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Künstlerischer Kontrollverlust
Pierre Huyghes documenta-Biotop


Für das von der Deutschen Bank geförderte Projekt „A Journey That Wasn’t“ machte sich Pierre Huyghe auf die Suche nach seltenen Albino-Pinguinen. Bei einer Ausstellung in Berlin ließ er Ameisen und Spinnen den Galerieraum erobern, während in seinem surrealen documenta-Garten Hunde und Bienen leben. Doch mit naiver Tierliebe haben die Arbeiten des französischen Künstlers nichts zu tun. Achim Drucks über Pierre Huyges Biotop für die documenta und die Grenzen zwischen Kunst und Leben.


Wo ist Human? Die weiße Hündin ist einer der Stars der documenta 13 und hat es immerhin auf das Cover des Zeit-Magazins und von Monopol geschafft. Doch beim Streifzug durch Pierre Huyghes Kunst-Biotop keine Spur des Tiers. Hat Human vielleicht keine Lust mehr, als lebendes Kunstwerk begafft zu werden? Gingen ihr die zahlreichen Besucher so sehr auf die Nerven, dass sie einfach abgetaucht ist? Und – kann ein Hund überhaupt ein Kunstwerk sein? Das rosafarbene Bein, das ihr der französische Künstler verpasst hat, sorgt jedenfalls dafür, dass man Human nicht nur als Tier wahrnimmt. Das signalisiert auch schon ihr Name. Diesen Gedanken kann man jetzt nur leider nicht in der Realität überprüfen, denn die Hündin taucht einfach nicht auf. Eines wird einem beim Besuch von Huyghes Areal rasch klar: Die künstlerische Arbeit mit Tieren bedingt einen gewissen künstlerischen Kontrollverlust – auf jeden Fall, wenn man den Tieren ihre Freiheit lässt.

„Human schläft im Schuppen“, erklärt ein junger Mann. Er kümmert sich um die Podenco-Hündin und um den Garten, in dem sie lebt. „Sie braucht etwas Ruhe“. Aber nicht, weil sie die Rolle als Kunstwerk zu sehr stresst, sondern weil Human ihrer Natur gefolgt ist. Gemeinsam mit dem Dackel einer Kuratorin ist sie zwei Stunden lang durch die Karlsaue getobt. Das muss ein toller Anblick gewesen sein: Die langbeinige, elegante Windhündin und der kleine Dackel beim schnellen Spiel zwischen alten Bäumen und Künstlerpavillons. Der Hüter des Gartens musste sich auf sein Fahrrad schwingen, um die beiden wieder einzufangen.

Humans Mitbewohner Señor ist glücklicherweise anwesend. Der niedliche Welpe steuert neugierig auf ein Besucherpaar zu. Aber nicht die Menschen erregen sein Interesse, ihren Hunden. Schwanzwedelnd nehmen sie Kontakt auf. Das hat man schon tausend Mal gesehen, aber im Kunstkontext versucht man unwillkürlich, ein Mehr an Bedeutung aus dieser Situation herauszulesen. Und sei es nur, dass man die Tiere um ihre unkomplizierte Kontaktaufnahme beneidet. Oder einem wird klar, dass die beiden Hunde sehr wohl auf Spuren von Human treffen. Auf Gerüche, die vielleicht sogar signalisieren, wie sie sich so fühlt auf diesem merkwürdigen Gelände.

Huyghes Biotop muss man ein bisschen suchen. Es versteckt sich am Ende der Karlsaue hinter ein paar Büschen. Denn auch zu documenta-freien Zeiten steht das Areal in diametralem Gegensatz zu der wunderschönen barocken Parkanlage. Normalerweise werden hier Pflanzenabfälle kompostiert, damit sie sich in fruchtbaren Humus verwandeln. Jetzt wuchert es hier im Auftrag der Kunst. Untilled (2012) hat Huyghe seine Arbeit benannt, nicht "Untitled", wie man zunächst vermuten könnte. "Untilled" bedeutet so viel wie "nicht bestellt" oder "nicht kultiviert". Ein passender Titel. Denn das Ganze wirkt total provisorisch, wie eine überwucherte Brache. Zwischen den bewachsenen Komposthügeln stapeln sich Gehwegplatten, neben veralgten Pfützen ein Haufen schwarzer Splitt. Aber auch eine Skulptur wurde hier installiert: auf einem Betonquader ruht eine "Liegende" aus Beton. Statt einem Kopf trägt sie allerdings einen großen Bienenstock auf ihren Schultern, was dem ganzen Ensemble einen surrealen Touch verleiht.

Dieser "Kopf" besteht aus tausenden von Köpfen, tausenden von Bienenkörpern, die unablässig miteinander kommunizieren. Ein flirrendes Ganzes, das im Schwarm denkt – ganz ohne Zentralorgan. Schwarmintelligenz ersetzt hier sozusagen Gehirn und menschlichen Verstand. Dezentrale Lenkung, Reaktion auf die Signale der Mitbewohner und einfache Regeln – das hilft dem Bienenvolk dabei, sich zu organisieren. Nur gemeinsam können sie komplexe Situationen bewältigen. Ein Vorbild für uns? Die Erfolge der Piratenpartei sprechen dafür. Mit neuen Formen politischer Mitwirkung und Meinungsbildung appellieren die Piraten an die Sehnsucht vieler Menschen, sich unmittelbarer an politischen Prozessen zu beteiligen.

Mit den Verweisen auf nicht-menschliche Formen von Intelligenz, der Einbeziehung von Hunden, Bienen und Pflanzen ist Huyghes Untilled eine der documenta-Arbeiten, die das zentrale Anliegen ihrer Leiterin am wirkungsvollsten transportieren. Im Zentrum der Kunstschau steht für Carolyn Christov-Bakargiev „die Frage, ob wir uns ein weniger anthropozentrisches Universum vorstellen können, eine Welt des Denkens und des aktiven Lebens, die nicht so sehr auf Menschen zentriert ist“, so die Kuratorin. „Deshalb bin ich als künstlerische Leiterin der documenta bekannt, die sich für die Positionen und Perspektiven von Hunden interessiert – das stimmt, und das meine ich sehr ernst.“ Es geht Christov-Bakargiev um die „Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt“. Und das sind eben nicht nur Menschen, sondern auch Hunde, Bienen und vielleicht sogar Gehwegplatten.

Der Bienenschwarm hat hier aber auch eine ganz konkrete Aufgabe. Er bestäubt die Blüten des Gartens und sorgt so dafür, dass sich die Pflanzen weiter verbreiten können. Huyghe hat für sein documenta-Projekt ganz spezielle Gewächse ausgewählt. Sie alle produzieren Substanzen, die in Drogen- oder Hexenküchen zum Einsatz kommen: Der hochgiftige Fingerhut blüht schon in rosa und weiß, demnächst werden Tollkirsche und Stechapfel ihre toxischen Früchte tragen. Auch Cannabis wächst hier oder Roggen. Das völlig harmlose Getreide wird besonders gerne vom Mutterkorn besiedelt, einem Pilz, aus dem man LSD extrahieren kann. Coca-Pflanzen sind allerdings nicht zu finden, denn deren Kultivierung ist sogar im Kunstkontext verboten. Wir befinden uns also in einem Psycho-Garten, in dem Schamanen eine reiche Auswahl an Treibstoffen für ihre Reisen ins Reich der Götter und Geister finden könnten. Hier werden Stoffe produziert, deren Einnahme gängige Vorstellungen vom Ich oder der Beschaffenheit der Welt kollabieren lassen und das Bewusstsein verändern – zumindest solange der Rausch anhält.

Solche an Versuchsanordnungen erinnernde Settings sind mittlerweile typisch für das Werk des 1962 in Paris geborenen Künstlers. Bekannt wurde er allerdings mit technisch ambitionierten Arbeiten wie seine Video- und Lichtinstallation Le Château de Turing, für die er auf der Venedig-Biennale 2001 mit dem Spezialpreis ausgezeichnet wurde. Oder seinem aufwendigen Film A Journey That Wasn’t (2006), dessen Realisierung von der Deutschen Bank gefördert wurde und der im Rahmen der Whitney Biennale uraufgeführt wurde. Der erste Teil des Projekts bestand aus einer Expedition in die Antarktis, wo Huyghe seltene Albino-Pinguine filmte. Schauplatz des zweiten Teils war eine Kunsteisbahn im New Yorker Central Park. Mit Hilfe von Nebelmaschinen, künstlichen Eisbergen, Pinguinfiguren und einem Live-Orchester entstand eine Musical-Version der abenteuerlichen Reise ins Eis. Im Film überlagern sich dann beide Ebenen und lassen den Zuschauer schließlich auch am Wahrheitsgehalt der dokumentarischen Bilder zweifeln.

Seit Huyghe verstärkt mit Tieren arbeitet, ist sein Werk direkter, unmittelbarer, weniger technisch geworden. Das zeigte auch seine Ausstellung Influants 2011 bei Esther Schipper. Beim Betreten der Galerie rief ein Ansager den Namen des jeweiligen Besuchers laut in einen scheinbar leeren Raum. Ent-anonymisiert und mit geschärftem Bewusstsein betrat man den White Cube und wurde mit sich bewegenden schwarzen Punkten konfrontiert. Bei näherer Betrachtung entpuppten sie sich als herumkrabbelnde Ameisen und Hausspinnen. Jeder Betrachter reagierte auf seine Weise: interessiert, erstaunt, angeekelt. Automatisch verwandelte er sich in einen Mitspieler. Auf einmal bewegte er sich ganz vorsichtig, um die Tiere nicht zu zertreten. Oder er flüchtete auf Grund seiner Ängste so schnell wie möglich in Richtung Ausgang.

Eine Art Menschenzoo ist dagegen in seinem Film The Host and The Cloud (2009-2010) zu sehen. Ein leer stehender Museumsbau wurde zum temporären Habitat einer Gruppe von Darstellern, deren Performances sich zwischen Inszenierung und spontanen Handlungen bewegten. Sie spielten mit Hundewelpen, wurden hypnotisiert, nahmen Drogen und reagierten darauf. Das ganze endet in einer Massenorgie. Der Film zur Aktion macht selten klar, was wir sehen – Kunst oder echtes Leben, das aus einer künstlichen Situation heraus entsteht. Das Auflösen der Grenzen zwischen Realität und Fiktion ist die Essenz von Pierre Huyghes Arbeiten. Prozesshaftes und Zufälle spielen dabei eine wesentliche Rolle. So wie sich Carolyn Christov-Bakargiev von den Allmachtsfantasien des Menschen verabschieden möchte, scheint Huyghe die künstlerische Kontrolle mehr und mehr abzugeben. An Tiere, die sich jeder Regie entziehen, oder Menschen, die zu Mitspielern werden.

Huyghes documenta-Arbeit okkupiert nicht zufällig die Kompostieranlage. Hier lässt sein überaus fruchtbarer Nährboden nicht nur die Pflanzen wuchern, sondern auch Gedanken, Assoziationen, Gefühle. Beim Beobachten der Bienen, dem Spiel mit den Hunden oder Gesprächen mit anderen Besuchern kann man über die Unterschiede zwischen Leben und Kunst, zwischen der Wahrnehmung von Tieren und Menschen philosophieren. Oder darüber nachdenken, ob sich das Leben und die Gesellschaft nicht auch anders organisieren lassen. Mit Untilled hat Huyghe ein Biotop geschaffen, das unsere Wahrnehmung verändern kann – auch ohne den Genuss psychoaktiver Substanzen.




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