„Der Körper wird zum Objekt“
Drei Fragen an Eva Kotátková

„Es sind die Regeln und Konventionen, die uns zu Gefangenen machen“, erklärt Eva Kotátková. Kontrollmechanismen sind das zentrale Thema der tschechischen Künstlerin, von der jüngst Papierarbeiten für die Sammlung Deutsche Bank angekauft wurden. ArtMag hat ihr drei Fragen zu ihren jüngsten Projekten gestellt.
Eva Kotátková zeigt, wie Schule, Familie, aber auch Architektur die Menschen disziplinieren. So sind immer wieder Käfige, Korsetts und Prothesen Teil ihrer bühnenartigen Installationen, die unter anderem auf der letzten Biennale von Venedig und im Berliner Schinkel Pavillon zu sehen waren. Hier begegnet Surrealismus abgründigem Humor – so verwundert es wenig, dass Samuel Beckett und Charlie Chaplin zu Kotátkovás Idolen zählen. Ab November zeigt die Kunsthalle Baden-Baden eine Einzelausstellung der Künstlerin.

ArtMag: Anatomical Orchestra” im Schinkel Pavillon ist Ihre erste institutionelle Ausstellung in Berlin. Diese Installation besteht aus Objekten, Musikinstrumenten und Prothesen, die darauf warten, durch den menschlichen Körper aktiviert zu werden. Das zentrale Motiv der Schau ist die Fragmentierung des menschlichen Körpers. Ist das als eine Metapher für Entfremdung, für eine zutiefst gestörte Beziehung des Menschen zur Welt zu verstehen? Und wie kam es zu der Idee für diese Ausstellung?


Eva Kotátková: Es geht mir heute nicht mehr so sehr um den fragmentierten Körper. In meinen früheren Arbeiten nutzte ich allerdings die Technik des Schwarzen Theaters, um Körper in Arme, Beine, Köpfe oder Rümpfe zu zerteilen, die dann wiederum versuchten, sich zu einem neuen Körper zu formieren, eine neue provisorische Ordnung herzustellen. Mit dieser Fragmentierung beschäftigen sich auch die Arbeiten, die pädagogische Prozesse hinterfragen. Hier steht das Rastermotiv für Gehorsam, Resignation oder Trägheit, mit denen wir erlernte Kommunikations- oder Verhaltensmuster wiederholen beziehungsweise Regeln befolgen ohne sie zu hinterfragen.

Bei Anatomical Orchestra dagegen dachte ich eher an einen anderen Körper – einen kranken oder versehrten Körper, dessen Sinne und Wahrnehmung nicht mehr funktionieren, so dass er zu einer Art leeren Hülle wird und nicht mehr fähig ist, sein volles Potential auszuschöpfen. Oder einen Körper, bei dem ein verloren gegangener Sinn durch einen anderen ersetzt wird, der viel sensibler und weiter entwickelt ist.

Neben überdimensionalen Prothesen, Hörrohren und Gehhilfen werden im Schinkel Pavillon auch geschriebene und gezeichneten Fallstudien von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, aber auch Fähigkeiten, gezeigt – so geht es etwa um eine blinde Person, deren Gehör so ausgeprägt war, als wären ihre Ohren hochsensible Sensoren, die selbst den zartesten Klang oder die leiseste Bewegung im Raum wahrnehmen.

Die Idee zu diesem Projekt entstand auch durch den Ausstellungsraum selbst. Ich musste gleich an diese Pavillons denken, in denen kleine Orchester für Kur-Gäste spielen, die gerade ein Nickerchen halten. Ein weiterer Impuls war die offensichtliche Ähnlichkeit einiger Musikinstrumente mit Teilen oder Organen des menschlichen Körpers. Deshalb verwende ich auch echte Musikinstrumente, die ihre Funktion verloren haben. Sie wurden zu einer Art von Behältern – zu Requisiten, die von den Performern genutzt wurden und dann Töne erzeugten, wenn man sie manipulierte.

Die Verspieltheit und nostalgischen und grafischen Anklänge in ihren Arbeiten erinnern an den tschechischen Surrealismus. Gleichzeitig verhandeln sie jedoch sehr harte Themen: Macht- und Kontrollmechanismen, denen das Individuum und sein Körper unterworfen sind. Das lässt an Foucaults „Überwachen und Strafen“ denken. Sie zeigen Menschen, deren Leben von Apparaten, Instrumenten und bestimmten Choreographien bestimmt wird. Häufig hängen ihre Körper wie Marionetten an Fäden. “Not how people move, but what moves them” („Nicht wie Menschen sich bewegen, sondern was Menschen bewegt“) lautet der Titel einer Collagen-Serie, die vor kurzem für die Sammlung Deutsche Bank angekauft wurde. Was bewegt die Menschen ihrer Ansicht nach? Und wie würden Sie die Machtmechanismen beschreiben, die Sie in Ihren Arbeiten ansprechen?

Die Serie besteht aus zwei Teilen. Der eine zeigt mich in verschiedenen passiven Haltungen, die eine unterwürfige Beziehung zu meiner Umgebung signalisieren. Darin werde ich zu einer Art Podest – einer Spielfläche oder Basis für einen oder mehrere Körper, die tanzen, Sportübungen machen oder sich frei bewegen. Der andere Teil der Serie zeigt zwei Personen, die in einer Kombination aus Pantomime, Tanz und seltsamer Zeichensprache konkrete Situationen ausdrücken oder repräsentieren – als würden sie etwa durch einen winzigen Korridor laufen, ein unsichtbares Objekt halten oder ein unerträgliches Geräusch hören.

Im ersten Fall geht es um einen Körper, der versucht, sich zu bewegen, dabei aber von der Außenwelt mit Grenzen und Regeln konfrontiert wird. Der Körper wird zu einem Objekt, einem stummen Etwas, das jede Ambition frei zu handeln, selbst Entscheidungen zu treffen, Konflikte einzugehen oder auch nur das kleinste Risiko auf sich zu nehmen verloren hat. Andere Menschen ziehen ihren Vorteil aus dieser Situation und benutzen den Körper für ihre eigenen Zwecke: Sie setzen sich auf ihn, benutzen ihn als Bett, als Halterung für etwas, als Vehikel, um von einem Ort zum anderen zu gelangen, oder sie steigen einfach darüber hinweg, wie über irgendein Hindernis.

Im zweiten Teil der Serie ersetzt Bewegung das gesprochene oder geschriebene Wort. Es ist der Versuch, ein seltsames Bildervokabular zu erschaffen, das ganz bestimmte räumliche Situationen beschreibt, in denen sich der Körper befinden kann, sei es bei alltäglichen Aktivitäten und während bestimmter Stimmungen. Auch diese Arbeiten fokussieren sich auf Szenen, die die Einschränkungen von Bewegungen sichtbar machen. Das kann durch Einflüsse von außen geschehen – etwa die Größe des jeweiligen Raums oder durch die Gegenstände in der Umgebung, aber auch durch die Kräfte im Inneren der Personen, durch ihre Veranlagungen. Es ist so, als ob freie Bewegung nicht mehr existieren würde. Es scheint nicht mehr möglich, eine Geste zu vollziehen, die einen nicht an etwas erinnert, die sich nicht auf etwas bezieht, was wir schon einmal gesehen oder gelernt haben.

Eröffnet Kunst eine Möglichkeit, sich diesen Kontrollmechanismen zu entziehen? Oder konfrontiert sie uns mit einem anderen System von Regeln? Wie sieht Ihre Vorstellung von Freiheit aus?

Ich schaue mir oft Art Brut an und da wird beides deutlich sichtbar. Stark vereinfacht kann man sagen, es gibt einerseits den eingeschränkten, Regeln unterworfenen, gefangenen oder in eine Anstalt eingewiesenen Körper, andererseits diesen Geist, der das Unmögliche erschafft – die unterschiedlichsten Parallelwelten oder Identitäten, fantastische Kreaturen, neue Hierarchien. Gleichzeitig wird Art Brut aber auch in einen Rahmen gepresst. Die Kunstwelt versucht, sie zu kategorisieren, zu benennen und mögliche Bedeutungen festzuschreiben. Ich denke, was mich am meisten beeindruckt sind freie Ideen oder Aktionen oder außergewöhnliche Formen von Kreativität, die in Situationen entstehen, die diesem Geist widersprechen – unter totalitären Regimes, in schwierigen persönlichen Lebensumständen oder psychiatrischen Kliniken.