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Franz Erhard Walther:
Aktion statt Interpretation


Werk als Werkzeug: Bereits in den späten 1950er Jahren vollzieht Franz Erhard Walther den Ausstieg aus dem Bild und entwirft Objekte, die den Betrachter einladen, selbst aktiv zu werden. Im Zusammenhang mit den "Relational Aesthetics" und dem Erfolg von Künstlern wie Olafur Eliasson oder Rirkrit Tiravanija werden Walthers Ansätze in den letzten Jahren wieder verstärkt diskutiert. Aktuell sind ihm gleich zwei umfangreiche Einzelausstellungen gewidmet. Brigitte Werneburg über einen Pionier der Partizipation, der mit zahlreichen Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.


Die Heirat 1963 mit der Schneidertochter Johanna Friesz war für Franz Erhard Walther ein Glück. Ein persönliches natürlich, aber zugleich auch ein künstlerisches Glück. Im Betrieb der Schwiegereltern in Fulda stieß Walther auf Baumwollgewebe, Nesseleinlagen oder wattierte Futterstoffe - auf ein ganz neues Material für seine Arbeit. Denn damals dachte kein Mensch bei Stoff an Kunst.

Bis dahin hatte sich der 24-jährige vornehmlich mit Papier befasst. Sein künstlerischer Ansatz war noch von der Auseinandersetzung mit dem Informel, der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit, bestimmt. Walther verstand den 1951 durch den Kunstkritiker Michel Tapie geprägten Begriff als ein "Zurückgehen an den Anfangspunkt", wie er sich in einem Gespräch mit dem Kunstwissenschaftler Michael Lingner 1985 erinnert. Als Rückkehr zum "Nullpunkt", an dem es noch keine Form und keine Kunst gibt.

Deshalb benutzte Walther Papier, das industriell für den Alltagsgebrauch hergestellt wurde, etwa schlichte DIN A4 Bögen. Der Industriestandard dient ihm zum Ausstieg aus dem Bild. "Alles ist mit dem Papier zu machen erlaubt - außer drauf zu zeichnen und zu malen", so seine damalige Haltung. Mit Hilfe bewusst kunstloser Verfahren wie Falten, Kleben, Abreißen und Durchtränken des Papiers mit Flüssigkeiten wie Sojasauce, Kaffee oder Öl statt Ölfarbe bringt er die materiellen Qualitäten des Papiers als objektives, eigenständiges Gestaltungsmittel ins Spiel. Als ein Papierstapel zufällig feucht wird und dann beim Trocknen seine Form massiv verändert, fasziniert ihn dieser selbsttätige Gestaltungsprozess. Systematisch organisiert Walther nun solche unabhängig vom künstlerischen Eingriff ablaufende Materialbewegungen.

Jetzt also die Stoffe. Das erste Ergebnis seines Ausflugs zu den Schwiegereltern ist eine schmale, gepolsterte und in fünf Segmente unterteilte, rechteckige Stoffbahn, das 1963 entstandene Stirnstück. An die Wand gehängt dient es dem Ausruhen des Kopfes. Das Stirnstück ist damit kein eigenständiges, autonomes Werk mehr. Es wird zum Werkzeug, das den Betrachter einlädt, Benutzer zu werden. Wird der Einladung Folge geleistet, entsteht in der Interaktion von Benutzer und Objekt eine Skulptur.

Damit steht die bislang geltende Auffassung vom autonomen Kunstwerk zur Disposition. Diesen Schritt vollziehen zu diesem Zeitpunkt freilich neben Joseph Beuys auch die Protagonisten der Minimal Art. Diese lernt Walther wenig später persönlich kennen, durch seine Übersiedelung 1967 nach New York. Auch sie arbeiten mit kunstfremden Materialien, etwa Neonröhren oder Metallplatten. Und die Art und Weise, wie die Minimal Künstler damit im Raum operieren, weist der Rezeption eine neue Rolle zu. Denn es liegt nun beim Betrachter, die Situation neu- und umzucodieren. Er soll, den Anspruch des Produzenten stützen, mit der seriellen Wiederholung standardisierter Industrieformen ein skulpturales Werk, oder wie Donald Judd es nannte, "spezifisches Objekt", zu liefern.

Allerdings sprengt diese Leistung des Rezipienten noch nicht den Rahmen der Interpretation, also der rein gedanklichen Fortführung oder Vollendung des Werks. Anders das "Stirnstück", das der Prototyp von weiteren 58 Objekten des 1. Werksatzes ist. Mit ihm vollzieht Walther einen Paradigmenwechsel - Aktion statt Interpretation: Die 1969 abgeschlossene Serie verlangt nicht nur einen Rezipienten, sondern einen handelnden Mitspieler und hat damit erstaunlicherweise Erfolg. So begeistert sich auch die Kuratorin Jennifer Licht für den "offenen" und "prozessualen" Charakter des 1. Werksatzes. Obwohl das Aktivwerden des Betrachters in deutlichem Widerspruch zu den damaligen Gepflogenheiten eines Museumsbesuchs steht, zeigt sie diese Arbeit bereits im selben Jahr in der Ausstellung Spaces. In dieser Schau des Museum of Modern Art in New York sind neben Walther Dan Flavin und Robert Morris vertreten. Und auch bei Harald Szeemanns inzwischen legendärer Ausstellung When Attitudes Become Form in der Kunsthalle Bern ist Walther 1969 mit seinem Werksatz dabei.

Walthers internationale Karriere leitete 1968 der von Kasper König herausgegebene Band Franz Erhard Walther. OBJEKTE, benutzen ein. In den dort veröffentlichten Fotografien, noch mehr aber in Walthers später entstandenen Nachzeichnungen zum 1. Werksatz, ist zu sehen, dass im Kunstraum plötzlich Unerhörtes vor sich geht. Der Betrachter stülpt sich einen geräumigen, schaumstoffverstärkten schwarzen Sack über und es entsteht das Blindobjekt (1966). Bewegt er sich auf einer Stofftasche, in die zwischen zwei Schaumstoffplatten Holzkugeln eingelassen sind, resultiert daraus das Gehobjekt (1964). Ein zusammengefaltetes Stoffrechteck firmiert merkwürdigerweise als ein Objekt für mehrere (1966). Nachdem es die Betrachter öffnen, im Raum auslegen und anschließend in die eingearbeiteten Taschen schlüpfen, ist das dadurch entstandene Gebilde tatsächlich ein solches Objekt - und könnte auch "Objekt für eine Kollaboration" genannt werden. Schließlich entsteht es gleichermaßen durch das soziale wie das individuelle Handeln der Besucher.

Obwohl in solchen Arrangements nicht nur körperliche, zeitliche, räumliche und objektbezogene, sondern auch kommunikative und soziale Verbindungen zwischen den Menschen hergestellt werden, beharrt Walther darauf, dass es sich um eine Form der Skulptur handelt - zwar radikal neu und noch nicht eindeutig benennbar, aber durch "die Gegenwart des Körpers im Werk" habe die Anordnung "in jedem Fall eine skulpturale Qualität", wie er 30 Jahre später bemerkt. Sie kommt sowohl in den Bewegungen des Gehens, Stehens und Liegens zum Ausdruck wie den einfachen geometrischen Figuren seiner recht-, drei- oder viereckigen, kreuz- oder zylinderförmig aus- und aufgerollten Stoffobjekte.

Dieses Konzept macht die Skulptur zum Ereignis einer Aufführung mitwirkender Betrachter. Dazu bemerkt Walther in seinen Diagrammen zum 1. Werksatz 1976: "Die Erfahrungen dort arbeiten nachher in anderen Lebensbereichen weiter und entwickeln ihre eigene Wirkung." Und er schließt den entscheidenden Nachsatz an: "Das alles gehört zum Werk." Aber zum Werk gehört auch, dass seine Objekte schon im Ruhezustand ihre eigene ästhetische Wucht und fetischartige Majestät besitzen - wie etwa der textile Säulenstumpf, den die hochkant gestellte Elfmeterrolle (1964) in verschnürtem Zustand bildet. Insofern ist es möglich, Walthers Ansatz im Kontext der amerikanischen Minimal Art zu sehen, allerdings sind die Unterschiede doch so auffällig, dass der Kurator und Galerist Andreas Koch von einem "Partizipatorischen Minimalismus" spricht.

Die Wiederentdeckung von Franz Erhard Walther begann Mitte der 1990er Jahre - nicht zuletzt im Zusammenhang mit den Diskussion um die "Relational Aesthetics". Als "relationale Ästhetik" beschrieb der französische Kunsttheoretiker Nicolas Bourriaud 1996 das Phänomen eines radikal erweiterten Kunstbegriffs: Plötzlich konnte man mit Rirkrit Tiravanija dinieren oder in der Tate Modern unter Olafur Eliassons Lampen liegen und den Sonnenuntergang imaginieren. Walthers frühe Revision des Kunst- und Werkbegriffs ist zwar nicht identisch mit dem von Bourriaud konstatierten Aufgehen des autonomen Werks in interaktiven Szenarien für alternative Formen von Gemeinschaft. Doch scheinen diese aktuellen Konzepte ohne seine Unterminierung des Autoritätsverhältnisses von Kunstobjekt, Kunstraum und Besuchern undenkbar.

Noch Anfang dieses Jahres präsentierte Walthers Berliner Galerie Koch Oberhuber Wolff eine große Werkschau in Museumsqualität. Der Künstler hat gegenwärtig Konjunktur. Denn erst jetzt wird der maßgebliche Einfluss des international durchaus immer geschätzten, viermaligen documenta-Teilnehmers (d5 bis d8) vor allem auf die jüngeren Generationen seit den 1990er Jahren richtig erkannt. Mit Der Gesang der Schreitbahnen widmete ihm das Kunstmuseum Luzern 2010 eine große Einzelausstellung. Die Dia Art Foundation in Beacon, New York präsentiert gerade Franz Erhard Walther: Work as Action. Im Rahmen der diesjährigen Frieze Art Fair wird sein ehemaliger Schüler John Bock ein Gespräch mit Walther über sein Werk und sein Vermächtnis als Lehrer führen. An der Hamburger Kunstakademie unterrichtete er unter anderem Martin Kippenberger, Jonathan Meese und Christian Jankowski. Und das Museum Haus Lange, Krefeld, zeigt die Ausstellung Sternenstaub mit rund 500 gezeichneten und beschriebenen Blättern aus den Jahren 1943 bis 1973. Walther nennt sie einen "gezeichneten Roman", weil sie die grundlegenden Aspekte seines Werkes - Konzept, Reduktion, Materialität, Prozess, Reihung, Sprache - zu einer epischen Erzählung zusammenführen.

Die Deutsche Bank sammelt bereits seit Mitte der 1980er Jahre Arbeiten des Künstlers - etwa die Nachzeichnungen zu den verschiedenen Aktionen. Wie Franz Erhard Walther anlässlich seiner Ausstellung im Kunstmuseum Luzern erklärte, komme den fotografischen Dokumentationen dabei eher Modellcharakter zu, während seine Nachzeichnungen, etwa zum 1. Werksatz, das zeigten, "was die Kamera nicht festhalten kann". Nämlich das, was zwischen den Besuchern passiert. Tatsächlich rückt in diesen Nachzeichnungen das soziale Handeln in den Vordergrund.

Darüber hinaus ist das umfassende Konvolut seiner Arbeiten in der Sammlung Deutsche Bank insofern bedeutsam, als sich in ihm die allmähliche Wiederkehr seiner "Liebe zum Bild" widerspiegelt, die Franz Erhard Walther 2009 im Gespräch mit dem französischen Kunsthistoriker Erik Verhagen eingesteht. Die Papierarbeiten zur Werkgruppe Gesang des Lagers etwa untersuchen, wie eine Reihe groß- bis ganz kleinformatiger, stoffbezogener, hölzerner Körper mit ihrer jeweils ganz unterschiedlichen, leuchtenden Farbigkeit immer wieder neu zusammengestellt und geordnet werden können. Auch wenn ihre Oberfläche noch zur haptischen Erfahrung, zum Berühren oder Anlehnen einlädt, beherrscht diese späte Werkgruppe doch das optische Erlebnis des Bildes, aus dem Walter über vier Jahrzehnte zuvor so radikal ausgebrochen war.

Franz Erhard Walther
Sternenstaub. Ein gezeichneter Roman

Museum Haus Lange, Krefeld
23.10. 2011 - 05.02.2012

Franz Erhard Walther: Work as Action
bis 13.02.2012
Dia:Beacon, Beacon/NY

Franz Erhard Walther: Work Stages
13.03. – 28.04.2012
Drawing Room, London
Walters erste umfassende Werkschau in Großbritannien.




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