ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Dynamisches Duo - Preview Frieze London und Frieze Masters
Fabian Marti: Trip auf die andere Seite
Gabriel Orozco: Die Poesie der Alltagsobjekte und ungewollten Dinge
Ein Interview mit den brasilianischen Street Artists Os Gêmeos
Tapete und Transzendenz: Shannon Bools Exkursionen in die Moderne
Künstlerischer Kontrollverlust - Pierre Huyghes documenta-Biotop
Eine Begegnung mit Mathilde ter Heijne
Wenn's am Strand zu langweilig wird: die ArtMag-Tipps für den Sommer
Kuratorin Joan Young über Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim
Sammlung Deutsche Bank goes App

drucken

weiterempfehlen
Tapete und Transzendenz
Shannon Bools Exkursionen in die Moderne


Barnett Newmans legendäre Skulptur „Broken Obelisk“ und der Stripper Pole im Wohnzimmer von Pamela Anderson – bei Shannon Bool führt der Trip durch die männlich geprägte Moderne geradewegs in die heutige Massenkultur. Seit langem ist die in Berlin lebende Kanadierin auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten und gerade wurde sie mit dem Villa Romana-Preis ausgezeichnet. Christiane Meixner über Bools weiblich-ironischen Blick auf Ikonen und Idole des 20. Jahrhunderts.


Barnett Newmans Broken Obelisk ist die Ikone einer Ära. Newman, der zuvor als großer alter Mann der Farbfeldmalerei und nicht als Bildhauer bekannt war, stellte seine Skulptur erstmals 1967 in New York aus. Die stählerne Pyramide, auf deren Spitze ein abgebrochener, auf den Kopf gestellter Obelisk zu schweben scheint, löste eine Sensation aus. Ein großes Spätwerk: Die beiden tonnenschweren Elemente berühren sich nur an einem winzigen Punkt. Sie beschwören die Architektur und die Todeskulte Ägyptens. Und scheinen dabei die Schwerkraft außer Kraft zu setzten. Als Martin Luther King 1968 bei einem Attentat starb, plante das legendäre texanische Sammlerehepaar Dominique und John de Menil Newmans Skulptur der Stadt Houston als Mahnmal für den ermordeten Bürgerrechtler zu stiften. Doch es kam zum politischen Eklat. Denn die Stadt lehnte Newmans abgebrochenen Obelisken ab – nicht wegen der Radikalität der Kunst, sondern wegen der Widmung an King. So wurde die Skulptur dann vor der Rothko Chapel in Houston installiert.

Im 20. Jahrhundert gibt es nur wenige Werke, die mit mehr Erhabenheit und historischer Bedeutung beladen sind. Zugleich ist diese Skulptur, wenn man der jungen Künstlerin Shannon Bool folgt, vor allem auch eins: höchst phallisch. Letztes Jahr zeigte Bool im Bonner Kunstverein und in der Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst ihre Ausstellung Inverted Harem. Teil der Schau war ihre Installation A Perpendicular Expression of a Horizontal Desire (Senkrechter Ausdruck eines horizontalen Verlangens) – drei zwischen Decke und Boden verspannte Stangen. Eines der Objekte betitelte sie in Anspielung auf Newman als Broken Pole. Diese Nähe setzt sich auch formal fort. Die Arbeit besteht aus zwei Stangen, die wie spitze Bleistifte aufeinander treffen und so den Übergang zwischen Pyramide und Obelisken imitieren. Bools Objekt zitiert aber auch die Stripper Poles aus dem Arsenal der Rotlichtbars. Hier rackern sich Frauen in akrobatischen Posen an Metallstangen ab: eine weitere, von Männern goutierte Form der Phallus-Anbetung. Und als wäre diese Konfrontation zwischen Sexindustrie und puristischer Transzendenz nicht genug, lässt die fragile Stelle am Broken Pole auch noch daran denken, dass die Stange beim nächsten Einsatz brechen und der erotische Akt damit ein abruptes Ende finden könnte.

Dabei ist Shannon Bool durchaus klar, dass die Wirkung des Broken Pole nur im Antagonismus beider Arbeiten zündet: Wer vom Pathos der historischen Skulptur unbeeindruckt bleibt, der versteht auch die Haltung der Künstlerin nicht: Ihre Kritik daran, dass dem US-amerikanischen Künstler in seiner ganzen Konzentration auf Geniekult und männliche Heroen und das Erhabene alle Sensibilität für das Komplexe, Widersprüchliche verloren gegangen ist.
 
Shannon Bool, die 1972 im kanadischen Comox geboren wurde und am Emily Carr Institute of Art and Design studierte, bevor sie über New York nach Frankfurt ging und dort noch einmal die Städelschule besuchte, ergänzt in ihrer Arbeit diese einseitige, ausschließende Perspektive. Und sie bleibt nicht bei Barnett Newman stehen, nachdem sie dessen Monument auf weibliche Körpergröße und sexuelle Dienstleistung zurechtgestutzt hat. Ihre Recherchen führen sie weiter bis an den Beginn der Moderne, die doch den Bruch mit allen tradierten Vorstellungen und Rollenmustern markieren sollte. Mit welcher Zähigkeit sich die alten Klischees trotzdem gehalten haben und bis in die Gegenwart wirken, zeigte sie ebenfalls im Rahmen von Inverted Harem: Der Titel der Ausstellung spielt auf die Vorstellung des Abendlandes vom orientalischen Harem als Showroom junger, lasziver Frauen an, die jederzeit verfügbar sind.

Die integrierte Arbeit Weiße Tünche, weiße Vorhänge, weiße Angorafelle, silberne Frau (2010) schlug den Bogen ins 20. Jahrhundert. Das zarte Fotogramm basiert auf einer Fotografie. Sie zeigt ein großes Bett in einem Schlafzimmer, das der Architekt Adolf Loos 1903 seiner jungen Frau Lina eingerichtet hatte. Ein weicher, femininer, sinnlich aufgeladener Ort. Und eine erotische Männerfantasie. Shannon Bool übernimmt dieses Motiv in ihrer Reproduktion, fügt jedoch die Gestalt einer Frau hinzu, deren Körper hart und metallisch glänzt. Solche Eingriffe sind typisch für das Werk der Künstlerin, die vorgefundene Sujets minimal verändert, sie dadurch aber derart bricht, dass am Ende eine konträre Situation entsteht. Im Fall von Loos verlässt die kalte, an eine Skulptur erinnernde Gestalt nicht bloß das Bett, sondern wendet sich ganz ab von diesem Ambiente aus Stoff und Plüsch. Eine Verschiebung mit Symbolkraft, betrachtete doch die Avantgarde am Bauhaus ein Jahrzehnt später textile Gestaltung noch immer als die genuin weibliche Disziplin ihrer Ausbildungsstätte.
 
Bools hintergründige Kritik richtet sich aber auch gegen Loos als Architekten, der in seiner berühmten Streitschrift von 1908 das Ornament für anti-modern, unproduktiv und überflüssig erklärte. Ornamentales als Handarbeit aber war schon immer weiblich konnotiert. So sprach Loos nicht zuletzt einem Metier die Berechtigung ab, dass sich über Jahrhunderte professionalisiert und perfektioniert hatte. Ein Grund mehr für Shannon Bool, sich mit dem Ornament quer durch die Kunstgeschichte und Populärkultur zu beschäftigen. Sie macht es sogar zur Strategie. In ihren Motiven wimmelt es von Verknüpfungen auf assoziativer Basis. Erzählt wird in Kurven, Abschweifungen und Wiederholungen – ganz so, wie die Künstlerin die Moderne begreift.

Zu diesen nicht linearen Prozessen gehört auch ihre Wolfman-Serie. Sie basiert auf einem der berühmtesten Fälle Sigmund Freuds, der den russischen Adeligen Sergej Pankejeff wegen Depressionen behandelte. Dessen Kindheitstraum von einem Baum, in dem ein bedrohliches Rudel Wölfe sitzt, deutete der Psychoanalytiker unverzüglich sexuell. Der berühmte Traum des „Wolfmanns“ ist zugleich einer der wichtigsten Bezugspunkte für die Entwicklung von Freuds Theorien. Immer wieder zog er ihn heran, um die Wirksamkeit der Psychoanalyse zu belegen, dieser großen Errungenschaft der Moderne. Entgegen der Aussagen Freuds, er habe Pankejeff völlig von seinen Ängsten geheilt, blieb dieser allerdings für den Rest seines Lebens in Behandlung und erklärte Freuds Bemühungen für gescheitert.

Shannon Bool greift das Traummotiv mehrfach auf. Sie zeichnet Wölfe in einen Walnussbaum, umfängt sie mit Ornamenten, die sie in ihren Zeichnungen immer stärker hervortreten lässt – bis die Ornamente bei Wolf-ness aus der Sammlung Deutsche Bank alles überlagern. „In dieser Collage“, so die Künstlerin, „habe ich nur Muster verwendet, weil sie alle anderen erzählerischen Informationen auslöschen und Platz für neue Interpretationen schaffen.“

An anderer Stelle breitet sich das Irritierende in einer Ecke des Bildes aus und sickert wie bei der Collage Liquid Pizza (2004) allmählich ins Bewusstsein. „Damals interessierte ich mich dafür, wie digitale Medien den Blick auf Räume verändern“, so Bool über diese Arbeit aus der Sammlung Deutsche Bank. „Der amerikanische Architekturkritiker Sanford Kwinter schrieb in dieser Zeit über die Idee einer ‚flüssigen Architektur‘ und griff damit eine Vorstellung der italienischen Futuristen wieder auf. Also lehnte ich meine Arbeit an die Steintapeten an, die ich in einer Kölner Pizzeria gesehen hatte und ‚verflüssigte‘ in meiner Arbeit einen Teil des Musters.“

Damit verflüssigen sich auch alte Gewissheiten. Shannon Bool, die gerade mit dem renommierten Villa Romana-Preis ausgezeichnet worden ist, knüpft in ihren Zeichnungen, Collagen, Teppichen und Wandmalereien ein höchst ästhetisches Netz an Zeichen, die sich aus marginalen, unterdrückten, vergessenen Informationen speisen. Offenkundiges paart sich mit Hintergründigem, wird von ironischen Interventionen begleitet und mündet in dem zähen Beharren darauf, dass sich Erkenntnis nur in der Zusammenfügung von high und low gewinnen lässt: Pole Dancing und Minimalismus, Tapete und Transzendenz gehören zusammen.

Bools Bilder machen solche Verbindungen sichtbar. Die Künstlerin sitzt wie ein ungebetener Gast im Zug der Geschichte und ergänzt auf der Fahrt die fehlenden Details. So erzählt die Zeichnung Ryanair (2004), ebenfalls aus der Sammlung Deutsche Bank, laut Bool „eher untypisch direkt von gegenwärtigen Phänomenen – in diesem Fall der Möglichkeit, nahezu ohne Geld wie einst der Jetset durch Europa zu reisen“. Oder sie konstruiert komplexe Referenzen wie im Fall von Wax Tablecloth. Das Wachstuch mit seinem abstrakten Muster, das seinerseits ein folkloristisches Motiv adaptiert, entdeckte die Künstlerin auf einem Flohmarkt in Frankfurt. Ihre Überarbeitung mit Sprühfarbe macht aus der handwerklichen Tischdecke ein Kunstwerk – indem sie das Haushaltsutensil verschmutzt und sein Muster zerstört.

Ein Paradox, das es mit Shannon Bool auszuhalten gilt. Tatsächlich macht sie neben den historischen Subtexten auch die Sedimente der Populärkultur sichtbar und signalisiert, dass Kunst ohne einen Anteil Wirklichkeit reine Illusion ist. Wie dicht und vielschichtig sich diese emanzipierte Version präsentiert, zeigte auch die Ausstellung Inverted Harem. Einer der drei „Poles“ war aus Nickel gefertigt, das im Art Déco gern für kunsthandwerkliche Objekte verwendet wurde, und Messing. Dieses Material wählte die Künstlerin nachdem sie auf einer Interior-Fotografie des Wohnzimmers von Pamela Anderson eine Stange aus demselben Material entdeckt hatte. Ein „Pole“ als dekorativer Schmuck im Wohnzimmer, an dem sich ein Erotikstar ganz privat abarbeitet – dieses Bild hat Bool ebenso fasziniert wie die Tatsache, dass „Poles“ schon vor geraumer Zeit als Sportgerät in die Fitnessstudios eingezogen sind. Dort werden sie zur Straffung von Bauch, Beinen und Po eingesetzt. Sie haben das Rotlichtmilieu verlassen, werden neu interpretiert und präsentieren sich nun als „saubere“ Instrumente zur Perfektionierung des weiblichen Körpers. Dass die Metallstangen damit eine weitere Sehnsucht stillen, bestätigt nur Bools Theorie vom Kreislauf der Dinge.




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Solch ungeahnte Tiefen - Wangechi Mutu in der Kunsthalle Baden-Baden / Asterisms - Gabriel Orozcos Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim / The Sight of Sound - Kunst und Musik in der 60 Wall Gallery
News
Portikus als Camera Obscura - Deutsche Bank Stiftung unterstützt außergewöhnliches Ausstellungsprojekt / Deutsche Bank Stiftung unterstützt MMK Talks / Praemium Imperiale für Cai Guo-Qiang / Yto Barrada im MACRO / GO - Erkunden Sie die Kunstszene in Brooklyn / Baselitz - Immendorff - Schönebeck in der Villa Wessel / Fantastische Zwillinge - Deutsche Bank fördert Os Gêmeos-Schau im ICA Boston / William Kentridge im Jüdischen Historischen Museum Amsterdam / Villa Romana-Preisträger 2013 - Vier Künstler erhalten Stipendium in dem renommierten Künstlerhaus / Create Festival feiert die Kreativ-Szene in East London
Presse
Pressestimmen zu Roman Ondáks Projekt im Deutsche Guggenheim / Pressestimmen zur Premiere der Frieze New York
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2014 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++