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"Hinter der sichtbaren Oberfläche"
Ein Interview mit Anni Leppälä


Anni Leppäläs subtile Fotoarbeiten changieren zwischen Realität und Traum. Die Zeit scheint still zu stehen, die sichtbare Welt ist aufgeladen mit Erinnerungen und Gefühlen. Dabei bedient sich die Vertreterin der Helsinki School ganz klassischer Genres wie Stillleben, Landschaft und Interieur. Leppälä gilt als eines der vielversprechendsten Talente der finnischen Fotokunst: 2010 wurde sie in ihrem Heimatland zum Young Artist of the Year gewählt. In den modernisierten Deutsche Bank-Türmen in Frankfurt ist ihrem Werk eine ganze Etage gewidmet. Achim Drucks hat die Künstlerin interviewt.


Achim Drucks: Wie kam es zu Ihrem Interesse an der Fotografie? Und warum wählten Sie die Fotografie als Ihr künstlerisches Medium?

Anni Leppälä: Die Frage, wie etwas beginnt, ist immer interessant. Man kann allerdings auch mit einer Sache an einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Alter anfangen und es später inhaltlich wieder aufgreifen. Zu fotografieren begann ich schon auf dem Gymnasium, wo ich einen Fotokurs belegte. Aber erst während meines Studiums an der Turku Kunstakademie 2000 fing ich damit an, bewusster über Fotografie und ihre Inhalte nachzudenken. Das war der Ausgangspunkt für die Fotografie, wie ich sie heute verstehe. Als Jugendliche war sie für mich eher ein Hobby - ein Weg, um meinen Platz zu finden, eine Grundlage für all die nicht zu Ende gedachten Gedanken.
Was mich zuerst an Fotografien fasziniert hat, war die enge Verbindung, die sie sowohl mit der Vergangenheit, als auch mit dem Augenblicklichen hat. Vielleicht hat es mich auch beeinflusst, dass mein Vater ständig fotografiert hat. Es gab immer Fotos von meiner Kindheit und von unserem Alltagsleben, die es möglich machten, unsere Familiengeschichte anhand von Bildern zu betrachten. Es gab auch eine Menge alte Fotografien, die die vorigen Generationen der Familie meines Vaters aufbewahrt hatten. Sie reichen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Die Fotografie war also für mich ein ganz natürlicher Weg, die Vergangenheit zu untersuchen.

Sie haben an der Universität für Kunst und Design in Helsinki Fotografie studiert. Der Fachbereich Fotografie ist bekannt für seine konzeptionelle Prägung. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?

Die Stärke der Fotografie liegt in ihrer relativ direkten Verbindung zur sichtbaren Welt. Diese faszinierende Eigenschaft des Bildes kann man auch als Mittel nutzen, um etwas Unwirkliches, Unsichtbares freizulegen, das hinter der sichtbaren Oberfläche liegt. Ich mag diese Vorstellung von der Fotografie als einer Art Beweismittel, das auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit in der Vergangenheit verweist. Natürlich gehört das alles zu den grundlegenden Eigenschaften der Fotografie, die allerdings extrem wichtig für das sind, was mich interessiert. Die visuelle Welt ist in ihrer Sichtbarkeit real. Die Herausforderung beim Fotografieren ist, diese sichtbare mit einer inneren Welt oder einer inneren Erfahrung des Betrachters, in Berührung zu bringen - aber auf eine völlig andere Weise, als es die eigentliche visuelle Oberfläche des Bildes nahelegt.
Ich sehe den Fachbereich für Fotografie an der Universität für Kunst und Design in Helsinki nicht als kohärente Gruppe, sondern als eine Auswahl von ganz unterschiedlichen, sehr individuellen Künstlern. Ich glaube, alle Künstler der Helsinki School haben ihre ganz eigene Art und Weise zu denken und zu arbeiten. Das Einzige, was sie gemeinsam haben, ist das Medium.

Für eine Ihrer Serien haben Sie den Titel "Possibility of Constancy", also "Möglichkeit von Dauerhaftigkeit", gewählt. Geht es in Ihrer Arbeit um die Vergänglichkeit des Seins, um den Versuch ein bestimmtes Gefühl oder einen bestimmten Moment festzuhalten? Wie entstand die Serie?

Der Titel Possibility of Constancy spielt auf die Illusion von Beständigkeit an, die Fotografien vermitteln. Sie ist eine Illusion, die dann sichtbar wird, wenn man sie im Zusammenhang mit dem Moment der Vergänglichkeit betrachtet, die jedes Bild auszeichnet. Es ist paradox: Man versucht etwas zu konservieren, das man im selben Moment verliert.
Bilder aufzunehmen, ist etwas Intuitives. Über manche Themen denke ich sehr lange nach, bevor sie umgesetzt werden. Ein Gegenstand, ein Ort oder selbst eine bestimmte Atmosphäre können Ausgangspunkt für ein Bild sein, aber aus dieser Vorarbeit resultiert nie ein Plan für ein Motiv, das ich bereits fertig im Kopf habe. Das Bild ändert sich beim eigentlichen Akt des Fotografierens, wobei seine Entstehung ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Das beginnt damit, dass man sich an einen Ort begibt, der die richtige Atmosphäre für die imaginäre Vorstellung zu haben scheint. Diese Orte sind mir häufig vertraut oder haben persönliche Bedeutung für mich - etwa das alte Haus aus den Sommern meiner Kindheit, das heute verlassen ist. Diese Umgebungen werden zu so etwas wie Kulissen für Ereignisse, die hier stattfinden sollen. Ich nehme viele Bilder gleichzeitig auf und treffe erst später eine Auswahl. Dabei ist es entscheidend, wie sich ein Motiv zu den anderen, bereits bestehenden Bildern verhält, wie es mit ihnen zusammentrifft. Manchmal sind Bilder auch Ausgangspunkte für einen völlig neuen Weg oder eine neue Werkgruppe. Dann kann es eine Weile dauern, bis sie einen Kameraden finden, der zu ihnen passt.
Die Serien, an denen ich gerade arbeite, verändern sich ständig, dass heißt sie sind nicht auf eine bestimmte Präsentationsform festgelegt. Ich füge neue Arbeiten hinzu oder lasse manchmal andere weg. Diese Entscheidungen hängen auch mit dem Ausstellungsort zusammen - damit, wo die Wände stehen, wie groß der Raum ist und so weiter. Zugleich geht es auch darum, wie die Fotografien miteinander korrespondieren, welche Bezüge sich entwickeln. Es gibt einige Arbeiten, die als grundlegende und zentrale Bilder fungieren und ich entwickle die Installation mit anderen Bildern weiter, die ich um sie herum baue. Ihre unterschiedlichen Größen ermöglichen es mir, bestimmte Kommentare zu machen, Akzente zu setzen und in der jeweiligen Konstellation der Bilder unterschiedliche Aspekte zu betonen. Der Titel Possibility of Constancy fiel mir ein, als ich gerade viel in finnischen Museen fotografierte. Zugleich befand ich mich persönlich in einer Lebensphase, in der ich große Angst vor Veränderung hatte und in einer Art Stillstand lebte.

Die Kostüme der Frauen und die Interieurs, die Sie fotografieren, scheinen die Vergangenheit heraufzubeschwören, genauer die Zeit um 1900. Sie haben auch Räume in Museen fotografiert, die die Kultur der Jahrhundertwende gewidmet sind. Was fasziniert Sie an dieser Zeit?

Die Objekte, die man auf den Fotografien sieht, kann man als "Fixpunkte" der sichtbaren, materiellen Welt betrachten. Die klassische Form von Objekten und ihren Umgebungen spricht mich ganz unmittelbar an und vielleicht hat gerade diese Epoche diese Eigenschaften. Den ganz konkreten Ausgangspunkt für die Arbeiten bildete ein kleines, altes Haus das meinen Verwandten gehörte und nun verlassen ist. Es wurde Mitte des 20. Jahrhunderts gebaut. Als Weiterführung fotografierte ich Museums-Displays aus unterschiedlichen Jahrhunderten.
Es geht mir schon darum, modern zu sein, aber ich glaube, ich suche nach einem ganz grundsätzlichen, "wahren" Charakter der Dinge, der auch in Verbindung mit Erinnerungen und Geschichte steht. Vielleicht hat dieser "historische" Eindruck auch etwas mit der Komposition und Farbgebung meiner Bilder zu tun. Viele der Künstler, die mich faszinieren und inspirieren, sind Maler des frühen 20. Jahrhunderts.
Ich vermeide es allerdings, in meinen Arbeiten eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Ort repräsentieren. Durch ihre dokumentarische Natur tun dies Fotos sowieso schon zu einem gewissen Grad. Stattdessen versuche ich den Bildern eine zeitlose Qualität zu verleihen, durch die ihre unsichtbaren Aspekte, ihre Atmosphäre zum Vorschein kommen. Ich hoffe, dass das, was letztendlich wahrgenommen wird, etwas ist, das sich "außerhalb" des Bildes, außerhalb der Sichtweite befindet - etwas nicht Wahrnehmbares. Diese momentane Erfahrung lässt etwas erkennen, das nicht "gewesen" ist, sondern vielmehr im Hier und Jetzt existiert.

Vieles in Ihren Arbeiten erinnert vor allem an die nordische Malerei des frühen 19. Jahrhunderts.

Ja, das stimmt. Viele meiner liebsten Künstler sind Maler. Manchmal beeinflussen sie mich unbewusst, ich knüpfe nicht absichtlich an sie an und mir werden diese Einflüsse erst später bewusst. Es gibt keine bestimmten Gemälde, die als Ausgangspunkt für meine Fotografien fungieren, mein Interesse an der Malerei ist eher grundsätzlich. So geht es etwa um Farbkombinationen, die in meine Arbeit einfließen. Ich beschäftige mich mit den klassischen Fragen der bildenden Kunst und ihren Bezügen zum jeweiligen Gegenstand meiner Fotografie.

Warum sind die Figuren auf Ihren Bildern immer weiblich?

Ich finde es einfach leichter mit diesen weiblichen Charakteren zu arbeiten. Die Figur eines Mädchens oder einer Frau ist mir einfach vertrauter. Es handelt sich nicht um spezifische Personen, sondern tatsächlich um Modelle, die in verschiedenen Größenanordnungen und in verschiedenen Umgebungen platziert werden können und sich dabei zwischen realer Person und Abbild bewegen.

Ihre Arbeit "My Mother's Head. With Flora (Portrait of an Ancestor)" zeigt sie neben dem Gemälde einer alten Frau, die ein bisschen aussieht wie Sie. Betrachten Sie Ihre Arbeiten als eine Art von Selbstporträt?

Bei dieser bestimmten Arbeit erschien es mir nötig, mich neben dem Porträt einer entfernten Verwandten zu platzieren. Da ging es um den absurden Versuch, mich durch visuelle Ähnlichkeit dieser historischen Figur anzugleichen und dabei im zeitlichen Sinne von ihr unweigerlich getrennt zu sein. Grundsätzlich haben viele Orte und Umgebungen, die ich fotografiere, eine persönliche Bedeutung für mich. Aber der Inhalt meiner Arbeit wird so verändert, dass er viele unterschiedliche Bedeutungen hat, die nicht mit dem wirklichen Ort oder meiner persönlichen Geschichte zusammenhängen. Es geht mir nicht darum, ein autobiografisches Werk zu schaffen, sondern mich den Gegenständen anzunähern, die mich interessieren.

Nächste Einzelausstellungen:

Beings are Silent
11.02. - 24.04. 2011
TH13 Gallery, Theaterplatz 13, Bern

Anni Leppälä
01.04. - 30.4.2011
Barbara Gross Galerie, Theresienstrasse 56, 80333 München

Anni Leppälä: Chapter five
08.04.- 01.05. 2011
VB Photographic Centre, Kuopio, Finnland




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