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Es geht um die Freiheit - Philip Gustons Spätwerk in der Schirn
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Es geht um die Freiheit
Philip Gustons Spätwerk in der Schirn


Er gehörte zu den wichtigsten Vertretern des Abstrakten Expressionismus. Doch Ende der sechziger Jahre bricht Philip Guston radikal mit dem Stil, der ihn berühmt gemacht hat. Auf seine neuen, comicartigen Bilder reagieren die Kritiker mit völligem Unverständnis. Heute gilt der 1980 verstorbene Künstler als Pionier einer erneuerten figurativen Malerei. Zu Gustons 100. Geburtstag präsentiert die Schirn Kunsthalle in Frankfurt – gefördert von der Deutsche Bank Stiftung – eine Auswahl seines kontroversen Spätwerks.


„Kitsch“ – so lautet das Urteil von Clement Greenberg, dem damals wohl einflussreichsten US-Kunstkritiker. Hilton Kramer von der New York Times bezeichnet Philip Gustons neue gegenständliche Gemälde als „primitiv“. Und der Komponist Morton Feldman, ein langjähriger Freund des Künstlers, sollte nie wieder ein Wort mit ihm sprechen: Für Guston wird seine Ausstellung in der New Yorker Marlborough Gallery im Oktober 1970 zu einem künstlerischen wie persönlichen Fiasko. Tatsächlich opponiert der Maler, der mit einer Reihe von Papierarbeiten in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, mit seinen Bildern gegen alle künstlerischen Konventionen seiner Zeit: Grob gemalte Motive wie Hände, Zigaretten oder Glühbirnen markieren einen radikalen Bruch mit den eleganten abstrakten Bildern, die ihn berühmt gemacht haben. Und von den kühlen, glatten Oberflächen der Pop und Minimal Art, die die individuelle künstlerische Handschrift negieren, sind Gustons Leinwände Lichtjahre entfernt. Willem de Kooning ist einer der wenigen, der die Entwicklung seines Freundes nachvollziehen kann: „Philip, weißt du worum es hier eigentlich geht? Um die Freiheit.“

Die Resultate dieser Freiheit sind jetzt in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu erleben: Rund 70 Gemälde und Zeichnungen zeigen die ganze Kraft von Gustons Spätwerk. Derbe Figuren prägen diese Bilder – rauchend, trinkend oder auch malend bevölkern sie die Leinwände. Die Bildsprache erinnert dabei an George Herrimans skurril-gewalttätige Krazy Kat-Comics, für die sich Guston in seiner Jugend begeisterte. Die Gemälde zeugen von inneren Kämpfen, einem anarchischen Sinn für Humor und das Groteske, aber auch von fundamentalen Zweifeln am Medium Malerei – in einer Zeit massiver gesellschaftlicher und politischer Konflikte. „Als dann die 1960er anfingen fühlte ich mich zerrrissen, schizophren. Der Krieg, alles was in Amerika passierte, die Brutalität auf der ganzen Welt – was für ein Mann bin ich denn eigentlich, wenn ich zu Hause sitze, Magazine lese und in mir eine frustrierte Wut über die ganze Situation hochkocht und der dann in sein Atelier geht, um ein Rot neben ein Blau zu setzen?“, erklärt der Maler zu seinem Abschied vom Abstrakten Expressionismus.

Guston giltals einer seiner bedeutendsten Vertreter. Bereits 1962 ehrte ihn das New Yorker Guggenheim mit einer großen Retrospektive. Doch danach gerät er immer stärker in eine künstlerische Krise. Er hört auf zu malen und konzentriert sich zwei Jahre ausschließlich aufs Zeichnen. Mit 54 Jahren kehrt er 1967 der New Yorker Kunstszene den Rücken und siedelt mit seiner Frau nach Woodstock über. In der Abgeschiedenheit dieses Örtchens, in dem sich auch Bob Dylan von seinem stressigen Lebensstil als Rockstar erholt, findet Guston den Weg aus seiner künstlerischen Sackgasse. Hier entstehen 1968/69 die ersten, noch kleinformatigen gegenständlichen Ölgemälde, von denen eine Auswahl nun in der Schirn zu sehen ist. Es tauchen schon die Motive auf, denen er sich dann später fast obsessiv widmen wird: Glühbirnen, Uhren, Schuhe und die „Hoods“. Diese finsteren Kapuzenmänner erinnern an Mitglieder des Ku-Klux-Klan und verkörpern das alltägliche Böse, das in jedem Menschen schlummert: „Das sind Selbstporträts. Ich erkenne mich selbst hinter dieser Kapuze“.

Auf seiner großformatigen Leinwand The Studio (1969) setzt er sich selbst als rauchender „Hood“ in Szene. Ein Bild, dessen Radikalität auch Jake Chapman, einer der Stars der YBAs, beeindruckt hat: „Allein die Tatsache, dass er sich als solch eine Figur darstellt, zeigt, dass er sich der heiligen, idealistischen Rolle des Künstlers verweigert.“ Auch andere Selbstporträts wie Painting, Smoking, Eating (1973) oder Bad Habits (1970) sind absolut schonungslos: Sie zeigen Gustons Vorlieben für Alkohol und ungesundes Essen, wie er Kette rauchend nachts in seinem Atelier arbeitet.

Nicht nur für Jake Chapman gilt Guston als Wegbereiter des Bad Painting, einer Malerei mit der Künstler wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen oder Julian Schnabel die Konventionen des Medium mit bewusst unkorrekten, schlechten oder hässlichen Bildern kritisieren. Doch das ist eine eingeschränkte Betrachtung von Gustons Spätwerk. „Es gibt auf diesen Bildern große Partien, die wahnsinnig malerisch sind. Wenn man vor den Originalen steht, dann ist das Malerei pur. Man sieht den Pinselstrich, kann richtig eintauchen in diese Flächen. Es ist wunderschön“, erklärt Ingrid Pfeiffer. Die Kuratorin der Schau hat mit dem Maler Bernhard Martin ein Gespräch über Guston geführt, das Sie in der nächsten ArtMag-Ausgabe lesen können.

Auch die Eindeutigkeit der Motive löst sich beim genauen Betrachten der Gemälde mehr und mehr auf. „Einzelne Pinselstriche, malerische Flächen, Farbnuancen ziehen den Blick an, und nach einer Weile ist nichts mehr klar – weder, was dargestellt ist, noch was es bedeutet, oder ob es sich überhaupt tatsächlich um gegenständliche Malerei handelt", so Pfeiffer in ihrem Katalog-Text. Guston selbst charakterisierte seine späten Arbeiten so: „Alles ist möglich, alles außer jeglicher Art von Dogma.“ Und stimmt seinem Freund de Kooning zu: “Das ist es, worum es geht: Freiheit. Sie ist der einzige Besitz, den ein Künstler hat – die Freiheit nämlich, all das zu tun, was man sich vorstellen kann.“
Achim Drucks

Philip Guston. Das große Spätwerk
Schirn Kunsthalle, Frankfurt
6.11. 2013 - 2.2. 2014




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