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Gewalt und Schöpfung:
Imran Qureshi in der Deutsche Bank KunstHalle


Er gilt als einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler Pakistans, wo er die traditionelle Miniaturmalerei radikal erneuert hat. In Europa ist Imran Qureshi allerdings noch ein Geheimtipp. Doch das wird sich jetzt ändern: Als "Künstler des Jahres" 2013 eröffnet Qureshi die Deutsche Bank KunstHalle mit einer beeindruckenden Ausstellung, für die er erstmals großformatige Gemälde geschaffen hat. Ein Rundgang.


Es scheint, als hätten die überdimensionalen goldenen Ovale, die im zentralen Raum der Deutsche Bank KunstHalle hängen, die Blutfarbe aufgesogen. Im Inneren der Eiformen sprießen Blüten aus verschüttetem Rot. Wie durch feine Äderchen pulsiert das Rot über die Leinwände, tröpfelt, spritzt, fließt. Imran Qureshis Gemälde sind kalt und warm zugleich. Mit Blattgold überzogen strahlen sie eine fast sakrale Strenge aus. Sie hängen im Raum wie Ikonen. Doch in ihrem Inneren ist alles voller Bewegung, organisch, schmutzig, menschlich. Qureshis Arbeiten vermitteln beides – eine geradezu virale, anarchische Energie und extreme Kontrolle. Diese Spannung ist bestimmend für sein gesamtes aktuelles Werk. Sie bezeichnet einen ganz grundsätzlichen, realen Konflikt. Ordnung kann Klarheit und Ruhe schaffen, aber sie kann auch einengen und unterdrücken. Veränderung, Unruhe, Zerstörung sind das, was wir fürchten: Sie können in Gewalt, und Blutvergießen münden. Zugleich bilden sie die Grundlage für jeden schöpferischen Prozess, für die Entstehung von etwas Neuem.

Imran Qureshi, der "Künstler des Jahres" 2013 der Deutschen Bank, stammt aus einem Land, das Umbruch und Unruhe geradezu verkörpert: Pakistan ist zerrissen von politischen und religiösen Konflikten, von alltäglicher Gewalt und Korruption. Aber es ist auch ein Land im Aufbruch, das aus einer reichen kulturellen Tradition schöpft, in dem viele Menschen an einen Prozess des Umdenkens und eine neue, tolerantere Gesellschaft glauben. Zu denen gehört auch Qureshi, er ist ein Hoffnungsträger. In traditioneller Miniaturmalerei geschult, hat er aus dieser alten Kunstform völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt. In seinen Werken, die das Format eines Schulheftes haben oder ganze Gebäudekomplexe mit einbeziehen können, hat er immer wieder die gesellschaftliche Situation in Pakistan angesprochen. Aber es wäre falsch, ihn als politischen Kommentator oder Chronisten zu sehen. Quershis haarfeine, mit Gold und Blüten verzierten Miniaturbildern, die auch in der KunstHalle zu sehen sind, haftet etwas zutiefst Spirituelles, Existenzielles an. Sie entspringen einer ganz bestimmten Kultur und der Biografie des Künstlers, doch sie sind nicht an sie gebunden. Diese Arbeiten richten sich an jeden Betrachter. Sie zeigen Menschen, Blüten, Farben, Regen, Blätter, abstrakte Formen als Teil eines Kosmos, in dem alles miteinander verbunden, beseelt, lebendig, natürlich scheint.

Am Anfang der Ausstellung steht ein kleines, geradezu unschuldiges Bild. Eingeschlossen in ein ovales Medaillon, das auf Goldgrund schwebt, sehen wir den Künstler selbst: Er hält eine Blüte in der Hand, die von einem Heer winziger Libellen umschwärmt wird, die wie Pollen durch die Luft wirbeln. In diesem zarten Bild sind alle formalen Momente beinhaltet, die Qureshi im weiteren Verlauf der Ausstellung durchspielt: das Gold, die Eiform, die Blüten, und das Chaos, das hier noch Schönheit und Heiterkeit gebiert. Zugleich ist die Vergänglichkeit anwesend. Und schon im nächsten Raum bricht der Tod ein, plötzlich und gnadenlos.

Zum ersten Mal in seiner Laufbahn schuf Qureshi aus Anlass dieser Ausstellung eine Serie großformatiger Gemälde. Sie entstanden vor Ort in Berlin. Motivisch und konzeptionell knüpfen sie an eines seiner bedeutendsten Werke der letzten Jahre an: Blessing Upon the Land of My Love ist der Titel der preisgekrönten Installation, die er für die 10. Sharjah Biennale in den Vereinten Arabischen Emiraten realisierte. Von oben betrachtet sah der weiß gepflasterte Innenhof des ehemaligen Krankenhauses Bait Al Serkal aus wie nach einem Selbstmordattentat: Eine unvorstellbare Explosion aus dunklem Rot, das über die Hauswände spritzt, aus Lüftungsschächten tropft, sich in dichten Lachen sammelt, im Abfluss in der Mitte des Hofes verrinnt. Doch bei genauerem Hinsehen materialisierten sich auf dem Pflasterboden tausende filigrane Blüten, die in unterschiedlich verlaufenden Ornamenten Wege und Inseln formten, am Gebäude emporrankten. Die Installation entstand unter dem Eindruck eines Bombenanschlags auf einem belebten Platz in der Nachbarschaft des Künstlers in seiner Heimatstadt Lahore.

In der Eröffnungsausstellung der Deutsche Bank KunstHalle verlagert er den Konflikt zwischen Schönheit und Schrecken in den musealen Innenraum. Auf den großen Ovalen findet sich erneut dieses ganz besondere Rot, das größtmögliche Nähe zur Farbe menschlichen Blutes aufweist. Auch hier wuchern Blüten aus dem abstrakten Gewirr von Spritzern, Schlieren und malerischen Gesten. Die Gemälde erscheinen dabei wie Materialproben. Tatsächlich haben die ornamentalen Blütenranken etwa dieselben Proportionen wie bei seinen Installationen im öffentlichen Raum – ganz so als habe er ein Stück der Wirklichkeit ausgeschnitten und in den geschützten Raum des Museums implantiert. Verstärkt wird dieser Eindruck auch in den Bildern selbst, in denen die roten Farbexplosionen durch monochrome Flächen von Gold scharfkantig angeschnitten werden. Doch diese formale Strenge paart sich mit Verletzlichkeit: Die ovalen Tafeln erinnern an riesige Eier, an Keimzellen neuen Lebens oder Schutzhüllen, in denen fragile Erinnerungen, Gedanken oder Gefühle gehegt und ausgebrütet werden.

Im folgenden Raum hingegen erwartet den Besucher ein gigantischer Berg weggeworfener blutverschmierter Verbände. Erst bei genauerem Hinsehen wird man gewahr, dass es sich um zerknülltes Papier handelt: Tatsächlich zeigt Quershi auf jedem Blatt immer wieder dasselbe Motiv: Eine Luftaufnahme seiner Installation für die Sharjah Biennale. Zwar sind Menschen zu erkennen, die über die Blüten in den weißen Innenhof laufen. Doch in der Verkleinerung bleiben nur noch rote Flecken übrig, die an Gewalt und Verletzungen erinnern. Qureshis raumspezifische Installation And They Still Seek The Traces of Blood zitiert ein Gedicht des pakistanischen Dichters Faiz Ahmed Faiz, dessen Texte der 1972 geborene Künstler als Kind im Radio hörte. Es handelt von den Menschen, die verscharrt werden, ohne sie zu würdigen oder ihre Todesumstände zu untersuchen. Im Licht der Halle wirkt diese Arbeit hart, fast brutal.

Doch der Weg führt noch weiter ins Dunkle: Den letzten Teil der Schau bildet eine labyrinthische, mit Treppen verbundene Architektur, durch die man hindurch läuft wie durch die niedrigen Kammern einer alten Festung. Nur an einigen Wänden werden in den graugrün gestrichenen Kabinetten Qureshis Miniaturmalereien präsentiert – angestrahlt wie kostbare Devotionalien oder Artefakte in einem Völkerkundemuseum. Die Farbe der Räume entlehnte Qureshi den nächtlichen Landschaften der venezianischen Malerei. Viele Bilder zeigen Landschaften und Innenhöfe, in denen jedes Blatt, jeder Mauerstein minutiös ausgestaltet ist. Doch diese zarten Bilder sind mit Drippings roter Farbe "befleckt", die in die Idyllen einbricht und ihre Feinheit und Symmetrien gnadenlos zerstört. Qureshi schafft buchstäblich ein Kabinett der Schönheit und Gewalt. Und durch dieses düstere Kabinett muss man sich beinahe hindurch tasten, behutsam einen Schritt vor den anderen setzten. Der Künstler spielt mit dieser Inszenierung auch auf die kolonialen Architekturen und Paläste an, in denen die Bediensteten in zellenartigen Räumen untergebracht waren. In der Dunkelheit lässt er Bilder aufscheinen, die dazu auffordern, die Verhältnisse zu reflektieren und einen Weg aus der bestehenden Situation zu finden – zumindest für einen Moment innezuhalten und aus dem ewigen Kreislauf von Gewalt und Schöpfung herauszutreten.

Imran Qureshi – "Künstler des Jahres" 2013
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin
18.4.-4.8.2013

Nach dem Auftakt in Berlin gastiert die Ausstellung im Museo d’arte contemporanea (MACRO) in Rom. Ab dem 14. Mai ist Qureshis Projekt für den Dachgarten des New Yorker Metropolitan Museum of Art zu sehen. Vom 1.6.-24.11. ist er zudem auf der 55. Biennale di Venezia im italienischen Pavillon vertreten.




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