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Gewalt, Schönheit, Hoffnung: Imran Qureshi ist
„Künstler des Jahres“ 2013 der Deutschen Bank


Er gilt als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler Pakistans. Im Frühjahr 2013 wird Imran Qureshi mit einer großen Einzelausstellung in der „Deutsche Bank KunstHalle“ vorgestellt. Sie wird mit dieser Ausstellung zugleich eröffnet. Oliver Koerner von Gustorf über Qureshis einzigartiges Werk, das die jahrhundertealte Tradition der Miniaturmalerei radikal erneuert, und zugleich ganz aktuelle gesellschaftliche Themen anspricht.



Imran Qureshi - Deutsche Bank "Künstler des Jahres" 2013

Wie an unsichtbaren Fäden aufgereihte Perlen fällt Regen schnurgerade aus einer goldenen Wolkendecke. Doch die reißt gerade auf und gibt ein Stück dunkelblauen Himmel frei: Moderate Enlightenment, Imran Qureshis zwischen 2006 und 2009 entstandene Serie von Miniaturmalereien, zeigt eine unendlich detailreiche, anrührende Welt. Alles in ihr wirkt fein, geradezu zerbrechlich – die Grashalme, die aus dem Boden sprießen, die ornamentalen Äste und Ranken der Büsche und Bäume, die Rahmen und Muster bilden. Und auch die jungen Männer und Frauen in diesem Kosmos erscheinen zart und introvertiert. Verträumt lassen sie Seifenblasen steigen, pusten die Blütenblätter in die Luft, spannen ihren Schirm auf, oder sind in einsame Spaziergänge vertieft. Ihr Kleidungsstil weist darauf hin, dass sie muslimischen Glaubens sind. Die aquarellierten Szenerien wirken so unbeschwert, als müssten sie in Blattgold und Ornament eingeschlossen werden, um nicht zu verfliegen. Ein verlorenes Paradies, könnte man meinen. Ein Blick auf die spirituelle Einheit von Mensch und Natur, auf eine traditionelle, überschaubare Welt, in der alles in Ordnung, alles an seinem Platz ist.

Doch dieses nostalgische Gefühl ist zu eindimensional, wie sich bei genauem Hinsehen herausstellt. Denn Qureshi  bricht den erhabenen, fast altertümlichen Eindruck seiner Bilder  mit Insignien weltweiter Freizeitkultur: Seine Protagonisten tragen Kuriertaschen, Cargo-Shorts und Camouflage-T-Shirts. Der praktische Militärlook ist ein gängiges Modestatement. Im Zusammenhang mit Spiritualität und Religion wird er allerdings schnell mit Fanatismus in Verbindung gebracht. Und schaut man unter diesen „modernen“ Vorzeichen auf Qureshis Bilder, erscheinen sie auch formal nicht mehr so eindeutig. Hinter dem Ornament verbirgt sich die Abstraktion. Das sakrale Gold kann auch das Gold der westlichen Künstler sein, die es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder salonfähig machten: Yves Klein, James Lee Byars, Andy Warhol.
    
Die globale Realität hat sich in diese Idyllen eingeschlichen. Und so zitiert der Titel Moderate Enlightenment auch einen Begriff, den der frühere pakistanische Präsident Pervez Musharraf 2003 auf dem Gipfeltreffen der Organisation für Islamische Zusammenarbeit formulierte. Mit der „Gemäßigten  Aufklärung“ beschrieb er den Weg, den die islamische Welt gehen müsse, um aus der Sackgasse von Fundamentalismus und anti-westlicher Stimmung zu kommen. In ihrer Komplexität stellt Qureshis Serie beides auf den Prüfstand: die Rigidität von religiösem Fundamentalismus und die Rigidität westlicher, „aufgeklärter“ Klischeevorstellungen über islamische Kultur.

Als einen der bedeutendsten Vertreter der Kunstszene Pakistans hat die Deutsche Bank Imran Qureshi zum „Künstler des Jahres“ 2013 gewählt. Die Wahl folgt der Empfehlung des Deutsche Bank Global Art Advisory Council, zu dem die renommierten Kuratoren Okwui Enwezor, Hou Hanru, Udo Kittelmann und Victoria Noorthoorn zählen. Mit der Auszeichnung ehrt die Bank junge, internationale Künstler, die auf individuelle Weise gesellschaftliche Themen ansprechen und bereits ein bedeutendes Werk geschaffen haben, in dem Arbeiten auf Papier oder Fotografie eine wichtige Rolle spielen. Qureshi wird als „Künstler des Jahres“ im Frühjahr 2013 mit einer umfassenden Einzelpräsentation in der „Deutsche Bank KunstHalle“ in Berlin präsentiert.
 
Imran Quershi machte 1993 seinen Bachelor am National College of Arts in Lahore – im selben Studiengang für Miniaturmalerei, in dem er heute selbst unterrichtet. Und der ist wohl auf der Welt einzigartig. Bereits in den 1980ern hatte man an der Kunsthochschule in Lahore damit begonnen, diese alte Kunstform zu verjüngen. Zum Curriculum gehören die unterschiedlichsten Stile, wie etwa die persischen Schulen oder die Moghul-Schule, die im Norden des indischen Subkontinents im 16. und 17. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte. Die Studenten erlernen nicht nur die komplizierte Technik der Malerei, sondern auch wie sie ihr Papier in der Wasli-Technik selbst herstellen oder feine Pinsel aus Eichhörnchen-Haar fertigen. Das entspricht dem Leitgedanken der Schule, die 1875 von Lockwood Kipling, dem Vater des Dschungelbuch-Autoren Rudyard Kipling, mit dem Ziel gegründet wurde, eine neue Generation kreativer einheimischer Künstler heranzuziehen. Heute bewerben sich jährlich 20.000 Anwärter auf einen Studienplatz. Doch nur 150 werden angenommen. Und nur etwa ein Dutzend schaffen es in die Klasse für Miniaturmalerei.
 
Dass diese Klasse so begehrt ist, liegt auch daran, dass Studenten wie Quershi in den 1990ern damit begannen, die Miniaturmalerei als ganz aktuelles künstlerisches Ausdrucksmittel zu erweitern. Während sich die klassische Miniaturmalerei zumeist auf religiöse Erzählungen, Darstellungen von Kriegsschlachten und höfischem Leben beschränkt, kombinierten sie die Studenten mit gegenwärtigen Kunstformen, neuen Medien  und konzeptionellen Denken. Sie nutzten sie auch, um die gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer Region zu kommentieren. Religion, Geschlechterrollen, Politik, das sind Themen, die in der jungen pakistanischen Kunstszene auch mit den Mitteln der Miniaturmalerei verhandelt werden. Das National College of Arts in Lahore bringt inzwischen neue Künstlergenerationen hervor, deren Arbeiten immer mehr internationale Beachtung in großen Ausstellungen und auf Biennalen finden. Das liegt sowohl an den völlig neuartigen Ausdrucksformen, die die Miniaturmalerei hervorbringt, als auch an den ganz persönlichen Erfahrungen, die die Künstler aus dieser krisengeschüttelten Region mit in ihre Werke einfließen lassen.
 
Neben Qureshi ist etwa auch die 1969 geborene Shahzia Sikander eine Absolventin der Kunsthochschule in Lahore, die den internationalen Durchbruch geschafft hat. Selbst Muslimin, untersucht die in New York lebende Pakistanerin in ihren Zeichnungen, Videos, Animationen und Installationen die formalen Mittel der Miniaturmalerei. Sie hinterfragt dabei die Rolle der muslimischen Frau und stereotype westliche Sichtweisen, die den Islam lediglich mit Terrorismus und der Unterdrückung von Frauen verbinden. Religion, spielt dabei  sowohl in Sikanders Leben als auch in ihrem Werk eine große Rolle.

Ebenso wie für sie und viele Künstler der jüngeren pakistanischen Generation bildet das auch für Imran Quershi keinen Widerspruch zu progressivem und emanzipatorischem, Denken. Im Gegenteil. Gerade in der Verbindung von tiefer Spiritualität und aufgeklärtem Denken, dem kontinuierlichen Verhandeln von gegensätzlichen Werten, Traditionen und Ideologien besteht einzig die Hoffnung, einer fast aussichtslosen Situation zu entkommen: Seit seiner Unabhängigkeit ist Pakistan Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Volks- und Glaubensgruppen, vor allem zwischen militanten Sunniten und Schiiten. Zudem wird das Land, seitdem die Militärregierung nach den Terroranschlägen vom 11. September eine politische und militärische Allianz mit den USA einging, selbst immer mehr zum Schauplatz von Terroranschlägen. Gewalt scheint in Pakistan fast alltäglich.
 
They shimmer still – so lautet der poetische und zugleich trotzige Titel von Qureshis Installation für die Sydney Biennale 2012. Über die Treppen und Rampen eines ehemaligen Trockendocks auf Cockatoo Island im Hafen von Sydney ergießt sich rote Farbe – ganz so als wären hier Unmengen von Blut vergossen und verspritzt worden. Doch bei genauerem Hinsehen materialisiert sie sich zu hunderten von ornamentalen Blüten, die den Beton und das rostige Metall wie Wege und Inseln überziehen. „Hoffnungskeime“, so nennt Qureshi diese Blütenranken, die als Zeichen des Aufbruchs, des Entstehens von neuem Leben verstanden werden können. Wie auch bereits schon die Installation Blessings Upon the Land of My Love für die Qureshi 2011 auf der 10. Sharjah Bienniale in den Vereinten Arabischen Emiraten ausgezeichnet wurde, entstand auch seine Arbeit in Sydney unter dem Eindruck eines Bombenanschlags, den der Künstler 2010 auf einem belebten Platz in seiner Nachbarschaft selbst erlebte. Zugleich geht es Qureshi, wie er selbst betont, nicht nur um die Gewalt in seiner Heimat. Seine Kunst richtet sich ganz grundsätzlich gegen Gewalt – durch einengende Rollenmuster, politische, ideologische oder religiöse Systeme.

Qureshis Kunst scheut sich nicht Trauer und Entsetzten auszudrücken. Doch zugleich thematisiert sie den ständigen Wechsel zwischen Zerstörung und Schöpfung als existenziellen Kreislauf, der nicht nur Verzweiflung mit sich bringt, sondern auch Anlass zur  Hoffnung gibt. „Ja, diese Formen entstammen der Gewalt“, sagte er in einem Interview  2011, „sie sind mit der Farbe des Blutes verschmolzen und genau hier beginnt gleichzeitig ein Dialog mit dem Leben, mit neuen Anfängen.“ Immer wieder tauchen auch in Qureshis Werk diese Hoffnungskeime auf, auch in seinen Papierarbeiten. Sie winden sich durch Farbspritzer, geometrische Raster. Sie gehören zu einem ganzen Arsenal von Motiven, die in seinen symbolischen Landschaften wie feste Zeichen auftauchen. Da sind ovale Formen, die an Eier oder Blütenkapseln erinnern, an Keime neuen Lebens oder Schutzhüllen, in denen Erinnerungen, Gedanken oder Gefühle geborgen sind. Und dann sind da die halbgeöffneten Scheren, die horizontal oder vertikal in Stellung gebracht sind, um zu trennen, zuzuschneiden – Wahrnehmungen, soziale Bindungen, Weltbilder. Scheren – das sind auch Symbole für Gewalt und Zensur.

Eben diese Gleichzeitigkeit macht Qureshis Werke aus: „Es liegt etwas fast Paradoxes zwischen Gewalt und Schönheit, zwischen Leben und Tod, die auf derselben Bildfläche existieren“, äußerte er 2011. Interessanterweise bildet die  Miniaturmalerei die Grundlage für alles, für kleine Papierformate ebenso wie für riesige, installative Malereien, die ganze Gebäudekomplexe und Plätze mit einbeziehen können. Zu Qureshis Ausbildung als Miniaturmaler gehörte auch, als Ausgangspunkt für jede Arbeit ein Raster anzulegen. Das Einzeichnen der sogenannten Hashiyas  (Grenzen) dient nicht nur als simples Koordinatensystem. Sondern, wie Roobina Karode in einem Ausstellungskatalog von 2006 über Qureshi schreibt, der Orchestrierung des erzählerischen Dramas auf möglichst kontrollierte Weise: „Traditionell werden die haarfeinen Details, die reich gestalteten Oberflächen ganz sorgsam und präzise über diese schematische Struktur gelegt – eine Methode, nochmaliges Überdenken und spontane Hinzufügungen zu verhindern.“

In der Kunst des 20. Jahrhunderts war das geometrische Raster ein zentrales Ordnungssystem, ebenso für den Konstruktivismus, wie auch die Minimal-Art. Qureshi entdeckt es auch im heutigen Alltag, in vorgefundenen Situationen: in der Architektur, der Beschaffenheit eines Ortes. Die Rillen zwischen Bodenplatten, die Winkel von Raum- oder Hauswänden, die Fugen zwischen Mauersteinen, nutzt er ebenso wie das eingezeichnete Raster auf dem Papier. Doch im Gegensatz zur traditionellen Miniaturmalerei rebelliert das Ornament gegen das rigide Raster. So wie Qureshi in seinen räumlichen Installationen, Ornamente wie Moos aus Ecken und Ritzen quellen lässt, bewegen sie sich auch auf seinen Papierarbeiten weich und organisch, sie fließen. Auf vielen seiner Bilder korrespondiert das Ornament auch mit affektgeladenen malerischen Gesten und Farbspritzern. Qureshis Bilder und Installationen gleichen Landkarten des Fühlens und Denkens, in denen das Ornament immer wieder mit starren Formen korrespondiert, sie aufweicht und dialektisch in Frage stellt. Das Fundament für Qureshis Werke ist dabei ebenso rational wie spirituell. Sie sprechen beides an: die Notwendigkeit von Aufklärung und die Notwendigkeit von Glauben und der Bewahrung gewachsener Traditionen. Das Ornament, das in der Moderne mit Adolf Loos‘ Essay Ornament und Verbrechen indiskutabel geworden war, spielt bei Qureshi, wie auch bei vielen anderen Künstlern eine Vermittlerrolle – zwischen den Epochen, Traditionen, Kulturen. Es ist gerade in einer Zeit globaler Krisen wieder zu neuer Bedeutung gekommen, als universelle Sprache. Es spricht bei Qureshi auch von Konflikten und Gewalt. Es spricht aber zugleich von der großen, einfachen Hoffnung: das alles miteinander verbunden ist, dass alles Teil einer übergeordneten Lebensenergie ist, die sich sanft und beharrlich immer wieder gegen Zerstörung und Tod durchsetzt.




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