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Nur ein Schritt vom Wunder zum Desaster
Ein Rundgang durch die 55. Biennale di Venezia


88 Nationen präsentieren sich auf der diesjährigen Venedig-Biennale, dazu kommen über 50 weitere „Eventi Collaterali“. Und nicht zuletzt die von Massimiliano Gioni kuratierte Hauptausstellung „Palazzo Enciclopedico“. Brigitte Werneburg hat sich durch einen Kunstdschungel mit Retro-Tendenzen gekämpft.


Ja, die 55. Esposizione Internazionale d’Arte 2013 in Venedig überrascht. Sie schaut nicht, wie erwartet, voraus ins 21. Jahrhundert und auf die jungen vielversprechenden Talente. Stattdessen lässt sie die Kunst des 20. Jahrhunderts samt deren bislang kaum bekannten Randfiguren Revue passieren.

Er ist zwar noch als Kunstmarkterfolg der sechziger Jahre vage in Erinnerung, doch wer hätte je gedacht, ausgerechnet Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982) auf der Biennale von Venedig zu begegnen? Jetzt teilt sich der Berliner Outsider-Künstler den Raum mit Levi Fisher Ames (1843-1923), einem Bauernsohn aus Philadelphia. Dessen reale und erfundene Tiere schauen wundersam geschnitzt aus ihrer Glasvitrine auf die bizarren Pop-Art-Schönheiten Schröder-Sonnensterns, erotische Kreaturen, halb Mensch, halb Tier. Links führt der Weg in den Skulpturengarten, wo Sarah Lucas den rauen Charme ihrer Strumpfwurstkörper in den altmeisterlichen Goldglanz des Bronzegusses überführt hat. Und rechts werden die Figuren des österreichischen Architekten und Bildhauers Walter Pichler (1936-2012) von den schwarzgrundierten, farbstarken Skizzen umzingelt, mit denen Rudolf Steiner (1861-1925) seine Vorträge illustrierte.

Es ist nur ein Schritt vom Wunder zum Desaster in Massimiliano Gionis Palazzo Enciclopedico. Die Idee des Palastes, der alles Wissen enthalten soll, übernahm der 39-jährige Kurator von dem Kunstautodidakten Marino Auriti (1891-1980), der sie 1955 zum Patent anmelden und das Archiv in einem 136-stöckigen Wolkenkratzer unterbringen wollte: Die Hauptausstellung in Venedig ist eine Retrospektive der Kunst des 20. Jahrhundert, mit dem Schwerpunkt bei der Outsider Art. Das hat großen Charme, aber auch gewaltige Tücken.

So gelingt Gioni etwa die vollkommen unwahrscheinliche Kombination von Lucas, einer wichtigen Protagonistin der britischen Bildhauerei und der Young British Artists, mit dem Surrealismus des 19. und 20. Jahrhunderts, der ästhetisch die Wunderkammer des Barock wiederaufleben lässt, oder wie der vielfach psychiatrisch internierte Schröder-Sonnenstern nur knapp am Pop von Yellow Submarine vorbei zu schliddern scheint. Dagegen geht ihm die Konfrontation von Steiner mit Pichler völlig daneben. Denn mit der visuell codierten neuen Menschheitslehre des sendungsbewussten Anthroposophen hat Pichlers Auseinandersetzung mit der Figur und ihrer Behausung nun gar nichts zu tun. Nur die im gleichen Raum angesiedelten Performer von Tino Sehgal, der als bester Künstler ausgezeichnet wurde, passen ins Bild. Sie singen und tanzen, dass es die reine Eurythmie ist.

Man möchte also gerne umräumen in Gionis Palazzo. Die großartigen Selbstporträts von Maria Lassnig sieht man eher mit Richard Serras Pasolini Blöcken im nachfolgenden Raum. Marisa Merz, die jetzt ihre Zimmernachbarin ist, würde das sicher freuen. Denn ihre fragilen Arte Povera Stücke scheinen sich verschreckt verkriechen zu wollen, wenn Lassnig zur Pistole greift. Auch Imran Qureshi, der zurzeit in der KunstHalle der Deutschen Bank in Berlin eine gefeierte Ausstellung hat, wurde mit seinen zarten Miniaturmalereien falsch gehängt. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes von Eva Kotátkovás raumbeherrschender Tischinstallation in die Ecke gedrängt.

Weit besser als in den Giardini hat der Leiter der Biennale seine Enzyklopädie des Esoterischen, Ethnografischen, Wilderfundenen, des systematisierten Wahns und der Gegenwartskunst im Arsenale umgesetzt, wo der rohe Backstein hinter weißen Wänden verschwunden ist. Weniger kleinteilig, mit großen Installationen und mit Raumfolgen, in denen die Werke der Outsider, Gurus und Sektenführer mit denen bekannter Namen wie Dieter Roth, Rosemarie Trockel oder Bruce Nauman wechseln, wird hier diese neue Sicht auf die Kunst des 20. Jahrhunderts deutlich schlüssiger.

Auf den senegalesischen Künstler Papa Ibra Tall, Jahrgang 1935, der in seinen Teppichen westliche Abstraktion, afrikanische Sagengestalten und Mythen zu psychedelischen Motiven verwebt, folgt hier die nicht minder psychedelische Großleinwandprojektion von Stan VanDerBeek (1927-1984). Als einer der ersten Künstler arbeitete er mit Computern. Seine als Sammel- wie Verteilerstationen gedachten Movie-Dromes sollten vermittels der universellen Sprache des Informationszeitalters, nämlich Bildern aus allen nur denkbaren Quellen, das Weltwissen kommunizieren. Konzeptuell ist seine rotierende Bildercollage gewissermaßen ein vorweggenommenes youtube. Sehr typisch für Gionis Schau: Der Weg führt immer zurück.

Auch sonst weist die Biennale in diese Richtung. Für den Auftritt Frankreichs, der dieses Jahr im Deutschen Pavillon zu sehen ist, stützt sich Anri Sala auf den Pianisten Paul Wittgenstein (1887-1961) und den Komponisten Maurice Ravel (1875-1937). Der ältere Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein verlor im Ersten Weltkrieg einen Arm, setzte seine Karriere aber dennoch fort. 1929 komponierte ihm Ravel ein Klavierkonzert für die linke Hand. Auf zwei übereinander geschichteten monumentalen Screens ist nun diese Ravel spielende Hand zu sehen und zu hören. Zwei weitere Leinwänden zeigen das eine Mal die Miene, das andere Mal die Hand einer jungen Frau, die das Stück per Plattenteller-Scratching dekonstruiert. Weil Wittgenstein das Stück bei der Aufführung veränderte, kam es zum Bruch mit Ravel, der eine Interpretationsfreiheit nicht dulden mochte. Salas Auseinandersetzung mit  Interpretation, Komposition, der Verbindung von Musik, Film und Kunst  ist komplex, doch sie bezieht ihre Kraft vor allem aus Ravels Komposition.   

Wirklich unterhaltsam, aus eigener und nicht geliehener oder abgeleiteter Kraft, ist Jeremy Dellers English Magic im Britischen Pavillon. Wie so oft bei ihm haben seine Landsleute mitgearbeitet. Jetzt steuern die Insassen der Gefängnisse Ihrer Majestät Everthorpe, Shotts und Parc selbst gezeichnete Porträts englischer Politiker bei. Auch bei Deller kommt einiges zusammen. Erzürnt über Roman Abramovichs Kriegsschiff im Einsatz gegen die Gesellschaft, das sich Yacht nennt und bei der letzten Biennale den Zugang zu den Giardini blockierte, steht William Morris, Sozialist und Mitbegründer des Arts and Crafts Movement, von den Toten auf, um es zu versenken. Oder David Bowie geht auf Ziggy-Stardust-Tournee. Doch egal ob Deller einen gefährdeten Raubvogel ins Spiel bringt oder Videos vorangegangener Aktionen zeigt, seine Dramaturgie ist flüssig. Jederzeit versteht man, worum es (ihm) geht.

Nicht so einfach zu verstehen ist dagegen Vadim Zakharov im russischen, von Udo Kittelmann, dem Leiter der Berliner Nationalgalerie, kuratierten Pavillon. "Gentlemen, the time has come to confess our Rudeness, Lust, Narcissism, Demagoguery, Falsehood" etc. pp., lautet die Ansage im ersten Stock des Pavillons, der eben diesen Gentlemen vorbehalten ist. Die Frauen haben das Erdgeschoss und Regenschirme, die sie gegen die harten Goldmünzen schützen, die von oben, dort wo die Männer herrschen, auf sie nieder regnen. Gespielt wird die antike Sage von Danae. Oder die antike Sage von Russlands immer schuldbeladener, bußfertiger, käuflicher Seele. Vielleicht aber auch die vom Kapitalismus als unentrinnbarem Schicksal, dem alle zum Opfer fallen. So oder so kommt bei der zweifellos schicken Inszenierung eher Beliebiges raus. Ist Vadim Zakharov, der einst den Moskauer Konzeptualismus mitbegründete, bewusst, dass er einen guten Ruf zu verlieren hat?

Ein Highlight nach Art des Polnischen Pavillons bei der letzten Biennale, als die israelische Künstlerin Yael Bartana die Juden zur Wiederkehr in das gelobte Land Polen aufrief, ist nirgendwo in Sicht. Wenig verwunderlich: auch und gerade nicht im Polnischen Pavillon, wo Konrad Smolenski die Kirchenglocken läuten lässt. Der Künstler, der 2011 mit dem Views-Preis der Deutschen Bank Stiftung und der Warschauer Zacheta Gallerie ausgezeichnet wurde, ist sich der schwierigen Nachfolge bewusst. Das zeigt schon die strenge, kühle Symmetrie seiner Soundinstallation, zwei hohe schwarze Boxenwände vor denen je ein schweres Eisengestell mit einer Glocke steht. Gegen das vorangegangene, aufrührerische Theater stellt er die konzentrierte Wucht des Glockenklangs und seines Nachhalls, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Eine kluge Provokation, die aus der langjährigen Auseinandersetzung mit Musik und Sound resultiert, im polnischen Kontext aber vielleicht etwas zu katholisch klingt.

Im State of the Art bewegt sich Romuald Karmakar im Deutschen Pavillon, der bekanntlich in den französischen Bau eingezogen ist. Zwar zeigt Karmakar neben zwei kurzen Loops, die er für cinekarmakar auf youtube produziert hat, ganz bewusst die ältere Arbeiten Hamburger Lektionen und 8. Mai. Aber er präsentiert sie − und darum ging es ihm − in ganz neuer Form. Anders als Anri Sala, der seine Räume im Deutschen Pavillon abdunkelt und schallisoliert, zeigt Karmakar seine Filme im hellen Tageslicht der Kunst, wobei er Lautsprecher benutzt, deren Ton nur vor dem jeweiligen Monitor hörbar ist.  

Mit dem Blick aus seinem Raum auf das gegenüber liegende Germania-Portal hat Karmakar den Joker in dem Räumlein-wechsle-dich-Spiel gezogen, mit dem Susanne Gaensheimer, der Kommissarin des Deutschen Pavillons, die Kunstwelt überraschen und dem Nationalismus symbolisch abschwören wollte. Aber auch Ai Weiwei, Dayanita Singh oder Santu Mofokeng, die weiteren Künstler des Pavillons profitieren ausstellungstechnisch von Gaensheimers Tausch. Denn jeder von ihnen hat nun seinen eigenen Ausstellungsraum.

Den braucht es auch, etwa für Dayanita Singhs schöne, stille, fast unmerklich bewegte Aufnahmen von Mona Ahmed, dem Eunuchen, dessen Leben sie nun schon seit 20 Jahren dokumentiert. Von einem „Porträt, das atmet“, spricht die Künstlerin, deren Arbeiten in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist. Dazu hat sie ihre Bildrecherche in den Behördenarchiven von Neu-Delhi fortgesetzt, mit der sie schon auf der letzten Biennale brillierte. Aus dem bestürzenden Durcheinander vermeintlich wohl geordneter Aktenablagen resultieren wundersam plastische Skulpturen und der katastrophale Alltag der indischen Bürokratie.

Allein diese Aktenberge würden schon die 136 Stockwerke von Marino Auritis Palazzo Enciclopedico füllen. Am Ende spiegelt sich in Dayanita Singhs digitalen Diaprojektionen das Dilemma der diesjährigen Kunstbiennale von Venedig wider: Der überwältigende Reichtum an Bildern und Geschichten, der hier zu heben ist, stellt sich für diejenigen, die den Überblick suchen, den Trend und die kommenden Künstler, als katastrophale Unübersichtlichkeit heraus. Von wegen Plötzlich diese Übersicht!, wie Fischli und Weiss ihre 200-teilige Skulpturengruppe aus Ton betitelt hat. Gioni hat sie wohl nicht ohne Hintergedanken im Zentralpavillon installiert.




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