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Das menschliche Maß
Thomas Scheibitz im MMK


2005 bespielte er den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, seit über einem Jahrzehnt ist er auf wichtigen internationalen Ausstellungen präsent. Auch in der Sammlung Deutsche Bank ist er mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Nun widmet das Frankfurter Museum für Moderne Kunst dem Maler Thomas Scheibitz’ seine erste große Museumsschau in Deutschland. Sarah Elsing hat ihn vor der Eröffnung getroffen.


Auf der sechs Meter hohen Säule sitzt ein gelber Klotz. Die geometrischen Ein- und Ausbuchtungen nehmen Formen aus den Fenstern im zweiten Stock auf. Und doch scheint der Klotz ein Gesicht zu haben. Quadrataugen, Strichnase, Kastenkiefer. Ein abstrakter Totempfahl. Thomas Scheibitz’ Skulptur EX Block, die die Besucher in der Eingangshalle des Frankfurter Museums für Moderne Kunst empfängt, trifft den Nagel auf den Kopf. Denn Scheibitz’ erste große Museumsschau in Deutschland widmet sich einem zentralen Aspekt seines Werks: der menschlichen Figur. „Eine zeitgenössische Form dafür zu finden, ist das Schwierigste, aber auch das Wichtigste überhaupt. Intuitiv habe ich immer damit gerechnet, dass ich einmal zu einem solchen Ergebnis komme. Aber es hat zwanzig Jahre gedauert, dass ich es beschreiben kann“, sagt der Künstler im Gespräch mit ArtMag.

In der Tat lassen die älteren Papierarbeiten aus der Sammlung Deutschen Bank noch viel konkretere Assoziationen an Objekte oder menschliche Figuren zu. Scheibitz malte sie Mitte der Neunziger Jahre während eines Studienaufenthalts in Japan. Und doch ist hier schon alles enthalten, was das Werk des 1968 in Radeberg geborenen Künstlers ausmacht. Die markante Bildsprache aus ineinander greifenden Formen, die man von irgendwoher zu kennen glaubt. Und die auslotende Suche nach einer zeitgenössischen Position zwischen Figuration und Abstraktion.

„Thomas Scheibitz ist einer der wichtigsten und interessantesten Maler seiner Generation“, sagt MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer, die die Ausstellung selbst kuratiert hat. 2005 gestaltete er zusammen mit Tino Sehgal den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. „Es wurde Zeit, Scheibitz’ Werk in seiner ganzen Fülle einen angemessenen Platz einzuräumen.“ Und so entfaltet sich in Frankfurt nun auf einem ganzen Stockwerk das Universum des Thomas Scheibitz. Gemälde, Skulpturen, große Papierarbeiten, Zeichnungen und Skizzen. Erstmals sind auch Teile seines Archivs zu sehen, in dem er all die Dinge gesammelt hat, aus denen er seine Formen destilliert. „Wenn ich eine Führung machen würde, könnte man hier den Rundgang beginnen“, empfiehlt Scheibitz. Denn in diesem auch farblich vom Rest des Ausstellungsparcours abgehobenen Raum wird klar, wie er arbeitet.
 
In Vitrinen und auf riesigen Pinnwänden ist ein scheinbar unzusammenhängender Wust an Material ausgebreitet: Bilder jeder Größe und Herkunft, Plattencover, Werbeplakate, Krimskrams aus dem Baumarkt, eine Muschel. Wie ein klassischer Bildwissenschaftler sucht Scheibitz nach formalen Ähnlichkeiten – egal, ob es sich nun um einen Stich aus der Renaissance oder den Ausriss aus einer Architekturzeitschrift handelt. Auch Filme, Literatur, Musik benutzt er als Quellen. Die so gefundenen Formen würfelt er in seinen Skizzenbüchern durcheinander, bis sie sich in neuer Konstellation zusammenfinden und nach einem mehrstufigen Abstraktionsprozess zu etwas fügen, das später ein Gemälde oder eine Skulptur werden kann. Ein Kondensat aus Historischem, Erfundenem und den wieder erkennbaren Grundmustern, die den heutigen visuellen Alltag prägen. .

Auf diese Weise entstehen Arbeiten wie das großformatige Gemälde One-Time Pad, das genau wie die meisten ausgestellten Werke erst in diesem Jahr fertig geworden ist. Buchstabenähnliche Formen reihen sich in dichter Folge, ein grellgelber Balken, ein graues „n“, am oberen Rand wölken sich weiße Flecken vor blauen Grund. Wer nun krampfhaft einen Sinn oder gar eine Geschichte dahinter sucht, sollte sich noch einmal den Titel One-Time Pad vor Augen führen, der auch der Ausstellung ihren Namen gegeben hat. One-Time Pad ist eine Verschlüsselungsmethode, die vornehmlich in diplomatischen und militärischen Kreisen verwendet wird. Der Code kann immer nur einmal verwendet werden, er gilt als unentschlüsselbar. Genauso verhält es sich mit Scheibitz’ Arbeiten. Zwar rufen sie Erinnerungen an Bilder und Zeichen wach, die wir alle kennen. Aber entschlüsseln können wir sie nicht. Wie in einem Déjà-vu-Erlebnis, das wir in einem Moment als real wahrnehmen, aber nie auf eine wahre Begebenheit festnageln können. „Heute erwarten die Leute, dass ihnen alles und jedes plausibel gemacht wird. Die stehen mit ihren Kopfhörern vor der Kunst und wollen eine Erklärung hören. Aber mit meinen Arbeiten funktioniert das gerade nicht“,,sagt Scheibitz.

Und trotzdem pinnt er im Frankfurter Archivraum verkleinerte Fotografien seiner Arbeiten neben Bilder, die formal ähnlich sind. Das erinnert stark an die Tableaus in Aby Warburgs berühmtem Bilderatlas Mnemosyne. Im Katalog – eher ein aufwändig gestaltetes Künstlerbuch als eine Ausstellungsdokumentation – geht der Künstler ganz ähnlich vor: Noch vor erklärenden Texten und Interviews führen Tableaus und Faksimiles aus früheren Scheibitz-Katalogen fast didaktisch in Methodik und Bildsprache ein. Ganz nach Warburgs treffender Beobachtung, dass so genannte „Schlagbilder“ eine Aussage mitunter besser transportieren als eine „Schlagzeile“. „Es geht um die Aktivierung des kollektiven Gedächtnisses. Also um Dinge und Bilder, die wir alle kennen und einordnen können. Oder jedenfalls denken, wir könnten sie einordnen“, erklärt Scheibitz. Darauf setzen auch seine Arbeiten, die sich keinem Genre, keiner Stilrichtung oder einem sonstigem Ismus verpflichtet fühlen. „Für mich ist Warburgs Ansatz, sich Bildern unter einem ikongrafischen Gesichtspunkt zu nähern, viel interessanter. Ich betrachte alles sehr respektlos, das aber ernsthaft“.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Scheibitz Vorlagen, die er in der Alltagswelt findet, einfach abfotografiert oder abmalt wie es gleichaltrige Malerkollegen der Leipziger Schule tun, um ihre Arbeiten mit politischer oder historischer Bedeutung aufzuladen. Ein solches Vorgehen wäre ihm zu direkt, zu journalistisch. „Das wäre ja reine Illustration“, sagt er. „Man braucht ein Maß, das sich zwischen Anschauung, Erinnerung und Erfindung befindet.“

Vielleicht fiel es Scheibitz gerade deshalb so schwer, seinen Umgang mit der menschlichen Figur zu finden – nah genug am erinnerten Vorbild und doch weit genug davon entfernt. Heute scheint er in der Tat das richtige Maß gefunden zu haben. In Frankfurt hängen seine Porträts statt an der Wand an Stellwänden mitten im Museumsraum. Sie werden dem Betrachter ein Gegenüber, um das er herumwandern, jedoch nicht greifen kann. Natürlich sind auf dem Ölbild St. Johann eindeutig menschliche Umrisse zu erkennen und aus dem Bild Henry Stand schaut uns ein konstruktivistisch verformtes Maskengesicht an. Doch wer hier wirklich porträtiert wurde, bleibt ein Geheimnis. Vielleicht ein wenig wie der Künstler selbst.

Diesen Eindruck gewinnt der Betrachter jedenfalls in einem der kleinsten Räume des Museums, wo zwei ungewöhnliche Selbstporträts hängen: zwei mit Öl bemalte Stahlkugeln. Auch wenn vieles hier dem menschlichen Maß entspricht – die Kugeln baumeln schließlich genau auf 1,72 Metern Höhe, in Kopfnähe also, der helle Punkt erinnert an Scheibitz’ wasserblaue Augen und der rote Balken könnte eine Nase sein. Eine menschliche Figur ergibt sich daraus aber noch lange nicht. Aber es könnte eine sein. Auf diesen Möglichkeitsraum verweist der Titel des zweiten Selbstporträts, Goldilocks Zone. So nennen Weltraumforscher Gegenden des Universums, in denen menschliches Leben möglich ist. Solche Möglichkeitsräume eröffnen sich auch in Scheibitz’ Universum. Sie sind nicht zu greifen, aber sie sind da.

Thomas Scheibitz. One-Time Pad
29.09.2012 - 13.01.2013
Museum für Moderne Kunst
Frankfurt am Main




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