ArtMag by Deutsche Bank Deutsche Bank Gruppe  |  Verantwortung  |  Kunstprogramm  |  Deutsche Bank KunstHalle  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Süden - Villa Romana zu Gast in der Deutsche Bank KunstHalle
Nur ein Schritt vom Wunder zum Desaster - Ein Rundgang durch die 55. Biennale di Venezia
Bilder vom Ende des amerikanischen Traums - Philip-Lorca diCorcia in der Schirn Kunsthalle
Enchanted Geography - Sarnath Banerjees Streifzüge durch Berlin
Das subversive Potential von Hermès-Tüchern - Shirin Aliabadi zeigt die Sehnsüchte junger iranischer Frauen
MACHT KUNST - Die Preisträger: Weitermalen - Lovro Artukovic
MACHT KUNST - Die Preisträger: Grauzonen - Radoslava Markovas Gefühlslandschaften
Theaster Gates: Inner City Blues
Gewalt und Schöpfung: Imran Qureshi in der Deutsche Bank KunstHalle

drucken

weiterempfehlen
Süden
Villa Romana zu Gast in der Deutsche Bank KunstHalle


Preisträger aus Deutschland, internationale Gastkünstler aus den Mittelmeerländern: Seit Jahren verbindet die Villa Romana in Florenz die unterschiedlichsten Künstlergenerationen, Szenen und Nationalitäten. Jetzt bringt das Ausstellungs-, Musik- und Performance-Programm „Süden“ die lebendige Atmosphäre der Villa direkt nach Berlin – in die Deutsche Bank KunstHalle.


Einer der Filme, die im Rahmen von Süden zu sehen sind, ist der britische Klassiker Zimmer mit Aussicht (1985). Hauptdarsteller sind neben Stars wie Maggie Smith oder Helena Bonham Carter auch die Toskana und Florenz – jene Stadt am Arno, in der auch das 1905 von Max Klinger begründete Künstlerhaus Villa Romana beheimatet ist. Florenz, die Wiege der Renaissance, ist nicht nur im Film der Inbegriff des romantischen Südens. Auch das Künstlerhaus entsprach lange Zeit dem Ideal, das Generationen von Baedeker-Lesern verinnerlicht haben: Auf den Hängen über der Stadt gelegen, wurde die klassizistische, von einem wunderschönen Garten mit Olivenbäumen und Zypressen umgebene Villa immer wieder als ein „Arkadien“ beschrieben. Nicht nur Max Beckmann, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach oder Max Pechstein suchten hier Ruhe und Inspiration. In den 1970ern und 1980ern residierten hier Künstler wie Georg Baselitz und Markus Lüpertz, Michael Buthe inszenierte in ihren Räumen orientalische Mythen. „Es gab rauschende Feste und sein Atelier sah aus wie ein Harem nach hundert Liebesnächten“, erinnerte sich der damalige Direktor, der „Commandante“ Joachim Burmeister kurz vor seinem Ruhestand 2005.
 
Seit 2007 leitet Angelika Stepken das Haus. Gefeiert wird hier immer noch. Doch der Blick auf den Süden ist diskursiver geworden. Er trifft auf die kulturellen und sozialen Realitäten des Mittelmeerraumes und einen völlig veränderten, globalisierten Kunstbetrieb. Der Süden endet nicht mehr an der italienischen Küste oder Gibraltar, sondern schließt Nordafrika, den Balkan, Griechenland, die Türkei und den Nahen Osten mit ein. Die jungen Stipendiaten, die aus Deutschland hierherkommen, stammen aus ganz Europa. Wie wichtig der arabische Raum geworden ist, beweisen Gastkünstler aus Algier, Casablanca, Alexandria. Abseits der großen Kunstmetropolen hat sich die seit 1929 von der Deutschen Bank und ihrer Stiftung geförderte Villa Romana zu einer Werkstatt für künstlerischen Austausch zwischen Nord und Süd entwickelt. Gleichzeitig ist das Haus auch ein Impulsgeber für die Region – Plattform für wegweisende Positionen der italienischen Gegenwartskunst.

All das zeigt jetzt das Ausstellungs-, Musik- und Performance-Programm Süden, das die lebendige Atmosphäre der Villa direkt in die Deutsche Bank KunstHalle nach Berlin bringt. Über zwei Wochen hinweg zeichnen Stipendiaten und Gäste ein vielfältiges Bild des Hauses und der Themen, die Künstler in Europa beschäftigen. Dass diese durchaus von der politischen Lage im Mittelmeerraum bestimmt ist, zeigt vor allem eine Arbeit, die jetzt in Berlin vorgestellt wird: Seit mehreren Jahren arbeitet der Künstler und Fotograf Armin Linke an dem Projekt Lampedusa. The Day After. Die kleine italienische Insel Lampedusa zwischen Sizilien und Tunesien ist häufig die erste Anlaufstelle für Bootsflüchtlinge aus Afrika und zum Synonym für die europäische und italienische Flüchtlingspolitik geworden. Linke sammelt und untersucht die visuellen Spuren, die diese Tragödie hinterlässt: Medienbilder, Familienfotos, Facebook-Einträge. Nicht neue Bilder sollen geschaffen, sondern die bestehenden in einen Kontext gestellt werden, eine Geschichte bekommen. Über Jahre hinweg recherchierte Linke mit einer Arbeitsgruppe und führte Interviews. Das gesammelte Material hinterfragt die Prozesse, in denen die Fotografie als „aufklärerisches“ Medium angesichts der humanitären Katastrophe ihre Glaubwürdigkeit verliert.

Jetzt kann man Linke im Rahmen einer Lecture bei Süden persönlich kennenlernen, ebenso wie die unterschiedlichsten  Künstlergenerationen, die das Programm des Hauses mitgeprägt haben. Das Spektrum reicht von Gianfranco Baruchello, Duchamp-Freund und Künstlerlegende der 1960er Jahre, bis zur aktuellen Villa Romana-Stipendiatin Mariechen Danz.  Mit ihren  Körper-Skulpturen, Installationen, Videos und Performances erobert die in Berlin lebende Irin gerade die internationale Kunstszene. In der Ausstellung, in der die Deutsche Bank KunstHalle die Arbeiten der aktuellen Villa Romana-Preisträger präsentiert, ist ihr Learning Cube zu sehen. Die Außenflächen des riesigen Würfels sind mit Abbildungen von menschlichen Organen, Händen, Pyramiden, Diagrammen, Schriftzeichen und grafischen Symbolen überzogen. Der menschliche Körper erscheint dabei als Objekt, dem Strukturen und Systeme aufgezwungen werden. Danz ist aber auch als Performerin zu erleben – beim Konzert ihrer Band UNMAP, die kühle, düstere New Wave Sounds mit Electro-Soul und melancholischem Gesang verbindet.

Neben Mariechen Danz sind auch die anderen Stipendiaten im Rahmen von Süden zu sehen: Heide Hinrichs, Daniel Maier-Reimer und Shannon Bool. Die in Berlin lebende Kanadierin Bool lässt prominente „Schmollmünder“ über Landschaften schweben. Auf den Bildern ihrer 24-teiligen Serie The Lips montiert sie in Fotos menschenleerer Strände, die sie bei eBay ersteigert hat, Lippen von Stars wie Rihanna, Angelina Jolie oder Dita van Teese.

Süden bietet nicht nur die Möglichkeit aktuelle Positionen zu entdecken, sondern stellt auch Künstlerlegenden vor: So kann man in der Deutsche Bank KunstHalle mit Gianfranco Baruchello auch einen großen Unbekannten der europäischen Avantgarde (wieder)entdecken.1962 nimmt er  in der New Yorker Galerie Sidney Janis an der wichtigen Ausstellung New Realists teil, an der auch Warhol beteiligt ist. Im selben Jahr lernt er Marcel Duchamp kennen, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet und über den er ein Buch geschrieben hat. 1977 sind seine Zeichnungen auf der documenta 6 zu sehen. Dennoch bleibt Baruchellos Werk auf Grund seinerVerweigerungsstrategie gegenüber dem Markt und dem Kunstbetrieb weithin unbekannt. In der KunstHalle ist erstmals ein Überblick seiner filmischen Arbeiten von den 1960er Jahren bis heute zu sehen.

Ein Schwerpunkt des Süden-Programms liegt auf performativen Arbeiten: Ein Klassiker der avantgardistischen Theaterbewegung ist der polnische Regisseur und Theoretiker Jerzy Grotowski (1933 – 1999), der seine letzten Lebensjahre in dem zwischen Florenz und Pisa gelegenen Städtchen Pontedera verbrachte. Hier gründete er das Workcenter of Jerzy Grotowksi and Thomas Richards, wo er sein Konzept des „armen Theaters“ weiterentwickelte. Das Workcenter zieht heute Schauspieler aus der ganzen Welt an. Für Süden reist das Open Program erstmals nach Deutschland und realisiert in der KunstHalle mit  Electric Party Songs eine Hommage an den Beat-Poeten Allen Ginsberg. Auch andere Nachbarn der Villa Romana feiern bei Süden Deutschlandpremiere – und beschäftigen sich ebenfalls mit einem Heroen der Beat-Literatur: die freie Performance-Gruppe Kinkaleri aus Prato ehrt mit Fourthousand | All! William S. Burroughs.

Eine Mischung aus Talk, Workshop und Performance präsentieren hingegen Mirene Arsanios und Setareh Shahbazi. Die Kuratorin Arsanios ist Mitbegründerin des Beiruter Projektraums 98weeks researchproject. In der Villa Romana realisierte sie mit der Künstlerin Shahbazi eine Performance, die auf Gesprächen basierte, die die beiden Frauen auf ihren benachbarten Balkonen in Beirut begonnen hatten: über Revolution, Familie oder auch chinesische Teigtaschen. Jetzt wird dieser Dialog in Berlin weitergeführt. Ob und wie die Aufbruchsstimmung des „Arabischen Frühlings“ und der Bürgerkrieg in Syrien ihr Leben und ihre künstlerische Arbeit prägt wird sicherlich eines der Themen sein, um die es in ihrem Beitrag zu Süden geht.

Den fulminanten Abschluss der Reihe bildet die Text-Sound-Film- und Kochperformance Heiße Füße der Gruppe Wichtel und die Wuchteln. Die heißen Füße, das sind gekochte, ausgelöste und verfeinerte Kalbsfüße. Zubereitet werden sie von der österreichischen Künstlerin Ingrid Wiener, begleitet von ihrem Mann Oswald und ihren Freunden: der Künstlerin und Regisseurin Rosa Barba, dem Produzenten Klaus Sander und dem Musiker  Jan St. Werner, einem  Gründungsmitglied der Band Mouse on Mars. Oswald Wiener ist einer der Theoretiker der Wiener Gruppe (1954–1964), die zu den radikalsten Künstlervereinigungen im Nachkriegseuropa zählt. Ingrid Wiener wirkte bei Aufführungen der Wiener Gruppe und in Experimentalfilmen mit, begründete legendäre Restaurants wie das Exil und Ax Bax in Berlin und arbeitete lange Jahre mit Dieter Roth. Die Heißen Füße sind dabei alles andere als eine Koch-Show: Sie werden serviert mit einem performativen Zuspiel von Oswald Wieners Texten, Rosa Barbas Film und akustischen Interventionen, Jan St. Werners elektronischem Sound und Klaus Sanders Percussion.

Auf gewisse Weise geben Wichtel und Wuchteln mit ihrer Verbindung zwischen den unterschiedlichsten Kunstrichtungen, Generationen und Disziplinen ein gutes Bild ab für den Geist der Villa Romana, der alles andere als heterogen ist. Und auch das zeigt das Programm: Auch wenn im Künstlerhaus in Florenz um- und neugedacht wird – gefeiert wird hier noch immer.

Süden
Villa Romana: Art, Music & Performance

27.8. – 8.9.2013
Deutsche Bank KunstHalle, Berlin




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Den Horizont erweitern - Die erste California-Pacific Triennial / Stadt in Sicht – Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank blicken auf urbane Lebenswelten
News
Highlight im Berliner Herbst - Deutsche Bank Partner der Berlin Art Week / Auf den Spuren des Kinos und der Avantgarde - Der Views Preis für junge polnische Kunst 2013 / Jubiläum im Regent’s Park - Deutsche Bank bereits zum 10. Mal Partner der Frieze London / Hoffnungskeime - Imran Qureshi im MACRO in Rom und im New Yorker Metropolitan Museum / Freundliche Monster - Fefe Talaveras Street Art-Projekt für die Deutsche Bank-Türme / Villa Romana-Preisträger 2014 - Internationale Stipendiaten zu Gast in Florenz / AxME - Ellen Gallagher in der Tate Modern / Im Dickicht der Städte - Hou Hanru kuratiert die 5. Auckland Triennial
Presse
"Ein tolles Entree" Die Presse über die Auftaktausstellung der KunstHalle
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2013 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++