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Die Sprache der Kunst neu denken
Die Whitney Biennial 2014 erweitert den Diskurs


Stuart Comer ist einer der drei Kuratoren der diesjährigen Whitney Biennial. Er träumt von einer Ausstellung, die den technologischen Wandel ebenso thematisiert wie die neuen künstlerischen Möglichkeiten von Sprache, Gemeinschaft und Aktion. Travis Jeppensen, einer der Autoren, die er zu der Biennale eingeladen hat, trifft ihn in New York.


Es gibt wohl kaum einen anderen Kurator, der sich in der letzten Dekade so leidenschaftlich für das Medium Film eingesetzt hat wie der Amerikaner Stuart Comer. Sein diesbezügliches Wissen ist geradezu enzyklopädisch. Deshalb berief ihn die Tate Modern 2004 auch zu ihrem ersten Kurator für die Filmsammlung, die Comer in den letzten Jahren systematisch ausgebaut aufgebaut hat.

Begonnen hat seine Karriere in Los Angeles, wo er in seinen Zwanzigern im Buchladen des Museum of Contemporary Art arbeitete und enge Kontakte zur dortigen Kunstszene knüpfte. Für seinen Master-Abschluss als Kurator ging er nach London an das Royal College of Art. Nach zehn Jahren in Großbritannien ist er jetzt wieder in die Staaten zurückgekehrt – als Chefkurator für Medien- und Performancekunst am New Yorker MoMA. Und als einer der drei Kuratoren des wohl wichtigsten Kunstevents der USA: der Whitney Biennial.

Wie Comer sind auch seine beiden Mitstreiter Anthony Elms und Michelle Grabner keine New Yorker. Ganz ausdrücklich war es diesmal das Ziel, Kuratoren zu beauftragen, die nicht aus der Kunstszene der Stadt stammen und eine Außenperspektive mitbringen. Comer ist dabei der einzige Kurator im traditionellen Sinne. Sowohl Grabner als auch Elms sind Künstler, die sich als Kuratoren profiliert haben, Kunsträume oder Magazine betreiben und an Universitäten arbeiten.


Whitney Biennial 2014

Regelmäßig sorgt die New Yorker Whitney Biennial für heftige Kontroversen. Alle zwei Jahre wagt die seit 2006 von der Deutschen Bank geförderte, wohl bedeutendste Schau für US-Gegenwartskunst eine aktuelle Bestands­auf­nahme. Dieses Jahr ver­an­schau­licht die Biennale mit über 100 Teil­neh­mern, was die Szene be­schäf­tigt. Wichtige Themen sind inter­disziplinäres Ar­beiten und kollek­tive Aktionen, ab­strakte Ma­le­rei, Künstler und Filme­macher, die schreiben oder Lite­raten, die mit Spra­che und Sound ex­pe­ri­men­tie­ren.

7.3. – 25.5.2014
whitney.org


Das Dreigestirn organisiert allerdings keine große gemeinsame Schau – jeder bespielt ein eigenes Stockwerk. Dennoch gibt es viele gemeinsame Themen. Dazu gehören die Beschäftigung mit dem Schreiben oder der Fokus auf relevante Positionen, die bisher vom Kunstbetrieb übersehen wurden. Einen Schwerpunkt bildet zugleich die Auseinandersetzung mit dem Begriff der künstlerischen Autorenschaft, der im 21. Jahrhundert zunehmend verschwimmt und durch das multidisziplinäre, kollaborative Arbeiten eine neue Bewertung erfährt. Dafür könnten auch Comer und seine Co-Kuratoren Modell stehen: autonom und doch gemeinschaftlich.

Comer ist getrieben von seiner überschwänglichen Liebe zu Kunst und Film, für die er sich rund um die Uhr und rund um den Globus einsetzt. Als ich mit ihm am ersten freien Tag seit seiner Ankunft in New York spreche, will er lieber rausgehen und die neuesten Ausstellungen in Chelsea ansehen, als die Umzugskisten auszupacken, die seit drei Monaten in seiner neuen Wohnung stehen. Angesichts von Comers Engagement für den Film und das Schreiben und der Tatsache, dass ich als Autor dieses Beitrags zu den wenigen Schriftstellern zähle, die er zu der Ausstellung auf seiner Etage eingeladen hat, bin ich natürlich neugierig zu erfahren, warum für ihn als Kurator die Sprache solch eine zentrale Rolle im Rahmen der Biennale einnimmt.

„Jede Form von Kunst, und das geht sogar zurück bis in die Renaissance, hat in irgendeiner Weise Sprache einbezogen“, erklärt er. „Ich war schon immer fasziniert von den Gemälden der Renaissance, auf denen die Engel Worte zu Gott sprechen. Diese Worte stehen noch dazu auf dem Kopf, damit Gott sie besser lesen kann. So fing ich an, darüber nachzudenken, wie Sprache im Laufe der Geschichte auf Bildern verwendet wurde und wie sie die Kunst insgesamt geprägt hat. Im 20. Jahrhundert macht sich das ganz besonders bei den Dadaisten, die sich intensiv mit Sprache befasst haben, oder im Surrealismus bemerkbar. Das hat sich in der Konkreten Poesie und der Konzeptkunst weiterentwickelt, in denen die Sprache eine zentrale Rolle spielt. In den 1980er-Jahren gibt es haufenweise Text- und Bildarbeiten, die sich mit der Sprache in den Medien auseinandersetzen. Heute haben das Internet und neue Technologien die Grenzen zwischen Sprache und Bild beinahe aufgehoben. Wir kommunizieren, indem wir auf den Touchscreens unserer iPhones ständig Bilder berühren, die ihrerseits in eine Matrix aus Sprache eingebunden sind. Das strukturelle System der Sprache klingt wiederum in der visuellen Praxis vieler Künstler nach. Deshalb hat es mich so interessiert, die Arbeiten von Channa Horwitz zu zeigen. Was bei ihr wie ein abstraktes Bild oder eine zweidimensionale Zeichnung aussieht, ist tatsächlich etwas Mathematisches oder die Partitur für eine Performance.“

In Comers Ausstellung sind außerdem einige bekannte Namen vertreten, die die Whitney Biennial als Plattform für experimentelle und häufig auch kollaborative Formate nutzen. „Multidisziplinär“ lautet hier das Stichwort. Bjarne Melgaard, eher als chaotisch-expressiver Maler und Bildhauer bekannt, arbeitet diesmal mit Filmemachern und Möbeldesignern an einer Rauminstallation, die auf meinem Roman The Suiciders basiert. Catherine Opie und Richard Hawkins zeigen nicht ihre eigenen Arbeiten, sondern steuern stattdessen eine Präsentation von Werken des 1990 verstorbenen Künstlers Tony Greene bei, dessen Gemälde in einem engen Dialog mit dem Medium Fotografie entstanden sind.

Im Vorfeld wurde viel Wirbel um die abstrakten Maler veranstaltet, die dieses Jahr auf der Biennale ausgestellt werden. Kuratorin Michelle Grabner, selbst eine abstrakte Malerin, hat eine Reihe von wichtigen abstrakten Malerinnen wie etwa Amy Sillman und Jacqueline Humphries eingeladen. Comer entgegnet allerdings, dass auf seiner Etage mehr figurative Positionen zu sehen seien, neben Tony Greene etwa Keith Mayerson. „Es ging mir auch darum, Bereiche zu erkunden, in denen es um Malerei geht, allerdings nicht unmittelbar. So hat Jacolby Satterwhite ein Video realisiert, obwohl er eigentlich Malerei studiert hat und sich sehr intensiv mit italienischen Renaissancemalern beschäftigt. Er denkt und arbeitet sehr stark wie ein Maler.“

Einer der interessantesten Künstler der Ausstellung ist Ken Okiishi, der gerade daran arbeitet, die Malerei in das digitale Zeitalter zu überführen. Okiishi beschäftigt sich mit dem Zerfall von Sprache und Bildern in der digitalen Gesellschaft. Seine „Leinwände“ sind Flachbildschirme, auf denen er alte, digital überarbeitete VHS-Videos laufen lässt, die durch den Reproduktionsprozess abstrakt werden. Diese digitalen Abstraktionen übermalt Okiishi wieder gestisch und reagiert mit dem Pinsel auf die elektronischen Rhythmen und Muster.

„Ich finde seine Arbeiten absolut konsequent “, erklärt Comer. „Man hat das Gefühl, dass es zwischen dem Pinselstrich und dem unsichtbaren Eingriff, mit dem das digitale Bild manipuliert wurde, einen wirklichen Dialog gibt. Er spielt mit der Vorstellung, dass du den Pinselstrich besser kontrollieren kannst als die Technologie, die sich hinter diesem minimalistischen Monolith, dem Bildschirm, versteckt. Ich denke, dass seine Arbeit viele Debatten berührt, die weit über die digitale Welt und die Frage, was Leinwand oder Bildschirm heutzutage bedeuten, hinausgehen.“

Comer sieht Okiishis Werk ganz offensichtlich nicht im Zusammenhang mit dem aktuellen Hype um die „Digital Art“. Das außergewöhnliche Talent des Kurators besteht darin, den Zeitgeist festzuhalten, ohne von ihm mitgerissen zu werden. Das hat auch viel mit seiner Sprache zu tun – sie ist geistreich und urban und kommt dabei ohne Fachjargon aus. So fallen in unserer Unterhaltung eher Wörter wie „Gespräch“ und „Dialog“ anstelle von „Diskurs“. Angesichts seiner Sprache wird auch deutlich, wie sehr er daran interessiert ist, die Barrieren zwischen Medien und Generationen zu überwinden und dabei auch eine poetische, offene Gesprächsform zu entwickeln, die keine Trennlinie zwischen Künstler und Publikum mehr zieht.

Nach einem Moment des Nachdenkens fährt Comer fort: „Ich interessiere mich nicht wirklich für die gegenwärtigen Debatten über den ‚Neuen Objektbegriff‘, die ‚Neue Materialität‘ oder die Zweckentfremdung von Begriffen wie ‚Prekarität‘. Natürlich besitzen all diese Modeworte eine gewisse Relevanz – ich will sie auch gar nicht grundsätzlich infrage stellen. Aber ich will ganz bewusst keine Whitney Biennial, die offensichtlich mit jungen Künstlern punkten möchte, deren Arbeit nur irgendwie ‚digital‘ aussieht – mit vielen bunten Pixeln und USB-Sticks. Grundsätzlich geht es uns um extreme Wandelbarkeit. Und mich interessieren dabei vor allem Werke, die so funktionieren, wie es die Gender- Theoretikerin Beatriz Preciado beschreibt: als ‚molekulare Türen‘, die eine unerschöpfliche Vielfalt von Formen, Geschichten und Möglichkeiten eröffnen, wenn man über ihre Schwelle tritt.“




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