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Kein Entkommen
Idan Hayoshs suggestive Bedrohungsszenarien


Zwischen Eleganz und Aggression: Idan Hayosh arrangiert Kettensägen, Triebwerke oder Generatoren zu streng symmetrisch angeordneten Installationen. Im Dezember wird der israelische Künstler in Zürich aktiv. Für das von der dortigen Hochschule der Künste und der Deutschen Bank initiierte Projekt 17ZWEI gestaltet er eine Plakatwand. Daniel Schreiber hat Hayosh in Berlin getroffen, wo er seit einem halben Jahr lebt.


Idan Hayosh gibt normalerweise keine Interviews. Unseres sei sein erstes, sagt der ernste 34-Jährige. Er rede nie über seine Arbeiten, habe bisher nie den Punkt gesehen. Man solle sich seine Werke einfach anschauen, sie sollten für sich selbst sprechen. Und das tun sie auch. Die Installationen, mit denen Hayosh bekannt wurde, brauchen keine Erklärung, keine Kontextualisierungen, keine kunsthistorischen Referenznahmen. Sie sind einfach da. Unübersehbar. Unüberhörbar. Man kann ihnen nicht entfliehen. Man wird sich sein ganzes Leben lang an sie erinnern.

Hayoshs Installationen sind so eingängig, weil sie mit einer audiovisuellen Überwältigungsstrategie arbeiten, die auf vorreflexiver Ebene wirkt. Sie sprechen die Sinne des Betrachters an und versetzen ihn in Alarmbereitschaft, bevor dieser überhaupt verstehen kann, was er da sieht und hört. Visuell kommen die Arbeiten noch relativ unverfänglich daher. Ihre rigide Symmetrie, der fast schon zwanghafte Ordnungswahn irritiert, aber mehr noch nicht. Akustisch aber bläst Hayosh zum Angriff. Betritt man etwa seine Installation B52 display, für die verschiedene Gasflaschen pfeilförmig angeordnet wurden, ist das Geräusch entweichenden Gases so deutlich zu vernehmen, dass man nur im Raum bleiben kann, wenn man bewusst die inneren neuronalen Warnsignale missachtet. Bei den Installationen der Serie Lamps verstärkt Hayosh die elektrischen Spannungsgeräusche der ausgestellten Scheinwerfer so sehr, dass man intuitiv Angst vor Explosionen hat. Die Ventilatoren der Installation AH64a wirken auf den Betrachter wie die Turbinen eines abhebenden Flugzeugs.

Die militärischen Assoziationen, die man als Betrachter dabei hat, sind kein Zufall. Alle Installationen von Hayosh stellen die Grundrisse von Fotos nach, auf denen Flugzeuge, Hubschrauber, Bomben, Panzer, Raketen und Maschinengewehre von Waffenherstellern und von Armeen verschiedener Länder zu Tableaus arrangiert werden – zu Werbezwecken, um die eigene Stärke auszustellen, um Militärfans mit Sammelobjekten zu versorgen. Das Internet ist voll solcher Fotos. In gewisser Hinsicht machen die Installationen diese Fotos erst real erfahrbar, übersetzen sie in ein abgründiges Theater der Abschreckung.
 
Aufgewachsen ist Hayosh in Ràanana, einer Kleinstadt im Einzugsbereich von Tel Aviv. Seine Großeltern mussten während des Zweiten Weltkriegs aus der Slowakei und aus Rumänien nach Israel fliehen, was ihm in einem ironischen historischen Twist den Luxus eines europäischen Passes verschaffte. Nach seinem Fotografie-Studium in Tel Aviv konnte er so nach Amsterdam ziehen, um an der Rietveld Academie zu studieren und zu arbeiten, seit etwas mehr als einem halben Jahr lebt er in Berlin. An seine Erfahrungen in Israel denkt er trotzdem noch jeden Tag. Ohne sie wäre auch seine Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Militarismus nicht vorstellbar.   

„In Israel aufzuwachsen“, sagt Hayosh, „ist an sich schon eine militaristische Erfahrung. Die überwältigende Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung geht zur Armee. Schon in der Schulzeit wird einem eingetrichtert, dass das normal ist. Dein Vater hat es gemacht, dein Großvater auch, deine Geschwister ebenfalls. Man wächst einfach mit einer militaristischen Ästhetik heran. Jede vierte Person in Israel trägt eine Waffe. Auf der Straße sieht man Leute mit M16-Gewehren auf dem Rücken. In der Schule lernt man, wie man ein Luftgewehr benutzt. Kinder haben heute Poster von Rihanna in ihren Zimmern hängen, als wir Kinder waren, hingen bei uns Poster von Flugzeugen, Bomben, Raketen und Patronen an den Wänden. Die damals am meisten gelesene Zeitschrift war Betaon hail Hàavir, das israelische Air Force Magazine – eine Art National Geographic, das die neuesten Waffenentwicklungen und Flugzeugdesigns dokumentiert und über die Zukunft des Flugverkehrs berichtet.“  

Trotz dieser Erfahrungen macht der selbsterklärte Pazifist keine explizit politische Kunst. Im Gegensatz zu vielen der israelischen Künstler seiner Generation will er keine Aussagen zur Besatzungspolitik seines Landes und dessen komplexen politischen Konflikten machen. Ihm geht es um die visuelle Kraft von Bildern und darum, wie einfach es ist, sich von ihnen einfangen zu lassen. Nicht um eine gesellschaftliche oder nationale Schuld geht es ihm, wie immer die auch aussehen mag, sondern um die Möglichkeiten einer ganz persönlichen Verantwortung.

Die Militärwerbefotos, die Hayosh im Netz findet und für seine Arbeiten verwendet, kommen heute meistens nicht mehr aus Israel, sondern aus Russland und China, auch wenn sie die gleiche Ästhetik verfolgen wie die Poster, die Hayosh als Jugendlicher in seinem Zimmer hängen hatte. Sie bilden die psychosexuelle Stärke des Militärs ab, die machistische Überlegenheit des jeweiligen Besitzer dieser Waffen, die phallische Macht der Abschreckung. In der radikal symmetrischen Ordnung der militärischen Objekte auf diesen Fotos – Objekte, die von ihren Herstellern und Anwendern als Werkzeuge zum Schaffen von Ordnung verstanden werden – spürt Hayosh einen der ältesten Archetypen menschlicher Kommunikation auf: den der Drohgebärde. Den einer suggestiven Geste also, die für den Ausführenden psychologisch genauso bedeutend ist wie für den Sehenden, einer Geste, die evolutionär sehr viel ältere Areale unserer Gehirne anspricht als die unseres Denkens und Fühlens. Hayoshs Arbeiten sind nicht zuletzt auch künstlerische Meditationen der psychologischen Gewalt, die von solchen Gebärden ausgeht, und von ihren Folgen.

Diese Art von Gewalt hat Hayosh nicht nur selbst erlebt, sondern auch selbst ausgeführt. Drei Jahre lang war er Soldat, erzählt er, gleich nach der Schule, zwischen 18 und 21. „Erst als ich die Armee verließ, habe ich verstanden, dass es ein wirkliches Leben da draußen gibt, ein säkulares, ein nicht-staatliches, nicht-militaristisches Leben. Meine Zeit bei der Armee war so, als hätte ich drei Jahre lang geschlafen. Du führst nur deine Befehle aus. Es war sehr ernst. Ich habe mich sehr verantwortlich gefühlt. Ich war in einer Kampfeinheit und der Dienst war anstrengend. Körperlich anstrengend. Zum Denken benutzt man seinen Kopf da nicht wirklich. Ich habe eine Einsatztour in Hebron gemacht und zwei im Südlibanon, als Teil der Besatzungstruppen. Ich habe niemanden getötet, nie jemanden erschossen. Aber die Dinge, die ich dort gemacht habe, kann ich mir bis heute nicht vergeben. Nur dort zu sein als Soldat...“ Hayosh schüttelt den Kopf. „Eines Tages werde ich vielleicht in der Lage sein, mir dafür zu vergeben, aber noch ist es nicht so weit. Alles, was ich tun kann, ist damit zu leben und darüber zu sprechen. Alles, was ich machen kann, ist mit der Scham zu leben und sie auszudrücken.“  

Seine Kunst, hat man den Eindruck, ist für Hayosh nicht nur eine Möglichkeit, diese Scham zum Ausdruck zu bringen. Ihr haftet auch die Intensität eines Zwangs an, eines disziplinierten Wunsches nach Bearbeitung. Das Sammeln der Militärfotos im Netz sei für ihn lange eine Art Obsession gewesen, sagt Hayosh, etwas, das er gemacht habe, ohne weiter darüber nachzudenken. Immer noch verbringt er jeden Tag fünf bis sechs Stunden online, um nach Bildern zu suchen und das visuelle Unbewusste unserer Kultur systematisch im Netz umzupflügen. Das gehört zu seiner Routine, genauso wie die 30km, die er in der Woche läuft oder die drei wöchentlichen Workout-Sessions im Fitnessstudio, wie der Versuch, gesund zu kochen und kein Bier mehr zu trinken.

Auch Hayoshs neueste Arbeit, sein Projekt für 17Zwei, die von der Deutschen Bank gemietete Werbefläche im Züricher Bahnhof Hardbrücke, nimmt sich der visuellen Archäologie der Militärfaszination an. Das 17 Meter Wandbild ist Hayoshs erste rein visuelle Arbeit. Säuberlich und auf ungemütliche Weise dekorativ listet er dafür die Diagramme auf, die den im Internet gefundenen Fotos von symmetrisch angeordneten Waffentableaus zugrunde liegen. Meter für Meter geht der Betrachter an militärischen Logos und Codes vorbei, an den eingedampften Drohgebärden zur Schau gestellter Flugzeuge, Bomben, Raketen und Maschinengewehre. An Formationen, die an Science-Fiction-Filme erinnern, aber völlig real sind. Der Fußgängertunnel der Züricher Hardbrücke, eine Station vor dem Hauptbahnhof, ist einer der meistbesuchten Orte in einem Land, das als eines der sichersten der Welt gilt. Zehntausende Passanten benutzen diesen Tunnel täglich. Hayoshs Wandbild kommt vor diesem Hintergrund einem regelrechten visuellen Bombardement gleich.    

Die traurige Wahrheit ist, das niemand von uns sicher ist, auch wir in Europa nicht. Auch hier existiert der Militarismus, mit dem Idan Hayosh aufgewachsen ist. Aber er wird visuell an den Rand des kollektiven Bewusstseins verdrängt, wo er außer in den Videospielen von Heranwachsenden nicht mehr zum Alltaggehört. Vielleicht braucht es jemanden wie Hayosh, um die Blase unseres abstrakten Sicherheitsgefühls zu durchstechen. Jemanden mit seinem Horizont, jemanden mit einer Lebenserfahrung, die für die meisten von uns unvorstellbar ist.


17Zwei
Idan Hayosh

Fußgängertunnel der S-Bahn-Station Hardbrücke, Zürich
5.12.2013 bis 14.1.2014






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