahlen
Ein Besuch bei Ebtisam Abdulaziz


Ebtisam Abdulaziz gilt als eine der profiliertesten Künstlerinnen des arabischen Raums. In ihren Arbeiten verbindet sie konzeptuelle Ansätze und formale Konsequenz mit Gesellschaftskritik. Die Deutsche Bank widmet dem Werk der Künstlerin jetzt eine Etage in ihrem Frankfurter Hauptsitz. Brigitte Werneburg hat Ebtisam Abdulaziz in Sharjah zum Gespräch getroffen.


"Ich denke, ich bin als Künstlerin geboren", sagt Ebtisam Abdulaziz auf meine Frage nach ihrer Karriere. Denn eigentlich ist die Künstlerin aus dem Emirat Sharjah studierte Mathematikerin. Die Antwort passt zu ihrem selbstbewussten Auftritt auf der Abu Dhabi Art Fair am Tag zuvor. Dort hatte sie auf einer Podiumsdiskussion ihre Künstlerposition höchst eloquent und unbekümmert erläutert. Dort ging es um die Vorstellung des "Emirati Artists' Resource & Register", das die Abu Dhabi Music & Arts Foundation gerade unter dem Namen "National`s Gallery" aus der Taufe gehobenen hat. Ich war von ihr beeindruckt – besonders weil ihr intellektuelles Auftreten in denkbar größtem Kontrast zu ihrer Kleidung stand. Bis auf Gesicht und Hände ist Ebtisam Abdulaziz schwarz verhüllt.

Die Frage zu klären, ob der vestimentäre womöglich erst den intellektuellen Auftritt ermöglicht, habe ich versäumt. Denn im Gespräch mit der Künstlerin, in ihrem Studio im Sharjah Art Center gleich gegenüber dem Kunstmuseum, vergaß ich den Schleier völlig und sah nur noch die liebenswürdige, selbstbewusste, schöne junge Frau. Und schließlich, warum sollen, wo Kunst und Mathematik zusammengehen, Verhüllung und Emanzipation einander ausschließen?

Schon als Kind, erzählt Ebtisam Abdulaziz, sei sie ein wenig anders als ihre Brüder und Schwestern gewesen. Sie war gerne alleine, malte und zeichnete ständig. Ihr Vater ermutigte sie dabei und so dachte sie nach ihrem Schulabschluss auch über ein Kunststudium nach. Allerdings gab es zu dieser Zeit in den Emiraten und der Golfregion keine Kunsthochschule. Und weil sie Zahlen und Berechnungen stets geliebt hat, entschied sie sich für ein Mathematikstudium.

Als Malerin stellt man sich Ebtisam Abdulaziz nicht gerade vor, betrachtet man das Werk, das sie seit Mitte 2000 geschaffen hat. Trotzdem kam sie zunächst um die Malerei nicht herum. Denn als ihr 1999 nach Abschluss ihres Studiums klar wurde, dass sie doch lieber Kunst machen wollte, boten sich nur die Sommerkurse der Emirates Fine Arts Society von Sharjah an. Dort wurde den Studenten ganz traditionell perspektivisches Zeichnen und Grundkenntnisse in der Malerei beigebracht.

Ebtisam Abdulaziz aber beschäftigte sich schon bald mit der Idee der "Ten Triangles". Lachend bekennt sie heute, "meine Ideen waren einfach größer als die Leinwand". Sie entwarf also zehn unterschiedlich geformte Dreiecke und stellte mit ihnen dann simple Gleichungen auf: ein Dreieck plus zwei Dreiecke sind gleich drei Dreiecke. Am Ende ergab dieses Verfahren eine Art komplexes Puzzlespiel, von dem sie sich nicht sicher war, ob es sich noch um Kunst handelte. Aber ihr Freund Hassan Sharif beruhigt sie. Sharif ist einer der bedeutendsten Künstler, Theoretiker und Kunstvermittler der arabischen Welt.

Hassan Sharif gab ihr einen schmalen Band über Systemic Art und Lawrence Alloway zu lesen. Als Systemic Art definierte der Kunstkritiker und Kurator Alloway 1966 einen Typus abstrakter Kunst, der durch den Gebrauch einfacher standardisierter, meist geometrischer Formen charakterisiert ist, entweder als Bild einer einzelnen Form oder als ein System von Formen, die nach einem klar ersichtlichen Prinzip organisiert sind. Heute meint der Begriff eine künstlerische Praxis, die mit den Mitteln der Abstraktion arbeitet, wobei die Form allerdings nicht Ausdrucksmittel, sondern Medium politisch relevanter Beobachtungen ist.

Exakt in dieser Weise ist Vision and Illusion zu verstehen, die Videoinstallation, die Ebtisam Abdulaziz auf der 7. Sharjah Biennial 2005 zeigte, die unter dem Motto Belonging (Where do I belong?) Fragen von Diaspora, Emigration, Ein- und Ausschluss thematisierte. Abdulaziz führte die Besucher in einen schmalen dunklen Korridor, wo sie dann nach rechts gelenkt wurden, bis sie vor einer Art Fenster zu stehen kamen. Dort sahen sie eine Videosequenz mit einem Leuchtkasten für Sehtests und dem dazu gehörigen Dialog zwischen Augenarzt und Patient. Wenn dessen linkes Auge getestet wurde, sahen die Besucher dank eines Spiegeltricks den Test für das rechte Auge. Aber wer lag nun falsch? Der Arzt oder der Betrachter? Die Situation war dabei so angeordnet, dass der Betrachter gedrängt wurde, dem Arzt stärker zu vertrauen, als den eigenen Sinnen. Für Ebtisam Abdulaziz handelte die Installation "einmal mehr von Politik", wie sie sagt. Regierungen, Institutionen und Medien füttern uns ständig mit Zahlen und Informationen, die wir nicht nachprüfen können, denen wir aber Glauben schenken sollen. Bemerken wir eigentlich hin und wieder die Arrangements, mit denen sie uns in ihre Richtung drängen?

Auch die Grün leuchtenden Zahlenreihen, mit denen die Künstlerin den schwarzen Ganzkörperanzug bedruckt hat, den sie bei ihrer Performance auf der 53. Internationalen Biennale von Venedig 2009 trägt, sind politische Ziffern. Denn sie geben über die Zeit, den Ort und das Datum von Ebtisam Abdulaziz’ Geldtransaktionen Auskunft. Die Nummern stammen von ihren zwischen 2003 und 2005 gesammelten Kontoauszügen. Zunächst verarbeitete sie diese Sammlung in einer Videoinstallation: Ein Bankautomat zeigte statt der üblichen Maske einen Film, in dem zu sehen war, wie die Künstlerin das abgehobene Geld ausgab. Später entwickelte sie dann die Performance mit dem Anzug, "an der ich besonders mag, dass ich Teil des Kunstwerks bin. Ich bin da, gehe durch die Gegend und spreche mit den Leuten. Dieser direkte Kontakt ist sehr wichtig für mich", sagt sie und ergänzt: "Während der Performance traf ich mit einer Menge Leute zusammen, die keinerlei Wissen über Kunst hatten. Ich bin durch den Souk gegangen und den Bazar, und natürlich sind die Leute gekommen, vor allem die Kinder, und haben sich gewundert. Ein Typ fragte mich, ob ich Werbung mache. Na ja, in gewisser Weise habe ich das getan. Ich habe bei den Leuten für die Kunst geworben, ich habe sie unterrichtet".

Zu unterrichten ist eine Rolle, die Ebtisam Abdulaziz seit langem kennt. Denn als sie sich Mitte 2000 von der Malerei abwandte und konzeptuell zu arbeiten begann, war das für die Leute, die sie kannten, ein Schock. Also versuchte sie zu erklären, worum es ihr in ihren neuen Arbeiten ging: Sie begann über Kunst nachzulesen und sie begann zu schreiben. Schnell wurde sie als Kunstautorin bekannt und Mitherausgeberin der Zeitschrift "Tashkil" der Emirates Fine Arts Society. Als ihr auffiel, dass viele wichtige Bücher zur zeitgenössischen Kunst in den arabischen Ländern nicht vorhanden waren, schon gar nicht in arabischer Sprache, fackelte sie nicht lange und begann zu übersetzen. In ihren vielfältigen Tätigkeiten als Autorin, Übersetzerin, Lehrkraft und zuletzt auch Ausstellungskuratorin ist sie zweifellos eine der aktivsten und dynamischsten Künstlerinnen der Vereinigten Arabischen Emirate.

Wahrscheinlich steht ihre Zuwendungsbereitschaft in direktem Zusammenhang mit einer großen Neugierde. Sie liebe es, hinter die Dinge zu kommen, sagt Ebtisam Abdulaziz, deshalb faszinierten sie zum Beispiel auch die Durchleuchtungseinrichtungen auf den Flughäfen so sehr. Dass sie auf die Monitore dort keinen Zugriff hat, brachte sie auf die Idee, selbst eine Serie von Röntgenfotografien von Handtaschen zu produzieren. Als Leiterin des Sharjah Art Center Ladies Club war es einfach die Besucherinnen zu fragen, ob sie einem Blick in ihre Tasche zustimmten. Die Serie "Life in a Bag", mit der Ebtisam Abdulaziz in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, zeigt wie erstaunlich wenig es braucht, um wesentliche Informationen über jemanden zu erhalten. Da ist die Tasche, die auf Wohlstand schließen lässt, weil jeder Gegenstand in ihr von einem internationalen Luxuslabel stammt, andere sind vollgestopft mit Medikamenten oder Zigarettenpackungen. Eine Handtasche mit Zahnbürste und Waschzeug verrät die langen Arbeitszeiten ihrer Besitzerin, der die Zeit fehlt, sich zuhause frisch zu machen.

Life in a Bag knüpft an die Arbeit Number and Lifetime an, die Ebtisam Abdulaziz ebenfalls auf der 7. Sharjah Biennial 2005 präsentierte. Damals hingen zwei große Fotografien von Händen an den Wänden des Ausstellungsraums zusammen mit einem Bord, das ein alphabetisch, von A – Z, geordnetes Archiv mit 27 Aktenordnern trug. Sie enthielten rund 2.000 Fotos von weiteren Händen. Die Betrachter waren eingeladen, sich ihre eigene Vorstellung von der Person zu machen, deren Hand die Künstlerin fotografiert und mit einer Nummer sowie einem standardisierten Set an Informationen über Alter, Herkunft, Beruf etc. ergänzt hatte.

Zwei Monate lang hatte Ebtisam Abdulaziz für dieses Projekt Menschen auf der Straße, aber auch in Büros, Geschäften, Schulen und Behörden angesprochen, um einen Querschnitt der Bevölkerung Sharjahs zu einen bestimmten Zeitpunkt, ja, man kann sagen, in der Hand zu haben. Alte, junge, geschundene oder gepflegte Hände, dunkelhäutige und hellhäutige Hände vermitteln dann auch ganz unmittelbar einen Eindruck von den Lebensumständen und den sozialen Klassen, von der Alters- und Bevölkerungsstruktur der Stadt.

Diesen direkten Kontakt mit den Menschen hat Ebtisam Abdulaziz auch zuletzt in ihrer Autobiography-Performance gesucht – und genossen. Deshalb wird sie diesen Weg weiterverfolgen. Schon jetzt arbeitet sie mit Suzanne Cotter, einer der Kuratorinnen der 10. Sharjah Biennial 2011, an einer neuen Performance, die sie während der Biennale vom 16. März bis zum 16. Mai 2011 zeigen wird. Auch dabei, darauf kann man wetten, wird es ihr wieder ein besonderes Anliegen sein, dem weniger privilegierten Bevölkerungsteil der Emirate, etwa den vielen Arbeitsimmigranten Ausdruck und Stimme zu verleihen. Denn der Moment der fragmentarischen Biografie, der Ebtisam Abdulaziz’ Werk wie eine Art roter Faden durchzieht, heißt ästhetische oder poetische Gerechtigkeit.

* Brigitte Werneburg war auf Einladung des Medienrates (National Media Council) der Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) in Abu Dhabi und Sharjah




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
All Access World: Agathe Snows Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim / The Deutsche Bank Series at the Guggenheim: Found in Translation / INDIA AWAKENS im Essl Museum / Color Fields im Deutsche Guggenheim / 2010 California Biennial
News
Urban Utopia: Sammlung Deutsche Bank Hong Kong eröffnet / Die Villa Romana-Preisträger 2011 präsentieren sich in Florenz / Charity-Event: Tobias Rehberger zu Gast in der Deutschen Bank Mailand / Imi Knoebel in Den Haag / Zehnter Jugend-Kunst-Preis der Deutsche Bank Stiftung vergeben / Georg Baselitz Remix / Edge of Arabia: Deutsche Bank unterstützt Ausstellung in Istanbul / Deutsche Bank fördert Edward Hopper-Schau im Whitney Museum
Presse
Color Fields im Deutsche Guggenheim
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2016 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++