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Nur ein paar Augen sein
Die andere Seite der Jeanne Mammen


Sie gilt als „die“ Chronistin des Berlins der 1920er-Jahre. Doch jetzt wird eine bislang wenig bekannte Seite der Malerin Jeanne Mammen entdeckt. Im Rahmen des großen Ausstellungsprojekts „Painting Forever!“, das zur Berliner Art Week startet, wird die Malerei gleich von vier bedeutenden Berliner Ausstellungshäusern gefeiert. Für das einzigartige Gemeinschaftsprojekt haben sich erstmals Berlinische Galerie, Deutsche Bank KunstHalle, KW Institute for Contemporary Art und die Nationalgalerie zusammengetan. In der KunstHalle steht „To Paint Is To Love Again“ auf dem Programm. Einen zentralen Aspekt bildet dabei Jeanne Mammens abstraktes, erstaunlich frisches Spätwerk, das gemeinsam mit Arbeiten von drei zeitgenössischen Berliner Malerinnen präsentiert wird: Antje Majewski, Katrin Plavčak und Giovanna Sarti. Anlässlich der Austellung stellt Annelie Lütgens Jeanne Mammen und ihr Werk vor.


Kess blickt uns die Garçonne direkt in die Augen. Zylinder auf dem Kopf, Zigarette im Mundwinkel, eine junge Frau im Schlepptau. Sie repräsentiert – unter diesem Titel erscheint das Aquarell von Jeanne Mammen 1928 im Simplicissimus. Und tatsächlich repräsentiert ihre androgyne Heldin einen Typus der „Neuen Frau“ auf so treffende Weise, dass dieses Bild immer wieder gezeigt wird, wenn es um das „lasterhafte Berlin“ der Weimarer Jahre geht. Mit solchen Aquarellen und Zeichnungen, veröffentlicht in Simplicissimus, Jugend oder Ulk, ist Mammen als Chronistin des Berliner Großstadtlebens bestens bekannt. „Anmutig und herb“, nennt Kurt Tucholsky 1930 ihre Frauenfiguren. Der Erfolg von Mammens Illustrationen beruht nicht zuletzt darauf, dass ihre Diven und Revuegirls gleichermaßen von Männern und Frauen goutiert werden.

Doch sie hinterlässt viel mehr: ein 70 Jahre umfassendes malerisches und zeichnerisches Werk, dessen Brüche die Erschütterungen des 20. Jahrhunderts vor Augen führen. Häufig wird sie auf die „Zwanziger-Jahre-Künstlerin“ reduziert. Dabei wehrt sie sich stets dagegen, eingeordnet zu werden. Dem Kunsthistoriker Hans Kinkel, der mit der 85-jährigen Malerin 1975 ihr erstes und einziges Interview führt, empfiehlt sie: „Sie müssen immer schreiben, meine Bilder sind zwischen 1890 und 1975 entstanden. ... Eigentlich habe ich mir immer gewünscht: nur ein Paar Augen sein. Ungesehen durch die Welt gehen, nur die anderen sehen. Leider wurde man gesehen.“ Außenseitertum und Selbstverneinung sind die Kehrseiten einer künstlerischen Existenz, die das Vergessen bewusst in Kauf nimmt. 1974 anlässlich einer Ausstellung um ihre Vita gebeten, liefert Mammen einen „Äußerlichen Kurzbericht“ ab, der einen Lebenslauf anhand von Brüchen und Verlusten skizziert. Den sicher größten Einschnitt bildet dabei das Dritte Reich. Lakonisch notiert sie: „Mit Beginn der Hitlerzeit, Verbot oder Gleichschaltung aller Zeitschriften, für die ich gearbeitet hatte. Ende meiner ‚realistischen‘ Periode, Übergang zu einer den Gegenstand aufbrechenden aggressiven Malweise (als Kontrast zum offiziellen Kunstbetrieb). Zweiter Weltkrieg: Keine Ölfarbe, keine Leinwand – alle Bilder aus dieser Zeit sind mit Plakattempera auf Pappe gemalt. Lebensmittelkarten, Stempeln, Zwangsarbeit, Bombenangriffe, Zwangsausbildung zum ‚Feuerwehrmann‘: Brandwache schieben nach Entwarnung bis 3 Uhr früh.“

Dabei stehen der künstlerisch begabten Kaufmannstochter bis 1914 alle Wege offen. 1890 in Berlin geboren und 1895 mit der Familie nach Paris übergesiedelt, entwickeln sich Sprache und Bildung im französischen Kulturkreis. Ihre starke Affinität zur französischen Literatur, zu Victor Hugo und vor allem zu Gustave Flaubert sowie zur symbolistischen Kunst des Fin de Siècle, führt sie nach erster Ausbildung in Paris 1908 an die Kunstakademie in Brüssel. Hier kann sie ihre eigenen Vorlieben für das Soziale einerseits und für die Welt des Traums andererseits wiederfinden. Ihr erstes Hauptwerk, die um 1910 entstandenen zwölf Illustrationen zur Versuchung des Heiligen Antonius sind dem Fantastischen geschuldet, ihre Skizzenbücher der 1910er-Jahre dagegen voll mit Alltagsbeobachtungen auf den Boulevards von Paris, Brüssel und Berlin. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs flieht Mammen mit ihrer Familie aus Frankreich zunächst in die Niederlande. Ihr Vater, der Kaufmann Gustav Oskar Mammen, wird als „feindlicher Ausländer“ eingestuft und der gesamte Familienbesitz wird beschlagnahmt.

1916 kehren die Mammens mittellos nach Berlin zurück. Jeanne und ihre Schwestern müssen von nun an selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Während in Berlin 1919 die Novemberrevolution tobt, Künstler sich zusammenschließen und eine neue Kunst für eine neue Gesellschaft fordern, ist Mammen mit dem puren Überleben beschäftigt. Mit ihrer Schwester bezieht sie 1920 ein gemeinsames Atelier im Gartenhaus am Kurfürstendamm 29, das über Jahrzehnte hinweg zu ihrem Lebensgehäuse mutiert. Bei den zeichnerischen Erkundungen der Licht- und Schattenseiten Berlins kommt der Künstlerin ihre Weltläufigkeit zugute. Ob Große Welt, Halbwelt oder Proletarierkneipe, sie bewegt sich überall souverän und unauffällig, fängt Menschen und Situationen mit dem Stift ein, um sie im Atelier zu farbigen, vielfigurigen Szenen zu verarbeiten. Stilistisch schöpft sie aus ihren französisch-belgischen Wurzeln und bringt einen Hauch von Toulouse-Lautrec in den nüchternen Berliner Stil.

1933 wird Mammen zum zweiten Mal aus finanziell und künstlerisch gesicherten Verhältnissen gerissen. Ihrer Verdienstmöglichkeiten beraubt, lässt sie sich als arbeitslose Gebrauchsgrafikerin registrieren. Ihr Hass gegen das NS-Regime führt sie zur abstrakten, als „entartet“ diffamierten Kunst. Die Gegenständlichkeit hat für sie ihre Überzeugungskraft verloren, ist, da von der faschistischen Kunst missbraucht, fortan diskreditiert. Während sie in der geschützten Runde eines Abendaktkurses nach wie vor veristische Porträts ihrer Zeitgenossen zu Papier bringt, zerbricht sie in ihren Gemälden die Formen der Dinge. Die Vehemenz, mit der Mammen nun die Abstraktion „nachholt“, gleicht einer selbstzerstörerischen Absage an alles, was bisher ihre künstlerische Identität ausgemacht hat. Ein kubo-expressionistisches Bild wie das Ende der 1930er-Jahre entstandene Mackensen ist eine wütende Karikatur mit den Mitteln moderner Malerei: Es bezieht sich auf den gleichnamigen hochdekorierten Generalfeldmarschall aus dem Ersten Weltkrieg und Parteigänger Hitlers.

Bei Kriegsende sitzen „die Überreste von Jeanne in den Überresten von Berlin“, wie sie ihrem langjährigen Freund, dem in die USA emigrierten Physiker Max Delbrück schreibt. Ein Gefühl von Ruhe, gepaart mit Melancholie spricht aus den Werken Mammens in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre. Sie experimentiert mit „armen“ Materialien, bezieht Draht, Stricke, Papierfetzen in ihre Bilder ein, treibt die Formabstraktion weiter. Bei den ersten Ausstellungen moderner Kunst, unter anderem in der Galerie Gerd Rosen, ist Mammen selbstverständlich vertreten. Gemeinsam mit jungen Maler- und Dichterkollegen, darunter Alexander Camaro und Werner Heldt, ist sie 1949/50 im literarischen Kabarett Die Badewanne aktiv. Zum ersten Mal ist sie Teil eines Berliner Künstlerkreises.

Wenn sich die Künstlerin nach 1950 dennoch vollständig aus dem Kunstbetrieb zurückzieht, dann nicht zuletzt deshalb, weil sie der massiven ideologischen Auseinandersetzung um die moderne Kunst, die ab 1948 vor allem im geteilten Berlin die Dimension des Kalten Krieges annimmt, müde geworden ist. Mit dieser Situation mag auch der stark introvertierte Zug des Spätwerks zusammenhängen. Langes Alleinleben macht sensibel für die Persönlichkeit der Dinge. Sie werden zu Lebensgefährten, seien es Pflanzen, Tiere oder seltsam geformte Steine, Strandgut, Masken, Puppen. Mitte der 1960er-Jahre tauchen in Mammens Bildern Figuren auf, deren bizarre Formen und Frontalität nicht nur an Mosaike und Wandfriese, sondern auch an Marionetten im flachen Raum ihrer Spielbühne erinnern. Den Mosaikcharakter und das folkloristische Element verstärkt die Künstlerin, indem sie farbiges Stanniol, Pralinen- und Bonbonpapier in die Bildfläche einmontiert. Aus kleinteiligen, labyrinthischen Strukturen entwickelt sich nach und nach ein schrilles Figurentheater, das, wie in dem großformatigen Bild Photogene Monarchen auch durchaus einen zeitkritischen Impetus enthalten kann, bezieht es sich doch auf den Schah-Besuch 1967 in Berlin.

Während diese farbenprächtigen Kompositionen mit einer lauten Formfülle argumentieren, eröffnet die zweite, parallel entstandene Werkgruppe eine reduzierte, monochrome Welt der Stille. Auf einen einheitlich hellen Bildgrund sind chiffrenhafte Zeichen gesetzt, deren Form geometrisch wie biomorph sein kann. Stanniolpapier wird nur sparsam eingesetzt. Assoziationen an Bilderrätsel stellen sich ein (Kontemplation) oder es entfaltet sich vor unserem Blick scheinbar eine mikroskopische Welt von Kleinstlebewesen (Der durchbohrte Mond).

In dieser zwischen 1960 und 1975 entstandenen, kraftvollen letzten Phase ihrer Kunst nimmt sich Mammen die Freiheit eines höchst eigenen Stilpluralismus, der vielleicht erst heute gewürdigt werden kann. Seit wir Moderne und Postmoderne durchlaufen haben, wissen wir, dass das Neue in der Kunst nicht unbedingt gradlinige Forminnovation meint und Authentizität nichts mit Genialität zu tun hat. Jeanne Mammen zieht die Summe und schöpft aus dem, was sie in ihrem Leben gesehen und in sich aufgenommen hat. Kein Kampf mehr gegen die Umwelt, nur langsame, unverkrampfte Annäherung an den Tod. Nun hat sie Zeit, lange an einem Bild zu malen, eine Farb-(Lebens-) schicht über die andere zu setzen, wohl wissend: Die Vergangenheit ist stets gegenwärtig, und alles Gelebte gilt.


Painting Forever!
To Paint Is to Love Again

Jeanne MammenAntje Majewski, Katrin Plavčak, Giovanna Sarti
Deutsche Bank KunstHalle
18.9. – 10.11.2013




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