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„Das Offensichtliche verschleiern“
Amy Cutlers enigmatische Zeichnungen


Mit magischem Realismus beschwört Amy Cutler eine märchenhafte Welt, die ausschließlich von weiblichen Wesen bevölkert wird. Hier treffen sich Mädchen zum Kuchenweitwurf im Wald, während Frauen ihr rapunzel-langes Haar verweben. Christiane Meixner über Cutlers fantastische Gouachen, denen in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist.


Der Blick der Frau geht starr nach oben. Er kann auch gar nicht anders. Denn im Ausschnitt ihres Kleides wachsen Miniatur-Koniferen, die ihr Kinn in die Höhe zwingen. Nicht, dass sie auf Amy Cutlers Zeichnung Conifer (2008) aus der Sammlung Deutsche Bank dabei besonders glücklich aussähe. Eher einem Schicksal ergeben, das ihren Körper zum Gebirge oder zur Muttererde wandelt und sie selbst unablässig in den Himmel schauen lässt. Mit den Bäumen ist sie so verwachsen, dass jedes Abholzen lebensbedrohlich wäre.

Koniferen sind sogenannte Pioniergewächse. Sie gedeihen auf Böden, die für andere Vegetationen nur unzureichende Bedingungen bieten. Auch die Frau erinnert mit ihrem Schürzenkleid und dem groben Schuhwerk an eine Pionierin – an jene Siedler, die ab dem späten 18. Jahrhundert in langen Trecks von der Ostküste westwärts zogen, um auch diesen Teil Nordamerikas zu erobern. Hier liegt auch Poughkeepsie, die Kleinstadt, aus der Amy Cutler stammt. 1687 von einem Niederländer gegründet, wurzelt ihr Name im Indianischen und erzählt noch Jahrhunderte später die Geschichte einer vergangenen Kultur samt ihrer Kolonisation.

Es wäre erstaunlich, wenn Cutler sich mit ihrer erklärten Faszination für das europäische Mittelalter oder persische Miniaturen nicht auch für die ebenso mythische wie brutale Geschichte ihres eigenen Landes interessieren würde. Doch wer nach konkreten  Ereignissen fragt, die den verrätselten Kompositionen zugrunde liegen könnten, der wird von der 1974 geborenen Künstlerin schnell gebremst: „Die Geschichten beruhen auf meinen persönlichen Erfahrungen und vermischen sich mit Dingen, die mich gerade interessieren. Zeitweise zieht sich ein Thema durch mein Werk, von dem ich bloß im Nachhinein eine offensichtliche Verbindung zu dem feststellen kann, was in dieser Phase meines Lebens passiert ist. Ich verwende viele Metaphern, um das Offensichtliche zu verschleiern.“

Offensichtlich und zugleich absurd sind die Tätigkeiten der detailverliebt gezeichneten Frauen. Sie fällen Bäume mit den Zähnen, errichten aus Stämmen einen Damm oder schneiden Schilf mit Sichelschuhen. Natürlich können sie auch weben – selbst wenn der Faden oder das Haar dafür wie auf der Zeichnung Weavers (2008) durch die Fenster in den Raum wächst, statt ordentlich im Webstuhl zu verharren. Sie beherrschen das Tortenbacken und andere handwerkliche Arbeiten, die traditionell die weibliche Rolle prägen. Mit den Kuchen bewerfen sie dann allerdings eine Birke, die wiederum ein auf den Kopf gestelltes Baumhaus trägt.

Solche Überraschungen sind charakteristisch für Cutlers Werk. Im ersten Moment mögen sie an Illustrationen aus historischen Kinderbüchern erinnern: Die Frauen tragen altmodische Kleider, widmen sich überkommenen Handarbeiten und zeichnen sich im Übrigen durch anachronistische Steifheit aus. Doch dann geraten die absurden Details in den Blick, und die Szenen stiller Introvertiertheit zerfallen in lauter inkompatible Momente – je häufiger man hinschaut, desto unerklärlicher wirken sie. Männer sucht man auf den Papierarbeiten dagegen vergeblich. „Ich liebe die Vorstellung von einem Utopia voll starker, selbstständiger Frauen“, hat Cutler 2011 im Katalog ihrer Ausstellung in dem Kunstraum Site in Santa Fe notiert. Eine Idee, die noch aus ihrer Schulzeit stammt, wo die Mädchen zwar mehr Raum zur Entfaltung hatten, sich dafür aber in subtiler Konkurrenz übten. „Ich habe sechs Jahre lang eine katholische Mädchenschule besucht und musste dort Uniform tragen“, erzählt Amy Cutler. „Die einzige Möglichkeit, sich voneinander abzusetzen, bestand in den Schuhen, die man trug. Oder im Style der Haare.“

Eine Erfahrung, zu der die anhaltende Fokussierung der Künstlerin auf kleinste Details passt, die ihr „extrem wichtig“ sind. Mit etwas Fantasie verdichtet die Arbeit Provisions (2008) solche alltäglichen Erlebnisse zu einer surrealen Situation: Acht Mädchen mit überlangen Haaren übernachten gemeinsam in einem Bett unter einer großen Decke. Auch Reserves (2008) zeigt schlafende Gestalten. Bloß hängen hier die Haare in Bündeln von der Decke und bilden Kokons – für jede Schläferin einen.
 
Dass sie als Gruppe im Bild erscheinen und dennoch isoliert wirken, gehört zu den wiederkehrenden Motiven im Werk der Künstlerin. Ganz gleich, ob sie wie auf den Fotografien ihrer skulpturalen Puppen-Arrangements Fire oder Kino gemeinsam um eine Lichtquelle versammeln oder mit ernster Miene monotone Arbeit verrichten. „Der Ausdruck in den Gesichtern der Frauen ist oft ein bisschen streng. Das spiegelt sicherlich meinen eigenen Ausdruck während der Arbeit“, erklärt Cutler, die zum Kolorieren ihrer Zeichnungen feinste Pinsel nutzt, die stundenlanges Stillsitzen verlangen: „Ich versuche, mich in meine Figuren zu versetzen und herauszufinden, welche Emotionen durch welche Haltungen und Gesten ausgedrückt werden. Sie führen für gewöhnlich Arbeiten aus, die Konzentration fordern und dennoch Platz für Selbstreflexion lassen. Mich interessiert diese Form der Separierung, die einen Raum voller geschäftiger Menschen voneinander trennt. Und von der Tatsache, dass eine körperliche Tätigkeit nicht notwendigerweise auch den Kopf beschäftigt.“

Cutler stellt ähnliche Bedingungen für sich her, wenn sie Kleider, Torten und Fische mit unglaublicher malerischer Akkuratesse wiedergibt. Feinstarbeit, die seit den Anfängen der Emanzipation als sinnlose, reproduktive Beschäftigung gilt. Die Künstlerin teilt diese Kritik keineswegs, wenn sie die Handwerkerinnen ihrer Bilder charakterisiert: „Diese Frauen arbeiten hart und sind fleißig. Sie fokussieren auf ihre Tätigkeit und haben eine Menge in ihren Köpfen.“ Das ist keineswegs rückwärtsgewandt. Sondern als Hinweis auf jenes Potenzial gemeint, das Geschichte und Tradition für die Gegenwart bieten. Natürlich nutzt Amy Cutler es nicht ungebrochen, sondern als Fundus für ihre poetischen Montagen. Geschichten werden aus Versatzstücken gesponnen, die Historie, Literatur, Feminismus und persönlich Erlebtes assoziativ miteinander verbinden.

Die Künstlerin hat Mitte der neunziger Jahre an der Frankfurter Städelschule studiert, einem Hort der konzeptuellen Kunst. Dass sich exakt in dieser Zeit ihr figurativer, märchenhaft-erzählerischer Stil entwickelt hat, ist bloß auf den ersten Blick ein Widerspruch: Cutler kam mit nur fragmentarischen Sprachkenntnissen, fühlte sich in Frankfurt isoliert, verstand kaum etwas – und entdeckte, dass dieser Zustand höchst stimulierend sein kann. Immer in der Schwebe, mit verbalen Fehlstellen, die sich niemals logisch füllen lassen. Diese Erfahrung findet sich in ihrem Werk ebenso wie Cutlers Faszination für  Stoffe: „Frauenkleider sind ein hervorragendes Medium für Farben. Die meisten Farbtöne meiner Palette habe ich auf Textilien entdeckt. Ich nutze Stoffe für Subtexte. Die Muster der Kleider geben mir die Möglichkeit, malerisch Grenzen zu übertreten, ohne den Fokus auf dem Narrativen aufzugeben. Wann immer ich ein neues Gesicht male, lasse ich mir von seiner Persönlichkeit diktieren, welche Kleidung es tragen soll.“
 
Natürlich trifft Amy Cutler dennoch ihre eigenen Entscheidungen. Wie sie ihre kleinen, komplexen Stories erzählt, welche wiederkehrenden Elemente sie miteinander kurzschließt. Und dass jedes Sujet am Ende immer wieder auch eines vorführt: Man muss nicht abstrakt malen, um sich der eindeutigen Interpretation zu entziehen. Auch ein Überfüttern mit Figuren, konträren Handlungen und unerklärlichen Andeutungen führt zum selben Ergebnis.  „Das Werk muss mutieren können und vieldeutig bleiben. Die Bedeutung der Geschichten verändert sich mit den Jahren. Themen, über die ich lange nachdenke, neigen dazu, eine Art Vokabular zu bilden. Momentan interessiere ich mich für Samurai-Krieger und traditionelle burmesische Kostüme. Dafür gibt es Gründe, von denen ich selbst noch nichts weiß. Das macht es interessant. Es gibt einen Moment der Jagd und des Sammelns, bevor ich eine neue Arbeit beginne. Dabei bleibt es immer bei einer Mischung aus Fakten und Fiktion.“




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