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Carlos Garaicoa
Ruinen der Zukunft


Das Scheitern politischer Ideale äußert sich für Carlos Garacoia am deutlichsten in der Architektur. Seit Anfang der 1990er Jahre untersucht er in seiner Heimatstadt Havanna und in Projekten rund um die Welt Gebäude als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Mit seinen Fotoserien und Installationen schafft er eine kritische Archäologie der Städte. Achim Drucks über Garacoias Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank.


La Republica, La Epocha, El Arte – die alten Warenhäuser und Geschäfte in Havanna trugen klangvolle Namen. Diese historischen Bauten, die Carlos Garaicoa auf seinen Schwarz-Weiß-Fotografien festgehalten hat, zeugen von den Glanzzeiten der kubanischen Hauptstadt. Seit Beginn der Prohibition in den USA 1919 war Havanna ein beliebtes Reiseziel für amerikanische Touristen, die sich in den zahlreichen Nachtclubs vergnügten. Und als bedeutendster Zuckerexporteur zählte Kuba zu den wohlhabendsten Staaten Lateinamerikas, wovon auch die Prachtbauten im ehemaligen "Paris der Karibik" künden. Die Dekaden zwischen der Befreiung Kubas von der spanischen Herrschaft 1898 und dem Sieg der Revolutionäre um Fidel Castro 1959 waren zugleich eine Ära, in der sich die Unterdrückung durch die Kolonialherren unter anderen Vorzeichen fortsetzte: Zunächst wurde die Insel von den USA besetzt, die dort eine Pseudo-Republik installierten, dann regierten die Diktatoren Machado und Batista.

Die Geschäfte auf den Fotografien zeigen nicht nur "die ehemalige Herrlichkeit der luxuriösen und ’konsumistischen’ Vergangenheit Kubas", so Garaicoa. Die Bauten stehen auch für "den harten Kontrast zu den weniger glücklichen Lebensumständen um sie herum". Doch die Arbeiten aus der zehnteilige Serie Frases/ Phrases (2009), die im Rahmen des neuen Kunstkonzepts in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen zu sehen ist, sind viel mehr als nur Aufnahmen, die an vergangene Zeiten erinnern und dabei zugleich den aktuellen desolaten Zustand dieser Bauten dokumentieren. Garaicoa hat die Namen der Geschäfte mit eigenen Worten ergänzt – mit fast durchsichtigen, wie von Geisterhand geschaffene Lettern: la epocha erweitert er zu "a miseria/ es igual/ esta/ la epocha" – das Elend ist dieser Epoche gleichgültig. Loceria La Republica, den Namen eines Geschäfts für Küchenbedarf, verwandelt er in "Groceria La Republica/ Vulgaridad/ La Independencia/ Cinismo/ La Libertad" – Die flegelhafte Republik/ Vulgarität/ Die Unabhängigkeit/ Zynismus/ Die Freiheit. Politisch besetzte Begriffe wie "Revolucion" sind zu lesen, aber auch "o un suave beso" – oder ein sanfter Kuss. Garaicoas Frases erscheinen wie komprimierte Gedichte, die Geschichte und Gegenwart seiner Heimatstadt ebenso reflektieren wie seine privaten Gefühle.

Garaicoa, geboren 1967, wächst in einer Zeit auf, in der von der Aufbruchstimmung nach der Revolution nicht mehr viel zu spüren ist. Der einzige sozialistische Staat des amerikanischen Kontinents befindet sich, auch auf Grund des Embargos der USA, schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer schwierigen Wirtschaftslage. Der Wegfall des wichtigsten Handelpartners führt dann 1991 zu einer ökonomischen Krise, die bis heute andauert. Der traurige Zustand vieler Bauten erscheint dabei symbolisch für das Scheitern der kommunistischen Ideologie und der damit verbundenen Träume von einer besseren, gerechteren Zukunft. Diese "Ruinenlandschaften", die es in ähnlicher Form auch in anderen (post-)sozialistischen Staaten gibt, bilden den Ausgangspunkt für viele von Garaicoas Werken, so auch sein documenta-Projekt Continuidad de una arquitectura ajena (2002). Diese Zeichnungen, Modelle und Fotografien drehen sich um die Bauten der "Sozialen Mikrobrigaden" – Baugruppen, die in Eigeninitiative Häuser errichten, um so der anhaltenden Wohnungsnot entgegenzuwirken. Doch aufgrund der ökonomischen Lage wurden viele dieser Häuser, die der opulenten Kolonialarchitektur eine demonstrative Modernität entgegengestellt hätten, nie fertig gestellt.

"In Havanna und in anderen kubanischen Städten, existieren neben den idyllischen und nostalgischen Ruinen aus der Kolonialzeit und der ersten Republik auch die Ruinen eines zunichte gemachten politischen und sozialen Projekts", erklärt Garaicoa in seinem Artist’s Statement zu dieser Arbeit. "Bei der Begegnung mit diesen Gebäuden entsteht ein seltsames Gefühl, denn sie sind nicht die Ruinen einer glanzvollen Vergangenheit, sondern einer unfähigen Gegenwart. (…) Ich bezeichne sie als Ruinen der Zukunft." Diese "einstürzenden Neubauten" und der marode Zustand vieler historischer Gebäude setzen der staatlichen Ideologie des sozialen Fortschritts die bittere Realität des Faktischen entgegen. Bei dem documenta-Projekt ging es Garaicoa aber um mehr als nur die Auseinandersetzung mit einer gescheiterten Utopie. Als Künstler wollte er der Realität etwas Hoffnungsvolles entgegensetzen. In Archiven ging er auf die Suche nach den alten Plänen und "vollendete" die Projekte: Garaicoa ließ auf den ursprünglichen Entwürfen basierende Modelle realisieren. Und auf den Fotografien der realen Gebäude spannte er zwischen kleinen Nägeln dünne Fäden, die die Aufnahmen wie ein Spinnennetz überlagern und die nicht realisierten Gebäudeteile ergänzten. Die Architektur und ihre Geschichte werden im Imaginären weitergedacht.

Diese Technik verleiht zugleich zahlreichen seiner Fotoarbeiten eine ganz eigene Ästhetik. Die Fäden schweben direkt über dem Bildgrund und erzeugen feine Schattenlinien auf den Fotografien. Dieses dreidimensionale, je nach Blickwinkel des Betrachters manchmal fast unsichtbare Element erzeugt eine zweite Bedeutungsebene zwischen Pragmatismus, Politik und Poesie. Die Fäden ergänzen auf einigen Arbeiten ganz einfach das, was einmal vorhanden war – etwa wenn Garaicoa bei zerstörten historischen Bauten den ursprünglichen Zustand rekonstruiert. Oder die Fäden stehen für das, was nie realisiert wurde, wie bei den Wohnhäusern der "Sozialen Mikrobrigaden". Bei seinen unbetitelten Arbeiten aus der Serie Pájaros/ Birds (2006), die ebenfalls in den Deutsche Bank-Türmen präsentiert werden, verbinden sie die Silhouetten von Vögeln, die über einer Müllkippe bei Madrid kreisen. Die Fäden formieren sich zu geometrischen Mustern, die an Sternenbilder denken lassen. Das verleiht der Fotoserie eine fast kosmische Dimension. Und die steht wiederum im größtmöglichen Gegensatz zu den Abfallmassen, über denen die Vögel ihre Bahnen ziehen.

Garaicoa gleicht einem Flaneur, der sich durch urbane Areale bewegt, immer wieder neu auf die empfangenen Eindrücke reagiert und sie in seine Arbeiten einfließen lässt. Sein Fokus und das Repertoire der verwendeten Medien haben sich dabei beständig erweitert. Die Werke, die nach dem Abschluss am Instituto Superior de Arte in Havanna 1994 entstanden, kreisten zunächst um die Situation in seiner Heimatstadt, wobei er vor allem mit Fotografie arbeitete. Während eines Kuba-Besuchs anlässlich der Havanna-Biennale wurde Holly Block auf den Künstler aufmerksam. Die damalige Direktorin des in Manhattan angesiedelten Ausstellungsraums Art in General kuratierte 1996 sein Ausstellungsprojekt When a Desire Resemble Nothing. Block organisierte 2003 auch die Schau Dreamspaces/ Entresuenos in der Lobby Gallery der Deutschen Bank New York. Sie vereint mehr als zwanzig Arbeiten lateinamerikanischer Künstler. Die Erfahrung, sich zwischen Traum und Tagtraum zu bewegen, dient ihnen als Grundlage für Reflexionen über kulturelle Identität, urbane Architektur und utopische Gesellschaftsformen. Auch Garaicoa war hier vertreten. Sein Projekt für Art in General setzte sich anhand von Fotografien, Wandzeichnungen und Objekten mit den Gemeinsamkeiten zwischen Havanna und New York auseinander. Seitdem hat Garaicoa an zahlreichen wichtigen internationalen Ausstellungen teilgenommen wie der von Okwui Enwezor geleiteten documenta XI (2002), der Biennale in Venedig (2005/ 2009) oder der 3. Guangzhou Triennale (2008). Die Auseinandersetzung mit dem urbanen Raum und Architektur bleibt das zentrale Thema im Werk des Künstlers.

Doch Garaicoa entwickelt dabei kontinuierlich neue formale Ansätze. Für die von Jan Hoet 2002 organisierte Sonsbeek Public Art Exhibition in Arnheim entwarf er ein aus brennenden weißen Kerzen gefertigtes Modell der niederländischen Stadt, das im Laufe der Ausstellung schmolz. Die in einer Kirche installierte, Now Let’s Play to Disappear (II) betitelte Arbeit erinnerte an die Bombardierungen Arnheims im 2. Weltkrieg. Die schleichende Zerstörung von Architektur thematisierte Garaicoa dagegen in der Ausstellung El Patio de mi casa, für die 2009 internationale Künstler wie Cai Guo-Qiang oder Nedko Solakov ortspezifische Arbeiten für historische Innenhöfe in Cordoba realisierten: Eine Stadt aus Zucker wurde nach und nach von den in dem Patio lebenden Ameisen abgetragen. Von immensem ästhetischem Reiz sind Garaicoas aus japanischem Reispapier gefertigten, von innen erleuchteten "Gebäude" aus der Serie Nuevas arquitecturas (2003) – fragile Laternen, die sich zu einer utopischen Stadt formieren.

Schönheit und Schrecken, Aufbau und Zerstörung, Geschichte und Gegenwart – die Stadt erscheint in Garaicoas Werk wie ein Seismograf, an dem sich die gesellschaftlichen Entwicklungen und Zustände ablesen lassen. Hier kollidieren Ideologien und die Utopien der Moderne mit einer alles andere als idealen Realität, nicht nur auf Kuba. Die Architektur ist für ihn dabei von einer ganz entscheidenden Bedeutung – als "Disziplin, die eine der wichtigsten Rollen in der Gesellschaft spielt und die politisch, ideologisch und sozial alle Veränderungen und Ereignisse widerspiegelt, die den Verlauf unseres Lebens bestimmen."

Carlos Garaicoa. Fin de silencio
14. Mai – 28. August 2011
Centre d’Art la Panera, Lleida

Penelope’s Labour— Weaving Words and Images
4. Juni 2011 – 18. September 2011
Fondazione Giorgio Cini, Venedig
Weavings from the Fondazione Giorgio Cini Collection shown alongside new woven works by Azra Aksamija, Lara Baladi, Alighiero Boetti, Maurizio Cattelan, Manuel Franquelo, Carlos Garaicoa, Craigie Horsfield, Grayson Perry and Marc Quinn




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