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Viaggio in Italia
Fotografie in der Sammlung Deutsche Bank in Mailand


Arkadien ist anderswo: Die Fotokünstler in der Sammlung Deutsche Bank in Mailand zeigen das Italien jenseits von Colosseum und Zypressenhainen. Sie entdecken die Eleganz von Fabrikfassaden oder die Poesie der Peripherie, lenken den Blick aber auch auf gesellschaftliche Phänomene wie den Massentourismus. Deutsche Bank-Kuratorin Claudia Schicktanz  hat die Präsentationen in dem 2007 eröffneten Sitz in Mailand-Bicocca und dem neuen Bankgebäude in der Via Turati konzipiert. Achim Drucks stellt die Highlights vor.


Alte Kirchen, burgbekrönte Hügel, Strandpromenaden, Sonnenuntergänge und natürlich die Blaue Grotte. Die gerahmten Postkarten von Luca Vitones Wandinstallation Mare Nostrum (2001/07) präsentieren Italien als Urlaubsidylle. Auf stilisierten Meereswellen, die sich an der Wand eines ganzen Flures entlang ziehen, formieren sich die Karten zu einem Stiefel, der Silhouette des „Bel Paese“. Vitone spielt bei dieser Auftragsarbeit für den Deutsche Bank-Sitz in Mailand-Bicocca nicht nur ironisch auf die Ferien-Sehnsüchte der Bankmitarbeiter an, sondern auch auf die Klischeebilder Italiens, die auf den millionenfach verschickten Postkarten immer wieder aufs Neue bestätigt werden.

Gegenentwürfe zu diesen Stereotypen zeigt die Deutsche Bank in ihren Niederlassungen in Mailand – dem 2007 eröffneten Sitz im Universitätsviertel Bicocca und dem neuen Bankgebäude in der Via Turati im Zentrum der Stadt. Unter dem Motto Immagini dell’Italia sind in beiden Häusern neben Papierarbeiten vor allem Fotografien zu sehen, die auf ganz unterschiedliche Weise Bilder und Visionen von Italien entwerfen. In der Via Turati setzt etwa Vincenzo Castellas # 02 Milano (2012) einen Kontrapunkt zu Vitones Postkartenmotiven. Das großformatige Panorama der norditalienischen Metropole ist ebenso nüchtern wie sein Titel. Der Dom mit dem turmbekränzten Dach, die gläsernen Kuppeln der Galleria Vittorio Emanuele II, der 1958 vollendete Torre Velasca, das erste Hochhaus der Stadt – zwar zeigt auch Castella Architekturikonen, doch sie verschwinden fast in einer Masse von gräulichen Fassaden, Dächern und Straßenschluchten. "Mein Ausgangspunkt ist es“, so Castella, „alles Metaphorische zu eliminieren und damit auch den Kult des persönlichen Blicks."

Seit 1998 widmet sich der in Mailand lebende Fotograf Großstädten, die er stets aus einer erhöhten, distanzierten Perspektive zeigt. Neben Turin, Athen, Rotterdam und Marseille hat Castella auch seine Heimatstadt häufig fotografiert. So lag es nahe, ihn zu bitten, eine Auftragsarbeit für den Sitz in der Via Turati zu realisieren. Im Eingangsbereich stimmt # 02 Milano Kunden, Mitarbeiter und Besucher auf die Kunstausstattung des Gebäudes ein. Neben Italienbildern internationaler Fotokünstler wie Candida Höfer oder Adrian Paci sind in Mailand vor allem ausgewählte italienische Positionen zu sehen. Schlaglichtartig lässt sich hier die Entwicklung der italienischen Fotografie seit Mitte der 1950er Jahre nachvollziehen.

Eine wichtige, geradezu revolutionäre Rolle kommt dabei Luigi Ghirri zu. Der 1992 verstorbene Künstler prägte die italienische Fotoszene nicht nur durch sein Werk, sondern auch durch die von ihm konzipierte Ausstellung Viaggio in Italia. “Diese Ausstellung bildete 1984 den offiziellen Ausgangspunkt für eine neue Vision der Landschaft Italiens,” erklärt die Kuratorin und Ghiri-Expertin Elena Re. “Tatsächlich inspirierten diese Ausstellung und seine poetische Bildsprache eine ganze Generation von Fotografen. Sie sind später aber ganz eigene Wege gegangen und ihr Werk sieht inzwischen oft ganz anders aus.” Ghirri gab einen der entscheidenden Impulse für die Errettung der italienischen Landschaft vor dem touristischen Blick.

Lange galt Italien als real existierendes Arkadien, wo sich, wie es Goethe formulierte, „schöne Natur paart mit antiker Kultur“. Waren es in den Zeiten der Grand Tour vor allem Stiche, die das kanonisierte Motivrepertoire der Italienlandschaft im Norden Europas verbreiteten, wurden sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr und mehr durch die Fotografie abgelöst. Doch trotz des modernen Mediums blieben die Motive die alten: zerklüftete Küsten, folkloristische Idyllen mit Fischern am Strand. Besonders beliebt war die Landschaft mit Ruine, erhaben und romantisch zugleich.

Die Hinwendung zu den gesellschaftlichen Realitäten begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Neorealismus Film und Literatur prägte. Für die neuen Illustrierten entstand eine Flut von Bildstrecken in dokumentarischem Schwarz-Weiß. Sie schilderten die Situation in den armen Regionen oder das Leben in den expandierenden Großstädten wie Mailand und Turin. In der Sammlung Deutsche Bank stehen die Aufnahmen von Alfredo Camisa stellvertretend für diese Ära der italienischen Fotografie. Camisas Werk kündigt aber schon die Abkehr von einer rein dokumentarisch orientierten Fotografie an. Es changiert zwischen formalistisch orientierten Stillleben und Straßenimpressionen.

Doch erst mit Ghirri begann ein wirklich neues Kapitel der italienischen Fotografie. Wie es der Titel seines 1978 publizierten Buchs Kodachrome signalisiert, ist seine Welt nicht mehr schwarz-weiß-grau. Parallel zu Amerikanern wie Stephen Shore oder Joel Sternfeld, die sich wie er vor allem der Landschaft widmen, arbeitete auch Ghirri in Farbe. Bei Atlante (1973), einer seiner frühesten Serien, wird zudem seine Auseinandersetzung mit der Konzeptkunst deutlich: Ghirri hat Details aus Atlanten abfotografiert – sozusagen als Ausgangspunkte für imaginäre Reisen durch die Welt. In einem Land, das zu Tode fotografiert worden ist, begab er sich zunächst an eine Art Nullpunkt, von dem aus er dann seine eigenen Bilder von Italien entwickelte. Sie sind zwar poetisch, aber dennoch ein klarer Gegenentwurf zu nostalgischen und dokumentarischen Stereotypen. Der Blick für das Beiläufige und Periphere kennzeichnet Ghirris unglaublich dichte Alltagsszenen, Interieurs und Landschaften. Sie entstanden vor allem in seiner Heimat, der Provinz Emilia-Romagna im Norden des Landes. Hier, in der Kleinstadt Fidenza, fotografierte er auch die nächtliche Straßenszene aus der Sammlung Deutsche Bank.

Ghirris häufig melancholische Beiläufigkeit könnte man auch als Reaktion auf die „bleiernen“ 1970er Jahre Italiens verstehen – eine Periode der politischen Krisen und Konflikte, der Straßenschlachten, Bomben und Entführungen. Eine ähnliche Beiläufigkeit zeichnet aber auch Vincenzo Castellas Serie Geografia Privata (1975-1983) aus, mit der der Fotograf – damals noch ganz am Anfang seiner Karriere – in Ghirris Viaggio in Italia vertreten war.  Arbeiten aus diesem Projekt werden auch in Mailand gezeigt. Seine kühle Auftragsarbeit # 02 Milano zeigt allerdings, wie weit sich Castella inzwischen von seiner damaligen poetischen Bildsprache entfernt hat.

Gabriele Basilico und Massimo Vitali zählen heute zu den international erfolgreichsten Fotokünstlern des Landes. Auch sie waren in Ghirris Schau zu sehen. Vitalis gestochen scharfe Großformate von den übervölkerten Stränden in Rimini oder Riccione zeigen die Realitäten des Massentourismus – das, was sich aus der exklusiven Grand Tour von einst entwickelt hat. Zugleich steht Vitali gemeinsam mit Andreas Gursky oder Walter Niedermayr für eine Fotografie, die in kühlen Großformaten die Schauplätze des modernen Lebens und der kollektiven Freizeitgesellschaft zeigt – von Supermärkten und Discotheken bis zu den Skipisten in den Alpen.

Gabriele Basilico fokussiert sich dagegen ganz auf den urbanen Raum. Er ist mit Arbeiten aus seinem frühen, 1978 begonnenen Projekt Milano. ritratti di fabbriche in der Sammlung vertreten. In den Außenbezirken seiner Heimatstadt richtete der ausgebildete Architekt sein Objektiv auf die Fabriken und isoliert Elemente wie Schornsteine oder Fassaden. Seine eleganten Schwarz-Weiß-Bilder verleihen Industriebauten die Würde antiker Monumente und weisen dabei auch eine Nähe zu den Typologien von Bernd und Hilla Becher auf.

Dass die Dinge an der Peripherie auch die jüngeren Generationen beschäftigen zeigen so unterschiedliche Arbeiten wie die symbolisch aufgeladenen Bilder leerer Straßentunnel von Andreoni_Fortugno oder Domenico Manganos Impressionen seiner Heimat Sizilien. Autowracks und ausrangierte Sessel am Strand, desolate Sportplätze – es sind Bilder von den „Un-Orten“ einer globalisierten Welt. Und in dieser Welt liegt auch Venedig nicht mehr zwangsweise in Italien: Auf einer gleißend hellen Arbeit des Mailänder Fotografen Armin Linke dümpeln Gondeln vor einem Palazzo. Auf den ersten flüchtigen Blick eine typische Canal Grande-Ansicht. Doch dann verraten die Hochhäuser im Hintergrund, dass wir mitten in Las Vegas sind. Hier präsentiert sich das Venetian Hotel & Casino als durchkommerzialisierte Kompaktausgabe der Lagunenstadt. Eine passende Transformation, hat sich doch auch Venedig selbst in eine Art Themenpark verwandelt. Wie so viele Fotoarbeiten in Mailand signalisiert also auch dieses „Italienbild“, dass wir Arkadien heute woanders suchen müssen.




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