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Das Museum als Marketing-Tempel
Mike Bouchet & Paul McCarthy im Frankfurter Portikus


Konsumverhalten, Kulturimperialismus und die Versprechungen eines globalisierten Marktes – das sind Themen die Mike Bouchets und Paul McCarthys Arbeiten verbinden. Dem Wahlfrankfurter Bouchet ist in den Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet. Seitdem er bei dem Bad Boy der Westküsten-Szene studierte, stehen die Beiden in engem Austausch. Jetzt haben sie mit Unterstützung der Deutschen Bank im Portikus ein gemeinsames Projekt realisiert – und verwandeln die Ausstellungshalle in eine bizarre Mischung aus Kaufhaus, Testküche und Propagandamaschine. Sandra Danicke hat die Künstler beim Aufbau getroffen.


Zäher Glibber fließt aus den Fenstern und zehn Meter lange Luftschläuche zappeln in den amerikanischen Nationalfarben im Wind. Der Haupteingang des Frankfurter Portikus ist verbarrikadiert, sodass die Besucher über eine Wendeltreppe nach unten steigen müssen, um die Ausstellungshalle dann durch die im Untergeschoss gelegenen Büroräume zu betreten. Mike Bouchet und Paul McCarthy haben sich den Portikus vorgeknöpft und dabei nichts ausgelassen, um zu irritieren: Anstatt einfach etwas aufzuhängen, hinzustellen oder einzustöpseln haben sie das gesamte Gebäude in Beschlag genommen und mit Material vollgestopft, dass es schier zu bersten scheint. Bereits der Titel spricht von Maßlosigkeit: Powered A-Hole Spanish Donkey Sport Dick Drink Donkey Dong Dongs Sunscreen Model.

Eine Woche vor Eröffnung wird man vom Wahnsinn im Inneren des Portikus völlig überrumpelt. Verblüfft steht man in der Halle, die normalerweise als zentraler Ausstellungsraum dient. Drückt sich vorbei an einem gigantischen Architekturmodell, das unschwer als ein Zitat von Frank Gehrys Guggenheim Museum Bilbao zu erkennen ist, und wird von Eindrücken überwältigt. Das Gebilde wirkt wie ein lädiertes Schiff und sitzt auf einer Batterie aufeinander gestapelter Holzböcke mit Eselskopf-Emblemen, die wiederum auf riesigen Porträtfotografien von Michael Douglas stehen. An den Wänden lehnen Leinwände mit farbenfroher Sonnencreme-Werbung, Marke Bilboa. Und dann ist da noch dieser penetrant süßliche Geruch, der in der Luft steht, als habe jemand mehrere Dosen Raumspray versprüht. Soll das etwa so bleiben? Mike Bouchet und Paul McCarthy kommen vom Mittagessen, die Laune ist blendend. „Keine Ahnung, wie das Ganze nächste Woche aussehen wird“, gesteht McCarthy belustigt. „Vielleicht lassen wir ein paar von den Aufbaumaterialien einfach liegen. Den Coffee-to-go-Becher? Den Zollstock? Mal sehen.“
 
Paul McCarthy (Jahrgang 1945), der in Los Angeles lebt, gilt seit den siebziger Jahren als Enfant Terrible der Performance- und Videokunst. Seine abgründigen Filme und Installationen handeln von Sexualität, Aggression und den perfiden Mechanismen der Entertainmentkultur. Immer wieder geraten grotesk kostümierte Protagonisten – meist unter intensivem Einsatz schmierfähiger Lebensmittel – außer Rand und Band, oft ist es McCarthy selbst, der sich im Namen der Kunst auch schon mal mit Ketchup beschmiert oder eine Barbiepuppe einführt.

Die Skulpturen seines ehemaligen Schülers Mike Bouchet, der 1970 in Kalifornien geboren wurde und mit seiner Familie in Frankfurt am Main lebt, wirken weniger exzessiv, kreisen jedoch um ähnliche Themen: Konsumverhalten, Kulturimperialismus und die Versprechungen eines globalisierten Marktes.

„Die Idee zur Zusammenarbeit entstand, als Mike und ich merkten, dass wir zeitgleich und unabhängig voneinander eine Arbeit gemacht haben, die das New Yorker Guggenheim Museum in eine Toilette verwandelt“, erklärt McCarthy, ein höflicher bärtiger Herr, der eine Wollmütze mit orangefarbenen Dollarzeichen trägt, „einfach, weil das Gebäude so aussieht“. Anschließend habe man festgestellt, dass auch das Guggenheim in Bilbao – für die Künstler eine Art „kulturimperialistisches Franchising“ – eine groteske Form aufweist und Ähnlichkeit mit einem Schlachtschiff hat. McCarthy und Bouchet begannen, gemeinsam an einer Skulptur zum Thema zu arbeiten. „Die Form eines Gebäudes hat nun einmal einen enormen Einfluss darauf, wie wir die Dinge im Inneren betrachten“, erläutert Bouchet, „aber darüber wird im Museumsbau anscheinend nicht nachgedacht.“

Als die Künstler zu einer Gemeinschaftsausstellung im Portikus eingeladen wurden, lag es nahe, sich auch hier mit der seltsamen Form des Gebäudes auseinanderzusetzten. Per Zufall stießen sie im Internet auf die formale Analogie zum „Spanischen Bock“, einem nach oben keilförmig zusammenlaufenden Holzbock, der im Mittelalter als Folterinstrument diente: Mit gespreizten Beinen wurden die gefesselten Opfer auf das Gerät gesetzt, wobei ihre Füße den Boden nicht berührten und daher das gesamte Körpergewicht auf den Genitalien lastete. „Auch in Ausstellungsräumen geht es letztlich immer um Einschüchterung und Macht“, findet Bouchet. Dass auf den Holzböcken, die in den USA verkauft werden, ein Esel abgebildet ist, sei genauso ein Zufall gewesen, wie die Sache mit der Sonnencreme. „Ich habe mich bloß beim Googeln vertippt. Statt Bilbao schrieb ich Bilboa“, erzählt McCarthy und grinst.
 
Wir gehen ins Obergeschoss, wo die Intensität des Gummibärchen-Geruchs fast unerträglich wird. „Hier oben kochen wir Sirup aus Energy Drinks“, erzählt Bouchet und genießt das verdutzte Gesicht seines Gegenübers. „Wir versetzen das Getränk mit Gelatine und wenn es eingedickt ist, schütten wir es aus den Fenstern“, sagt der Künstler und knibbelt ein Stückchen hellbraunen Glibber von einer Fensterbank, an der das Fließverhalten bereits getestet wurde. „Probieren Sie mal, schmeckt lecker.“  Ein Großteil der Masse jedoch landet woanders. Genauer gesagt: In einer Toilettenschüssel, von der aus ein Rohr direkt durch den Fußboden auf das Architekturmodell im Erdgeschoss führt. Hinterher wird das Bilbao-Modell wohl ein bisschen so aussehen, als habe man Fäkalien darüber ausgeschüttet. Dazu werden dann die in rote Valentino-Garderobe gehüllten Portikus-Angestellten einen merkwürdigen Kontrast abgeben.

In direkter Nachbarschaft zur Gummibärchenküche wird der A-Hole Sport Drink produziert – ein blau gefärbter Drink mit Rindfleisch-Bananen-Aroma, der in Schraubgläsern angeboten wird, wie man sie für Hot-Dog-Würstchen verwendet. Künstlicher und amerikanischer kann ein Produkt kaum daher kommen. Durch aggressives Product Placement tritt das Sportgetränk als fiktiver Ausstellungssponsor auf. Außerdem dient es als Grundlage für The Bigga Picka Uppa: „Du wirfst einen Snickers-Riegel hinein und schluckst beides hinunter. Hinterher strotzt du vor Energie“, erklärt Bouchet im Slang eines Marketing-Experten: „Es ist isotonisch, es hat Koffein und Proteine, damit kannst du voll durchstarten“. Zum Beweis, dass er es ernst meint, präsentiert der Künstler eine Fotoserie auf dem Handy, die ihn beim Verzehr zeigt – ein zweifelhaftes Vergnügen. „So etwas verändert dein Bewusstsein total. Darum geht es doch in der Kunst“, ruft Bouchet in einem Tonfall, der so dezent übersteigert ist, dass man ihm den Verkäufer fast abnehmen könnte.

Mittlerweile sitzen wir im Dachgeschoss in einer Filmkulisse an einem frisch zusammengeschraubten Tisch. Während Bouchet den Vertreter mimt, starrt McCarthy auf ein Häuflein Sägemehl, das auf der Tischplatte zurück geblieben ist: „Die Holzfitzel sind nicht uninteressant, vielleicht sollten wir das so lassen.“ Ein schwarzer Vorhang trennt einen Lagerraum ab, neben uns sind Matratzen an die Wände geschraubt. „Wir werden hier eine Dinner-Party veranstalten“, erzählt McCarthy. Die Aktion wird von seinem Sohn Damon gefilmt. „Keine Ahnung, was da genau passieren wird. Es gibt wohl Spaghetti mit Soße, mehr wissen wir selbst noch nicht.“

Zum Abschied wird er auf einmal ernst. Es ist McCarthy wichtig, dass das Werk nicht bloß als Klamauk wahrgenommen wird. „Es ist ein Gebilde aus vielen Schichten, eine Assemblage mit Koinzidenzen. Es geht zum Beispiel darum, was es für uns bedeutet, Künstler zu sein und mit den Institutionen umgehen zu müssen.“ Welche Erkenntnis erhofft er sich bei den Besuchern? „Zumindest jene, dass sie das Gebäude hinterher mit anderen Augen sehen.“




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