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“Das Poetische und das Alltägliche”
Kuratorin Joan Young über Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim


Die Kunstgeschichte inspiriert Gabriel Orozco ebenso wie die Straßen von Berlin oder Mexiko-Stadt. Zu seiner Auftragsarbeit "Asterisms" für das Deutsche Guggenheim haben den 1962 geborenen Künstler dagegen Fundstücke vom Strand eines mexikanischen Naturschutzgebiets und dem Kunstrasen eines New Yorker Freizeitparks angeregt. Gemeinsam mit Nancy Spector hat Joan Young, Director of Curatorial Affairs am New Yorker Guggenheim Museum, Orozcos aktuelles Ausstellungsprojekt kuratiert. Im Interview schildert sie die Entstehungsgeschichte von "Asterisms" und erklärt, wie uns Orozco die Welt auf eine ganz neue Weise sehen lässt.


Achim Drucks: Er lebt in Mexiko, Frankreich und den USA, realisiert seine Projekte auf der ganzen Welt. Ist Gabriel Orozco der Inbegriff des nomadischen Gegenwartskünstlers?

Joan Young: Diese Beschreibung trifft es ganz gut. Wo immer er sich auch aufhält – Orozco ist ein äußerst scharfer Beobachter und diese Beobachtungen teilt er dann mit dem Publikum.

Wie würden Sie Orozcos Bedeutung für die aktuelle Kunstszene beschreiben?


 Ich denke, er beeinflusst die aktuelle Kunst vor allem durch die Vielzahl der Medien mit denen er arbeitet. Sein künstlerisches Werk ist sehr offen und reagiert auf die ganz unterschiedlichen Umgebungen, in denen er sich aufhält. Hinzu kommen die spielerischen Ansätze seiner Arbeiten. Dabei hat er nicht nur die Kunstszene in Mexiko-Stadt geprägt. Er hat wirklich weltweiten Einfluss.

Gemeinsam mit Nancy Spector kuratieren Sie Orozcos Ausstellung im Deutsche Guggenheim. Wie kam es zu diesem Projekt?

Schon seit langem hat sich das Guggenheim Museum für Orozco interessiert und einige seiner Fotoarbeiten gesammelt. Die Reihe der Auftragsarbeiten für das Deutsche Guggenheim bot uns schon häufiger die Möglichkeit, mit Künstlern zusammenzuarbeiten, die uns interessiert haben oder mit denen wir unsere Zusammenarbeit vertiefen wollten. So wendeten wir uns an Gabriel Orozco und fragten ihn, ob er interessiert wäre, und das war er dann auch. Es hat einige Zeit gedauert, ein Projekt zu entwickeln, das auf den Ausstellungsraum eingeht und zugleich dem aktuellen Stand seiner Arbeit entspricht. Für Berlin hat er neue Arbeiten geschaffen, die sich jedoch stark auf sein bisheriges Werk beziehen.

Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim bezieht sich auf die Isla Arena vor Mexiko. Welche Bedeutung hat die Insel für den Künstler?


Die Auftragsarbeit besteht ja aus zwei Teilen, die beide fast gleichzeitig entstanden. Einer beschäftigt sich mit New York, der andere mit Isla Arena. In New York geht Orozco öfter in einen Freizeitpark, der ganz in der Nähe seines Hauses liegt, um dort Fußball zu spielen oder seinen Bumerang zu werfen, das ist eines seiner Hobbys. Dabei fielen ihm die vielen kleinen Dinge auf, die die Besucher dort zurücklassen und er begann sie zu sammeln. Auf Isla Arena ist er bereits früher gewesen. Hier hat er auch das Walskelett gefunden, auf dem seine Arbeit Mobile Matrix (2006) basiert, die heute in der Biblioteca Vasconcelos in Mexiko-Stadt zu sehen ist. Bei dieser Insel handelt es sich im Grunde um eine Sandbank in einer Bucht. Grauwale kommen dorthin, um sich zu paaren, ihre Jungen zur Welt zu bringen und manchmal kehren sie auch zum Sterben in diese Bucht zurück. Sie ist ein nationales Schutzgebiet, das nicht öffentlich zugänglich ist. Deshalb durfte Orozco die Insel nur mit einer offiziellen Genehmigung betreten. Während der Suche nach dem Walskelett fielen ihm die Massen von Abfällen und Schutt auf dem Strand auf. Seine Funde von dem New Yorker Spielfeld erinnerten ihn daran und so kehrte er auf die Insel zurück, um dort Treibgut zu sammeln.

Bei “Sandstars”, eine der beiden skulpturalen Arbeiten in der Ausstellung, handelt es sich um ein teppichartiges Arrangement aus den Dingen, die er dort gefunden hat. Die Glasflaschen, Schwimmer von Fischernetzen und Steine sind nach Material, Farbe oder Größe angeordnet. Diese Typologie lässt an einen Archäologen denken, der seine Funde präsentiert. Könnte man Orozco als eine Art Archäologen der Gegenwart bezeichnen?

Ich glaube, dass er das bei seiner Beschäftigung mit diesen Gegenständen im Kopf hatte. Er dachte darüber nach, wie sich Wissenschaftler ihren Materialien nähern und sie präsentieren oder wie Informationen geordnet werden. Er erkannte, dass all diese Ordnungssysteme in gewissem Maße subjektiv und persönlich sind. Orozco erforscht wie Informationen übermittelt werden, allerdings in seiner ganz persönlichen Sprache.

Wenn man die Fundstücke ansieht, denkt man unweigerlich an die Folgen von Umweltverschmutzung. Zugleich besitzen zumindest einige dieser Objekte einen großen ästhetischen Reiz. Wie wichtig sind Themen wie das Verhältnis zwischen Natur und Zivilisation, Alltäglichem und Poetischem für Orozcos Werk?
  
Das sind zentrale Themen, die sein gesamtes Oeuvre durchziehen. Er fängt das Poetische und das Alltägliche ein, vor allem in seinen fotografischen Arbeiten. Häufig zeigen sie sozusagen zufällig entstandene Skulpturen, auf die er im Alltag stößt und die er dann festhält. Eigentlich könnte man denken, er zeigt ganz einfach seine Funde. Aber durch die Anordnungen, die er schafft, offenbaren sich die Schönheit, Einzigartigkeit und die außergewöhnlichen Eigenschaften dieser Objekte.
  
Diesen “skulpturalen Teppich” ergänzen in Rastern angeordnete Fotografien, die er in seinem Studio aufgenommen hat. Welche Rolle spielen diese Arbeiten für die Installation?
  
Die Fotografien betonen noch einmal den wissenschaftlichen Ansatz, mit dem Orozco sich seinen Fundstücken nähert. Jedes Objekt wird einzeln, im selben Format und unter denselben Bedingungen aufgenommen. So kann man jedes Objekt für sich betrachten. Sie werden auf gewisse Weise einander angeglichen, denn er vergrößert oder verkleinert sie auf etwa dasselbe Maß. Das ermöglicht dem Betrachter, ein ganz anderes Verhältnis zu diesem Gegenstand zu entwickeln. Es ist wirklich interessant, wenn man diese beiden Projekte vergleicht: Astroturf Constellation, die New Yorker Arbeit, setzt sich aus all diesen winzigen Bruchstücken zusammen, die auf den Fotografien vergrößert werden. Dadurch vollzieht sich ein Maßstabswechsel. Bei Sandstars verhält es sich genau anders herum, hier werden die Gegenstände verkleinert. Durch diese fotografische Angleichung werden die Bezüge zwischen den Objekten in beiden Projekten deutlich. Es gibt da diese Verschiebung zwischen Mikro und Makro, zwischen ganzen, vollständigen Objekten und den Bruchstücken. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Arbeiten. So fällt auf, dass trotz der völlig verschiedenen Fundorte bestimmte Farben, Formen und Materialien vorherrschen. Das lässt einen schon über die materielle Welt nachdenken, in der wir leben.
 
Welche Rolle spielt die Fotografie generell in Orozcos Werk?

 
Sie veranschaulicht am besten seine Sichtweise auf die Welt, die auch all seine anderen Arbeiten prägt. Sie ist mehr als nur ein Werkzeug, um etwas festzuhalten. Sie kann deine Perspektive verändern, jene Dinge beleuchten, die man sonst übersehen oder an denen man achtlos vorbei gehen würde.

Wie etwa den Hund, der auf einer seiner bekanntesten Fotoarbeiten, „Sleeping Dog“ (1990), zu sehen ist.

Genau. Viele seiner Fotografien wirken sehr ruhig und scheinbar einfach. Sie fordern uns dazu auf, seine Skulpturen und anderen Werke mit einer ähnlichen Sorgfalt und Ruhe anzuschauen, so dass einem deren spezifische Formen und Oberflächen bewusst warden.

Wenn man an den Titel der Ausstellung „Asterisms“ denkt, scheint es bei diesen Projekten auch eine kosmische Dimension zu geben.
 
Sie bestehen aus einzelnen Objekten, die man auf eine ähnliche Weise gedanklich miteinander verbinden kann wie die Sterne im Himmel. Orozco sammelt diese Materialien, in denen der Besucher bestimmte Konstellationen erkennen kann, so als wären sie Sternenbilder. Es gibt unzählige Sterne. Und vielleicht kann man diese Kunstwerke als eine Art Metapher für die unendliche Menge von Gegenständen und Materialien in der Welt sehen, die uns umgibt.    

Gabriel Orozco: Asterisms
06.07. - 21.10.2012
Deutsche Guggenheim, Berlin




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