Eine Reise ins Licht
Wie Otto Piene die Kunst revolutionierte

In Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie feiert die KunstHalle Otto Piene. Die Doppelschau wurde zu seinem künstlerischen Vermächtnis: Kurz nach Eröffnung verstarb der Pionier der Lichtkunst im Alter von 86 Jahren unerwartet in Berlin. Oliver Koerner von Gustorf über einen der einflussreichsten Erneuerer der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Glühende Sonnen und Sternenexplosionen – wer in die Welt von Otto Pienes zwischen den 1950erund 1970er-Jahren entstandenen Farb- und Feuerbildern eintaucht, mag sich an Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum erinnert fühlen. In der Endsequenz des Science-Fiction-Klassikers von 1968 gelangt ein Astronaut zu einem kosmischen Sternentor, durch das er in eine andere Dimension rast. Er erlebt einen rauschhaften Trip aus Licht, Farbe und Form und erreicht einen Zustand überwältigenden Sehens. Seine Reise verkörpert eine psychedelische Evolution der Menschheit – die Überwindung der Grenzen von Raum und Zeit, die Ankunft des neuen Menschen.

Die Vorstellung eines radikalen Neuanfangs, der Aufbruch in unbekannte künstlerische, technologische und spirituelle Sphären sind Motive, die Pienes Werk  fast sechs Jahrzehnten bestimmten. Piene – das ist natürlich auch ZERO, die legendäre Künstlergruppe, die er 1958 mit Heinz Mack in Düsseldorf gründet und zu der wenig später Günther Uecker stößt. ZERO, das steht für die Ziffer des Raketen-Countdowns, die Stunde Null im Nachkriegsdeutschland, den Griff nach den Sternen. „Für die Generation der Dubuffets und Tàpies, für die ganze uns vorausgegangene Generation, war der Krieg und war die Erde das entscheidende Erlebnis: Erde, Materie, Sand, Lehm“, erläutert Piene 1961 dem Kunstkritiker Wieland Schmied, „das bedeutete Zuflucht im Erdloch, im Schützengraben, im Unterstand, die letzte Behausung in den furchtbaren Bedrohungen des Krieges.“ Für den 1928 geborenen Piene, der als 16-Jähriger zur Flak eingezogen wird und nach der Kriegsgefangenschaft erst in München und anschließend bis 1953 in Düsseldorf Kunst studiert, gilt diese traumatische Prägung nicht mehr. In kürzester Zeit formen die ZERO-Künstler ein internationales Netzwerk, zu dem auch Yves Klein, Lucio Fontana und Jean Tinguely zählen. Und dabei will Piene hoch hinaus: „Unser entscheidendes Erlebnis ist eine Zeit, die von astronomischen, kosmonautischen Abenteuern träumt, in der der Mensch in der Lage ist, die Erde zu verlassen, die Schwerkraft zu überwinden. Uns interessiert das Licht, uns interessieren die Feuer, Luftströmungen, die unbeschränkten Möglichkeiten, eine bessere, hellere Welt zu entwerfen …“


OTTO PIENE. MORE SKY
Die Deutsche Bank KunstHalle widmet sich dem bahnbrechenden Frühwerk Otto Pienes – mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank, seinen Rauchbildern und Lichtskulpturen. Den Abschluss der Präsentation bildet ein eigens für die Schau entworfener Lichtraum. Parallel dazu zeigt die Neue Nationalgalerie von 22 bis 3 Uhr nachts Pienes Dia-Performance The Proliferation of the Sun. Den Auftakt bildete dort am 19. Juli eines seiner spektakulären Sky Art Events.


Rückblickend erscheint dieser Optimismus anrührend. Der Gedanke, dass der Mensch im digitalen Zeitalter die Technologie beherrschen und mit der Natur in Einklang bringen könnte, wirkt angesichts sozialer und ökologischer Katastrophen geradezu romantisch. Doch erleben die ZERO-Künstler eine Renaissance und werden weltweit in Ausstellungen gefeiert. Das mag am Retro-Chic der Bilder liegen, die ZERO hinterlassen hat: von Happenings der frühen 1960er-Jahre mit Mädchen in überdimensionalen ZERO-Papprollen, bei denen mit Scheinwerfern angestrahlte Ballons in den Himmel steigen, von kinetischen Lichträumen und psychedelisch anmutenden Environments.

Vielleicht fasziniert gerade der Optimismus, den die Arbeiten der ZERO-Künstler verströmen, eine Zuversicht, die uns heute eher fehlt. Mit der Doppelausstellung More Sky in der Deutsche Bank KunstHalle und der Neuen Nationalgalerie bietet sich nun die Gelegenheit, Piene gleich in mehrfacher Hinsicht zu entdecken. Im Zusammenspiel zwischen der Ausstellung in der KunstHalle, die sein Frühwerk mit internationalen Leihgaben und Werken aus der Sammlung Deutsche Bank beleuchtet, und seiner 1967 konzipierten Dia-Performance The Proliferation of the Sun in der Nationalgalerie wird eines deutlich: Piene war nicht nur Himmelsstürmer und Pionier der Licht- und Multimediakunst. In seiner intensiven Zusammenarbeit mit Technikern und Wissenschaftlern war er auch Vordenker der heutigen Künstlergeneration, die naturwissenschaftlich, ökologisch und technologisch forscht und arbeitet. Ohne ihn und das Licht von ZERO würden wir sicher auch Künstler wie Ólafur Elíasson oder Tomás Saraceno anders sehen.

Dabei, das dokumentiert More Sky, entspringt die interdisziplinäre, multimediale Revolution direkt der Malerei. Als Reaktion auf den psychologisch aufgeladenen Gestus von Tachismus und Informel entwickelt Piene eine völlig neue Technik. Für ihn sind die Bilder der „alten Welt“ wie Rüstungen mit „schweren Rahmen“ ausgestattet, wobei der Betrachter in sie „hineingezwängt“ wird. Seine Malerei soll frei von diesen Hindernissen sein, „dem Ballast des Verflossenen, den Beulen der Psyche“. Das Alte, das ist für Piene das Dunkel: „Ich durchleuchte es, mache es durchsichtig, ich nehme ihm seinen Schrecken, ich mache es zu einem Kraftraum, von Atem bewegt wie mein Körper, und ich nehme Rauch, damit es fliegen kann.“ Die „Rasterbilder“ und „Rauchzeichnungen“, die er ab 1959 herstellt, sind schwindelerregend und flirrend, vibrieren vor lauter Energie. Sie entstehen „mechanisch“. Kein Pinselstrich berührt die Leinwand, sondern Farbe oder Rauch, die durch handgestanzte Rastersiebe aus Pappe oder Metall strömen. Die Konstellationen, die sich dabei bilden, lassen an Weltraumbilder, an Atome und Sterne, aber auch an Lochkarten von Computern denken. Für Piene wird das Gemälde zum „Schwingungsfeld, zur Erscheinung reiner Energie und damit zu einer Bestätigung des Lebendigen“. Aus seinen „Rauchbildern“ entwickelt er bald „Feuerbilder“, bei denen er die Pigmente auf der Leinwand abflammt. Die Blasen und Krusten, die sich bilden, verleihen den kreisförmigen Kompositionen eine merkwürdige Tiefe, etwas Alchemistisches.

Die Rastersiebe der Gemälde dienen Piene bereits 1959 zur Vorführung seines ersten „archaischen Lichtballetts“, für das er Handlampen und Folien einsetzt. „Das Licht malt“, sagt er und lässt es durch Tausende von Löchern strahlen und mit jeder Bewegung andere Muster in den Raum projizieren. Die Wirkung inspiriert ihn zu mechanischen Lichtplastiken, mit denen er später kinetische Environments gestaltet: Lichttheater und Opern, Multimediastücke oder Lichträume, wie Hommage à Fontana, die Installation, die Mack, Piene und Uecker 1964 für die documenta III entwickeln. Das rotierende Licht, das aus perforierten Kugeln und Kuben strahlt, versetzt den Raum in Schwingung. Der Betrachter hat das Gefühl, von Licht durchdrungen, eins mit ihm zu werden.

Als Piene 1965 mit seinem Light Ballet in New York ankommt, ändert sich auch sein Licht und erreicht die Massenkultur. Immer weiter bricht er aus dem gängigen Kunstverständnis aus, führt High-Art mit High-Tech, Design und Film zusammen. Er nutzt für seine Ausstellungen die neueste Computertechnologie und lässt in seinen legendären Sky Events, die er ab 1968 mit dem Bostoner MIT realisiert, mehr als 300 Meter lange, leuchtende Polyäthylenschläuche in den Himmel schweben. Seine Multimediaschau The Proliferation of the Sun ist eigens für das Black Gate Theatre konzipiert, das er 1967 mit dem Filmkünstler Aldo Tambellini gründet – als erstes „Electro-Media“-Theater in New York. Während unten, im Kino an der 2nd Avenue, sieben Tage in der Woche durchgehend Underground- Filme gezeigt werden, liegt das Publikum in der ersten Etage auf schwarzen Kissen. Dia-Projektoren und -Karussells strahlen einen visuellen Overload aus Film und über 1.000 handbemalten Dias in den dunklen Raum.

Pienes Kunst vermittelt alternative Erfahrungen – von Gemeinschaft, Entgrenzung und Immaterialität. Damit trifft sie den Zeitgeist. Amerika ist geschüttelt vom Vietnamkrieg; die Bürgerrechtsbewegungen sind auf dem Vormarsch. Die Experimente der Jugend- und Subkulturen mit Sex, Drogen und Musik erreichen den Mainstream. Kinetische Kunst, vor allem Experimentieren mit Licht, wird zum Inbegriff von Modernität: Kaufhäuser in Manhattan dekorieren Fenster mit Lichtkunst, Diskotheken wie der New Yorker Electric Circus entfachen Stroboskopstürme. Wie die Kunsthistorikerin Tina Rivers im Essay Group ZERO and the Medium of Light in 1960s America beschreibt, stellte das Magazin American Home 1969 Pienes Lichtskulpturen als Inspiration für die Einrichtung vor und gab sogar Tipps für die eigene Lightshow im Wohnzimmer.

Das ZERO-Licht des in der europäischen Tradition stehenden romantischen Idealismus, schreibt Rivers, sei in den USA der späten 1960er-Jahre „domestiziert“ worden. Indem es in der Massenkultur ankam, sei es nicht mehr das Licht einer Utopie, sondern einer realen technologischen Welt. Wer Pienes Frühwerk in der Deutsche Bank KunstHalle verfolgt und sieht, wie The Proliferation of the Sun den Mies-van-der-Rohe-Bau der Neuen Nationalgalerie erleuchtet, wird die Vision dieser Kunst vielleicht gar nicht utopisch, sondern sehr zeitgemäß finden: die ständige Auseinandersetzung mit der Technologie – ohne sie zu beherrschen oder von ihr beherrscht zu werden.