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Fiona Tan
Professionelle Fremde


Melancholie der Entwurzelung: Fiona Tans Interesse an individuellen und kollektiven Identitäten in einer globalisierten Welt basiert nicht zuletzt auf ihrer eigenen Geschichte. Sie wurde in Indonesien geboren, wuchs in Australien auf, studierte in Europa und wohnt heute in den Niederlanden. Tans Foto- und Papierarbeiten wird eine Etage im Frankfurter Hauptsitz der Deutschen Bank gewidmet sein. Dominikus Müller stellt die Künstlerin vor.


Ein Film, ein Haus: Opulentes Interieur, mal englisch, mal indisch, mal chinesisch angehaucht. Orient und Okzident sind in endlosen Schichten bis zur Unkenntlichkeit übereinander gelagert. Der Zahn der Zeit hat unübersehbar an den Wandteppichen, Vorhängen und Tapeten genagt – ein Haus wie ein langsam verfallendes Monument, ein Weltinnenraum der Erinnerung. Und mitten darin ein alter, weißhaariger Mann, in eine Art abgerissenen Morgenrock gekleidet. Henry heißt er, sagt zumindest das Voice Over.

Henry schläft auf dem Boden, er steht auf, klopft sich mit den Fäusten die Muskeln warm und macht eine Runde Tai Chi. Später hält er mutterseelenallein eine Teezeremonie ab. Dann hängt er einsam im Eckzimmer herum oder läuft verloren durch die endlosen und verschachtelten Gänge des Pavillons, an dessen Wänden immer wieder chinesische Figuren und Fabelwesen auftauchen. Nach Einbruch der Dunkelheit legt er eine Lampionkette im Flur aus, ganz so als ob er sich daran später nach Hause hangeln möchte. Im fahlen Schimmer des Lichts sucht er einen urtümlichen Globus ab.

Henry ist allein und eine Welt jenseits dieses verrottenden Palasts scheint es nicht zu geben. Er ist ein Gestrandeter zwischen den Zeiten, Orten und Kulturen, ohne Zuhause und ewig wandernd zwischen Geschichten, Architekturen, Biografien und Identitäten. Henry ist ein Geist zwischen Ost und West, und manchmal heißt er logischerweise auch Eng Lie. Auch dies erzählt das Voice Over, etwas später. Henry/Eng Lie ist der einzige Charakter in Fiona Tans Film A Lapse of Memory (2007) und er ist gleichzeitig der einzige Mensch auf dieser Welt.

Gedreht hat Tan diesen melancholisch-poetischen Film, zu dem ein Jahr vorher auch eine Reihe von Zeichnungen entstanden sind, mit denen sie auch in der Sammlung Deutschen Bank vertreten ist, im sogenannten Royal Pavillon im südenglischen Seebad Brighton – einem seltsamen Lustschloss und postmodernem Pastiche avant la lettre, erbaut von König George IV. zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als er noch kein König, sondern nur Prinzregent war. Es geht in diesem Film, soviel ist schnell klar, um Entwurzelung und Erinnerung, um Archive und kulturelle Kontexte, kurz, um sich überlagernde Identitäten und all das, aus dem in Zeiten wie den unseren Biografien gebastelt werden.

Genau 10 Jahre vor A Lapse of Memory hat Tan sich in einer ihrer ersten Filmarbeiten auch mit der eigenen Biografie auseinandergesetzt und sich dabei selbst als "professionelle Fremde" bezeichnet, was im Hinblick auf ihren Werdegang nicht verwundert: Denn auch ihr Leben spannt sich zwischen Ost und West auf, zwischen Asien und Europa. Geboren wurde sie 1966 in der ehemaligen niederländischen Kolonie Indonesien als Tochter eines chinesischen Vaters und einer australischen Mutter. Aufgewachsen ist sie allerdings in Australien. Ihr Kunststudium absolvierte sie schließlich an Gerrit Rietveld Academie und der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam, wo sie seit 1988 mit kurzen Unterbrechungen auch lebt und arbeitet. Eine Biografie wie ausgestanzt aus dem postkolonialen Lehrbuch für Hybrididentitäten: eine Lebensgeschichte, die die globalen Verstrickungen und Entwurzelungen jenseits festgefügter Traditionen und gerader Entwicklungslinien paradigmatisch auf den Punkt bringt.

Das Schlagwort von der "professionellen Fremden" weist allerdings über die pure Selbstbeschreibung hinaus. Tan nutzt ihre Biografie für ihre Arbeit, sie "professionalisiert" sie als konkretes Beispiel eines abstrakten Zustandes und setzt sie thematisch gezielt ein. Denn Tans Biografie hat weder nichts, noch alles mit ihren Arbeiten zu tun. Und selbstverständlich ist ihr Werk ebenso wenig auf ihre eigene Lebensgeschichte wie auch auf das Künstlersubjekt hinter ihm reduzierbar, wie ihr ganzes Leben an sich nicht nur auf einen Ort und eine Zeit zurückzuführen ist. In dieser Kluft zwischen dem Konkreten und Allgemeinen scheint sich dann auch das Gros ihrer Arbeiten zu entfalten – ganz egal, ob sie sich nun auf ihre eigene Geschichte beziehen, oder auf die anderer. Immer aber schärfen ihre Filme, Fotografien und audio-visuellen Installationen ihre Aussage an der konkreten Wirklichkeit, die dem Abstrakten zugrunde liegt.

Mit eben dieser Dialektik arbeitet auch ihre unregelmäßig fortgeführte Reihe Vox Populi, für die sie an verschiedenen Orten der Welt – bislang waren das Norwegen (2004), Sydney (2006), Tokio (2007) und jüngst die Schweiz (2010) – Fotos aus privaten Fotoarchiven und Familienalben sammelt und zu einem großen Ganzen aus kleinen Teilen arrangiert. Die Arbeit Vox Populi Tokyo aus der Sammlung Deutsche Bank besteht aus 304 einzeln gerahmten Fotografien. Auf ihnen sieht man das, was sich meist auf privaten Fotos findet: Menschen. Sie lachen, grinsen, sie drücken die Augen zu oder reißen sie weit auf; allein oder in Gruppen, Kinder auf dem Schoß ihrer Eltern, Arbeitskollegen in weißen Schutzanzügen und Familien in voller Repräsentationsmontur im viel zu engen Wohnzimmer. Sie schlafen, sie gähnen, sie gucken – melancholisch, freundlich und stolz.

Es sind Fotografien, wie sie jeder hat und jeder kennt; von Hochzeiten, von Reisen aufs Land, aus dem Urlaub, von der Familie. Erinnerung, Gedächtnis in Bilderform, fotografisches Gedächtnis, buchstäblich. Ein Potpurri an scheinbaren Snapshots, jeder für sich ein Blick in das Leben der Anderen – alle zusammen eine erschlagende Masse der immer gleichen und fast schon standardisierten Einstellungen und Motive, die beinahe global verständlich sind, ohne dass man selbst mit ihnen jenen Wert verbindet, den sie für ihre Besitzer haben mögen. Kurz: Man versteht ihr allgemeines Prinzip, die konkrete, gefühlte Bedeutung aber entzieht sich notwendigerweise.

Und so hat diese Arbeit, auch wenn es im ersten Moment so wirkt, kaum etwas mit Voyeurismus zu tun. Denn viel zu schnell bricht sich bei ihrem Betrachten ein vergleichender Blick Bahn, ein Interesse an jener seltsamen Gleichförmigkeit, mit der Menschen rund um den Globus – zumindest diejenige unter ihnen, die im Besitz eines Fotoapparates sind – anscheinend immer die gleichen Posen, Einstellungen und Motive wählen. Erinnern wir alle auf die gleiche Weise? Erinnern wir alle das gleiche? Freunde, Familie, Glück, Zufriedenheit, Zuhause? Vielleicht.

Und so geht es auch hier immer wieder um den eigenen Platz in einer globalisierten Welt, das Leben in Zwischenzuständen. Es geht also einmal mehr um die großen Themen: um Erinnerung, um Heimat und um deren beider Verblassen – um Identität und wie sie sich produziert, aus einem Geflecht aus Traditionen, Geschichten, Biografien, Bildern, Orten und Zeiten.

Die Melancholie der Entwurzelung, die aus beinahe jeder Arbeit Tans dringt, das Gefühl eines permanenten Unterwegsseins, bei dem man so etwas wie Zuhause nur noch als fahle, aber dennoch elementare Erinnerung mit sich trägt, ist ergreifend. Die Bilder und Geschichten beginnen den Betrachter um den Finger zu wickeln. Auf der anderen Seite entfaltet sich gerade in diesem Empathie ein großes analytisches Potential. Bewusst pendeln Tans Arbeiten zwischen diesen Polen – zwischen einer Betonung der suggestiven Kraft ihrer Bilder und einer Ingebrauchnahme für die Formulierung nicht zuletzt politischer Anliegen. Sie formulieren ihr scharfes Argument just im Moment der vermeintlichen Unschärfe des Gefühls. Denn wer über die Macht der Bilder nachdenken möchte, kommt nicht darum herum, sich auf sie einzulassen.




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