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Yto Barrada: Riffs
Die "Künstlerin des Jahres" 2011 im Deutsche Guggenheim


Die Wahl Yto Barradas zur "Künstlerin des Jahres" 2011 repräsentiert wichtige Schwerpunkte des Kunstengagements der Deutschen Bank: Internationalität, Diversität, die Verbindung von künstlerischen Fragestellungen mit sozialen Themen. Die Deutsche Bank hat mit Yto Barrada eine Künstlerin ausgezeichnet, die sich in ihrem Werk seit über einem Jahrzehnt intensiv mit den politischen und sozialen Realitäten in Nordafrika auseinandersetzt. Das Deutsche Guggenheim präsentiert vom 15. April bis zum 19. Juni 2011 exklusiv Barradas Fotografien, Filme und Skulpturen in der Ausstellung "Riffs". Ausgewählt wurde die in Tanger lebende Künstlerin auf Empfehlung des Deutsche Bank Global Art Advisory Council, zu dem die renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Nancy Spector gehören. Mit der Auszeichnung „Künstler des Jahres“ ehrt die Deutsche Bank junge Künstler, die bereits ein außergewöhnliches Werk geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine wichtige Rolle spielen.


Seit Ende der 1990er Jahre bildet ihre Heimatstadt Tanger das künstlerische Experimentier- und Recherchefeld für Yto Barradas Foto- und Videoinstallationen, Skulpturen und Interventionen, von denen nun die Ausstellung Yto Barrada: Riffs im Deutsche Guggenheim als erste große Einzelschau der Künstlerin in Deutschland einen Eindruck gibt. International bekannt wurde Barrada vor allem durch ihre fotografische Arbeit, die die Mittel der Dokumentarfotografie nutzt, um eine völlig neue, eigenständige Form politischer Kunst zu etablieren.

Welche Stimmung herrscht in einem Land, in dem sich gerade die junge Generation verzweifelt nach Freiheit, Arbeit und Wohlstand sehnt? Diese Frage stand am Anfang von Barradas 1998 begonnener und bis 2004 weitergeführten Serie A Life full of Holes: The Strait Project, die sich mit der besonderen politischen und psychosozialen Situation in Tanger auseinandersetzt und Barrada international bekannt machte. "The Strait" bezeichnet die Meerenge zwischen Afrika und Europa. Nur 13 Kilometer Luftlinie trennen hier Marokko und Spanien. Doch seitdem 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet wurde und Europa seit 1991 eine gemeinsame Grenze hat, die Marokkaner ausschließt, bildet die Straße von Gibraltar ein unüberwindliches Hindernis für Tausende von Einheimischen und Migranten aus anderen afrikanischen Staaten.

Mit dem Strait Project nähert sich Barrada der Stadt und ihren Bewohnern an und zeigt sie gefangen in einem permanenten Wartezustand. Sie entwickelt dabei eine Fotografie des Ephemeren und der Peripherie. Sie zeigt keine dramatischen Ereignisse, keine verzweifelten Menschen, keine Gewalttätigkeiten, sondern kaum beachtete, unspektakuläre Aspekte des Lebens in der Stadt: Brachen, halb fertiggestellte Siedlungen am Stadtrand, Fabrikhallen, plakatierte Wände, Reste von Vegetation, spielende Kinder – und immer wieder Figuren, die der Kamera den Rücken kehren. So blicken auf ihrer in der Sammlung Deutsche Bank vertretenen Belvedere-Serie (2001) Menschen von einer Kaimauer auf das offene Meer – ein Motiv, das an romantische Landschaftsmalerei, aber auch an die Sehnsüchte, die nicht erfüllten und aufgeschobenen Erwartungen der Porträtierten denken lässt.

Barrada wurde 1971 in Frankreich geboren und wuchs in Tanger und Paris auf, wo sie an der Sorbonne Geschichtswissenschaften und Politologie studierte. Im Anschluss ging sie ans International Center of Photography in New York. Die Arbeit an den Fotografien zu ihrem Strait Project entstanden also in einer ebenso privilegierten wie paradoxen Situation. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Landsleute konnte Barrada frei ein- und ausreisen und Marokko aus einer Innen- und Außenperspektive betrachten. In diesem Sinne fokussieren sich ihre Werke nicht nur auf die Sehnsucht der Bewohner Tangers, in Europa Arbeit und Wohlstand zu finden, sondern auch auf den eurozentrischen Blick auf Nordafrika.

Das Bild Marokkos in den westlichen Medien ist von Exotismus bestimmt, vom Mythos um Hippies und Drogen, märchenhaften Architekturen, dem Inbegriff einer freizügigen, orientalischen Kultur. Tatsächlich sind Marokko und auch insbesondere die Küste bei Tanger Zentren einer gigantischen Tourismusbranche, die hier gerade dabei ist, eine neue Version der Costa del Sol zu etablieren. Während die globale Gesellschaft zunehmend touristisch wird und von einer permanenten Bewegung kultureller und nationaler Identitäten gekennzeichnet ist, kommen in Tanger zu den Reisebeschränkungen für einen Großteil der Bevölkerung auch die verheerenden Spuren hinzu, die der boomende Tourismus und die damit verbundene Bauindustrie hinterlassen.

In ihren Serien wie dem Projekt Iris Tingitana (2007) oder Red Walls (2006) setzt sich Barrada mit der Umweltzerstörung und der ökologischen und gesellschaftlichen Homogenisierung der Stadt und der sie umgebenden Naturräume auseinander. Sie tut dies ganz ohne demonstrative Zuspitzungen. Mit derselben Sensibilität, mit der sie Menschen auf ihren Bildern begegnet, widmet sie sich in ihrer Landschafts- und Architekturfotografie scheinbar beiläufigen Details, die der breiten Aufmerksamkeit meistens entgehen: dem Zusammenspiel von Brachflächen und Hauswänden, der Konstellation von Passanten, Autos oder Baugerüsten. Die Stadt und die Landschaft, das können bei Barrada Zustand oder Zeichen sein, Fakt oder Fiktion.

Während ihre klaren, gestochen scharfen Fotografien von verfallenden Club Med-Hotels, verlassenen Parkplätzen, einsamen Palmen in frisch hochgezogenen Hotelanlagen oder den Gebirgsketten des Rif eine gewisse Härte vermitteln, öffnen sie zugleich die Imagination des Betrachters: "Was mich auch interessiert, ist die Geste des Ungehorsams. Sie beinhaltet die Perspektive für eine Aktion. Wir haben uns an dieser interessanten Stelle zwischen Poesie und Politik angesiedelt. Das ist der Platz, an dem ich arbeiten will. Ich vermittle Information, aber ich bin keine Journalistin. Ich vermittle poetische Dinge, bin aber auch keine Dichterin. Meine Arbeit ist an der Peripherie dieser Bereiche angesiedelt." Barrada erhebt sich nicht über ihr fotografisches Subjekt, sondern zeigt es aus einer ebenso vertrauten wie respektvollen Perspektive. Dabei geht es ihr auch um die Auseinandersetzung mit dem kollektiven Bildgedächtnis, dem Verschwinden von fotografischer und filmischer Erinnerung und der zunehmenden Homogenisierung der visuellen Kultur. Dem trat sie auch mit einer ganz konkreten Aktion entgegen: 2005 war sie Mitbegründerin der Cinémathèque de Tanger, deren Direktorin sie seitdem ist.

Das Engagement für das Kino klingt auch im Titel der Ausstellung Yto Barrada: Riffs im Deutsche Guggenheim an. Dabei verweist Riffs ebenso auf die sich wiederholende Ton- und Akkordfolge in der Rock- und Popmusik, wie auf das Rif-Kino in Tanger, in dem die Cinémathèque beheimatet ist, und die gleichnamige Gebirgskette in der Nähe der Stadt, deren seltene Pflanzenwelt zunehmend in Gefahr gerät. So kann der Besucher der Ausstellung im Studio des Deutsche Guggenheim eine Reihe von Filmen sehen, zu denen auch Beau Geste (2009) gehört. Er zeigt ein von der Künstlerin angeheuertes Team, das in einem Akt des Guerilla-Gärtnerns eine verletzte Palme auf einer Brache pflegt, die einem geplanten Neubauprojekt weichen soll.

Die "illegale" Aktion findet am helllichten Tag statt, wobei Barrada die Kommentare der Passanten festhält. Hierbei geht es ihr nicht lediglich um ein praktikables ökologisches Statement, sondern auch um die Möglichkeit des Scheiterns dieses fast aussichtslosen Unterfangens – um die Schärfung des Bewusstseins für die Gefahr des Verschwindens von natürlichen und sozialen Lebensräumen, die der um sich greifenden Bauspekulation zum Opfer fallen. Barrada spricht damit ein Phänomen an, das sogenannte Schwellenländer auf der ganzen Welt betrifft. So wie ihre Fotos zugleich als Bild der Realität wie als Metapher für einen gesellschaftlichen Zustand gelesen werden können, ist auch das immer wieder in ihrem Werk erscheinende Motiv der Palme mehrdeutig: Symbol für Exotik und Sehnsucht, Symptom von Standardisierung in der urbanen Begrünung, existenzieller Ausdruck für Überlebenswillen.

Zugleich erscheint der Baum in der Skulptur Palm Sign (2010) als von Glühbirnen erleuchtetes, comicartiges Logo. Gerade weil sie so widerstandsfähig sind, bilden Palmen eine praktische Lösung zur Begrünung von Neubauprojekten, die die ursprüngliche Vegetation zerstören. Diese dialektische Sicht findet sich auch in einer anderen Arbeit Barradas: Gran Royal Turismo (2003) erinnert an eine Modelllandschaft für Miniatureisenbahnen und ist eine bitterböse Parabel auf die Gentrifizierung Marokkos. Wann immer die drei Spielzeugautos für offizielle Besucher an bestimmten Punkten vorbeifahren, wird das Land aufgepeppt: Mini-Palmen schießen aus dem Boden, rote Teppiche rollen über die Fahrbahn, Fassaden werden saniert, marokkanische Fahnen wehen im Wind. Nachdem die Autos weitergefahren sind, ist der Spuk vorbei – alles wird wieder eingeklappt. Riffs gibt ein vielschichtiges, komplexes Bild des heutigen Marokko und fordert dabei ohne jede Sentimentalität das Mitgefühl des Betrachters heraus, das vielleicht auch zum Umdenken und Handeln führen kann. Yto Barrada ist Aktivistin und ihre Arbeit immer durch eine Konstante bestimmt: die Solidarität mit dem Schwachen, dem Fragilen, dem vom Verschwinden Bedrohten.

Deutsche Bank präsentiert den "Artist of the Year" 2011
Yto Barrada: Riffs

15. April – 19. Juni 2011
Deutsche Guggenheim, Berlin




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