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Jakub Julian Ziolkowski
Im Wunderland der Obsessionen


Er ist einer der jüngsten Künstler in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen und gerade seine Bilder setzen sich radikal vom aktuellen konzeptuellen Malereibegriff ab. Stattdessen verschmelzen auf Jakob Julian Ziolkowskis surrealen Szenarien persönliche Ängste und Obsessionen mit Motiven aus der Kunstgeschichte. Achim Drucks begibt sich auf eine Expedition durch Ziolkowskis halluzinogenes Universum.


Ein Schlag ins Gesicht von Minimalismus und kühl kalkulierter Konzeptkunst – Exzess statt less is more. Jakub Julian Ziolkowskis grotesker Bilderkosmos quillt schier über von Totenschädeln, Blüten, Zauberzylindern. Der Maler lässt Armeen von Miniatursoldaten und Käfern aufmarschieren, Spinnweben und andere Geflechte überziehen ganze Leinwände. Ziolkowskis Werke gleichen Biotopen, in denen die Motive ein befremdliches Eigenleben führen. Körper verlieren ihre Form, verschmelzen miteinander oder kehren ihr Innerstes nach Außen. Sein Gemälde Clash (2010) zeigt den gewaltsamen Zusammenprall eines Mannes mit einer Frau, bei dem ihre Köpfe zerplatzen. Das Fleisch der beiden monumentalen nackten Figuren hängt in Fetzen und gibt den Blick auf die Knochen frei. Der Kampf der Geschlechter wie aus einem Splatterfilm.

Auf einem 2008 entstandenen Selbstporträt sieht man den Künstler als bebrilltes Skelett mit qualmender Kippe im Mundwinkel. Ein Gewirr aus weißen Arterien durchzieht das Knochengerüst, überall sprießen Pflanzen: Tod und Zerfall schaffen die Grundlage für neues, wucherndes Leben. Der Kopf erscheint besonders fruchtbar zu sein – hier grünt es am stärksten. Ein rotes Objekt, das aus dem Gras hervorlugt, erinnert an einen Fliegenpilz, dessen Wirkstoffe schon den Schamanen als Halluzinogen dienten. Er komme allerdings, versichert Ziolkowski in einem Interview mit dem amerikanischen Modemagazin W, bei seiner Arbeit ganz ohne solche Stimulanzien aus. Ebenso verzichtet er auf vorbereitende Skizzen oder Fotovorlagen und setzt ganz allein auf die Kraft seiner Imagination. Eine Methode, die an die Écriture automatique der Surrealisten denken lässt. Chaotisch und intuitiv – so beschreibt er den Entstehungsprozess seiner bizarren Visionen. Kunst zu machen sei für ihn zwar keine Therapie, doch führe die Arbeit schon zu einer "emotionalen Durchlüftung" des eigenen Kopfes. "Malerei ist eine verrückte Maschine, die sich selbst antreibt", erklärt der Künstler. "Und je schneller sie wird, desto unberechenbarer werden die Entscheidungen und unkonventioneller die Ergebnisse."

Diese unkonventionellen Ergebnisse haben den 1980 geborenen Polen schnell in die Riege der Jungstars der internationalen Kunstszene katapultiert. 2005 schloss er sein Malereistudium an der Jan Matejko Kunstakademie in Krakau ab und schon im gleichen Jahr stellte ihn mit der Warschauer Fundacja Galerii Foksal eine der profiliertesten polnischen Galerien für Gegenwartskunst in einer Soloschau vor. Schnell folgten Einzelausstellungen bei Hauser & Wirth in London und Zürich. Ziolkowskis Gemälde galten als einer der Höhepunkte der viel diskutierten Generationenschau Younger than Jesus, die 2009 im New Museum, New York, zu sehen war. Und in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist seinen Papierarbeiten jetzt eine ganze Etage gewidmet.

Der Erfolg Ziolkowskis erstaunt, hebt sich sein Werk doch radikal von den Positionen ab, die das damalige Bild der polnischen Gegenwartskunst geprägt haben. 2005 vertrat etwa Artur Zmijewski das Land auf der Venedig-Biennale – ein Video-Künstler, der für einen konfrontativen, politisch engagierten Kunstbegriff steht. Monika Sosnowskas Skulpturen setzten sich mit dem post-kommunistischen Erbe der Moderne auseinander und beim Thema Malerei dachte man zuerst an die konzeptuelle Neo-Pop-Art von Wilhelm Sasnal oder Rafal Bujnowski, die mit ihren reduzierten Bildern auf Alltagsobjekte, private Schnappschüsse oder die Images der Massenkultur rekurrieren. Ziolkowskis obsessives, sehr persönliches Werk wirkte in diesem Kontext wie ein bizarrer Fremdkörper. Doch er stand nicht allein: Auch Tomasz Kowalski knüpfte mit seinen Gemälden an surreale Strömungen, Outsider Art und Einzelgänger der polnischen Kunstgeschichte an – wie beispielsweise S. I. Witkiewicz. Der 1939 verstorbene Maler, Schriftsteller und Philosoph schuf seine Bilder mit ihren verzerrten Figuren und sich auflösenden Formen bevorzugt unter Drogeneinfluss.

Ziolkowskis Bildermaschine wird von den unterschiedlichsten Künstlern und Einflüssen angetrieben. Auf den Gouachen in der Sammlung Deutsche Bank finden sich ebenso die dunklen Umrisse und grobschlächtige Formen des Spätwerks von Philip Guston wie Anklänge an Picasso, Cartoons oder Kinderbuchillustrationen. Die Vorliebe für Skelette teilt er mit James Ensor, die absurden Kreaturen lassen an Hieronymus Bosch denken. Seine Farbpalette reicht von fahlen Tönen, die an die Ära des real existierenden Sozialismus erinnern, bis zu den Knallfarben von Kaugummis und Plastikspielzeug. Häufig lässt er Figuration, Abstraktion und Ornamentik miteinander kollidieren. Ziolkowski wühlt in den Eingeweiden der Kunstgeschichte und verbindet seine Fundstücke mit Visualisierungen eigener Ängste und Erfahrungen. Das können persönliche Tragödien wie der Krebstod seiner Mutter sein, aber auch Reisen durch Vietnam oder sein Faible für den James Bond-Darsteller Timothy Dalton, der auf einem Gemälde zu Timothy Galoty mutiert, den Sänger der fiktiven Band Dead Brains. Galotys Hirn ist allerdings alles andere als tot. Quicklebendig hat es den Kopf des Musikers gesprengt und erwidert mit seinen weißen Augäpfeln den Blick des Betrachters.

Der Körper ist Ziolkowskis zentrales Thema – kein Wunder, ist er doch der Sohn eines Ärztepaares. Medizinische Bücher mit ihren verstörenden Abbildungen haben ihm schon früh vor Augen geführt, was sich unter der Haut abspielt. Und so zeigt er auf seinen Bildern immer wieder Knochen, Muskeln, Arterien. Der Blick ins Innere des Körpers zeugt auch von massiven Zweifeln an der Konsumgesellschaft mit ihren makellose Oberflächen. In Zeiten von computergenerierter Perfektion, Botox-gestraffter Haut und dem Wahn ewiger Jugend zeigt er, was unter dem Waschbrettbauch, in den Eingeweiden, vor sich geht. Immer wieder thematisiert er das Organische, den Kreislauf des Lebens, Tod und Verfall. Doch die Auseinandersetzung mit diesen grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz erfolgt mit einem makaberen Humor, der schon die mittelalterlichen Totentänze auszeichnete. So windet sich auf Oesophagus (2008) – das Gemälde verdankt seinen Titel dem medizinischen Fachterminus für Speiseröhre – eine riesige Schlange. Das Tier gleicht einem verschlungenen Darm, der auf ganzer Länge mit Köpfen, Gliedmaßen und seltsamen Organen angefüllt ist. Schauplatz der in psychedelischen Grün-, Lila und Gelb-Tönen gehaltenen Szene ist eine mit Fischen, Flaschen und umherkrabbelnden Zungen übersäte Wiese, an deren Horizont eine Armada Zigaretten rauchender Vulkane aufragt. Ein völlig absurdes Szenario – naive Sonntagsmalerei auf LSD.

Ziolkowskis "schmutzige" Arbeiten stehen im diametralen Gegensatz zu den Reinheitsgeboten der Moderne – zu Utopien von Fortschritt und Rationalität. Dabei wuchs er in einer am Reißbrett geplanten Idealstadt auf. Zamosc, im Südosten Polens nahe der Grenze zur Ukraine gelegen, wurde Ende des 16. Jahrhunderts nach Entwürfen des venezianischen Baumeisters Bernardo Morando im Stil der italienischen Renaissance erbaut. Der Stadtplan dieses "Padua des Nordens" mit seinem schachbrettartigen Straßennetz basiert auf dem menschlichen Körper: Der große Marktplatz fungiert als Herz, das Schloss als Kopf ist über die Hauptstraße als Wirbelsäule mit der Stadt verbunden. Zamosc war eine mulikulturelle Stadt, in der Polen, Armenier, Juden, Deutsche, Griechen lebten. Mit der Besetzung durch die Nazis aber kam der Horror. Die Juden, rund die Hälfte der Einwohner, wurden deportiert und ermordet, zehntausende von Polen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern vertrieben, um das Gebiet mit deutschen Siedlern zu "germanisieren". Wer Widerstand leistete oder flüchtete, wurde erschossen, andere wurden als Zwangsarbeiter rekrutiert, Kinder und Alte in so genannte "Rentendörfer" transportiert, wo sie erfroren und verhungerten. Das Wissen um diese Abgründe menschlichen Verhaltens, um das Ende dieser realen Utopie, bildet den Subtext von Ziolkowskis Arbeiten.

Der Künstler reagiert auf diese Schrecken mit einem Werk, mit dem er ein Universum der Gegensätze erschafft. Ziolkowski bannt Ängste und Obsessionen mit Bildern, in denen Leben und Tod, Grauen und Groteske, Schönes und Abstoßendes unmittelbar nebeneinander stehen. Mit Szenarien, in denen er seinen Figuren die unterschiedlichsten Prüfungen auferlegt. "Ich habe meine Protagonisten in eine angenehme oder unangenehme Umgebung versetzt, ihnen Freude oder Tränen beschert", erklärt Ziolkowski. "Ich sage mir: das ist nicht mein Problem, sondern eures, ihr seid "dort"; ich bin auf der anderen Seite, und hier ist es – leider – auch nicht sehr schön. Mir machen nicht die Bilder Angst, sondern das Leben selbst."




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