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Yang Fudong
Elegien der Gegenwart


Er nahm an der documenta und der Venedig Biennale teil, drehte hyperästhetische Werbeclips für Prada: Yang Fudong ist einer der international profiliertesten chinesischen Künstler. Seine Bilder scheinen aus Träumen zu stammen, doch thematisieren sie aktuelle gesellschaftliche Fragen. Kito Nedo hat Yang Fudong in seinem Atelier in Shanghai getroffen.


Grazil schweben Passanten durch die Luft, balancieren mit Regenschirmen auf den Stromleitungen der Straßenbahnen: Wer im Internet nach Yang Fudong sucht, stößt schnell auf den zehnminütigen Kurzfilm, den er für Prada gedreht hat. In First Spring, entstanden anlässlich der Frühjahr/Sommerkollektion 2010, findet Yang perfekt inszenierte, unterkühlte Bilder, die an die Schwarz-Weiß-Ästhetik von Thrillern aus den 1930er und 1940er Jahren oder die Filme der Nouvelle Vague erinnern. Zugleich sind da diese zarten, tänzerischen Posen, mit denen sich Yangs komplett in Prada gekleidete Protagonisten durch die Stadtkulisse von Shanghai bewegen. Hier überlagern sich Gestern und Heute: Zwei junge westliche Dandys stolpern wie Traumwandler durch die von Eunuchen, Hofdamen und Postkommunisten bevölkerten Straßen, Restaurants und Geschäfte, befremdet und hochmütig zugleich. Im Gegensatz zu ihrer Unsicherheit steht ein chinesisches Liebespaar, das hinter seiner selbstverständlichen Eleganz von Tragik erfüllt scheint. Während der feine Stoff knistert, kreuzen sich die Blicke zwischen Ost und West in einer surrealen Zeitschleife. In effektvoll ausgeleuchteten Räumen erscheinen das alte und das neue China palimpsestartig ineinander verwoben. Ein Ort so völlig anders als die seelenlosen Luxus-Malls der chinesischen Hochgeschwindigkeitsmetropolen, in denen man immer auch auf eine Prada-Boutique stößt.

Für die Produktion von First Spring hat sich der 1971 in Peking geborene Künstler in das Reich der Mode und der Werbung begeben. Dabei hat er verschiedene Motive seines Werks ins Extrem getrieben: die Jugend und Schönheit seiner Akteure, eine am Film Noir geschulte Schwarz-Weiss-Ästhetik sowie die Verweise auf verschiedene alte chinesische Traditionen – Kalligraphie und Tuschemalerei, Zen-Philosophie und die Anmut der Körper in der Kampfkunst. First Spring veranschaulicht aber auch ein anderes Phänomen: Das symbiotische Verhältnis zwischen Luxusgüterindustrie und Kunstbetrieb, wie es sich in China momentan ganz unverblümt in Museen und Magazinen zeigt.

Etwas von der versponnenen, rätselhaften Aura seiner filmischen Werke umweht dann auch den Künstler selbst, der an einem Mainachmittag mit einiger Verzögerung zum Treffen in sein riesiges, grandiose Leere verströmendes Atelier in Shanghai erscheint. "Kunst und Mode bilden eine große Familie, aber ihre Herkunft ist jeweils verschieden", erklärt Yang. Er trägt ein einfaches schwarzes T-Shirt, ein silbernes Panzerkettenarmband am Handgelenk, spricht leise und konzentriert, seine langen Haare fallen ihm ins Gesicht. Hin und wieder steckt er sich eine Zigarette an oder gießt grünen Tee in die kleinen Schälchen nach. Manchem Kritiker gilt Yang als der chinesische Videokünstler, von dem selbst diejenigen wissen, die sonst nichts von chinesischer Videokunst wissen. Doch was sagt dies schon über sein Werk? Auf jeden Fall beherrscht niemand das retro-futuristische Spiel mit dem sublimen Pop-Idiom im Moment so gut wie er. Das ist das Geheimnis seines Erfolgs. Doch Yang erscheint dabei nicht eitel. Vielmehr pflegt er sein Understatement als Mischung aus Selbstbewusstsein und Introvertiertheit.

Obwohl er vorrangig mit den Medien Video und Fotografie arbeitet, fühlt man sich bei seinen Werken häufig an die charakteristische Undefiniertheit und Leere der Landschaftsdarstellungen alter chinesischer Meister erinnert. Doch Yang bekennt: "Die Tradition gehört nicht zu den Dingen, die mich tagtäglich beschäftigen. Manchmal hat sie Einfluss auf meine Arbeit – manchmal hängen gewisse Entscheidungen jedoch mit ganz anderen Dingen zusammen. Zum Beispiel möchte ich gerade ein Boot auf dem Fluss Suzhou in Shanghai filmen. Warum? Ganz einfach, weil jetzt gerade an den Uferhängen die Blumen blühen." Das mag zunächst schön mystisch klingen, doch über die Befriedigung exotischer Klischeevorstellungen eines westlichen Publikums ist dieses Werk weit erhaben. Tatsächlich beruht der Erfolg von Yangs Filmen und Fotografien gerade auf der Verwurzelung an beiden Ufern: in westlicher wie östlicher Ästhetik, in der Gegenwart wie auch in der Vergangenheit.

Der internationale Durchbruch gelang ihm 2000 mit der dreiteiligen Fotoserie The first Intellectual: Sie zeigt einen ramponierten jungen Büroangestellten im Anzug auf dem Mittelstreifen einer Straße. Auf allen drei Bildern hält er einen Ziegelstein in der Hand – jedoch bleibt die Geste uneindeutig. Ist er im Begriff zu werfen? Wurde er gerade beworfen? Droht er oder wird er bedroht? Das Gesicht des Mannes ist blutverschmiert, doch die Richtung der Gewalt oder ihre Motivation sind unklar. Wer ist dieser Intellektuelle, der hier als der erste seiner Art dargestellt wird? Der Begriff bleibt schwammig. Kunst zu machen in China, das bedeute "an seinen Idealen festzuhalten", sagt Yang. Diejenigen, die das tun, könne man "Intellektuelle oder Künstler" nennen.

Der Kritik galt Yang schon bald als Künstler, der sich mit den Lebensentwürfen und Problemen der neuen, jungen Mittelklasse Chinas auseinandersetzt: "Seine Charaktere sind Gefangene ihrer Gefühle – gelähmt von der Unsicherheit, dass sie nicht wissen, wie sie reagieren sollen, weil sie nicht sicher sind, ob das Problem nun in der Gesellschaft oder in ihnen selbst liegt", schrieb etwa die italienische Sinologin Claudia Albertini. Doch soziologisch oder gar politisch offensiv sind Yangs Filme und Fotografien nicht. Zu unbestimmt sind seine Charaktere angelegt. Eine harsche Kritik am politischen System in China, wie sie im Werk seines Kollegen Ai Weiwei auftaucht, der sich offensiv mit den Folgen von Korruption im Bauwesen oder mit der Manipulation von Internetforen durch die Sicherheitskräfte beschäftigt, ist bei Yang nicht zu finden.

Früh wird klar, wie sehr er sich eindeutigen Interpretationen verweigert, etwa bei An estranged Paradise, der 2002 auf der von Okwui Enwezor kuratierten 11. documenta in Kassel zur Uraufführung kam. Mit sparsamen Dialogen und atmosphärischen Bildern erzählt der 76-minütige Videofilm die Geschichte eines jungen Paares in der südlich von Shanghai gelegenen Sechs-Millionen-Stadt Hangzhou, das von einer rätselhaften Unruhe getrieben ist. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die seit Beginn der Öffnung durch Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre "drei Revolutionen gleichzeitig" (Konrad Seitz) durchmacht: Industrialisierung, Urbanisierung und die Transformation von einer sozialistischen Plan- in eine Marktwirtschaft. Eine zentrale Frage des Films scheint diejenige nach dem Preis für diese gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen zu sein, den die einzelnen Menschen zu zahlen haben. Das Paradies, das beim Aufbruch in das chinesische Jahrhundert aufscheint, das nehmen sie als Entfremdete wahr.

Begonnen hatte Yang diese Arbeit schon 1997, als er nach Abschluss seines Kunststudiums in Hangzhou für drei Jahre in die Hauptstadt Peking zurückkehrte, wo er als Sohn eines Armeeoffiziers aufgewachsen war. Fehlende Mittel zwangen ihn schließlich, das Filmprojekt auf Eis zu legen, bis ihm die documenta die Chance bot, An estranged Paradise doch noch fertig zu stellen. "Als junger Künstler hat man damals keinen großen Wert auf den Markt gelegt. Die Wünsche des Publikums waren nicht so wichtig. Die Idee war: Wenn ich etwas will, dann werde ich es schaffen." Beinahe wäre es das frühzeitige Ende seiner Künstlerlaufbahn geworden. Nach drei Jahren ohne Arbeit und auf der Suche nach Geld ging Yang 1999 nach Shanghai, um bei einer französischen Softwarefirma als Programmierer zu arbeiten.

Was brachte ihn dazu, gleich nach dem Abschluss der Akademie in Hangzhou, wo er als Maler ausgebildet wurde, mit Film anzufangen? "Alle Wege führen nach Rom", erwidert Yang. Bilder sind für ihn Ausdruck von Leidenschaft. "Ursprünglich hat mich das Verlangen nach Ausdruck zum Studium der Ölmalerei geführt. Schnell habe ich jedoch gemerkt, dass Video und Fotografie für mich die besseren Medien sind." Dass Yang auch schon während des Studiums ein experimentelles Verhältnis zum Lehrplan pflegte, zeigt die oft kolportierte Aktion Living in another Space von 1992: Im zweiten Studienjahr blieb Yang drei Monate lang stumm und kommunizierte nur noch über schriftliche Mitteilungen, auf allen beschreibbaren Oberflächen. Bei seinen Professoren soll dieses Experiment seinerzeit wenig Begeisterung ausgelöst haben.

Seit letztem September unterrichtet Yang selbst an der Kunsthochschule in Hangzhou. Ein Urteil über die junge Generation, die ihm an der Akademie gegenübersteht, mag er nicht fällen. Die heutigen Studenten hätten ganz andere Möglichkeiten und müssten sich mit anderen Fragen beschäftigen als seine Generation. Als Leiter des Experimental Image Studio versucht er vor allem, das ästhetische Bewusstsein der Studenten zu schärfen. "Für die Herausbildung eines ästhetischen Bewusstseins sind zwei Methoden wichtig: zum einen muss man ein selbstständiges Denken entwickeln und man muss eine positive Einstellung zur Arbeit besitzen. Das heißt nicht nur hart zu arbeiten, sondern auch mit Durchhaltevermögen."

Dafür, dass man Ausdauer haben muss, ist er selbst das beste Beispiel. Sein bislang wichtigstes Werk, das seit 2003 realisierte, fünfteilige Film-Opus Seven Intellectuals in the Bamboo Forest, nimmt sich aus wie eine chinesische Interpretation eines Beckett- Stücks. Doch die Filme sowie die gleichnamige Fotoserie aus der Sammlung Deutsche Bank basieren auf einer alten Legende: Sieben Weise ziehen sich zurück, um abseits weltlicher Verlockungen ein ideales Leben zu führen. Der Künstler hat diese Geschichte allerdings in die chinesische Gegenwart verlegt. Für die "Intellectuals" schickt Yang eine Gruppe junger, urbaner Leute zum Bergsteigen auf den Huangshan, das heilige "Gelbe Gebirge" in der Provinz Anhui, ans Meer und zu den Bauern in die Landwirtschaft. So wirken seine elegischen Bilder wie Metaphern für innere und äußere Emigration, wie die Träume einer Gesellschaft, die keine Zeit mehr zum Träumen hat.

Seine Filme bezeichnet Yang selbst als "abstract cinema". Er möchte Gedanken und Emotionen wecken, die tief in den Betrachtern seiner Kunst schlummern. Auch Hollywood wurde einst als Traumfabrik bezeichnet – was also unterscheidet sein Werk vom kommerziellen Film? "In Hollywood werden die Filme produziert, um die Fabrik am Laufen zu halten. Der Regisseur ist nur ein Arbeiter in dieser Fabrik. Als Künstler hingegen muss man das tun, woran man glaubt. Darin liegt ein großer Unterschied." Also wird er seine Filme nie im Kino zeigen? Yang muss über diese Frage lachen. Vielleicht weil sie die altmodische Trennung von Kunst und Kino und die Ohnmacht des Künstlers gegenüber dem Kommerz impliziert? Vielleicht auch, weil sie auf die (typisch westliche) Auflösung von Widersprüchen pocht, etwa zwischen schlauer Kritik und Opportunismus? Wer weiß? Wo, wenn nicht im prozessorientierten China könnten die alten Dichotomien durcheinandergewirbelt werden? Durch wen, wenn nicht durch jemanden wie Yang? Die Optionen sind da und der Künstler hält sie sich offen.

YANG FUDONG: One half of August
13. September - 6. November 2011
Parasol unit, London




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