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Gemeinsam: Die feministische Künstlerinnengruppe ff
Ein Gespräch mit Mathilde ter Heijne, Antje Majewski
und Katrin Plavčak


In der Lounge der Deutschen Bank auf der Londoner Kunstmesse Frieze wird Mathilde ter Heijnes Installation „Woman to go“ präsentiert. Und die Arbeiten der Berliner Malerinnen Antje Majewski und Katrin Plavčak sind gerade in der Ausstellung „To Paint Is To Love Again“ in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Was die drei Frauen verbindet, ist ihre gemeinsames Engagement in der feministischen Künstlerinnengruppe ff, die europaweit in den unterschiedlichsten Konstellationen agiert. Warum es nicht nur für Frauen notwendig ist, die herrschenden Verhältnisse in Frage zu stellen, erklären sie im Gespräch mit Oliver Koerner von Gustorf.


Oliver Koerner von Gustorf: Wofür steht „ff“?

Antje Majewski: Das stand einmal dafür, dass wir Frauen sind. "f" bedeutet „female“ oder „feminin“ – so fing das an. Es kann aber auch alles Mögliche andere bedeuten. Wir haben gesagt: Wir sind auf jeden Fall mehr als ein "f". Eigentlich waren wir am Anfang sieben fs, wir schrieben uns also fffffff.

Mathilde ter Heijne: Ja, aber es ist wichtig, das nicht festzulegen. „ff“ ist deutlich aus der Feminismus-Bewegung abgeleitet. Aber es ist okay, wenn sich jeder selber dabei etwas ausdenken kann. Das ist vielleicht auch das, was Feminismus sein sollte: Sich niemals festzulegen! Das ist eines der größten Problem des Feminismus: Seitdem es diesen Begriff gibt, will ihn jeder für sich beanspruchen. Wie oft rede ich mit Leuten, die sagen: Mathilde, hast Du dieses oder jenes Buch gelesen? - Da sage ich: Oh, nee, das kenne ich nicht! Da gucken sie mich schon an, als ob ich keine echte Feministin wäre! Das ist kaum auszuhalten. „ff“ sagt einfach – sei das, was du sein möchtest, ob es jetzt nun fucking, funky oder feminist ist.

Oliver Koerner von Gustorf: Zugleich geht es aber auch um Gemeinschaft?

Antje Majewski: Ja. Wir sind nicht nur ein loses Netzwerk von Künstlerinnen, sondern wir denken gemeinschaftlich über Entscheidungen nach. Eine Künstlerin, die neu hinzukommt, muss auch gemeinschaftlich denken können: Wo kriegen wir eine Suppe für das Mittagessen? Wo kriegen wir das Geld für diesen Event her? Oder tolle Ideen haben für Dinge, die wir gemeinsam tun können. Es ist also keine Plattform für Künstlerinnen, die sich gegenseitig helfen, eine bessere Karriere in der Kunstwelt zu machen. Das haben wir gleich am Anfang festgestellt. „ff“ ist eine Plattform, auf der wir versuchen, gemeinsam Kunst zu machen, Diskussionen zu führen und herauszufinden, wie wir als Künstlerinnen agieren können. Und ganz wichtig für mich persönlich ist, dass wir auch gemeinsam Kunst machen, aus der eigenen Studiopraxis rauskommen und etwas mit anderen aus der Gruppe schaffen. Mit Katrin zum Beispiel haben wir ganz verrückte Prozessionen zusammen gemacht. Dabei wurde jede Einzelheit gemeinsam diskutiert und entschieden und am Ende kann man nicht sagen, wer die Autorin ist.

Mathilde ter Heijne: Vielleicht muss man nicht das Wort „Gemeinschaft“ benutzen, sondern „Kollaboration“. Das ist für uns letztendlich die Sache, um die es geht. Dass man nicht alleine in der Gesellschaft oder in der Kunstwelt agiert, sondern den Nachdruck auf das gemeinsame Agieren und Arbeiten legt, dass man miteinander agiert. Wir haben das Wort „kollaborativ“ erfunden, weil sich alle gemeinsam darauf geeinigt haben, dass bei uns die Zusammenarbeit im Zentrum steht – ganz egal, ob es jetzt um eine Arbeit, ein Theaterstück, eine Vortragsreihe oder Ausstellung geht.

Katrin Plavčak: Es geht darum, Synergien zu schaffen. Also auch wenn Antje gerade gesagt hat, dass das „ff“ nicht im Hinblick auf die eigene Karriere gedacht ist – für einige von uns geht es schon darum. Sie haben dann plötzlich die Möglichkeit, andere Künstlerinnen kennenzulernen, die sie vorher nur vom Namen her kannten. Sie bekommen vielleicht einfach einen Schub, können dadurch an mehr Ausstellungen teilnehmen. Das finde ich nicht negativ. Das gehört auch dazu.

Mathilde ter Heijne: Es ist eigentlich auch eine experimentelle Form. Das Experiment ist: Können wir wirklich etwas gemeinsam schaffen in einer anderen, alternativen Kunstwelt. Wir schaffen unsere eigenen Regeln, unsere eigene Sprache – von mir aus, wenn das überhaupt möglich wäre. Wir schaffen etwas, das wir  freie Zone nennen, eine Temporary Autonomous Zone. So lautet auch der Titel unserer letzten beiden größeren Projekte. Das ist dann wirklich ein offener Ort. Man kann mit Ideen kommen und wir versuchen, sie gemeinsam zu verwirklichen.

Oliver Koerner von Gustorf:
Das heißt, es ist auch ein Gegenentwurf zum Kunstsystem?

Antje Majewski: Genau. Ich glaube, es ist dabei auch wichtig, keine Angst vor Peinlichkeiten zu haben. Wir kommen aus einer Kunstwelt, in der wirklich alles immer abgecheckt wird, wodurch auch viel Freiheit verloren geht. Bei uns ist jetzt eigentlich das Grundkonzept dieser Anarchismus. Wenn ich vorher „Gemeinschaft“ gesagt habe, stört Matilde vielleicht an diesem Wort, dass man dann gleich denkt: Na, für eine Gemeinschaft muss es ja auch Regeln geben oder moralische Gesetze. Ein paar Regeln gibt es bei uns schon, etwa die des Feminismus, des Egalismus. Es gibt für uns die Regel der Nicht-Hierarchie in der Zusammenarbeit in der Gruppe.  

Mathilde ter Heijne: Aber es ist auch wichtig, zu sagen: Beim Feminismus geht es nicht um Mann und Frau, es geht wirklich um Gesellschaft.

Antje Majewski: Wir könnten uns auch Egalistinnen nennen. Uns geht es halt grundsätzlich nicht nur um eine Gleichheit von Männern und Frauen, sondern natürlich auch um eine Gleichheit von Arm und Reich, von verschiedenen Herkünften oder was auch immer. Ich würde mir wünschen, dass wir in Zukunft auch mal außereuropäische Kollaborationen machen. Jetzt gehen wir erst mal nach Polen und werden dort auch mit ganz vielen Künstlerinnen kollaborieren. Es gibt da die unterschiedlichsten Formen, Teil der Struktur ist diese im Grunde anarchische Grundhaltung. Also dass jede von uns im Prinzip sagen kann: Okay, ich habe jetzt Lust was zu machen. Und dann gibt es halt erst mal das Vertrauen: Ja, mach! Aber die Grundlage ist, dass es immer zwei sein müssen.

Oliver Koerner von Gustorf: Die Struktur ist eigentlich die Botschaft.

Mathilde ter Heijne: Ja, dass es wichtig ist, möglichst wirksame Strukturen auszuprobieren – das ist eigentlich die Botschaft.

Oliver Koerner von Gustorf: Wenn jede bei euch macht, was sie will, gibt es da nicht auch Probleme? Das Kunstverständnis kann ja sehr unterschiedlich sein. Außerdem ladet ihr zu allen Veranstaltungen auch Gäste ein, die nicht aus dem Kunstbetrieb stammen. Für eure jüngste Ausstellung Oracle in Berlin zum Beispiel habt ihr ganz viele Leute gefragt, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Es gab alle möglichen Beiträge: Emails, Zeichnungen, Videos, Installationen, auch viele Sachen, die teilweise ziemlich selbstgebastelt aussahen. Kann das gegenüber den coolen Leuten aus dem Kunstbetrieb auch mal peinlich sein?

Antje Majewski: Aber weißt Du was, das Gute an der ganzen Sache ist ja: Wir leben da drin. Wir sehen das ja nicht von außen. Also mir ist es zum Beispiel eigentlich ziemlich schnurz, wie die Kunstwelt das findet. Das ist mir echt nicht wichtig. Mir ist wichtig, dass ich Spaß habe und dass ich mit Leuten zusammenarbeite, mit denen ich Lust habe zusammen zu arbeiten.

Katrin Plavčak: Ich finde, das sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist, was man selber einfach gut findet. Und das, was man aushalten muss, was in der Gruppe vielleicht andere gut finden, aber man selber halt nicht so klasse findet.

Oliver Koerner von Gustorf:
Das habe ich auch nicht gemeint. Man hat ja selber auch einen Geschmack, es gibt ja so Allergiepunkte, wo man manchmal denkt: Dafür haben wir nicht gekämpft!

Mathilde ter Heijne: Das passiert manchmal relativ schnell. Wenn wir etwas zusammen machen, dann gibt es in den Ausstellungen oder bei den anderen Projekten immer etwas, wo ich denke: Oaaahh … Aber ich glaube, es ist total wichtig, das auch mal aufzubrechen. Die Kunst im etablierten Kunstbetrieb ist oft selbst zu einer Art Design geworden. Das ist auch ein ganz wichtiges Anliegen von „ff“, innerhalb der Kunstwelt ein Statement abzuliefern. Dass es nicht nur um Feminismus geht, sondern auch darum, die Kunst anders in der Gesellschaft zu platzieren.

Antje Majewski: Das kann man gar nicht genug betonen. Unser Standpunkt ist Innen, innerhalb, wir machen diese ganzen Sachen primär für uns. Und wir machen die Sachen nicht, um sie zu verkaufen. Das ist schon mal ein riesiger Unterschied. Wenn ich Kunst mache für eine Galerie, mache ich die natürlich auch für mich, weil ich davon überzeugt bin, dass ich die so machen muss. Aber es gibt eine bestimmte ökonomische Form für diese Kunst, die dazu führt, dass ich damit alleine in meinem Atelier bin und etwas produziere. Ich bin praktisch wie im Frühkapitalismus ein ungeschützter Arbeitnehmer, also nicht gewerkschaftlich organisiert. Die Krankenversicherung ist meine Sache, wie ich mich finanziell über Wasser halte, das ist alles meine Sache. Ich stehe ganz unten. Ich war gerade in Marokko – das ist wie die Leute, die am Webstuhl stehen und für ihre Arbeit zwei Euro fünfzig bekommen. Und dahinter kommen die ganzen Anderen, die Händler und so weiter, die Profite erwirtschaften wollen. Also so fühlt man sich manchmal als Künstler. Das Kunstsystem ist ein frühkapitalistisches System was die Künstler angeht, denn wir sind in keiner Weise abgesichert oder miteinander organisiert.

Mathilde ter Heijne: Zerstritten untereinander.

Antje Majewski: Genau. Und das System führt dazu, dass das allen passt, dass es so ist. Wir müssen alle unsere kleine Nische beackern und uns gegen die anderen durchsetzen und wir müssen uns so formulieren, dass wir anders sind als die anderen. Jeder Künstler muss immer anders sein, ein anderes Produkt liefern. Das führt zu dieser schrecklichen Situation, dass jeder des Nächsten Feind ist, weil wir um dieselbe Nische kämpfen.

Mathilde ter Heijne: Die Frauen noch extremer als die Männer.

Antje Majewski: Genau. Und unser Konzept war eben, wir alle lieben Kunst, wir sind Künstlerinnen, weil wir Kunst lieben. Und dass wir uns die zurückerobern wollen, dass wir Kunst füreinander, miteinander machen, als eine Art der Kommunikation, als eine Art des Lebensmittelpunkts oder als eine Art des Austausches untereinander und unsere künstlerische Praxis erst mal rausnehmen aus diesem ökonomischen System.

Oliver Koerner von Gustorf: Also geht es schon darum, eine andere Ökonomie zu entwickeln. „ff“, könnte das eine marxistische Gruppe werden?

Alle: Neeeeeee!

Mathilde ter Heijne: Das ist auch so ein Modewort, der Marxismus. Ich finde das auch höchst problematisch, den Marxismus und den Feminismus zu verbinden. In allen kommunistischen Gesellschaftsformen gab es immer wieder eine führende Elite von weißen Männern. Marx kommt nach Engels. Engels ist der Mann von der Matriarchatsforschung, darauf basieren zum Teil auch die Theorien von Marx. Unsere Ideen haben eher mit der Suche nach alternativen Gesellschaftsformen auf verschiedensten Ebenen  – sowohl ökonomischen als auch soziologischen, politischen, sexuellen und spirituellen – zu tun, als dass wir nur antikapitalistisch wären. Der Marxismus führte zu einer Ideologie und wir versuchen gerade das Gegenteil, unideologisch zu sein.

Antje Majewski: Auf einer ff-Veranstaltung habe ich von Rosa Bonheur berichtet, deren Vater sie im Sinne von Fourier erzogen hat. Aus ihr ist dann eine sehr erfolgreiche, offen lesbische Künstlerin geworden, mitten im 19. Jahrhundert. Sie hat sich einfach die Freiheit genommen, Hosen zu tragen, ihrer Frau alles zu vererben oder eine Löwin zu halten. Fourier war einer der ersten Feministen, für die sexuelle Revolution und für das bedingungslose Grundeinkommen. Ich würde mich also lieber an Fourier mit seiner Idee der Gemeinschaft als an Marx orientieren.




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