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Theaster Gates: Inner City Blues
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Theaster Gates: Inner City Blues

Mit seinem documenta-Projekt “12 Ballads for Hugenot House” sorgte Theaster Gates international für Aufsehen: In der Kasseler Innenstadt verwandelte er ein Abbruchhaus in eine Mischung aus Gesamtkunstwerk und Kulturzentrum. Jetzt wird die Geschichte des Hugenottenhauses in Chicago weitererzählt. Dort präsentiert das Museum of Contemporary Art das von der Deutschen Bank geförderte Projekt „13th Ballad“. Oliver Koerner von Gustorf über Gates‘ Vision einer Kunst, die soziale Realität nicht nur kommentiert, sondern auch ändert.


„Künstler", so sagte Theaster Gates bei einem Vortrag im März dieses Jahres, können „Wärme erzeugen“. Sie besitzen eine einmalige Gabe: „Wenn wir uns zusammenschließen, können wir Dinge tun, die niemand sonst auf der Welt schafft. Wir können etwas aus einer Reihe von Nichtigkeiten erschaffen, aus ein paar leer stehenden Häusern, Schutt, einem bisschen Papier, eben aus Dingen, die andere Leute wegschmeißen würden. Künstler haben die Fähigkeit, Glauben und Können zu verbinden, und sie sind bereit, sich länger als andere für etwas zu engagieren, um Wärme zu erzeugen.“ Und wo immer man etwas Wärme fände, würde man sich gerade in kalten Zeiten um sie versammeln. Die Menschen, so Gates, wären immer gerne dort, wo Künstler sind. Und wenn Künstler Wege finden würden, mit dem vorhandenen kulturellen Kapital besser umzugehen, wären sie es, die die Communities wirklich verändern könnten.

Tatsächlich scheint der 1973 geborene, afroamerikanische Künstler wahre Wunder zu vollbringen: Er erweckt vergessene Gebäude, Menschen und Dinge zu neuem Leben. Gemeinsam mit arbeitslosen Jugendlichen aus seiner Nachbarschaft in South Chicago renovierte er 2009 ein Abbruchhaus neben seinem Studio an der Dorchester Avenue und verwandelte es in eine Mischung aus Installation und Kulturzentrum, das das von Leerstand und sozialen Problemen geprägte Viertel inspirierte. Das Projekt war so erfolgreich, dass inzwischen weitere Häuser hinzugekommen sind. Mit über 14.000 Büchern aus den Beständen eines in Konkurs gegangenen Kunst- und Architekturbuchhandlung richtete Gates zunächst das Archive House ein, eine selbst organisierte öffentliche Bücherei. Als in seiner Nachbarschaft der Plattenladen Dr. Wax schließen musste, erwarb Gates die Sammlung aus 8.000 Platten und eröffnete den Listening Room, in dem man Musik hören kann, Konzerte DJ-Events und Listening-Partys stattfinden.

Der studierte Keramiker, Religionswissenschaftler und Städteplaner hat dabei eine universelle Kunstform entwickelt, die mit dem bereits Vorhandenen arbeitet, das nur aus Gleichgültigkeit, Unachtsamkeit oder auf Grund sozialer Kälte nicht genutzt wird: Benachteiligte, vergessene Menschen aus der Nachbarschaft oder Künstler und Musiker aus Gates‘ Netzwerk werden zu Bautrupps, Designern, Performern und Köchen. Aus alten Fensterrahmen, Holzbohlen, Resten von Möbeln und Einbauten schafft er gemeinsam mit seinen Freunden und Mitarbeitern Installationen, wunderschöne Skulpturen und Objekte, bei denen die Grenzen zwischen Kunst und Alltäglichem verschwimmen. „Poetisch-pragmatisch“, nennt dies Gates. Aus „armen“, einfachen Materialien entstehen mitten in sogenannten Problembezirken Lebens- und Arbeitsräume, Orte für Performances und Bildungsstätten, die die unterschiedlichsten Menschen zusammenbringen und kreative Energie erzeugen. Sie sollen anregen zum Weiterdenken, zu neuen Formen der Produktion und Kommunikation.

Als jüngstes Vorhaben kam das Dorchester House hinzu, das zum Künstlerhaus umgebaut wird. Das Material aus dem ausgeschlachteten Gebäude sollte im Sommer 2012 tausende Kilometer entfernt zum Einsatz kommen – auf der dOCUMENTA 13 in Kassel. Auch hier nahm sich Gates mit seinem Projekt 12 Ballads for Hugenot House eines verfallenen Hauses an. Für den Umbau zum Gesamtkunstwerk brachte er nicht nur Recyclingmaterial von der Baustelle in Chicago mit, sondern auch Mitstreiter. Etwa The Black Monks of Mississippi, ein Jazz-Ensemble, mit dem er seit Jahren auftritt und das die unterschiedlichen Traditionen von Blues, Gospel und buddhistischen Gesängen aufgreift. Das Publikum war hingerissen. Jetzt wird die Geschichte der beiden „Geschwisterhäuser“ im Chicagoer Museum of Contemporary Art weitererzählt. Für die von der Deutschen Bank geförderte Ausstellung 13th Ballad entwickelt Gates eine Installation, in der er Bauelemente und Objekte aus dem Hugenottenhaus wieder nach Chicago zurückbringt und mit ausrangierten Kirchenbänken verbindet. Die Bänke stammen aus einer Kapelle auf dem Campus der University of Chicago, wo sie als Zeichen der religiösen Toleranz entfernt wurden, um für muslimische Studenten Platz zum Beten zu schaffen. Für die Ausstellung realisiert Gates aus dem mitgebrachten Material eine riesige Doppelkreuzskulptur: In Anspielung auf die Hugenotten, die zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert als Protestanten in Frankreich religiös verfolgt wurden und in Preußen Asyl fanden, thematisiert er das Museum als alternativen Zufluchts- und Andachtsort – als Produktionsstätte, an der neue Ideen für eine sozialere und spirituellere Gesellschaft entwickelt werden können.

Das mag esoterisch anmuten. Doch Gates Kunst ist getragen von Notwendigkeit, geboren aus der Krise. Es war 2008, als in den USA die Immobilienblase platzte und er damit begann, seine künstlerische Praxis radikal auszuweiten. In dieser Zeit wurde für viele Menschen fast alles entwertet, was ihnen noch etwas bedeutete: ihr Zuhause, ihre Arbeit, ihre Zukunftspläne. Rund vierzig Prozent der Häuser in Gates‘ Nachbarschaft standen leer, entmietet durch Wegzug und Zwangsräumungen von Bewohnern, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. „Ich lebe und arbeite in Grand Crossing, einer schwarzen Nachbarschaft acht Meilen südlich von Downtown Chicago,“ schreibt er in seinem Statement zum documenta-Katalog für 12 Ballads for Hugenot House, Als sich durch die große Migrationswelle die mehrheitlich irisch und deutsche Bevölkerung gewandelt hatte und nun zu neunzig Prozent Schwarze dort wohnten, wurde die Gegend dem Verfall überlassen. Irgendjemand entschied irgendwann, dass diese Straßenzüge Ruinen seien und ich fragte mich, ob ich die Kraft hätte, sie wiederherzustellen.“

Zu dieser Wiederherstellung gehört für Gates jedoch nicht nur die Rekonstruktion von Bausubstanz. Damit Häuser, Dinge und Menschen wertvoll werden, müssen sie auch begehrt werden. Damit das gelingt, muss etwas geschaffen werden, das fehlt oder verloren gegangen ist: Wärme, Gemeinschaft, Kultur, Spiritualität. Als sie zum ersten Mal die Dorchester Projects besucht habe, sei sie völlig überrascht von deren Schönheit und Eleganz gewesen, sagt die documenta Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev im Katalog-Interview mit Gates – das sei ein Stil, den sie in den USA nie erwartet hätte, höchstens in einem alten Haus in Neuengland.

Die modernistisch anmutenden Wandverkleidungen, die Gates aus Streifen von alten Feuerwehrschläuchen und Holzlatten zusammensetzt, seine Interieurs und Möbel, die an klassische japanische Architektur und Bauhaus denken lassen, seine subtil-einfachen Entwürfe für Essgeschirr und Keramiken – sie alle wirken absolut verführerisch. Und das ist beabsichtigt. „Ich habe etwas von einem Trickbetrüger,“ sagt Gates. “Ich will mit einem Objekt verführen und möchte eigentlich gar nicht, dass du etwas von meiner sozialen Agenda erfährst. Das Objekt wird zum Schlüssel. Das Resultat dieser Verführung ist, dass man plötzlich merkt, wie man sich mit Orten und Menschen auseinandersetzt.“

So gleichen Gates Shoe Shine-Skulpturen archaischen Thronen oder Totems. Sie greifen die Form von Schuhputzständen auf, die man noch heute auf Straßen und Läden in ganz Amerika findet und die untrennbar mit der afroamerikanischen Geschichte und Kultur verbunden sind. Doch losgelöst vom alltäglichen Kontext und aus rohem, gefundenem Holz gebaut, werden sie zu Symbolen für soziale und zwischenmenschliche Machtverhältnisse. Wer sitzt auf dem Stuhl? Wer beugt sich auf dem Schemel? Sie thematisieren die Geschichte des Herrschens und der Unterdrückung, aber auch die Idee der Gemeinschaft und des Dienstes am Anderen. Wie auch die stufenförmigen Konstruktionen, die Gates in den Räumen des Kasseler Hugenottenhauses einbaute, eröffnen sie imaginäre und ganz konkrete Möglichkeiten. Sie können als funktionale Möbel und Gegenstände benutzt oder wie eine abstrakte Form gesehen werden. Tatsächlich sind sie beides.

Das Revolutionäre an Gates’ Werk ist, dass er soziale und politische Realität nicht nur aus der Sicht des Kunstbetriebs kommentiert, sondern ganz unmittelbar auf sie einwirkt – und zwar künstlerisch und ökonomisch. Im Laufe der letzten Jahre hat er eine Art Schneeballsystem entwickelt, das in folgenden Schritten funktioniert: Immobilien erwerben, das vorhandene Material in Kunst transformieren, daraus Kapital generieren, um wieder neues Eigentum zu erwerben – als Gegenentwurf zur Gentrifizierung. Erschien Gates’ Idee, armen Menschen mit seiner Kunst zu helfen, vor einigen Jahren vielleicht noch allzu idealistisch, ist sie heute Realität. Neben den Dorchester Projects sind in St. Louis und Omaha bereits ähnliche Projekte lanciert worden, die auch dort immer mehr Menschen anziehen und Folgeprojekte hervorbringen. Sein Ziel sei nicht nur einige Häuser, sondern ganze vernachlässigte Nachbarschaften mit dreißig oder vierzig Häusern neu zu beleben, äußerte Gates. Denkbar sei der Ankauf und Umbau nicht nur von Restaurants oder Läden, sondern auch von Theatern und Schulen – die Erzeugung wirklicher kultureller und ökonomischer Alternativen zum bestehenden System. Um diesen Plan zu verwirklichen, arbeitet er nicht nur mit einem Netzwerk aus gemeinnützigen Organisationen, mit Stadtverwaltungen und Bildungseinrichtungen zusammen. Er kooperiert auch mit Museen, Biennalen und den mächtigsten Galerien. Jahrelang wurde er von der in Chicago und Berlin beheimateten Galerie Kavi Gupta vertreten, seit einiger Zeit auch von Jay Joplings White Cube in London, die auch Damien Hirst repräsentiert. Jopling gilt als der Inbegriff des Händlers für Investmentbanker-Kunst. Als Blue-Chip-Galerie, die eigentlich im krassen Gegensatz zu Gates’ alternativen Ökosystem stehen müsste. Dass Gates die Allianz mit White Cube eingegangen ist, hat nichts damit zu tun, dass er korrumpierbar geworden ist. Im Gegenteil. Es zeigt, wie weit er noch gehen wird. „White Cube ist für mich ein gigantischer Verstärker“, sagte er der dem deutschen Interview-Magazin, „Jay braucht mich für seine Seele – und ich seine finanziellen Möglichkeiten, um meine Visionen umzusetzen.“   

Theaster Gates: 13th Ballad
18.05. – 06.10. 2013
MCA, Chicago




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