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Das subversive Potential von Hermès-Tüchern
Shirin Aliabadi zeigt die Sehnsüchte junger iranischer Frauen


Urbane Lebenswelten sind das Thema der Ausstellung „Stadt in Sicht“, die bis Anfang August im Dortmunder Museum am Ostwall zu sehen ist. Zu den überraschendsten Arbeiten dieser Schau aus der Sammlung Deutsche Bank zählen die Fotografien von Shirin Aliabadi, der in den Frankfurter Deutsche Bank Türmen eine ganze Etage gewidmet ist. Zentrales Thema der in Teheran lebenden Künstlerin sind die Wünsche und Sehnsüchte junger Frauen im Iran. Achim Drucks über Aliabadis Bilder einer Generation zwischen Tradition und westlichem Lifestyle.


„Die beste Zeit, die ich je in einem Stau verbracht habe“ – so beschreibt Shirin Aliabadi die Arbeit an ihrer 2005 entstandenen Serie Girls in Cars. Und es war auch ein Stau, der die iranische Künstlerin auf die Idee zu diesen Fotoarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank brachte: „An einem Wochenende steckte ich einmal im Verkehr fest – nachts in einem ziemlich schicken Viertel in Teheran. Wir waren umgeben von lauter schönen Mädchen. Sie waren alle total gestylt, vielleicht um auf eine Party zu gehen oder einfach nur um in ihren Autos herumzufahren. Ich dachte plötzlich, wie wenig das Klischeebild von der in den Traditionen und dem Hijab gefangen iranischen Frau mit der Realität zu tun hat. Diese Mädchen ließen einfach ihre Musik laufen und redeten miteinander aus den Fenstern ihrer Autos. Sie flirteten oder unterhielten sich mit den Jungen, die ebenfalls in ihren Autos unterwegs waren. Dabei hielten sie sich an die Gesetze und hatten trotzdem ihren Spaß.“ Tatsächlich wirken Aliabadis Mädchen als Gegenentwurf zu den Stereotypen, die vor allem in vielen westlichen Köpfen herumspuken: Vom schwarzen Tschador, dem bodenlangen Tuch, das den Körper völlig verhüllt, keine Spur. Und die Hijabs – schleierartige Kopftücher, die seit 1979 alle Frauen per Gesetz tragen müssen – haben hier eher die Funktion eines modischen Accessoires. Dekorativ nach hinten gerutscht geben sie den Blick auf die Haare frei. Die Frau, deren Körper verborgen ist wie eine Perle in der Muschel – mit diesem vom Klerus der islamischen Republik propagierten Ideal können die Girls in Cars offensichtlich wenig anfangen. Sie repräsentieren eine junge, städtisch geprägte Generation. Der Lebensstil der Girls in Cars und ihre Sehnsucht nach unbeschwertem Vergnügen können in ihrer Heimat allerdings schnell mit der offiziellen Moral und den staatlichen Gesetzen kollidieren, die vor allem die Freiheit der Frauen beschneiden.

Der Iran ist ein sehr junges Land, über 70 Prozent der Einwohner sind nicht älter als 30 Jahre. Das prägt auch die Atmosphäre – gerade in der Hauptstadt des Landes: „Teheran blubbert nur so vor Teenie-Hormonen“, so der Kurator und Autor Tirdad Zolghadr. Da es keine Clubs und Discos gibt, trifft man sich hier eben zu privaten Partys. An den Straßenecken kann man Raubkopien der aktuellen Hollywood-Blockbuster kaufen. Vom Yoga bis iPod, die globalen Trends sind auch in der 8-Milionen-Metropole präsent. Das war nicht immer so. In den ersten Jahren der Islamischen Republik hat sich das Land extrem isoliert und war zudem in den ersten Golfkrieg mit dem Irak verstrickt. Doch mit der Präsidentschaft Mohammad Chātamis wurde das gesellschaftliche Klima in den 1990er Jahren etwas liberaler. Parallel dazu stömte via Satellitenfernsehen und Internet eine Flut von Bildern und Informationen in den Gottesstaat: Westliche Ideen und Lebensstile versprachen Alternativen zur rigiden Ideologie des Regimes. Diese Einflüsse manifestieren sich etwa in Form des „bad hijab“ – dem lässigen Kopftuch, das die Frisur eben nicht völlig bedeckt. Ist bei Frauen allerdings zu viel Haar oder Haut zu sehen, wird eine spezielle Moralpolizei aktiv. Es drohen Ermahnungen, Geld- und sogar Haftstrafen.

„Bad hijab“, blondes Haar, blau oder grün gefärbte Kontaktlinsen – diesen Look bevorzugen auch die jungen Frauen in Aliabadis Serie Miss Hybrid (2008). Die artifiziellen Studioporträts machten die Künstlerin schlagartig international bekannt. Kein Wunder. Dass diese koketten Barbiepuppen, die an knallbunten Lutschern knabbern oder lilafarbene Kaugummiblasen platzen lassen, ausgerechnet aus dem Iran stammen, wurde von vielen westlichen Betrachtern nur ungäubig zur Kenntnis genommen. Die kleinen Pflaster auf den Nasen der Frauen verweisen auf frisch überstandene Schönheitsoperationen. Solche Eingriffe sind unter den Besserverdienenden des Landes sehr beliebt. Der Iran gilt als „Nose Job Capital of the World“ und es sind vor allem Frauen, die sich unters Messer legen – für eine Nase à la Nicole Kidman. Das postoperative Pflaster wird dann als Statussymbol mit Stolz in der Öffentlichkeit getragen. Barbara Krugers 1989 geprägter Slogan Your body is a battleground gilt noch immer: Der weibliche Körper ist den unterschiedlichsten Ideologien unterworfen, seien sie religiös motiviert oder seien es die von den Massenmedien geprägten Schönheitsideale der westlichen Konsumgesellschaft, denen die Frauen nacheifern.

Signalwirkung haben auch Accessoires. Sie spielen in City Girls, Aliabadis 2011 entstandener Nachfolgeserie zu Miss Hybrid, eine zentrale Rolle. „So banal die Symbole der Konsumgesellschaft erscheinen mögen: Starbucks, Taschen von Goyard oder iPods“, erklärt Shirin Aliabadi, „im Iran werden sie zu einem unterschwelligen Instrument der sogenannten kulturellen Invasion des Westens, die von den iranischen Behörden mit dem „grossen Satan“ gleichgesetzt wird. Für die junge Generation, insbesondere für die Frauen, werden die Mode-Accessoires auf reizvolle Weise zu einer Art der passiven Rebellion. Das ist der Moment, in dem Mode nicht nur Mode ist – in diesem Kontext ist die Botschaft nicht oberflächlich.“ Es handelt sich allerdings um eine Rebellion, an der sich nur der wohlhabende Teil der iranischen Gesellschaft beteiligen kann. Nur mit den richtigen Statussymbolen gehört man zu dieser „Subkultur der Moderne“.

Aliabadis Heldinnenen stehen für den Prozess der Individualisierung innerhalb der iranischen Gesellschaft. Die Künstlerin zeigt junge Frauen, die das enge Korsett religiöser Vorschriften – von der Kleidung bis zu den Beziehungen zum anderen Geschlecht ist das gesamte Leben geregelt – zu sprengen versuchen und die sich ihre Freiräume erobern. „Ich bin nicht der Meinung, dass man mit einem Hermès-Tuch um den Hals automatisch zur Rebellin wird, aber im Kontext dieser Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind, innerhalb eines Erziehungssystems, das andere Werte als der Westen hat, wird das Phänomen der Mode zu einem interessanten Paradox. Im Endeffekt geht es den jungen Frauen aber nicht darum, die Regierung zu stürzen, sondern darum, Spass zu haben.“

Die Künstlerin selbst ist sowohl im Iran als auch im Westen zu Hause. Die 1973 in Teheran geborene Tochter eines Schriftstellers und einer Künstlerin studierte Kunst und Archäologie in Paris. Heute pendelt sie zwischen beiden Städten, lebt aber hauptsächlich in Teheran. Ihre Galerie, The Third Line, ist allerdings in Dubai ansässig, wo das gesellschaftliche Klima weitaus liberaler ist als in ihrer Heimat. Nach ihrer Rückkehr in den Iran begann Aliabadi künstlerisch zu arbeiten und realisierte dort eigene Projekte wie Miss Hybrid oder Co-Produktionen mit ihrem Mann Farhad Moshiri, einem der wichtigtes Künstler des Landes. In ihrer gemeinsamen Serie Operation Supermarket (2006) zeigt das Paar Verpackungen von Haushaltsreinigern und Waschmitteln – in Szene gesetzt wie auf gängigen Hochglanz-Reklamen. Doch die Aufschriften sprechen eine andere Sprache: „Shoot First Make Friends Later“ ist darauf zu lesen oder „We Are All Americans“. Sie verweisen nicht nur auf Ängste des Westens vor einer anderen, fremden Kultur. Gerade in einem Land, in dem es zehn Jahre vor der Entstehung dieser Serie nur ein einziges Waschmittel zu kaufen gab, zeigt Operation Supermarket, dass diese Produkte auch für einen Lebensstil und eine Ideologie stehen. Es geht um eine neue Form des Imperialismus, der mit seinen verlockenden Oberflächen und Statussymbolen sogar Länder wie China oder eben den Iran erobert und auch hier eine zunehmend homogenisierte Kultur des Konsums etabliert.

Moshiri, der in seinen Arbeiten Kalligrafie, traditionelles Kunsthandwerk, Kitsch und Pop Art miteinander verbindet, ist, wie er erklärt, stark vom Alltagsleben beeinflusst – von „den Einkauszentren, Basaren, dem Dekorativen und Ornamentalen und der Hochzeitskultur im Iran“. Eine opulente „Traumhochzeit“ nach westlichem Vorbild gehört zu den großen Sehnsüchten vieler junger Frauen der iranischen Mittelschickt. Um diese Hochzeitskultur dreht sich auch eine Serie von Aliabadi, die sie allerdings nicht in Form von Fotografien sondern als Zeichnungen realisiert hat. Eye Love You (2009) zeigt Entwürfe für das opulente Augen-Make-up, mit dem sich Bräute an ihrem großen Tag schmücken lassen. Auf schulheftgroßen Blättern sind jeweils drei Make-up-Entwürfe zu sehen. In ihrer Naivität erinnern sie an Zeichnungen, die entstehen, wenn Mädchen, so Aliabadi, „während einer langweiligen Unterrichtsstunde vor sich hinträumen“. Die mit bonbonfarbenem Lidschatten, Glitter, Strass und Motiven wie Blüten, Schwänen oder Schmetterlingen verzierten Augen der Bräute wirken völlig over the top, sind aber genaue Wiedergaben aktueller Trends in Sachen Hochzeits-Make-up. Fröhlich mischen sich hier traditionelle iranische Motive mit Airbrush-Ästhetik, wie man sie von amerikanischen Auto-Karosserien kennt.

Shirin Aliabadi steht für eine jüngere Künstlergeneration, die „sich mit hybriden Phänomenen, in denen sich traditionelle iranische Formen mit Elementen einer globalisierten Popkultur mischen, gerne auf ironische oder kitschige Art und Weise auseinandersetzt“, so der im Iran und in England arbeitende Kunsthistoriker Hamid Keshmirshekan. „Sie weist das Konzept einer festen, einheitlichen Identität zurück und plädiert stattdessen für eine hybride, fexible und verhandelbare Identität.“ Die jungen Frauen auf Aliabadis Arbeiten verkörpern diese Vorstellung ganz konkret – nicht umsonst hat die Künstlerin den Titel Miss Hybrid gewählt. Sie inszenieren sich als radikalen Gegenentwurf zu dem offiziell propagierten Frauenbild. Es stellt sich zwar die Frage, ob diese Frauen in ihrer Obsession für Looks und Lebensstil westlicher Konsumgesellschaften das eine Gefängnis gegen das andere eintauschen. Doch wie Aliabadis City Girls soverän aber durch eine zutiefst wiedersprüchliche iranische Gesellschaft steuern, zeugt auf jeden Fall von großem Selbstbewusstsein.


Stadt in Sicht
Werke aus der Sammlung Deutsche Bank

20.04. – 04.08.2013
Museum Ostwall im Dortmunder U




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