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Enchanted Geography
Sarnath Banerjees Streifzüge durch Berlin


Seine eigenwilligen Comic-Romane über die sich rasant verändernde indische Gesellschaft machten Sarnath Banerjee international bekannt. Jetzt erkundet er die Straßen und damit auch die  Menschen von Berlin. Achim Drucks hat den Künstler, der in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in einem Neuköllner Café getroffen und mit ihm über sein aktuelles Projekt gesprochen.


„Auf zehn Blättern kannst du ein ganzes Universum beschreiben. Das ist die Kraft der Kombination von Text und Bild“. Mit einem glucksendem Lachen betrachtet Sarnath Banerjee die Kopien von Tyranny of Cataloguing. Er hat diese Zeichnungen seit längerem nicht mehr gesehen und ist noch immer sichtlich angetan von ihrem absurden Humor. Die 2008 entstandene Serie aus der Sammlung Deutsche Bank ist eine sehr spezielle Hommage an das Buch. Es geht um Autoren, die sich bei der Suche nach ihren Publikationen in einem riesigen Lagerhaus verirren. Und um Buchhändler, die mit traumwandlerischer Sicherheit für ihre Kunden den gesuchten Band aus meterhohen Bücherstapeln ziehen. Die Geschichte beginnt in Kalkutta, macht einen Abstecher nach Paris und über Bangalore führt sie schließlich ins ländliche England. Dort liegt das labyrinthische Lager, in dem ein Polizist das Skelett des vermissten Autors entdeckt – inmitten der Regale, ein angeknabbertes Buch in der Knochenhand. Tyranny of Cataloguing ist beispielhaft für Banerjees Werk: Mit wenigen Farben akzentuierte comicartige Zeichnungen, pointierte Texte und ein skurriler, leicht melancholischer Humor verbinden sich zu Bildergeschichten, die eher Assoziationsketten gleichen als konventionellen Erzählungen.

In einer Linie direkt von A nach B zu kommen – dies scheint das Gegenteil seiner Arbeiten zu sein. Und seiner Art zu erzählen und zu denken, obwohl der 1972 in Kalkutta geborene Künstler doch eigentlich studierter Naturwissenschaftler ist. Bekannt wurde Banerjee, der nach dem Abschluss in Biochemie seinen M.A. in Image and Communication am Londoner Goldsmiths College machte, zunächst mit seinen Graphic Novels. Wie in diesen gezeichneten Romanen springt er auch im Gespräch quicklebendig von einem Thema zum nächsten. Von der politischen Situation in Indien zu Sarfraz Nawaz, der eine revolutionäre Cricket-Wurftechnik entwickelt hat, zu Robert Walser, einem seiner Lieblingsschriftsteller. Oder dazu wie es sich anfühlt, nachts um drei am Berliner Westhafen zu sein – nicht wirklich bedrohlich. Das wollte er herauszufinden, weil sich sein aktuelles Projekt, Enchanted Geography, mit der deutschen Hauptstadt beschäftigt. Die auf ein halbes Jahr angelegte Serie, in der er Zeichnungen mit Fotos und kurzen Texten kombiniert, erscheint in der Sonntagsbeilage von The Hindu, einer der größten Zeitungen Indiens.

Vor rund anderthalb Jahren zog Banerjee mit seiner Frau, der pakistanischen Künstlerin Bani Abidi, nach Berlin, wo im Januar auch ihr gemeinsamer Sohn zur Welt kam. Zuvor lebten sie in Neu Dehli. Doch die politischen Spannungen zwischen Indien und Pakistan wirkten sich ganz konkret auf Abidis künstlerische Laufbahn aus, etwa durch die von den indischen Behörden eingeführten Reisebeschränkungen. Da kam für Abidi die Einladung des DAAD zu einem einjährigen Stipendium in Berlin gerade richtig. Gemeinsam beschloss das Paar nach Deutschland zu gehen und hier erst einmal zu blieben.

Zunächst wurde Banerjee nicht wirklich warm mit seiner neuen Umgebung. „Aus einer gewissen Verzweiflung heraus kam ich zu dem Schluss, dass ich mir einen Weg überlegen muss, mich mit der Stadt auseinanderzusetzen. Deshalb begann ich mit dieser Kolumne über einen Typen in Berlin, der den globalen Süden repräsentiert – wenn es denn diesen Süden so überhaupt gibt. Historisch gesehen blickt ja der Westen immer auf diese andere Seite und jetzt blickt die Seite zurück. Aber macht sie das auf die gleiche stereotype Weise?“ Der Künstler, der bereits in den USA, England und Frankreich gelebt hat, vermeidet jedenfalls die gängigen Berlin-Klischees. Es geht ihm nicht um die „Kunstmetropole“ oder die endlosen Nächte im Berghain. Auch die internationale Hipster-Gemeinde, die gerade seinen Wohnbezirk Neukölln erobert, kommt nur am Rande vor. Stattdessen geht es um unspektakuläre Beobachtungen und Begegnungen, in denen sich die Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Sie spiegeln die Absurdität des großstädtischen Alltags ebenso wieder wie die Euro-Krise, nutzen Berlin als Ausganspunkt für geistreiche Reflektionen. „Es ist ein Glück für mich, dass die europäische Politik gerade eine sehr interessante Phase durchmacht. Das beflügelt meine Fantasie.“

Für Enchanted Geography hat der Künstler Brighu reaktiviert, einen der Protagonisten seiner ersten, 2004 erschienenen Graphic Novel Corridor, in der er episodenhaft das Leben einer urban geprägten Generation junger Erwachsener in Neu Dehli schildert. „Diese Figur ist eine Mischung aus dem Kalifen Harun al-Rashid, der in den Straßen von Basra unterwegs war, um Informationen über seine Untertanen zu sammeln, und dem portugiesischen Schriftsteller Fernando Pessoa, einem bourgeoisen Flaneur. Im Grunde ist Brighu ein Detektiv, der keinen Fall zu lösen hat. Er folgt den Dingen und den Menschen, steht stundenlang vor deren Türen, ohne auf jemanden zu warten.“ Die Serie eröffnete Banerjee neue Perspektiven auf Berlin: “Plötzlich begann die Stadt vor meinen Augen zu explodieren, verborgenen Bedeutungen und Codes, halb-erzählte Geschichten, versteckte Wünsche oder Erinnerungen, die ich einfach hierhin verlegt habe, brachten sie zum Strahlen. Plötzlich war das Leben wieder schön.“

Zu den Erinnerungen, die der Künstler nach Berlin transplantiert hat, gehört auch die an einen deutsch-jüdischen Komponisten, den er im New Yorker Tompkins Square Park getroffen hat. Der alte Mann erklärte Banerjee, er brauche das Gefühl von Raum, um arbeiten zu können. Immer wieder lief er rund um den Park, so als würde er ihn dadurch zusammenhalten. In Enchanted Geography trifft ihn Brighu auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, wo der Komponist auf dem Fahrrad einsam seine Runden dreht – mit wehender Mähne und flatterndem Cape, den Taktstock in der Hand. Wie ein Zeitgenosse von Franz Liszt, der ins 21. Jahrhundert gebeamt wurde. Barnerjee-typisch beginnt diese Episode mit dem Tod eines Nachrichtensprechers in Delhi, der vom Leben gelangweilt aus dem Fenster springt. Sie endet im nächtlichen Tempelhof, wo der Mond über dem Rollfeld scheint und Brighu an das Logo des TV-Senders erinnert, für den der Selbstmörder gearbeitet hat. „Auf seltsame Weise kollidieren in meinen Arbeiten Fakt und Fiktion. So etwas kann nur in deinem Kopf passieren.“

Diese Mischung kennzeichnet auch Banerjees Graphic Novels, die nicht nur in Indien, sondern auch in England und Frankreich publiziert wurden. Besonders der jüngste Band, die 2011 erschienenen Harappa Files, sprengt die Grenzen des Genres: In 41 Mikro-Geschichten entwirft er eine kaleidoskopartige Bestandsaufnahme der sich tiefgreifend verändernden indischen Gesellschaft. Sie behandeln die Mühlen der Bürokratie, Brighus sexuelle Abenteuer bis hin zur neuen, wohlhabenden Mittelklasse, die sich hinter die hohen Zäune ihrer Gated Communities zurückzieht. Dabei sind Erzählweise und Bildsprache der Harappa Files so heterogen wie ihre Themen: Manche Episoden entwickeln sich nahezu filmisch in Halbtotalen und Close Ups, andere kommen mit zwei Bildern aus. Farbige, aquarellartige Zeichnungen stehen neben reduzierten Grafiken in Schwarz-Weiß oder überarbeiteten Fotos. In seinen Graphic Novels bezieht sich Banerjee ebenso auf klassische amerikanische Comics wie auf die Hamzanama. In detailreichen Szenen, die teilweise Bild und Text miteinander verbinden, berichtet dieses Manuskript aus der Mogul-Ära von den fantastischsten Abenteuern.

Mittlerweile hat er sich allerdings von den Graphic Novels verabschiedet. „Mit der Zeit wird das Geschichtenerzählen, die Herangehensweise oder wie du eine Geschichte erzählst, sehr konservativ“, erklärt Banerjee. “Nur die Arbeiten für die Galerien erlauben es mir, wirklich zu experimentieren. In meinen Zeichnungsinstallationen kann ich die Linearität der Bücher durchbrechen.“ Der internationalen Kunstszene ist er spätestens seit seiner Gallery of losers (non-performers, almost-winners, under-achievers, almost-made-its) bekannt. Sie entstand 2012 im Rahmen der Frieze Projects East für die Londoner Sommer-Olympiade. Eingeladen wurde er von Kuratorin Sarah McCrory, die ihn 2009 auf der Frieze Art Fair entdeckte. Dort zeigte die in Mumbai ansässige Galerie Project 88 eine Reihe von Banerjees Zeichnungen. Gewinner sind dem Künstler suspekt. Um die auf Höchstleistungen und Rekorde getrimmten Olympischen Spiele etwas Menschlicheres entgegenzusetzen feierte er die Verlierer. Auf 48 Plakatwänden in ganz East London waren sie zu sehen – der unter plötzlicher Höhenangst leidende Stabhochspringer oder der Diskuswerfer, der mit seiner betreten aufs Essen starrenden Familie am Mittagstisch sitzt. Daneben der knappe Satz: „Die Erinnerung an eine verpasste Bronzemedaille kann noch 20 Jahre später für schlechte Stimmung sorgen.“

Es sind Situationen wie diese, die Banerjee in seinen Zeichnungen auf den Punkt bringt, einfach, klar und präzise. Sei es in Harappa FilesEnchanted Geography oder der aktuellen Serie Temporary Autonomous Zones, die gerade in der Berliner daadgalerie zu sehen ist – er visualisiert komplexe gesellschaftliche oder auch existenzielle Themen ohne in Klischees zu verfallen: „Ich versuche immer etwas zu vereinfachen, sei es eine komplizierte politische Situation oder eine Finanzkrise. Du musst genau nachdenken, um die Dinge für dich und für andere verständlich zu machen.“ Gerade das Zusammenspiel von Bild und Text ist dabei essentiell. Es setzt die Gedanken des Betrachters vielleicht noch stärker in Bewegung als das reine Bild, weil er eben diese beiden Ebenen miteinander in Bezug setzen muss. Das setzt Hirn und Imagination in Bewegung, wie eine Diskussion, die sich frei entfalten kann. Banerjee vergleicht sein Werk mit „einem langen Gespräch in einer Teestube. Dabei gibt es keine Tagesordnung. Gespräche sind sehr wichtig. Die Menschen haben sich durch den Dialog weiterentwickelt, sind intellektuell auf die nächste Stufe vorgerückt. Alles was ich mache, das ist für mich wie ein Gespräch.“




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