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Erwiderte Blicke: Der Fotograf Pieter Hugo

Wo andere wegschauen, richtet er seine Kamera hin: Pieter Hugo interessieren Menschen am Rande der afrikanischen Gesellschaft, die Ausgestoßenen, Außenseiter – Albinos etwa oder Schausteller, die mit ihren Hyänen von Stadt zu Stadt ziehen. In der Sammlung Deutsche Bank New York ist Hugo mit Arbeiten aus seiner Serie „Nollywood“ vertreten. Achim Drucks über Hugos Arbeit und dessen Porträts skurril kostümierter Darsteller der nigerianischen (Alp)Traumfabrik, in der mehr Filme produziert werden als in Hollywood.


Tierquälerei. Dieses Wort fällt schnell, wenn Menschen aus westlichen Ländern Pieter Hugos Fotografien der Gadawan Kura betrachten. Für seine Serie The Hyena & Other Men begleitet der Südafrikaner eine Gruppe von Schausteller, die mit Pavianen, Pythons und Hyänen durch Nigeria zieht. Die Tiere dienen dazu, potentielle Kunden anzulocken, denn ihren Lebensunterhalt verdient die Truppe mit dem Verkauf traditioneller Medizin. Stolz präsentieren die Männer ihre Raubtiere, die sie an schweren Ketten führen. Einige der unheimlichen Kreaturen tragen Maulkörbe, andere zeigen ihre eindrucksvollen Reißzähne. Verglichen mit einer ausgewachsenen Tüpfelhyäne erscheint jeder Pitbull geradezu harmlos: Mit ihren kräftigen Kiefern können sie die Beinknochen von Giraffen oder Flusspferden knacken. Die Gadawan Kura beherrschen diese Tiere, denen viele Nigerianer magische Kräfte zusprechen, dank Kräutern, Amuletten und vor allem schwerer Stöcke. Gehorchen die Hyänen und Paviane nicht, werden sie geschlagen.

"Wenn ich Nigerianer frage: ’Wie finden Sie die Art und Weise, wie diese Tiere behandelt werden’, verstehen sie diese Frage nicht", schreibt Hugo in einem Text zu seinem 2005-07 realisierten Projekt. "Ihre Antworten drehen sich immer um das wirtschaftliche Überleben. Nur selten bekundet jemand ein stärkeres Interesse am Wohl der Tiere. Europäer dagegen wollen ausnahmslos wissen, ob es den Tieren gut geht. Doch diese Frage verfehlt das eigentliche Thema. Stattdessen könnte man vielleicht fragen, warum diese Leute wilde Tiere fangen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Warum sie unter so schlechten wirtschaftlichen Bedingungen leben. Oder warum sich Nigeria, der sechstgrößte Erdölexporteur der Welt, in einem solch desolaten Zustand befindet."

Vor dem Nachdenken über die gesellschaftskritischen Aspekte dieser Fotografien steht allerdings die Faszination, die sie auf den Betrachter ausüben. Es sind Bilder, die man nicht vergisst. Das liegt nicht nur an ihren starken Motiven. Hugo verzichtet ganz bewusst darauf, die Truppe in Aktion zu zeigen: Die Staus, die sich auf den Straßen bilden, wenn die Männer ihre Hyänen ausführen. Die Menschenmengen. Die ungläubigen Blicke. Das Spektakel. Stattdessen porträtiert er die Gadawan Kura vor oder nach ihren Vorstellungen, stets aus respektvollem Abstand, aus der Totalen. Hugo fotografiert die Männer in leeren Straßen, unter Autobahnbrücken, im heruntergekommenen Niemandsland am Rand der großen Städte. Er dokumentiert keine dem Alltag abgejagten Augenblicke. Im Gegenteil. Seine Aufnahmen sind inszeniert und verleihen den Männern und ihren Tieren eine unglaubliche, fast skulpturale Präsenz. Einige erscheinen wie aus einer anderen Zeit – machtvolle archaische Krieger, die samt ihrer "Höllenhunde" in die Gegenwart gebeamt wurden. Andere Aufnahmen zeigen ein vertrautes, liebevolles Verhältnis zwischen den Schaustellern und ihren Tieren.

Die Serie The Hyena & Other Men, die später auch als Buch veröffentlicht wird, macht den 1976 geborenen Fotografen berühmt. Doch mit dem Erfolg kommen auch Vorwürfe auf, er würde seine Protagonisten als Verkörperung eines "exotischen Anderen" ausbeuten. Das ist zu kurz gedacht. Denn schon aus Hugos Arbeitsweise resultiert eine intensivere Beziehung zwischen dem Menschen vor und hinter der Kamera als bei einem Schnappschuss. Er fotografiert mit Mittel- oder Großformatkameras. Deren Technik macht den Aufnahmeprozess automatisch zu einer zeitaufwändigen Prozedur, die Kommunikation zwischen den Beteiligten erfordert. Der Fotograf muss die Menschen von seinem Projekt überzeugen, um ihr Einverständnis zu erlangen. Auch Hugo selbst hat zu dem Vorwurf der Ausbeutung Stellung bezogen: "Ich weise diese Sicht absolut zurück", erklärt er in einem Interview mit dem Observer. "Darin steckt immer eine gewisse Herablassung, die Annahme, dass die Leute, die ich fotografiere, irgendwie nicht dazu fähig sind, selbst zu entscheiden, ob sie fotografiert werden möchten oder nicht. Diese Ansicht wird stets von weißen, liberalen Europäern geäußert und das bringt mich zu der Ansicht, dass eben diese Sicht etwas zutiefst kolonialistisches hat."

Als "fahrendes Volk" leben die Hyänen-Männer am Rande der nigerianischen Gesellschaft. Solche Außenseiter, Menschen und Phänomene, die viele dazu bewegen, wegzusehen – das sind die Themen, die Pieter Hugo interessieren. Der Fotograf sieht genau hin und fotografiert selbst dort, wo das Grauen schier unvorstellbar ist. Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda dokumentiert er 2004 die Spuren dieses Verbrechens: Landschaften mit Massengräbern, Beinhäuser, Kirchen, deren Fußböden noch immer von Knochen und Kleidungsstücken der Opfer bedeckt sind. Es sind zurückgenommene, aber umso eindringlichere Aufnahmen. Sie versuchen – so weit dies überhaupt möglich ist – dem Schrecken mit ästhetischer Konsequenz zu begegnen. Die Bilder seiner Serie Rwanda 2004: Vestiges of a genocide sind gerade als Buch erschienen, begleitet von einem Text der Journalistin Linda Melvern, die sich sehr intensiv mit den damaligen Ereignissen beschäftigt hat.

2004-05 porträtiert Hugo für das Projekt Looking aside Menschen, von denen wir gerne den Blick abwenden. Es sind an monumentale Passbilder erinnernde Studioaufnahmen von Alten, Blinden, Albinos. Als "weißhäutige Schwarze" werden sie in Afrika häufig diskriminiert und sogar verfolgt. Ein Bildnis des Fotografen ist Teil der Serie, denn Hugo betrachtet auch sich selbst als Außenseiter: "Afrika ist meine Heimat, doch ich bin weiß. Ich fühle mich als Afrikaner, aber wenn du irgendjemanden in Südafrika fragst, ob ich Afrikaner bin, wird er das höchstwahrscheinlich verneinen. Ich passe nicht in die soziale Topografie meines Landes und das hat mich dazu angetrieben Fotograf zu werden." Nach einer kurzen Zeit als Fotojournalist wird Hugo klar, dass er als fast 2 Meter großer, weißer Mann in vielen Situationen eine Präsenz mitbringt, die es unmöglich macht, sich als "neutraler Beobachter" im Hintergrund zu halten. Zugleich erscheinen ihm der Akt des Fotografierens und die damit einhergehenden Machtverhältnisse immer zweifelhafter. Das gebrochene Verhältnis zur Fotografie, das Nachdenken über die Mechanismen dieses Mediums beschäftigen ihn noch heute. Immer wieder betont er, dass er der Fotografie zutiefst misstraut.

Zur Zeit der Apartheid dient das Medium vor allem dazu, die Situation der südafrikanischen Gesellschaft zu dokumentieren. Seine Aufgabe scheint klar definiert: "Die Fotografen betrachteten sich meist als Teil des liberalen Lagers und nutzten ihr Können um die politische Realität darzustellen – alles andere galt als frivol", so Hugo, der 1994, im Jahr der ersten demokratischen Wahlen in Südafrika, sein Abitur macht. Nach dem Ende der weißen Herrschaft ist die Zeit der eindeutigen Fronten vorbei. "Jetzt leben wir in einer völlig anderen Ära. Die Lage ist wesentlich komplexer und differenzierter geworden." Die Fotografen reagieren auf diese Situation, in dem sie sich zunehmend von der "Kultur des Realismus" verabschieden und neue Wege gehen, um sich mit Themen wie Politik, Rasse, Klasse und Geschlechterrollen auseinanderzusetzen. Wie vielfältig die Fotografie im heutigen Südafrika ist, zeigte dieses Jahr auch die Überblicksausstellung Figures and Fictions im Londoner Victoria & Albert Museum. Neben Hugo waren hier auch Guy Tillim, Sabelo Mlangeni und Roelof Van Wyk vertreten. Und auch Zwelethu Mthethwa, dem in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine eigene Etage gewidmet ist.

Der Abschied von der klassischen Reportage und der Beginn der Arbeit mit Mittel- und Großformatkameras sind für Pieter Hugo die entscheidenden Schritte auf dem Weg zu den künstlerischen Projekten. Eines seiner zentralen Themen ist dabei (Ver)Kleidung. Porträts schwarzer Richter aus Botswana in der traditionellen britischen Amtstracht – den roten Roben und weißen Perücken – werfen gerade bei einem westlichen Betrachter eine Vielzahl von Fragen auf. Wie lange wird es noch dauern, bis es völlig selbstverständlich ist, dass auch Schwarze solche Insignien der Macht tragen? Warum wird in einem ehemaligen britischen Protektorat Autorität noch immer durch diese Art "Uniform" ausgedrückt? Wirken die Richter in ihren Roben nun besonders würdevoll oder einfach nur verkleidet?

Von Hugos Vorliebe für das Surreale zeugen seine Bilder aberwitzig kostümierter Fans des Orlando Pirates Football Clubs oder die Arbeiten aus seiner Serie Nollywood, mit denen er in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Diese Porträts feiern eine Filmindustrie, die außerhalb Afrikas und der afrikanischen Diaspora kaum bekannt ist – trotz der Tatsache, dass sie, was die Zahl der produzierten Filme anbetrifft, Hollywood inzwischen überholt hat. Nur Indien produziert mehr Filme als Nigeria. Als Video-CDs und DVDs werden sie 10.000-fach für wenig Geld verkauft und erreichen auch die entlegendsten Winkel Afrikas.

Das Nollywood-Kino stellt eines der wenigen Beispiele afrikanischer Selbstrepräsentation in den Massenmedien dar. Filmkunst steht dabei allerdings nicht auf dem Programm. Stattdessen exzessive Dramen mit Action, Romantik und Horror – am besten alles auf einmal. Gedreht wird auf der Straße oder an realen Schauplätzen und das in kürzester Zeit bei minimalem Budget. Die Plots beziehen sich ebenso auf traditionelle Legenden wie auf Gangstergeschichten á la Hollywood. Ihre Themen sind Liebe, Aberglaube, Intrigen, Prostitution, Mord, Aids, Kannibalismus, aber auch Korruption oder die nigerianische Politik. Die Nollywood-Ästhetik ist schrill, gewalttätig und exzessiv. Hier wird nicht gesprochen, hier wird geschrien.

Seine Serie realisiert Hugo in Enugu and Asaba, Städte im Süden des Landes, in denen zahlreiche Filme produziert werden. Mit örtlichen Darstellern und Maskenbildnern kreiert er ein Nollywood-typisches Figuren-Ensemble. Wie in den Filmen kollidiert auch auf seinen Fotografien die Alltagswelt mit absurden Inszenierungen: eine Frau in traditionellem Gewand sitzt ungerührt neben einem halbnackten Dämon mit blutunterlaufenen Augen und Teufelshörnern, Axtmörder posieren mitten im Straßenverkehr. Söldner, Zombiefamilien, Cola trinkende Wolfsmänner – es ist eine Welt zwischen Schrecken und abgründigem Humor. Sie spiegelt die Gewalt in einer von ethnischen und sozialen Konflikten geprägten Gesellschaft wider, das alltägliche Chaos im bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Die Bilder spielen ebenso auf ein Leben im Spannungsfeld zwischen archaischen Mythen und einer großstädtischen Gesellschaft an wie auf den unglaublichen Unternehmergeist dieser Filmindustrie, die sich erst in den 1990er Jahren entwickelt hat.

Mit seinem jüngsten Projekt Permanent Error kehrt der Fotograf zum realen Horror zurück. Sodom und Gomorrah wird Agbogbloshie genannt, das Viertel mit der riesigen Müllkippe in einem Außenbezirk von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Hier landen Tonnen um Tonnen digitalen Mülls aus Europa und den USA. Und hier verdienen sich Kinder und Jugendliche ihren Lebensunterhalt, indem sie die veralteten Computer, Monitore und Mobiltelefone zertrümmern und verbrennen, um an die darin enthaltenen Metalle zu kommen. Low Tech trifft High Tech. Zurück bleiben Unmengen von Giftmüll.

Hugos postapokalyptische Landschaften sind ebenso schrecklich wie auf befremdende Weise idyllisch. Zwischen Bergen aus Elektroschrott ruhen Rinder, deren Vorfahren vor nicht allzu langer Zeit noch auf Wiesen grasen konnten. Heute ist der Boden von ausrangierten Disketten bedeckt. Überall lodern Flammen, dunkler Qualm steigt auf. Die Jungen arbeiten inmitten von Feuerstellen und toxischen Dämpfen. Ganz direkt zeigt Pieter Hugo die Konsequenzen unserer Art zu leben und zu produzieren. Doch er zeigt noch mehr. Wie die Hyänen-Männer, die Richter und die Nollywood-Darsteller schauen die Kinder und Männer direkt ins Objektiv, erwidern den Blick des Fotografen und des Betrachters. Dieser Blick und die Haltung, mit der sie vor der Kamera stehen, demonstrieren das Selbstbewusstsein der Menschen von Agbogbloshie. Ihren Willen, sich selbst unter diesen brutalen Lebensbedingungen ihre Würde nicht nehmen zu lassen – auch nicht von einer Kamera.

Pieter Hugo - Permanent Error
1. Dezember 2011 – 29. April 2012
MAXXI - National Museum of XXI Century Arts
Rom

Pieter Hugo: This Must Be The Place - Selected Works 2002-2011
3. März – 20 Mai 2012
Fotomuseum Den Haag




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