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Retro-Fiktionen
Made in Germany Zwei in Hannover



Durchbruch durch Schwäche, so hat Alicja Kwade ihren Beitrag für Made in Germany Zwei betitelt. Für die Installation lässt sie Uhrengewichte aus den letzten vier Jahrhunderten an Ketten von der Decke hängen. Manche der Metallzapfen scheinen sogar den Fußboden des Kunstvereins Hannover zu durchdringen, als Sinnbild für den stetigen, unaufhaltsamen Fluss der Zeit. Zugleich wirkt Kwades Titel wie eine ironische Replik auf Slogans wie „Vorsprung durch Technik“ oder eben „Made in Germany“.

Nachdem Based in Berlin im letzten Sommer die Szene der Hauptstadt abzubilden versuchte, haben sich jetzt für Made in Germany Zwei gleich drei Hannoveraner Institutionen zusammengetan, um zu untersuchen, was die jüngere Künstlergeneration in Deutschland beschäftigt. Seit 2010 haben Kuratoren des Sprengel Museums, der Kestner Gesellschaft und des Kunstvereins gemeinsam recherchiert und diskutiert, bis die Teilnehmerliste stand: 45 Künstler werden vorgestellt, von etablierten Positionen wie Cyprien Gaillard, Klara Lidén und Jorinde Voigt bis zu weniger geläufigen Namen, so Marcellvs L. oder Gregor Gleiwitz. Der Titel Made in Germany bezieht sich auf den Produktionsstandort Deutschland – und der ist multinational. 21 Teilnehmer stammen aus dem Ausland, die meisten leben in Berlin. Etwa Shannon Bool, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Die Kanadierin hat die Gitter eines Frauengefängnisses nachgebaut und an den Stäben in goldglänzende Bronze gegossene Alltagsgegenstände angekettet: Zigarettenpapier, Lippenstifte, Schlüsselanhänger. Dinge also, die vom Leben und den Sehnsüchten der einsitzenden Frauen erzählen.

Auch bei Simon Fujiwaras Beitrag lässt sich eine Geschichte aus einem Ensemble von Gegenständen konstruieren. Bereits als Gewinner des Cartier Awards realisierte der britisch-japanische Künstler auf der Frieze Art Fair 2010 eine archäologische Ausgrabungsstätte in den Messezelten im Regent’s Park. In Hannover geht es jetzt um eine Bibliothek, angeblich ein Flohmarktfund. Die bizarre Konstellation aus Büchern, Schallplatten, Bildern bis hin zu einer Schlangenhaut hinter Glas könnte sowohl auf einen Amazonas-Forscher wie auf einen Sexualwissenschaftler deuten. The personal effects of Theo Grünberg ist ein faszinierender Trip durch ein 136(!) Jahre währendes Leben, auf dem die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion immer wieder verschwimmen.

So mysteriös wie Fujiwaras Grünberg-Biografie ist auch die Geschichte von Keren Cytters Video Konstruktion (2010). Die israelische Künstlerin war 2011 an Globe, dem Kunst- und Performance-Programm zur Widereröffnung der Frankfurter Deutsche Bank-Türme beteiligt. Bei Made in Germany ist Cytter mit einem 8-Minuten-Video-Drama vertreten, in dem das ganze Chaos des Lebens und des Liebens auf die Spitze getrieben wird. In den Deutsche Bank-Türmen ist Mike Bouchet eine ganze Etage gewidmet, wo unter anderem seine mit selbstgebrauter Cola gefertigten Zeichnungen zu sehen sind. Doch die pechschwarze Limonade dient Bouchet nicht nur als Farbersatz, sondern ebenso als Badewasser in einem Pool, dem Schauplatz seines Films Diet Cola Pool outtakes (2010). Mit von Kohlensäure geröteter Haut ergehen sich zwei Darsteller in klischeehaft erotischen Szenen wie aus einem Werbeclip. Auch mit dieser Arbeit unterläuft der in Frankfurt lebende Kalifornier die Glücksversprechen von Konsumprodukten und Reklamen.

Bei ihren Vorbereitungen zu Made in Germany haben die Kuratoren sechs Kernthemen ausgemacht: „Medium als Material“, „Narrativität“, „Das Gestern im Heute“, „Übersinnliches“, „Räume“ und „Vernetzungen“. Auffällig dabei ist, dass das Thema Politik, dem sich die aktuelle Berlin Biennale so offensiv verschrieben hat, in Hannover keine Rolle spielt. Statt gesellschaftliche Wirklichkeiten zu thematisieren, flüchtet man sich hier gerne in Retro-Fiktionen. So hat Dirk Dietrich Hennig das Krankenzimmer einer psychiatrischen Klinik nachgebaut. Dorthin hat sich der Fluxus-Künstler Jean Guillaume Ferrée zurückgezogen, vor den Zumutungen des Lebens und des Kunstmarkts. Zeitschriften-Cover aus den Siebzigern künden von seinem vergangenen Ruhm. Reynold Reynolds blickt noch weiter zurück, in die dreißiger Jahre. Er hat die Geschichte eines Vampirfilms rekonstruiert und in Teilen nachgedreht.

Made in Germany vermittelt ein manchmal etwas rückwärtsgewandtes Bild vom Produktionsstandort Deutschland. Vielleicht sollte man sich, gerade im Zeichen fortschreitender Globalisierung, ganz einfach von der Idee verabschieden, der Kunstszene eines Landes mit einer Ausstellung wirklich gerecht werden zu können. Befreit von diesem Anspruch, lässt sich dann in Hannover entdecken, was eine junge internationale Szene antreibt.  
A.D.


Made in Germany Zwei
Internationale Kunst in Deutschland
17. Mai – 19. August 2012
Sprengel Museum / Kestner Gesellschaft / Kunstverein Hannover




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