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Elegante Lösungen: Gerhard Richter in Berlin und Frankfurt

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Elegante Lösungen
Gerhard Richter in Berlin und Frankfurt


Für die große Gerhard Richter-Retrospektive haben sich drei der bedeutendsten europäischen Museen zusammengetan: Nach der Premiere in der Londoner Tate ist "Panorama" jetzt in der Berliner Neuen Nationalgalerie zu sehen. Danach wandert die Schau zum 80. Geburtstag des Malers ins Centre Pompidou in Paris. Aber auch in der neuen Präsentation der Gegenwartskunst im Frankfurter Städel spielen Richters Arbeiten eine wichtige Rolle. In diesem Rahmen sind auch hochkarätige Werke aus der Sammlung Deutsche Bank zu sehen.


Ein Künstler im Blitzlichtgewitter: Bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung Panorama drängen sich mehr als 400 Journalisten, Fotografen und Kamerateams um Gerhard Richter. Gelassen erträgt der Maler einen Medienrummel, wie man ihn eher bei einem Filmstar erwarten würde. Die Erwartung, druckreife Statements zu seinen Arbeiten zu liefern, unterläuft er mit lakonischem Humor und unkonkreten Antworten. Diese Zurückhaltung gegenüber den Pressevertretern tut dem Erfolg seiner Ausstellung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Seit der Eröffnung der grandiosen Retrospektive stehen die Besucher der Berliner Neuen Nationalgalerie Schlange, um die rund 130 Gemälde und Skulpturen des Künstlers in Mies van der Rohes Glaskubus zu erleben. In dem "Tempel der Moderne" also, der für die Präsentation von Gemälden eine absolute Herausforderung ist. Doch dank einer ebenso schlichten wie wirkungsvollen Ausstellungsarchitektur gehen Richters Arbeiten und das Gebäude eine perfekte Verbindung ein.

An schlichten weißen Stellwänden werden die Gemälde chronologisch präsentiert. So lässt sich die Entwicklung von Richters Oeuvre unmittelbar nachvollziehen – von seinen frühen nach privaten Schnappschüssen und Zeitungsbildern entstandenen, grautonigen Gemälden bis zu den großformatigen Abstraktionen mit ihren leuchtenden Farben. Oder seinen wahrscheinlich beliebtesten Motiven, den verschwommenen Familienbildern und Landschaften, die die Malerei der Romantik in die Gegenwart transportieren. Stadtansichten und monochrome Bilder, große und intime Formate hängen unmittelbar nebeneinander. Ein Hauptwerk Richters ist allerdings nicht in der Neuen Nationalgalerie, sondern einige Kilometer entfernt in der Alten Nationalgalerie zu sehen: Dort wird 18. Oktober 1977 – der 1988 entstandene, kontrovers diskutierte Zyklus zum RAF-Terrorismus gezeigt. Die Arbeiten hängen im Schinkel-Saal, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Historiengemälden des 19. Jahrhunderts und Bildern von Caspar David Friedrich, den Richter bewundert. Diese "Auslagerung" entrückt die RAF-Bilder der Sphäre des Politischen, in der sie häufig diskutiert werden. Stattdessen betont der Standort die kunsthistorische Tradition, in der diese Bilder stehen.

Ein Gang durch Panorama veranschaulicht, warum Richter, der am Tag vor der Ausstellungseröffnung seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, zu den bedeutendsten und populärsten Künstlern der Gegenwart zählt. Offensiv hält er an der verfemten Kategorie der "Schönheit" fest und errettet dabei selbst schwierige Motive wie brennende Kerzen durch die spezifische Kühle seiner Bilder vor dem Kitsch. Und er lotet unermüdlich die Möglichkeiten des Mediums Malerei aus. Figuration oder Abstraktion, expressive Gesten oder exakte Quadrate – durch seinen Stilpluralismus entzieht sich Richters Werk jeder einfachen Kategorisierung. Außer eben der, dass es immer um Malerei geht.

Das führt den Künstler auch in Bereiche, in denen sich das Bild zum Objekt, zur Skulptur wandelt, was sich in Berlin an einer Handvoll ausgewählter Arbeiten studieren lässt. Etwa bei Vier Glasscheiben (1967) – vier von einem dunklen Metallrahmen eingefassten Scheiben. Zwischen schlanken Eisenstangen montiert, können sie wie Fenster gekippt werden. Richters Spiegel (1981) ist nichts anderes als ein Spiegel und damit ein Bild, das sich permanent wandelt – so wie die Situation im Ausstellungsraum, die darin abgebildet wird. 4900 Farben Version 1 (2007) besteht aus 196 quadratischen Metalltafeln, die wiederum aus 25 verschiedenfarbigen Quadraten bestehen. Wie ein gigantischer Fries umfasst das farbige Band die gesamte Ausstellung. Dabei nimmt diese Arbeit durch die Fenster der Nationalgalerie Kontakt mit der Außenwelt auf.

In die Reihe dieser skulpturalen Werke gehört auch die ortsspezifische Auftragsarbeit Acht Grau, die Richter 2002 für das Deutsche Guggenheim realisiert hat – acht Objekte im Grenzbereich zwischen Malerei, Skulptur und Architektur. Die grau verspiegelten Glasplatten, fünf Meter hoch und fast drei Meter breit, waren an den Längsseiten der Ausstellungshalle montiert und wirkten ebenso monumental wie zurückgenommen. In einem Interview, das Nicholas Serota, der Direktor der Tate, anlässlich der aktuellen Werkschau mit dem Künstler führte, erklärt Richter: "Ich habe allerdings nichts dagegen, wenn man "Eleganz" auch für Bilder verwendet – zumindest die grauen Scheiben, die ich gemacht habe, haben eine hoch elegante Seite. (…) Auf Deutsch sagt man das auch: eine elegante Lösung, und das meint, dass sie richtig ist und einfach und leicht. Das gefällt mir sehr."

Bei all seiner Einfachheit eröffnet Acht Grau doch ein weites Feld an Assoziationen. Die Arbeit bezieht sich auf eine zentrale Funktion, die Gemälden spätestens seit der Renaissance zugeschrieben wird – sie sind ein Fenster in die Welt. Oder eben ein Spiegel, der die Welt wiedergibt. Um die Welt jenseits des Ausstellungsraums mit ins Bild zu holen, ließ Richter das undurchsichtige Glas in den Fenstern zum Boulevard Unter den Linden durch transparente Scheiben ersetzen. So reflektierten seine grauen Monolithe im Deutsche Guggenheim nicht nur die Person vor dem Bild, sondern immer auch den Außenraum. Die minimalistischen Spiegelflächen waren eine Herausforderung – einerseits hermetisch verschlossen, andererseits offen für alle möglichen Interpretationen. Die Betrachter konnten alles sehen oder eben nichts. "Glas Symbol – (alles sehen/ nicht begreifen)", notierte Richter bereits 1966 in seinem Skizzenheft.

Schon vor der Realisierung der Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim spielte Richter in den Kunstaktivitäten der Deutschen Bank eine herausragende Rolle. 1988 war er "Künstler des Geschäftsjahrs", danach war seinen Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank eine Ausstellungstournee gewidmet. Neben dem 1965 entstandenen Gemälde Kahnfahrt und der großformatigen Abstraktion Faust (1980), die in der Lobby der Deutschen Bank an der New Yorker Wall Street präsentiert wird, ist er vor allem mit den nahezu kompletten Druckgrafiken in der Unternehmenssammlung vertreten. Vor der Modernisierung der Frankfurter Deutsche Bank-Türme war seinem Werk die gesamte 28. Etage von Turm B gewidmet. Dem Konzept der Sammlung entsprechend konzentrierte sie diese Präsentation auf seine Papierarbeiten. Neben den Grafiken demonstrierten auch Zeichnungen und Aquarelle die Bandbreite seiner künstlerischen Sprache. Im Rahmen der neuen Kunstpräsentation in den Türmen hat eine Auswahl seiner Werke ihren Platz im Vorstandsbereich gefunden.

Richters Druckgrafiken aus der Sammlung Deutsche Bank sind jetzt auch im Städel Museum zu sehen. Sie gehören zu einem Konvolut von 600 Dauerleihgaben aus der Unternehmenssammlung, die dem Frankfurter Ausstellungshaus 2008 übergeben wurden. In den neuen Gartenhallen sind bekannte Motive wie Kerze II (1989) oder Betty (1991) nun Teil der spektakulären Präsentation der Gegenwartskunst. Gemeinsam mit druckgrafischen Arbeiten von Sigmar Polke werden sie in einem eigenen Raum gezeigt. In den Gartenhallen werden die Synergien zwischen der Sammlung des Museums und der des Unternehmens offensichtlich: "Die Präsentation stellt Korrespondenzen her und bringt Arbeiten zusammen, die auch zusammengehören", erklärt Dr. Martin Engler, Kustos für Kunst seit 1945. "So ergibt sich etwa ein spannender Dialog zwischen wichtigen Richter-Bildern, zwischen dem sehr schönen, frühen Großer Vorhang (1967) und der Kahnfahrt (1965) aus der Sammlung Deutsche Bank."

Im gleichen Jahr wie die Kahnfahrt entstand auch der Siebdruck Hund, der ebenfalls in den Gartenhallen zu sehen ist. 1965 schuf Richter zudem zwei seiner bekanntesten Gemälde: Onkel Rudi und Tante Marianne, beide in Berlin zu sehen. Diese vier Arbeiten führte der Künstler in der für ihn charakteristischen Technik der Verwischung aus und verwendete dabei – bis auf die eher blautonige Kahnfahrt – eine Palette unterschiedlicher Grautöne. Diese vier etwas geisterhaft anmutenden Bilder könnten aus dem Fotoalbum einer x-beliebigen deutschen Familie stammen. Auf ihnen liegen die Schatten der Vergangenheit – ganz offen, wie bei dem Bild des lächelnden Onkels in der Wehrmachtsuniform, oder zumindest als Möglichkeit. Richters Hund ist ein ganz spezifischer Vertreter seiner Art: Als eine Art Nationaltier waren Deutsche Schäferhunde im 3. Reich besonders beliebt. Bei dem Bild seiner Tante ist der Bezug zur deutschen Geschichte dagegen nicht unmittelbar ersichtlich. Durch die Recherchen eines Journalisten wurde 2005 bekannt, dass Marianne Schönfelder auf Grund ihrer Schizophrenie 1945 ermordet wurde – als eines von 250.000 Opfer der Euthanasie. Als Richter das Gemälde realisierte, wusste er noch nichts vom Schicksal seiner Tante. Greift er für die "Familienbilder" auf private Motive zurück, basiert die Kahnfahrt auf einem Foto aus einer Zeitung. "Echte Bayern rudern die ‘Zuagroasten‘ über den Königssee" ist unter dem Original zu lesen. Im Kontext der anderen Werke dieser Jahre bekommt das Bild eines harmlosen Freizeitvergnügens in der Ära des deutschen Wirtschaftswunders einen bitteren Beigeschmack. Gerade einmal 20 Jahre nach dem Ende des 3. Reichs und den Verheerungen des 2. Weltkriegs schippern die "Zuagroasten" schon wieder vergnügt über den Alpensee.

"Meine Bilder sind klüger als ich", lautet ein gern zitierter Satz von Richter, der gerade durch die Geschichte hinter Tante Marianne bestätigt wird. Wenn er im Interview mit Nicholas Serota die Malerei neben dem Tanzen und Singen zu einer menschlichen "Grundeigenschaft" erklärt, die "bestehen bleibt", dann bringt er sie nicht mit analytischem oder konzeptuellen Denken in Verbindung: "Ich habe nie gewusst, was ich tue." Die Bedeutung seiner Bilder bleibt dabei so unscharf wie die Konturen seiner Motive. Banalität und Bedeutung, Intuition und Kalkül, reine Oberfläche und auratische Aufladung – gerade ihre Ambivalenzen macht, neben ihrer Schönheit, die enorme Faszination von Richters Bildern aus. Das Geheimnis seiner Malerei entzieht sich letztendlich der Sprache.
Achim Drucks

Gerhard Richter. Panorama
12. Februar - 13. Mai 2012
Neue Nationalgalerie, Berlin

Präsentation der Gegenwartskunst in den neuen Gartenhallen
ab 25. Februar
Städel Museum, Frankfurt




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