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Der Teufel im Detail
Nedko Solakovs Auftragsarbeit für die Deutsche Bank


Mit lakonischem Humor sabotiert Nedko Solakov kollektive Wahrheiten und den gesellschaftlichen Status quo. Seine Werke werfen immer neue Fragen auf – nicht nur über die Kunst, sondern auch über die gescheiterten Utopien vergangener Dekaden. In den modernisierten Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist den Zeichnungen des bulgarischen Künstlers eine ganze Etage gewidmet, für die er auch eine spezielle Auftragsarbeit realisiert hat. Dominikus Müller über Nedko Solakovs Enzyklopädie des Absurden.


Der Teufel steckt im Detail. Zumindest auf der Blümchentapete, die Nedko Solakov liebevoll mit Tuschezeichnungen und Texten versehen hat. Auf einer riesigen Blüte steht hier ein Vater mit seinem Sohn. Der Sohn erzählt dem Vater, einem ausgewiesenen Finanzexperten, einen Witz. Der aber lacht nicht, sondern antwortet ganz in der Art, in der Experten es eben tun: "Sehr gut. Aber ob der Witz lustig ist und ob ich lachen soll, das werde ich dir später sagen - wenn ich die entsprechenden (und zum Verständnis des Witzes notwendigen) Papiere gelesen habe." Und obwohl diese Szene eigentlich nicht besonders witzig ist - im Gegenteil, bei eingehender Betrachtung ist sie eigentlich recht herzlos - muss man natürlich lachen.

Genauso wie beim Anblick jenes einsamen Mannes, der ein paar Blumen weiter auf einem Stengel sitzt, ganz klein und verschüchtert, wie ein Käfer, der sich überlegt hinunter zu hopsen. "A Scared to Death Investor" ist daneben zu lesen. Und ein paar Blumen weiter ist er dann tatsächlich: der Teufel - oder vielmehr ein liebenswertes Teufelchen. Es hat sich bei seinem außerirdischen Freund untergehakt, der wie Solakov notiert, zur "Vier-Hände-Vier-Beine-Halber-Penis-Rasse" gehört. Beide träumen vor sich hin und sehen dabei ganz glücklich aus. Irgendwo in der Ecke entdeckt man nach einigem Suchen die Herrscher dieser komischen Welt: drei schwarze Kreise - ein schwarzes Loch, einen verbrannten Pfannkuchen und einen kleinen schwarzen See. Ihr Reich ist besagte Blümchentapete im 23. Stock von Turm A der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Nedko Solakov hat sie dort als Auftragsarbeit anbringen lassen und überarbeitet.

Man merkt also schnell: Wenn es nach Solakov geht, dann soll, dann muss Kunst auch lustig sein dürfen - selbst dann, wenn sie nicht lustig ist. Seit 1993 schon verfolgt der in Sofia lebende Solakov diese schlicht Wallpaper genannte Werkreihe. "Damals 1981 habe ich einen Abschluss in ‚Wandmalerei' gemacht", sagt er über die Auftragsarbeit. "Und auf eine Art und Weise ist das hier auch eine Art Wandmalerei." Auf seiner Homepage, die nur zwei große Kategorien von Arbeiten kennt, nämlich "einfache Werke" und "komplizierte Werke", fallen seine Tapetenarbeiten unter die erste Kategorie. Und doch ist sie alles andere als "einfach". Das fängt schon damit an, dass diese paradigmatisch-biederen, meist auch noch irgendwie cremefarbenen Blümchentapeten das genaue Gegenteil eines schicken und sterilen White Cubes verkörpern - oder eben auch der modernisierten, durchdesignten Türme der Deutschen Bank in Frankfurt. "Wir haben die Tapete so ausgesucht, dass sie hier in die Räume passt", sagt Solakov ganz ernst und fügt lapidar hinzu: "aber natürlich ist sie ein Fremdkörper. Sie gehört nicht hierher." Doch gerade deshalb installiert er seine Wallpapers besonders gerne in solchen Räumen und verweist damit auf den gerne verdrängten Aspekt von Auftragskunst als Dekoration und Einrichtungselement. Unter den banalen Ornamenten industriell gefertigter Bürgerlichkeit lauern ganz dialektisch eben jene Ängste, die das Blümchenmuster eigentlich bannen soll. Solakov verpackt sie in scheinbar harmlose, kindliche Bildgeschichten, deren bitterböser, hintergründiger Witz sich erst beim zweiten Blick, beim Nachdenken oder Um-die-Ecke-Denken erschließt. Das gleiche Prinzip des kleinen, im Detail versteckten Witzes gelingt ihm allerdings auch in seiner Serie A (not so) White Cube (2001), für die er seine kritzelig-naiven Zeichnungen und seine knappen Beschriftungen direkt auf die weißen Wände diverser Ausstellungsräume anbringt.

Immer wieder hat Solakov sein Leben in einer sozialistischen Diktatur thematisiert, ebenso wie die Erfahrung des Systemwechsels und der dabei eben nur scheinbaren erworbenen Wahlfreiheit. Zu seinen bekanntesten Werken zählt jener unscheinbare Kasten, den er im Frühling 1990, also auf dem Höhepunkt der demokratischen Umwälzungen im ehemaligen Ostblock, zum ersten Mal ausstellte und der 2007 auch auf der documenta 12 zu sehen war. Top Secret (1989/90) besteht aus einem Fach mit Karteikarten, welche die frühere Zusammenarbeit des jungen Künstlers mit der bulgarischen Geheimpolizei thematisieren, die von Solakov 1983 beendet wurde. Zwanzig Jahre nach der Wende sind die Akten in Bulgarien nach wie vor unter Verschluss, sodass es keine öffentlichen Dokumente zur Mitarbeit von Nedko Solakov gibt. Als das Werk erstmals im Frühjahr 1990 ausgestellt wurde, auf dem Höhepunkt der politischen Wende nach jahrelanger kommunistischer Herrschaft, sorgte es für heftige kontroverse Diskussionen. Der Gestus der Selbstentblössung in diesem künstlerischen Projekt ist immer noch einmalig im Kontext des europäischen Postkommunismus. Mittlerweile ist Top Secret zu einem Symbol seiner Zeit geworden.

Dass auch nach dem Fall des eisernen Vorhangs und dem Einzug der Demokratie westlicher Prägung beileibe nicht alles in Erfüllung ging, was man sich erträumt hat, davon erzählen auch andere Arbeiten. Für The Choice (2001) hat Solakov einen Ausstellungsraum mit einem labyrinthartigen Vorbau versehen. Man muss sich entscheiden, ob man nach links oder rechts gehen möchte. Am Ende steht man auf einer der Seiten einer hohen Mauer, die den Ausstellungsraum in der Mitte trennt und blickt entweder auf eine kleine goldene Schatulle an der Wand oder durch ein kleines Loch von der anderen Seite in sie hinein. Befriedigend ist keine der beiden Varianten - und gerecht auch nicht. Es stimmt: Es gibt tatsächlich nur eine Welt. Und wir sind immer noch weit davon entfernt, sie so zu gestalten, wie sie uns gefällt.

In einem Text zu seiner Ausstellung I miss Socialism, maybe in Bejing im Herbst 2010 schreibt Solakov: "Ich vermisse die Augen des ‚Big Brother'. Warum? Weil meine Freunde und ich früher davon träumten, wie schön es wäre, wenn sie für immer verschwunden wären. Natürlich, jetzt sind sie weg, aber sie wurden ersetzt durch sehr viel zahlreichere, wenn auch nicht ganz so große Augenpaare, die einen - als Bürger eines demokratischen Landes - beobachten und die versuchen, einem Dinge wegzunehmen, die früher automatisch dem ‚Big Brother' gehört hätten. Jetzt aber soll man sie freiwillig abgeben." Es ist eine spezifische Art von "Traurigkeit" und "Ernsthaftigkeit" gegenüber einer Ausweglosigkeit der Welt, die hier zum Ausdruck kommt und die viele der im ersten Moment luftig-humorvollen Arbeiten Solakovs durchdringt: eine Art, sich zu den Dingen und Zuständen zu verhalten und über sie zu sprechen, die weder ironisch noch ernsthaft ist, sondern irgendwo dazwischen angesiedelt ist; eine Art, die gleichzeitig leicht und unglaublich schwer ist und eine Lockerheit besitzt, die man sich erst hart in den Niederungen des Lebens erarbeiten muss - kurz: Lakonie.

Diese Traurigkeit und das Gefühl von Verlust durchdringt auch die Serie Murmurings (2007), die ebenfalls auf Solakovs Etage in den Deutsche Bank-Türmen zu sehen ist. Es geht um die Aushöhlung der Sprache, um eine globalisierte Welt, in der Dinge und Wörter zunehmend ihre Eindeutigkeit verlieren. So ist auf einer Zeichnung in Großbuchstaben der Ausruf WOW zu sehen. In einer Kultur, in der diese Abkürzung sowohl für World Of Warcraft oder Women Online Worldwide stehen kann, hat WOW diese Beliebigkeit satt. In Solakovs Version möchte es die Bezeichnung für die spontane Manifestation freudiger Überraschung selbst ändern. Deshalb findet sich unter der Zeichnung das Statement, dass sich dieser Ausruf ab sofort nicht mehr von der gewohnten Buchstabenfolge vertreten lassen möchte. Als Alternative zu WOW wird der Zungenbrecher CHFUSR vorgeschlagen. Typisch Solakov: Mit subversivem Humor sabotiert er alle möglichen Formen der Repräsentation.

Auch wenn die Arbeiten Solakovs formal höchst verschieden sind, liegt ihnen immer dieses lakonische Hinterfragen des Status quo zu Grunde. Eine Lakonie, die dafür verantwortlich ist, dass es Solakov in seinen Zeichnungszyklen gelingt, noch für die abgeschmacktesten Erzählungen ein erneutes Interesse zu wecken, einfach dadurch, dass er sie genauso nennt, nämlich Well known Stories (1992-95). Derselbe abgeklärte und böse Witz offenbart sich, wenn er für seine Arbeit A Life (black & white), die er seit 1998 immer wieder aufgeführt hat, zwei Menschen für die gesamte Dauer der Ausstellung einen Raum streichen lässt. Während die eine Hälfte des Raums geschwärzt wird, wird die andere weiß bemalt. Am darauffolgenden Tag tauschen beide Maler ihre Seiten, das Weiß wird Schwarz, das Schwarz wird wieder Weiß. Das Spiel ist potentiell endlos, begrenzt allein durch die Ausstellungsdauer. Alles ist dabei akribisch festgelegt, bis hin zur ausgedehnten Mittagspause und nicht ganz so langen Zigarettenpausen. Eine moderne Variante des Sisyphos-Mythos. Solakov spielt Gott und hat seinen grausamen Spaß dabei - und präsentiert seinen Zynismus doch irgendwie charmant.

Es ist eine Aktion, deren Nutzlosigkeit und Willkür von jedem Pinselstrich tropft. Schwarz oder Weiß, A oder B sind austauschbar, keine Möglichkeit ist besser oder schlechter als die andere. Das Leben, so könnte man meinen, ist der Willkür der Götter oder einfach nur den gemeinen Regeln menschengemachter Systeme unterworfen. Vielleicht ist es auch, um in die Türme der Deutschen Bank zurückzukehren, nur ein verschwindend kleiner Fliegenschiss auf einer Blümchentapete. Eine jener Tapeten und Denkmuster, mit denen die endlosen Gänge dieses (und jedes anderen) Universums tapeziert sind. Vielleicht ist dieses Leben genauso verloren und nichtig wie die Leben aller Anderen - seien es erschrockene Investoren oder niedliche Außerirdische von der Vier-Hände-Vier-Beine-Halber-Penis-Rasse. Das Leben, um es kurz zu machen, ist ein absurder Witz, aber - immerhin ein Witz.




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