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Rivane Neuenschwander
Die Magie der einfachen Dinge


Kein Tropicalismo: Rivane Neuenschwander widersetzt sich westlichen Klischees von brasilianischer Kunst. Stattdessen verbindet sie konzeptuelles Denken, Partizipation und Poesie. In den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen ist ihren Arbeiten eine ganze Etage gewidmet. Sebastian Preuss über eine der spannendsten jungen Künstlerinnen der internationalen Szene.


Als ein Brasilianer zufällig Rivane Neuenschwanders Installation in London sah, bekam er prompt Heimweh. Dabei war nichts zu sehen, was ein Europäer als landestypisch identifizieren würde. Rain Rains ist schlicht und einfach eine Armada aus Eimern, die im ganzen Raum von der Decke hängen. Aus jedem tropft Wasser in einen darunter stehenden Eimer. Die Arbeit kann man nun auch in der Doppelausstellung der Kunsthalle Lingen erleben, wo die Brasilianerin mit der Koreanerin Haegue Yang gezeigt wird. Und ebenso in der großen Retrospektive, die nach vier Stationen in den USA - mit vielbeachtetem Start im New Museum in New York - demnächst in Dublin endet.

Neuenschwanders Rain Rains gleicht einer Sisyphosarbeit: Immer wenn ein Eimer am Boden voll ist, muss das Museumspersonal auf eine Leiter steigen und das Wasser wieder in den oberen Eimer zurückschütten: ein ständiger Kreislauf, ein langsames, absurdes Ballett, zu dem das tropfende Wasser den Soundtrack bildet. Man kann die Installation als eine Parabel auf Vergeblichkeit und Vergänglichkeit lesen, auf das unaufhaltsame Verstreichen von Zeit und unsere Bemühungen, das Verrinnen des Lebens aufzuhalten.

Doch es gibt auch eine ganz konkrete Herleitung für diese Arbeit. In Brasilien gehören die Tropfen und Eimer zu den jedermann bekannten Phänomenen des Alltags, über die eigentlich niemand mehr nachdenkt. Bricht einer der tropischen Regenfälle aus schippt und schöpft das ganze Land. Irgendwo tropft es immer durch - vor allem durch die Flachdächer der eleganten brasilianischen "Beton-Moderne". Kaum jemand regt sich wirklich darüber auf. Man stellt eben einfach einen Eimer unter die undichte Stelle. Aus dieser Alltagsbeobachtung entwickelt Neuenschwander eine ganz eigene Ästhetik, die kühle konzeptionelle Ansätze mit Alltagserscheinungen und einer Obsession für Zeit, Zahlen und Ordnungssysteme verbindet. Immer wieder tauchen in Neuenschwanders Arbeiten Kreise und Kreisformen auf: Wassertropfen, Seifenblasen, Konfetti, Eier, Monde, Sternenhimmel, Nullen. Wie die Regentropfen in Rain Rains können sie zu Zeichen für Fragilität, Lebenskraft, Natur, Geburt oder Vergehen werden, zu Symbolen für weibliche Prinzipien.

Die Grundlage für Neuenschwanders Arbeiten bilden dabei einfache Dinge, das scheinbar Nebensächliche, Ephemere, um das sich niemand kümmert. Neuenschwander fordert uns auf, diese Details genauer zu beobachten, die Dinge wahrzunehmen, mit denen wir tagtäglich in Berührung kommen, ohne sie wirklich zu spüren oder ihnen Bedeutung beizumessen. Losgelöst aus ihren Kontexten verleiht Neuenschwander ihnen neues Leben und übersetzt sie in klare, meist aus simplen Elementen zusammengesetzte "Bilder". Das können "echte" Bilder oder bildhafte Anordnungen sein - häufiger allerdings entstehen Interventionen, Prozesse, Aufforderungen zur Teilhabe dazu, neue Erfahrungen zu machen. Dabei nutzt Neuenschwander alle nur möglichen Medien: raumgreifende Installationen, skulpturale Gebilde, Readymades, Assemblagen, Collagen, malerische Elemente, Grafik, Film, Foto, Sound bis hin zum Spiel oder einer Art Konkreter Poesie.

Sie hat Staub aus einem Haus zusammengetragen und 1998 auf der Biennale von São Paulo in zwei Raumboxen ausgelegt, wo er eine subtile Arte-Povera-Ästhetik entfaltete und sich das "Bild" durch den von den Besuchern in den Raum getragenen Schmutz ständig änderte. Neuenschwander arbeitete auch mit toten und lebenden Insekten, etwa für die Fotoserie Belongs Does Not Belong. Darin spielt sie nach den Regeln der Mengenlehre verschiedene Anordnungen durch, die drei Käfer und drei Seifenblasen miteinander bilden können. Auch hier steht eigenes Erleben am Beginn: ein typischer Käfer Brasiliens und die Erinnerung an das kindliche Staunen über Seifenblasen, das wohl jeder mit sich durchs Leben trägt. Das Ergebnis - die wie choreographiert wirkenden schwarzen Insekten, die fragil schimmernden Kugeln vor himmelblauem Hintergrund - ist von minimalistischer Schönheit. Als sei die Welt einen Moment lang stehen geblieben, nehmen wir nichts anderes wahr als diese eingefrorene Sequenz, die doch nichts anderes ist als das Treffen zweier ziemlich banaler Dinge. Wie von magischer Kraft getrieben, schwebt im Video The Tenant eine Seifenblase durch ein leeres ruinöses Haus. Und in der Serie One Thousand And One Possible Nights aus der Sammlung Deutsche Bank fügte Neuenschwander Konfetti aus den Seiten des Märchenbuchs 1001 Nacht vor dunklem Hintergrund zu traumhaften Sternenbildern zusammen. Alles ist Kunst, wenn wir es nur richtig sehen: Diese alte Botschaft Duchamps, der auch schon Staub zum Artefakt erhob, erfüllt Neuenschwander mit immer neuem Leben.

Geboren wurde sie 1967 in Belo Horizonte, wo sie noch heute lebt - gemeinsam mit ihrem Mann, dem deutschen Kurator Jochen Volz und ihren beiden Kindern. Neuenschwanders Name geht auf Schweizer Vorfahren zurück, aber auch Portugiesen und Indianer finden sich in ihrer Ahnenreihe - eine typisch brasilianische Abstammung. Sie gehört zu der immer noch ziemlich kleinen Schicht von Künstlern aus dem multikulturellen Riesenland, die international mit Ausstellungen in bedeutenden Institutionen mitmischen. An einem "Brasilien-Bonus" kann es bei ihr nicht gelegen haben. Denn es gibt in ihrem Werk nicht einmal die Andeutung eines Tropicalismo - keine bunte Ornamentik wie bei Beatriz Milhazes, keine südlich-sinnliche Materialität wie bei Cildo Meireles und auch keine direkten Bezüge zu den raumgreifenden Skulpturen des Neoconcretismo der Fünfziger, der etwa bei Ernesto Neto bis heute unübersehbar nachwirkt.

Neuenschwander fühlt sich in der Kultur ihrer Heimat tief verwurzelt. Sie erzählt, wie sie in einem typisch brasilianischen Haus aufwuchs und schon früh von dieser charakteristischen Ästhetik angezogen war. "Die klaren Linien und offenen Strukturen, der farbige Zement mit Marmorstückchen, dekorierte Fliesen, der Raum und das Licht, der Garten - das war meine früheste und tiefgreifendste Erfahrung mit der Moderne." Später waren dann die brasilianischen Avantgarde-Strömungen in der Dichtung und der Musik, im Film oder in der Fotografie wichtige Inspirationen. Doch Neuenschwander legt zugleich Wert auf den internationalen Kontext: "Wir sind nicht in unserer eigenen Kultur isoliert."

Man kann also an Duchamp oder Dada, an Beuys oder die amerikanische Konzeptkunst der Sechziger denken, aber eben auch an Lygia Clark und Helio Oiticica, die beiden großen Neuerer der brasilianischen Nachkriegskunst, wenn Neuenschwander im Entstehungsprozess ihrer Werke die Menschen mit einbezieht. Die Deutsche Bank besitzt eine ganze Reihe von Fotografien aus der Serie Involuntary Sculptures. Über Jahre hinweg sammelte Neuenschwander dafür die Objekte, die Gäste während ihrer Gespräche in Bars und Restaurants nebenbei bastelten, und hielt sie mit der Kamera fest - kleine Plastiken aus Trinkhalmen und Korken, Servietten und Bierdeckeln, aber auch die gedankenverlorenen Neuordnungen von Tellern und Gläsern.

"Ich bin ganz grundlegend interessiert am permanenten Stand des Wandels, in dem sich die Werke befinden", sagt Neuenschwander über ihren partizipatorischen Ansatz. Ihre "Mitarbeiter" können dabei Menschen sein, aber auch die Natur oder Zeit. So hat sie Schnecken Reispapier anfressen lassen, bis es aussah wie die Umrisse rätselhafter Kontinente. Oder sie hat Ausstellungsbesucher aufgefordert, einem Polizeizeichner das Gesicht ihrer ersten Liebe zu schildern, damit er ein Phantombild erstellt. Besucher der Venedig-Biennale von 2005 schrieben für Neuenschwander Briefe auf manipulierten Schreibmaschinen, die nur Leer- und Satzzeichen besaßen - das Ergebnis erinnerte an Konkrete Poesie. Mehrfach hat sie in Kunstinstitutionen monumentale Scrabble-Spiele mit unterschiedlichen Buchstabenträgern wie etwa Orangen, Seife, Eiern aufgebaut. Sie bat das Publikum um Zettel mit ihren Ängsten und Hoffnungen oder ließ die Ausstellungsbesucher bedruckte Wunschbändchen mitnehmen, was sie von Pilgern in Salvador de Bahia übernommen hat. Diese interaktiven Werke Neuenschwanders sind erst dann vollendet, wenn andere Menschen mit ihren Gedanken, ihrer Konzentration und Zeit dazu beitragen. "Ohne sie komme ich zu keiner Form. Ohne sie geschieht nichts, hat das Werk keine Aussagekraft."

Rivane Neuenschwander/Haegue Yang. Escaping Things and Words
Kunsthalle Lingen
15. Oktober bis 18. Dezember 2011

Rivane Neuenschwander. A Day Like Any Other

15. November 2011 bis 29. Januar 2012
Irish Museum of Modern Art, Dublin.




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