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Der Künstler und die Propagandamaschine:
Wie Fernando Bryce die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu erzählt


Gerade ist seine Serie „Südsee“ auf der ersten, von der Deutschen Bank geförderten California-Pacific Triennial im Orange County Museum of Art (OCMA) zu sehen. Fast manisch zeichnet sich  Fernando Bryce durch die gewaltsame Geschichte des 20.Jahrhunderts – und untersucht dabei, wie mediale Bilder unsere Sicht auf die Welt prägen. Oliver Koerner von Gustorf hat den in Lima und Berlin arbeitenden Künstler getroffen.


„Es geht um Machtstrukturen und Bilder“, sagt Fernando Bryce freundlich, während wir von seinem Balkon auf die Neue Schönhauser Straße hinuntersehen. Von hier oben wirkt Berlin-Mitte mit seinen Cafés und Concept Stores fast dörflich. Bryce hat dieses Apartment schon sehr früh gemietet, lange bevor der Boom losbrach. Es wirkt hell, aufgeräumt – und fast enttäuschend leer. Denn angesichts seiner Kunst könnte man sich den zwischen Berlin und Lima pendelnden Künstler in einer ganz anderen Umgebung vorstellen: Inmitten von wandhohen Schränken und Regalen, durch dunkle, endlose Gänge aus Stapeln von Zeitungen und Archivbildern laufend. Das Material, dass der 48-jährige im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte für seine umfangreichen Zeichnungs-Zyklen gesichtet hat, müsste eigentlich Turnhallen füllen.

Mit jeder Serie zeichnet sich Bryce weiter durch die Welt- und Kolonialgeschichte, durch das Grauen und die Utopien der Moderne, die Abgründe und Triumpfe von Massenkultur und Politik. Seine Werke haben dabei etwas geradezu Manisches. Wie eine Reproduktionsmaschine verleibt er sich alle möglichen Zeitdokumente ein: Zeitungsberichte, Kinoplakate, Magazine, Bildbände, Werbung. Und wenn Bryce sie in seinen schwarz-weißen, häufig aus über hundert Bildern bestehenden Zyklen wieder ausspuckt, erscheint das ursprüngliche Material durch seinen graphischen Zeichenstil wie homogenisiert. Er nennt das einen „Filter“, der alles gleich macht, der Hierarchien und Interpretationen ebenso auslöscht wie die Farben oder die Materialität des Originaldokuments.

Die Menschen auf seinen Tuschezeichnungen, ganz gleich ob sie nun Politiker, Eingeborene, Filmstars, Sportler oder Soldaten sind, ähneln den Figuren in Comic-Strips aus der Zeit zwischen den 1930er Jahren und dem Kaltem Krieg. Text und Schrift werden bei ihm zu einer Art rhythmischen Ornament, das sich von Rahmen zu Rahmen über die Wände zieht, wie unterschiedliche Muster und Kontraste ein und desselben Stoffes, der verarbeitet wird.

„Eigentlich bin ich wie ein Schüler, der eine Aufgabe bekommt, die er dann erledigt“, erzählt Bryce mit einem Grinsen. „Das begann um 2000 herum, mit meiner ersten großen Serie Atlas Peru, die aus fast 500 Zeichnungen bestand. Es ging mir darum, der Geschichte meines Landes seit den 1930ern nachzuforschen, ein Bild von Peru in einem Zeitraum von über einem halben Jahrhundert zu entwickeln. Ich verstehe den Begriff des „Bildes“ dabei in ganz weitem Sinne. Es floss alles Mögliche ein, was mit Repräsentation zu tun hat – Werbung, Touristenbroschüren, politische Manifeste, Feuilletonartikel, Publikationen über Architektur und Ingenieurwesen. Es ging mir darum, das Ganze nachzuzeichnen und in einer Konstellation aus Zeichnungen neu zu strukturieren, neu zu erzählen. Das ist meine Aufgabe. Dann habe ich mich von Peru langsam Lateinamerika unter verschiedenen Aspekten, wie dem Gefälle zwischen Nord und Süd oder der postkolonialen Geschichte angenähert. Und nach Lateinamerika wollte ich mich gerne spezifischer mit geo- und weltpolitischen Ereignissen befassen. Aber natürlich primär durch Bilder. Mein Material ist alles, was gedruckt, was propagiert worden ist. Das ist natürlich in seiner ganzen Komplexität und Vielfalt nicht zu erfassen. Aber ich versuche eine bestimmte, singuläre Art von Erzählung zu schaffen.“ Tatsächlich erzeugt Bryce mit seinen Werken eine Art Kopfkino, in dem der Betrachter sich aus unzähligen Fragmenten eigene Geschichten und Zusammenhänge herstellen kann. Den Überbau seiner Serien bilden dabei die großen Erzählungen des 20.Jahrhunderts: Der spanische Bürgerkrieg (The Spanish War, 2003), die Hegemonie der USA (Américas, 2005), die Ära von Kolonialismus und Imperialismus (Südsee, 2007 und Die Welt, 2008). Ohne dabei polemisch oder didaktisch zu werden, offenbart Bryces Zeichenarbeit die eurozentrische Perspektive dieser Erzählungen, die Propagandamaschinerie und die historische Gewalt, die ihnen zugrunde liegt. Das hat ihn nicht nur zu einem der bedeutendsten Gegenwartskünstler Lateinamerikas gemacht. Seit über einem Jahrzehnt sind seine Arbeiten auf wichtigen internationalen Ausstellungen zu sehen, etwa 2003 auf der Biennale in Venedig, 2006 auf der Whitney Biennale, 2011 auf der Lyon Biennale. Er ist mit seinen Arbeiten in bedeutenden Sammlungen, wie im MoMA, in der Tate und auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten.

Zurzeit ist Bryces Serie Südsee auf der ersten California-Pacific Triennial im Orange County Museum of Art (OCMA) zu sehen, die von der Deutschen Bank als Hauptsponsor gefördert wird.  Mit 32 Künstlern aus 15 Ländern versucht die Nachfolge-Veranstaltung der California Biennal den Fokus über die USA hinaus auf den gesamten pazifischen Raum zu erweitern. Nicht nur, weil die nationalen Grenzen immer durchlässiger werden. Nach Ansicht von Dan Cameron, dem Kurator der Triennale, findet auch ein Paradigmenwechsel statt: Der transatlantische Austausch zwischen New York, Paris, London und Berlin, der die Kunst des 20. Jahrhunderts geprägt hat, wird zunehmend abgelöst – durch den kulturellen und künstlerischen Transfer zwischen den Anrainerstaaten des Pazifiks.

Fernando Bryce ist sicher ein Protagonist, der für die aufstrebende lateinamerikanische Kunstszene steht: Seit den 1990er Jahren arbeitet er in seinen Studios in Peru und Deutschland und ist in Lima künstlerisch ebenso beheimatet wie in Berlin. So thematisiert Südsee auch ein Stück verdrängter deutscher Geschichte: die Kolonialisierung Papua Neu-Guineas am Ende des 19. Jahrhunderts. Für Bryce war gerade die Verbindung zwischen politischen und völkerkundlichen Interessen und dem „exotischen“ Bild der Südsee interessant, das auch die Künstler der Moderne mit ihrer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit inspirierte. Erst habe er Sekundärliteratur gelesen, erzählt er, dann sei er mit vorbereiteten Listen monatelang in die Archive der Berliner Staatsbibliothek eingetaucht. Hier fand er dann die unterschiedlichsten Quellen, so auch Publikationen der damals jungen Wissenschaft der Anthropometrie, die versuchte angeblich vorhandene Zusammenhänge zwischen Körpermerkmalen, Rasse und Charakter zu belegen.

Jede Buchseite, jedes Dokument, das Bryce bei seinen Recherchen  interessiert, wird von ihm oder seinen Mitarbeitern direkt in der Bibliothek abfotografiert. Dann folgt der Prozess des Abzeichnens. Zunächst werden die groben Umrisslinien mit Bleistift durchgepaust und die Zeichnungen mit Tusche fertiggestellt. „Mimetische Analyse“ nennt Bryce diesen Akt, der eher Nachdenken als Nachahmung ist. „Das ist ein bisschen wie bei einem Kopierer, aber hat zugleich auch ganz anderes, Meditatives“, sagt Bryce. „Ich will das nicht romantisieren, aber auch wenn ich das selbstverständlich nicht bin, gefällt mir die Figur des mittelalterlichen Mönches sehr.“ Danach werden die Zeichnungen an die Wand gehängt, ausgewählt und nach ästhetischen und inhaltlichen Gesichtspunkten immer wieder neu zusammengestellt: „Ich überlege dann, was ich brauche. Vielleicht ist es jetzt zu viel Politik? Brauche ich mehr Ethnologie?“

Bryce nimmt dabei gleichzeitig die Position eines Lesers und Autors ein. Und das erlaubt ihm¸ wie Natalia Majluf, die Direktorin des Museo de Arte de Lima im Katalog zu seiner Retrospektive Drawing History (2012) schreibt „neue Versionen alter Geschichten“ zu konstruieren. Sein Zeichenstil mag nostalgisch anmuten. Die historischen Ereignisse, auf die er Bezug nimmt, mögen aus einem vergangenen Jahrhundert stammen. Doch die ideologisch bestimmten Mechanismen der Bildzirkulation und -produktion, die Bryce offenlegt, sind durchaus aktuell. Es ist weniger die Geschichte selbst, der er nachspürt, sondern vielmehr die mediale Propaganda, mit der Geschichtsschreibung betrieben wird. Vieles in der visuellen Sprache, die Bryces Zeichnungen entwickeln, erscheint merkwürdig vertraut: Die stereotypen Posen von Herrschern und Unterdrückten, die inszenierten Bilder von Fremdem und Exotischem, die Karten und Diagramme, mit denen die Welt vermessen und erklärt wird.

„Es interessiert mich“, sagt Bryce, „Bilder auch als politischen Fakt zu verstehen. Wenn ich in der Bibliothek bin, denke ich ganz einfach. Das was da vor mir liegt, sind Fakten, Produkte. Sie wurden zu einer bestimmten Zeit, von bestimmten Leuten gemacht. Es gab einen Fotograf, einen Direktor, der gesagt hat, was erscheint. Diese medialen Bilder sind zugleich Produkt und Konstrukt. Wenn ich ein Bild sehe, das mich fasziniert, interessiert mich immer auch seine Funktion. Das ist mein politischer Blick auf die Bilder: Ich frage mich: wofür ist das gemacht? – und mache etwas anderes damit.“




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