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Es werde Licht!
Ein Rundgang durch die 54. Biennale di Venezia


Sie ist noch immer die weltweit wichtigste Kunstschau: Ganze 89 Nationen sind auf der aktuellen Venedig-Biennale vertreten. Allein 31 Nationenpavillons finden sich in den Giardini di Castello. Die von Bice Curiger kuratierte Hauptausstellung "ILLUMInazioni" präsentiert 83 internationale Künstler. Brigitte Werneburg hat sich durch den diesjährigen Kunstdschungel gekämpft.


Es scheint auch für die 54. Kunstbiennale von Venedig zu gelten: Das Beste kommt zum Schluss. Zuvor hat man die Pavillons in den Giardini absolviert und die lange Abfolge der Räume im Arsenale durchschritten, in denen die diesjährige Biennale-Leiterin Bice Curiger ihre ILLUMInazioni-Ausstellung zeigt. Man ist aus der tiefen Schwärze des Saudi-Arabischen Pavillons wieder aufgetaucht, die noch im indischen, argentinischen und kroatischen Pavillon nachwirkt. Doch dann tritt man in den lichtdurchfluteten Raum der Türkei, in dem Ästhetik, Politik und künstlerischer Mutwille aufs Schönste zusammenkommen. Die Halle wirkt großzügig und leer. Dabei verstellt eine raumgreifende Skulptur den Weg – auf den ersten Blick eine Gitterstruktur, wie sie für die Kunst, das Design, die Architektur, aber auch die technische Logistik der Moderne typisch ist. Ein wenig schaut es so aus, als habe sich ein Mondrian-Gemälde von der Wand emanzipiert und endlich den dreidimensionalen Raum erobert.

Doch bei dieser Lila, Rot, Grün und Türkis bemalten Konstruktion handelt es sich um eine ortspezifische Installation von Ayse Erkmen, die sich auf den für Venedig essentiellen Wasserkreislauf bezieht. Für ihren Plan B hat die in Istanbul und Berlin lebende Künstlerin eine Trinkwasseraufbereitungsanlage nach Venedig gebracht, deren Dimensionen sie kräftig ausdehnte und dem Raum anpasste. Die Anlage saugt nun Wasser aus dem Kanal vor dem Pavillon, reinigt es von Salz, Schmutzpartikeln und chemischen Kontaminationen bis es völlig rein ist. In diesem Zustand taugt es zum Duschen und Spülen. Werden dem Wasser dann Mineralien zugesetzt, entsteht Trinkwasser – und das leitet Erkmen wieder zurück in den Kanal. Die Auseinandersetzung mit den komplexen Beziehungen zwischen Stadt und Wasser verbindet die Biennale-Installation mit Erkmens bislang ambitioniertester Arbeit Shipped Ships, mit der die Deutsche Bank 2001 ihre Reihe Moment eröffnete. Für das Projekt ließ Erkmen drei Passagierfähren aus Venedig, Istanbul und Japan auf Containerschiffen nach Frankfurt verfrachten, wo sie auf dem Main ihren Betrieb fortsetzten.

Man könnte ihre jüngste Installation Plan B als Acte graduit, wie André Gide ihn liebte, betrachten: als willkürliche, gerne zerstörerische Handlung. Doch die Künstlerin interessiert das gewalttätige Moment der sinnlosen Tat nur sekundär. Es geht ihr nicht um einen radikalen Eingriff in den urbanen und ökologischen Raum – den die Stadt Venedig mit ihrem gigantischen und heftig umstrittenen M.O.S.E-Projekt zum Schutz vor Überflutung gleich nebenan groß plakatiert. Primär geht es Erkmen um das im lateinischen gratia anklingende Moment der Gnade, besonders aber der Grazie, die im sinnlosen Tun zum Vorschein kommt.

Ein ähnlicher Acte graduit ließe sich auch in den Wachs-Skulpturen des Schweizer Künstlers Urs Fischer erkennen, auf die man im Arsenale-Part von Curigers ILLUMInazioni stößt. Fischer hat ein lebensgroßes Porträt seines Künstlerfreundes Rudolf Stingel angefertigt und es in einen Bürostuhl gesetzt. Daneben finden sich ein einzelner Stuhl und die derzeit noch meterhohe, monumentale Nachbildung von Giovanni Bolognas manieristischer Plastik Der Raub der Sabinerinnen: Alle diese Skulpturen werden im Laufe der Biennale verschwinden, denn in ihnen brennen Dochte, die das Wachs aufzehren.

Um Licht geht es denn auch in dem Titel, den die Schweizer Kritikerin und Kuratorin am Kunsthaus Zürich für ihre Ausstellung gewählt hat. Vieles ließe sich da vorstellen: die Blitzschläge einer experimentellen Kunst, wirkliche Illuminationen und Feuerwerke à la Cai Guo-Qiang und große Brände, die vielleicht nicht immer von Bill Viola stammen müssen. Letztlich steht aber Urs Fischers harmloses, warmes Kerzengefunzel symptomatisch für Bice Curigers Schau, die sich, formal allzu stimmig, am Ende merkwürdig eintönig tot läuft.

Dagegen hilft auch Tintorettos drohender, blitzdurchzuckter Himmel nicht, wie er sich stürmisch über der Bergung des Hl. Markus auftürmt. Es ist eines der drei Gemälde des venezianischen Altmeisters, die Curiger in den Internationalen Pavillon geholt und zum Zentrum und Ausgangspunkt ihrer Schau erklärt hat. Ohne weitere Folgen. Ihre Auswahl bestimmt das Manufactum-Motto: Ja, es gibt sie noch, die gute Kunst, die wohl durchdacht und in anspruchsvoller Ausführung ohne den juwelenbestückten Knalleffekt des Kunstmarkts auskommt. Kunst die, wenn auch nicht immer komplex, stets subtil argumentiert wie Annette Kelm mit ihren fotografischen Lehrstücken des vergleichenden Sehens – falls man sie nicht als Quiz der Sorte "Suche den Fehler" missversteht.

Dennoch gibt es Entdeckungen: Song Dong etwa hat aus alten Schranktüren ein kleines Dorf gebaut, in dem Yto Barrada, die "Künstlerin des Jahres" 2011 der Deutschen Bank, mit ihrer autobiografischen Filmerzählung My Family and Other Animals sehr passend untergekommen ist. Die Installation ist ein sogenannter Parapavillon, gestaltet von einem Künstler oder einer Künstlerin und bespielt von Kollegen, die er oder sie eingeladen hat. Da bestürzen und schockieren dann Dayanita Singhs Schwarzweißaufnahmen vom grotesken Durcheinander vermeintlich geordneter Aktenberge in den Archiven von Neu-Delhi. Mit diesen Arbeiten traf der mit einem Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnete Wiener Künstler Franz West, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, für seinen Parapavillon eine exzellente Wahl. Wer in diesen Archiven eine Urkunde braucht, muss mit einer Prozedur von kafkaesken Dimensionen rechnen.

Bestürzung, Schock und Aufklärung sind sonst eher in zahlreichen Länderpavillons zu erleben. Denn auch im Raum der postkolonialen und -nationalen Kunst verflüchtigen sich die regionalen und nationalen Problemstellungen nicht, die den Künstlern ihren Stoff liefern. Curigers Versuch mit ihrem Doppeltitel ILLUMInazioni dem Biennale-Ritual entgegen zu wirken, die Nationenpavillons für obsolet zu erklären, erscheint gerade in diesem Jahr ziemlich überflüssig. Man muss nur in den ägyptischen Pavillon gehen, um zu begreifen, wie wichtig diese Plattform sein kann. Auf dem fünfteiligen Video Screen mischt die Kuratorin Aida Eltorie Bilder einer Performance von Ahmed Basiony mit seinen Aufnahmen von den Protestierenden auf dem Tahirplatz in Kairo. Am 25. Januar ging der bekannte Medienkünstler, in ein spezielles Outfit gekleidet, zum ersten Mal auf diesen Platz. Nur drei Tage später, am 28. Januar, wurde er dort von Scharfschützen erschossen.

Der Wettstreit der Nationen, wie ihn die Biennale 1894 für die Kunst ausrief, ist längst passé. Der diesjährige Goldene Löwe geht nicht an Deutschland, sondern an die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. Zu diesem Fremden in ihm gehört auch das Deutsche oder, wie 2008 im Interview geäußert, "ein bisschen Hitler", versteht man Kirchengründer Christoph Schlingensief richtig. Wie der ägyptische ist auch der deutsche Pavillon ein posthumes Vermächtnis. Seine Kuratorin, Susanne Gaensheimer, Direktorin des Frankfurter MMK, und Aino Laberenz, die Witwe Schlingensiefs, haben die Kirche, die von der letzten Ruhrtriennale stammt, um zwei Seitenschiffe ergänzt. Hier sind rechts Schlingensiefs Filme und links die Planungen für das Operndorf in Ouagadougou, Burkina Faso zu sehen. Seine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir bleibt ein Bühnenbild, in dem Filme und Requisiten gesammelt und aufbewahrt werden. Man muss sie deshalb nicht gleich mit Reliquien verwechseln. Es bräuchte einiges mehr als die – von ihm selbst ja auch schon benutzten – roten Kirchenlichter, um dieses Werk feierlich ruhig zu stellen in seiner grundlosen, grandiosen Zuversicht. Einer Zuversicht wie sie auch Christian Boltanski, im französischen Pavillon gegenüber, gerne verbreiten möchte – und sie doch nur, mit Hilfe einer riesigen Bildertransportmaschine, mühsam simuliert.

Die Orgeltöne, die in den Giardini zu hören sind, stammen freilich nicht aus Schlingensiefs Kirche, sondern aus dem US-amerikanischen Pavillon. Dort erklingen sie, sobald der Geldautomate benutzt wird, der hier das Fremde in der Orgel ist. Ein derber, böser Scherz des kubanisch-amerikanischen Künstlerpaars Allora & Calzadilla, das in den anderen Räumen die Komfort-Schlafsessel aus der Businessclass von Delta und American Airlines nachgebaut hat. Auf ihnen absolvieren einst erfolgreiche Olympioniken allerlei sportliche Übungen. Dazu gehört auch der Sprint auf dem Laufband, das auf den Panzer montiert ist, den die Künstler vor dem Pavillon wie einen Käfer auf den Rücken gelegt haben. So kann sich die Panzerkette durch den Laufbandsprint lautstark in Bewegung setzen. Dort, wo die Nation angerufen wird, scheinen Allora & Calzadilla uns warnen zu wollen, verausgaben wir uns, statt für unser Land, doch nur für unsere Business Class.

In seiner bekannten Art verausgabt hat sich Thomas Hirschhorn im Crystal of Resistance betitelten Pavillon der Schweiz. Großen Werbedisplays für das iPhone hat er Geschwüre aus kleinen Mobiltelefonen angeklebt, die auch zu Hunderten die allgegenwärtigen Plastikstühle überziehen. Fitnessgeräte sonnen sich im Glanz ihrer zweiten Haut aus Aluminiumfolie, während an Schnüren, die durch die Glitzergrotte gespannt sind, Folterfotos wie Wimpel flattern. Am meisten bleiben in diesem "kritischen Körper", zu dem sich die wilde Installation nach Hirschorn Wunsch fügen soll, die mit braunem Paketband zu Dönerspießen zusammengerollten Orientteppiche im Gedächtnis haften. Das Bild sitzt, auf vertrackt klischeebeladene Weise.

Als wilder, kritischer Körper, das muss man zugeben, tritt dann auch der italienische Pavillon auf – wenngleich in vollkommen reaktionärer Stoßrichtung. 240 italienische Prominente, darunter auch eine Reihe Denkerstars der Linken, bat der rechtspopulistische Kurator Vittorio Sgarbi darum, ihre Künstler für den Pavillon auszusuchen, in der Gewissheit, mit dieser Auswahl die sogenannte Kunstmafia aus Kritikern und Kuratoren zu düpieren: L’arte non è cosa nostra. Nein, dieser Flohmarkt aus ausgestopften Eisbären und Pseudo-Dalís ist Niemandes Sache, auch wenn es erhellend wirkt, Mario Botta, Sir Norman Foster, Claudio Magris oder Dario Fo plötzlich so nackt dastehen zu sehen.

Eine solche krause Schau hätte man höchstens bei den sogenannten Kollateralveranstaltungen vermutet. Doch damit liegt man bei den meisten der Sonderausstellungen falsch. Future Pass etwa spürt mit über 100, vorwiegend asiatischen Künstlern der digitalen Zukunft der Kunst im 21. Jahrhunderts nach. Für diejenigen, die gerade noch vor Tintoretto verharrten, sehen diese Arbeiten natürlich sehr fremd, sehr glatt und sehr eklektizistisch aus. Doch gleichzeitig berührt einen in diesem Hochglanzuniversum von Manga und Anime Yoshitomo Naras glotzäugiges Mädchen mit dem kleinen Haus auf dem Kopf ganz besonders stark. Die Farben auf Naras Gemälde Home sind stumpf genug, um stutzig zu machen. Diese Protagonistin schaut man sich ein zweites Mal an. Der trotzige Punk im verlassenen Kind könnte in Cao Feis RMB City unterwegs sein, dem berühmten Second Life-Projekt der Pekinger Künstlerin. In ihm nimmt sie die Stadt unserer Zukunft vorweg, die sofort den Wunsch nach einem wahren Zuhause weckt. Nach regenerativer Energie, gesunder Nahrung und sauberem Wasser. Das haben wir uns – dank Ayse Erkmen – eben wie das kleine Haus in den Kopf gesetzt.

54. Biennale in Venedig
04.06. - 27.11.2011




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