ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Dynamisches Duo - Preview Frieze London und Frieze Masters
Fabian Marti: Trip auf die andere Seite
Gabriel Orozco: Die Poesie der Alltagsobjekte und ungewollten Dinge
Ein Interview mit den brasilianischen Street Artists Os Gêmeos
Tapete und Transzendenz: Shannon Bools Exkursionen in die Moderne
Künstlerischer Kontrollverlust - Pierre Huyghes documenta-Biotop
Eine Begegnung mit Mathilde ter Heijne
Wenn's am Strand zu langweilig wird: die ArtMag-Tipps für den Sommer
Kuratorin Joan Young über Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim
Sammlung Deutsche Bank goes App

drucken

weiterempfehlen
Gabriel Orozco
Die Poesie der Alltagsobjekte und ungewollten Dinge


Gabriel Orozco gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Seine Installationen, Skulpturen, Fotografien und Gemälde widmen sich bevorzugt dem Ephemeren – Alltagsgegenständen, Situationen und Erfahrungen. Bei Orozco  kann sich alles in Kunst verwandeln: Joghurtbecher, Automobile, sogar ein ganzes Walskelett. Anlässlich seiner Auftragsarbeit "Asterisms" für das Deutsche Guggenheim stellt Ulrich Clewing das Werk des Künstlernomaden vor, der wahlweise in Mexiko, Frankreich und den USA lebt.


Irgendetwas stimmte nicht mit diesem Auto. Von der Seite betrachtet war noch alles in Ordnung. Aber von vorne sah es seltsam geschrumpft aus. Tatsächlich fehlten dem Wagen – ein Citroën DS, Baujahr 1960 – entscheidende 64 Zentimeter. Gabriel Orozco hatte das Gefährt mit einem Assistenten einen Monat lang in einer KFZ-Werkstatt traktiert, bevor er es im Dezember 1993 in die Pariser Galerie Chantal Crousel verfrachtete. Zuerst entfernten die beiden Sitze und Motor. Dann verpassten sie der Karosserie der Länge nach zwei saubere Schnitte, hoben den Mittelteil heraus und setzten dann die zwei verbliebenen äußeren Hälften zusammen. Zum Schluss kamen die Sitze wieder rein – einer vorne, einer hinten.

Die Implikationen waren nicht zu unterschätzen, nicht nur, weil Auto im Französischen ein Substantiv weiblichen Geschlechts ist und die DS ausgesprochen wie „Déesse“ – die Göttin – klang. Bei seiner Präsentation im Jahr 1955 umjubeltes Paradebeispiel avantgardistischer französischer Technik, war die futuristische Nationalikone nach Orozcos Modifizierung noch immer stromlinienförmig, ja fast noch schnittiger als zuvor. Aber andererseits war es eben auch ein lächerlicher Haufen Blech. „Entschwundene Träume eines ungebändigten Technikzeitalters, Fußnoten eines visionären Kopfs am Ende eines verschwimmenden Jahrtausends“  kommentierte damals der Kunstkritiker Francesco Bonami in der Zeitschrift Flash Art.

Als Gabriel Orozco La DS (1993) in Paris zeigte, war er 31 Jahre alt und galt als vielversprechender junger Künstler. Heute, knapp zwanzig Jahre später, ist er ein Star der internationalen Szene, geehrt mit Ausstellungen in den renommiertesten Museen und vertreten in Sammlungen weltweit. Dreimal nahm er bisher an der Biennale von Venedig teil, zweimal an der documenta in Kassel. Zuletzt waren Arbeiten von ihm im Museum of Modern Art in New York (2009), dem Pariser Centre Pompidou (2010), dem Kunstmuseum Basel (2010) und der Tate Modern in London (2011) zu sehen.

Die mittlerweile vom französischen Staat angekaufte Autoskulptur wurde nicht nur zu einem seiner bekanntesten Werke, sie ist auch beispielhaft für die Arbeitsweise, mit welcher der 1962 in Mexiko als Sohn eines Malers und einer Pianistin geborene Künstler die Bildhauerei der vergangenen Jahrzehnte beeinflusst hat wie kaum ein anderer. Für Orozco ist die ganze Welt Material – es gibt praktisch nichts, was ihm nicht geeignet scheint, Eingang in sein äußerst vielseitiges Gesamtwerk zu finden. In den meisten Fällen sind es alltägliche Gegenstände, die zum Ausgangspunkt für skulpturale Eingriffe werden. Oft handelt es sich dabei um Weggeworfenes, Ungewolltes, nicht mehr Gebrauchtes, um das, was andere als Müll bezeichnen würden. Für Orozco gibt es keine Grenzen, wenn es darum geht zu bestimmen, was als künstlerischer Grundstoff in Frage kommt und was nicht. Und er lässt sich dabei auch nicht auf eine bestimmte Gattung festlegen. Er dreht Videos, führt Performances auf und fotografiert dann die Reste, er baut ein Riesenrad auf, das zur Hälfte im Boden versinkt, wie zur Expo 2000 in Hannover mit Half-Submerged Terris Wheel (1997), oder lässt eine Aufzugskabine, Elevator (1997), ins Museum of Contemporary Art in Chicago transportieren. Er hat, lange vor Damien Hirst, für Black Kites (1997) einen Totenschädel genommen und mit einem Bleistift ein Rautenmuster darauf aufgebracht. Er hat für My Hands Are My Heart (1991) ein Stück Tonerde vor seine Brust gehalten und als er es losließ, sahen die Abdrücke seiner Hände aus wie ein Herzmuskel. Fotos, Aktionen, Readymades – all dies gehört zu seinem Schaffen. Und manchmal macht er auch fast nichts. Ein Jahr nach La DS, bei einer Ausstellung in der Marian Goodman Gallery in New York, konfrontierte er die Besucher mit der Installation Yogurt Caps (1994), einem vollständig leeren Raum, in dem er lediglich vier Deckel von Joghurtbechern verteilt hatte. Nicht jeder war damals glücklich über diese extrem minimalistische Präsentation. Jedoch hatte es  schon lange keine Galerieausstellung mehr gegeben, in der mehr über das Verhältnis von physischer Präsenz und Imagination diskutiert wurde.

Ein andermal erhielt Orozco die Einladung zu einer Schau in die Douglas Hyde Gallery des Trinity College in Dublin. Auch dazu reiste er praktisch ohne Gepäck an, zumindest hatte er keine Kunst dabei. Er hielt sich an das, was er vor Ort vorfand: einen alten Besen, einen Kaffeebecher, eine gebrauchte Malerrolle, ein Weinglas und eine leere Glühbirnenschachtel. Und es geschah das Unvorhersehbare: Mit einem einfachen, aber sehr wirkungsvollen Kunstgriff verlieh er in The Weight of the Sun (2003) den Dingen eine Poesie, die zu Anfang nur in seiner Vorstellung existierte, später aber umso sichtbarer wurde. Er ging hin und verband Besen, Becher, Glas, Malerrolle und Schachtel mit dünnen Schnüren erst an der Decke, dann untereinander. Als er damit fertig war, schienen die Gegenstände wie von Geisterhand im Raum zu schweben. Bewegte man den einen, bewegten sich auch alle anderen: ein Ballett banaler Gebrauchsartikel, die im selben Augenblick ihre Banalität gegen ein bezauberndes neues Dasein eingetauscht hatten.

Die Sprache, die Orozco bei solchen Installationen spricht, ist das universelle Vokabular eines Globetrotters. In allem, dem er begegnet, erkennt er eine merkwürdige, unterschwellig wirkende poetische Energie. Er hat bereits in Berlin, im costaricanischen Regenwald und in Neu-Dehli gearbeitet, privat lebt er mit seiner Frau Maria Gutierrez und ihrem gemeinsamen Sohn Simón in Mexiko City, New York und Paris. Oder wie er es ausdrückt: in „drei unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, Mentalitäten, Denkweisen“. In seiner New Yorker Galerie hängte er Objekte auf, die aussahen wie Textilien und schon beim leisesten Windhauch in Bewegung gerieten. Die Installation Lintels (2001) bestand aus Rückständen, die der Künstler in Wäschetrocknern gefunden hatte und denen er nun, indem er sie an den Galeriewänden anbrachte, mal wieder den entscheidenden Twist gegeben hatte. Der Kunstkritiker des New Yorker, Peter Schjeldahl, urteilte prägnant, wenn man sich einmal dazu durchgerungen hätte, in den Flusen nicht mehr nur Abfall zu sehen, dann wecke „ihre Fragilität überraschend zarte Regungen.“

Orozcos Vorgehen ist höchst präzise, doch ebenso oft wählt er die Improvisation. Bei Black Kites, dem schwarz-weiß gemusterten Totenkopf, hat er den komplizierten Linienverlauf akkurat in Vorzeichnungen festgehalten. Und dann – bei der Aktion Penske Work Project (1998) – lief es wieder genau anders herum. Da fuhr er mit einem geliehenen Laster der Firma Penske vier Wochen durch Manhattan, sammelte am Straßenrand Müll zusammen und formte daraus direkt auf der Ladefläche seine Kunstobjekte. Der totale Zufall als Gestaltungsprinzip. „Es ist eine Art Spiel“, gab Orozco, nachzulesen in dem bei Hatje Cantz erschienenen Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Basel, danach zu Protokoll. „Ich fahre den Laster in der Stadt herum, ich darf nur benutzen, was ich finde und mir muss an Ort und Stelle etwas einfallen. Ich arbeitete also vor mich hin, manchmal 30 Minuten, manchmal zwei Stunden, bis ich eine Lösung hatte, die mir gefiel. Dann machte ich ein Polaroidfoto als Gedächtnisstütze, verstaute das Ding im Laster und fuhr zur nächsten Station.“

Beide Male, bei Black Kites wie bei Penske Work Project, passiert im Verlauf der an sich grundverschiedenen Prozesse ein und dasselbe: ein bereits vorhandener Gegenstand wird von einem einfachen in einen komplexen Sinnzusammenhang transformiert. Womöglich ist deshalb eine Bibliothek nicht der schlechteste Ort für Orozcos Kunst. Jedenfalls hängt dort, in der 2006 eröffneten Biblioteca Vasconcelos in Mexiko City, eines seiner spektakulärsten Werke: das Skelett eines Grauwales, das der Künstler ähnlich wie bei seinem Totenschädel mit einem rhythmisch organisierten Muster versehen ließ. 6.000 Bleistiftminen verbrauchten die 20 Assistenten, die die feinen Graphitlinien auf das riesige inzwischen Mobile Matrix betitelte Knochengerüst aufbrachten. Das Walskelett fand Orozco am Strand von Isla Arena in Baja California, einem Naturschutzgebiet, in dem die Natur leider nicht nur geschützt wird. Denn von der Meeresströmung angeschwemmt werden verendete Wale, aber auch Zivilisationsmüll jeder Art. Für Orozco, wie man beim Penske Work Project gesehen hat, ein perfektes Reservoir an Arbeitsmaterial.

In Vorbereitung der Ausstellung Asterisms im Deutsche Guggenheim ist Gabriel Orozco zur Isla Arena zurückgekehrt, um dort am Strand erneut Gegenstände aufzulesen. Mit dieser Reise wiederholt er die Aktion vom Pier 40-Freizeitpark in Manhattan, New York, wo er den Kunstrasen nach Dingen absuchte, die sich im Lauf der Saison ansammelten: Flaschenverschlüsse, Zigarettenstummel, Kaugummis in allen Farben. Diese werden zusammen mit Fotoarbeiten und einem Video in der Ausstellungshalle Unter den Linden präsentiert. Doch zuvor wird er sie noch kleinen Transformationen unterziehen, damit sie vom fragilen Zustand von Natur und Zivilisation am Anfang des 21. Jahrtausends künden.

Gabriel Orozco: Asterisms
06.07 - 21.10.2012
Deutsche Guggenheim, Berlin




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Solch ungeahnte Tiefen - Wangechi Mutu in der Kunsthalle Baden-Baden / Asterisms - Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim / The Sight of Sound - Kunst und Musik in der 60 Wall Gallery
News
Portikus als Camera Obscura - Deutsche Bank Stiftung unterstützt außergewöhnliches Ausstellungsprojekt / Deutsche Bank Stiftung unterstützt MMK Talks / Praemium Imperiale für Cai Guo-Qiang / Yto Barrada im MACRO / GO - Erkunden Sie die Kunstszene in Brooklyn / Baselitz - Immendorff - Schönebeck in der Villa Wessel / Fantastische Zwillinge - Deutsche Bank fördert Os Gêmeos-Schau im ICA Boston / William Kentridge im Jüdischen Historischen Museum Amsterdam / Villa Romana-Preisträger 2013 - Vier Künstler erhalten Stipendium in dem renommierten Künstlerhaus / Create Festival feiert die Kreativ-Szene in East London
Presse
Pressestimmen zu Roman Ondáks Projekt im Deutsche Guggenheim / Pressestimmen zur Premiere der Frieze New York
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2014 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++