Fünf Minuten vor Ekstase
Das Raqs Media Collective in der Deutschen Bank Birmingham

Gefühlte Weltzeit: Mit ihrer Uhren-Installation „The Arc of a Day“ lässt uns das Raqs Media Collective einen globalen Arbeitstag zwischen Angst und Ekstase durchleben. Achim Drucks über die Auftragsarbeit für die neue Niederlassung der Deutschen Bank in Birmingham, die im Oktober auch in der Lounge der Bank auf der Frieze zu sehen sein wird.
„Die Zeit hat die Welt fest im Griff“, erklärt das Raqs Media Collective. „Tag für Tag vergehen die Stunden, Minuten und Sekunden, ohne Erbarmen. Dank unserer ständigen Bemühungen, mit den Uhren Schritt zu halten, befinden wir uns heute überall und immer in einer Art Jet Lag. Wir versuchen mit uns selbst und den Anderen Schritt zu halten, immer etwas außer Atem und mit zu wenig Zeit“. Mit The Arc of a Day antwortet die Künstlergruppe auf das von Deadlines, Stress und Leistungsdruck geprägte Leben in unserer globalisierten Gegenwart.

Ausgerechnet für eine Bank ist dieses Werk entstanden, für eine Institution also, die man quasi als ein Inbegriff dieses Zeitbegriffs betrachten könnte. Die Uhren, die Raqs in der Empfangshalle des neuen Deutsche Bank-Gebäudes in Birmingham installiert haben, kennt man aus Hotellobbies oder Flughäfen: Nebeneinander aufgereiht, verkünden sie wie spät es gerade in London, Peking, Tokio oder New York ist. Doch hier dienen die Uhren nicht nur als Zeitmesser: „Anxiety“ (Sorge), „Duty“ (Pflichterfüllung) oder „Ecstasy“ (Ekstase) – die Zahlen auf ihren Ziffernblättern sind durch Wörter ersetzt, die ganz unterschiedliche Gefühlszustände beschreiben. Objektive Maßeinheiten – die Stunden und Minuten, die die Welt und das Leben in ein starres Korsett zwängen – kollidieren mit Emotionen, mit subjektiven Empfindungen, die sich eben gerade nicht exakt messen und berechnen lassen. Dabei kreisen die Zeiger auch über Emotionen, die im Arbeitsalltag unterdrückt werden müssen, „Fatigue“ (Müdigkeit) etwa oder „Fear“ (Angst). Raqs lassen all diese Gefühle zu, ordnen sie wie nüchterne Zahlen auf den Zifferblättern an, ohne jegliche Wertung. „Epiphany“, die Offenbarung, kommt allerdings um Zwölf.

„Diese Arbeit versteht sich als Schnappschuss der Welt, in der wir leben, durch die wir reisen, von der wir träumen, jetzt im Moment“, erläutert das Kollektiv. Und vielleicht auch als Botschaft an den Auftraggeber. Insgesamt 12 Uhren haben die Künstler zu einer abfallenden Diagonale angeordnet, die wie ein Spiegelbild der aufsteigenden Diagonale des Deutsche Bank-Logos erscheint. Anton Stankowskis ikonischer Schrägstrich im Quadrat signalisiert Dynamik und Wachstum, The Arc of a Day deutet Entschleunigung, alternative Arbeits- und Wirtschaftskonzepte an.

Unter den 12 Uhren stehen die Namen von Städten rund um den Globus, die eng mit den Künstlern verbunden sind: Dehli, wo sich Jeebesh Bagchi, Monica Narula und Shuddhabrata Sengupta 1992 zum Raqs Media Collective zusammenschlossen oder auch Birmingham und Madrid, wo ihre Arbeiten zu sehen waren. Ebenso trifft man auf Namen von, zumindest im Westen, weniger bekannten Orten. Etwa Yiwu. Hier wird in der China Commodity City auf vier Millionen Quadratmeter vom Regenschirm bis zum Mobiltelefon nahezu alles verkauft – billig produzierte Massenwaren, die in die ganze Welt exportiert werden. Oder Astana, eine Retortenstadt in der Steppe Kasachstans. Seitdem sie 1997 von Staatschef Nursultan Nasarbajew zur Hauptstadt des neuntgrößten Staates der Erde ernannt wurde, erlebt Astana einen gewaltigen Bauboom. Mittlerweile wird die Stadtsilhouette von Wolkenkratzern, Regierungsbauten und Einkaufszentren dominiert, die von internationalen Stararchitekten wie Norman Foster entworfen wurden. Es sind vor allem Orte, an denen sich die rasanten ökonomischen, politischen und kulturellen Verschiebungen unserer Epoche ablesen lassen, die das Kollektiv interessieren.

Doch so unterschiedlich die 12 Städte von The Arc of a Day auch sein mögen, die Menschen, die dort wohnen, teilen die gleichen, existenziellen Gefühle. Angst ist überall auf der Welt Angst. Nur die Zeiten sind verschoben: Wenn es in Tijuana 5 Minuten vor „Panik“ ist, werden in Birmingham „Ehrfurcht“ und in Abu Dhabi „Ekstase“ eingeläutet. Auf die in der Werbung oder Popkultur so gern propagierte „Happiness“ haben Raqs dagegen verzichtet. Begriffe wie „Ekstase“ oder „Offenbarung“ lassen vielmehr an Religion und Spiritualität denken, wie auch der Goldgrund auf dem die Uhren installiert wurden. „Gold“, so die Künstler, „steht für Unvergänglichkeit, für eine Annäherung an oder eine grobe Vorstellung von Ewigkeit.“ Es lässt an Alchemie denken und den Traum von der Transmutation, der Verwandlung unedler in edle Metalle. In zahlreichen Kulturen symbolisiert Gold das Licht der Sonne, des Himmelskörpers, der auch den Verlauf des Tages bestimmt. Es steht aber auch für Unsterblichkeit und Erleuchtung. Der Goldgrund erscheint wie das Universum, vor dem sich alles Geschehen auf der Erde vollzieht – und dessen Unendlichkeit dieses Geschehen in gewissem Maße relativiert.

Zur Installation gehört auch eine dreizehnte Uhr, die aus der Reihe tanzt. Wie ein Mond schwebt sie über der Diagonale, zu der sich die anderen Zeitmesser formieren. Diese Uhr verkündet die Zeit eines fiktiven Ortes: „Rummige ist eine imaginäre Stadt mit imaginären Universitäten und imaginären Fabriken, die von imaginären Menschen bewohnt wird“, schreibt der britische Autor David Lodge, der in Rummige einige seiner Romane spielen lässt. „Sie befindet sich dort, wo auf den Karten der sogenannten realen Welt Birmingham zu finden ist.“ Die dreizehnte Uhr steht für eine Alternative zu dieser Welt und dieser Zeit: „Die Uhr, die die Zeit in Rummige anzeigt, läuft gegen den Uhrzeigersinn“, erklären die Künstler. „Damit deutet sie die Möglichkeit einer ‚Spiegelzeit‘ an, einer Zeit der Imagination, des Spiels und der Fantasie – eine Flucht von dieser Welt in eine Welt der Wünsche und Möglichkeiten.“

Utopien, Stadtplanung und die Frage wie wir besser zusammenleben, bilden den Ausgangspunkt für Raqs. Am Anfang ihrer Zusammenarbeit drehten die Absolventen des Mass Communications Research Centre der Jamia Milia Islamia Universität Dokumentarfilme. 2001 waren sie Mitbegründer des Sarai Programme am Centre for the Study of Developing Societies in Dehli, einer interdisziplinären Plattform, die zugleich als Forschungszentrum, Verlag, Café, Kino und Software-Labor fungiert. Wie der Name des Kollektivs – auf Persisch, Arabisch und in Urdu bezeichnet das Wort „Raqs“ den ekstatischen Zustand, in den sich die „drehenden Derwische“ beim Tanzen versetzen – ist auch „Sarai“ tief in der östlichen Kultur verwurzelt. In diesen Herbergen konnten Reisende nicht nur übernachten, essen oder ihre Waren lagern. Karawansereien waren immer auch Orte der Kommunikation und des Austauschs, was für die Arbeit des Kollektivs von zentraler Bedeutung ist.

Ebenso wenig, wie sich Raqs als „indische“ Künstler verstehen, lassen sie sich auf ein Medium festlegen. Gemeinsam drehen sie Filme, realisieren komplexe Installationen und Projekte im Internet, schreiben Texte und sind auch als Kuratoren aktiv. Dabei beziehen sie sich ebenso selbstverständlich auf das Mahabharata, ein uraltes indisches Epos, historische Figuren wie Rosa Luxemburg oder auch auf aktuelle technische Entwicklungen. Der grenzüberschreitende Ansatz des Kollektivs erweckte die Aufmerksamkeit von Okwui Enwezor. 2002 lud sie der Kurator, der auch zum Deutsche Bank Global Art Advisory Council gehört, zur documeta 11 ein, mit der er eine erweiterte, globale Sicht auf die aktuelle Kunst einforderte. Seit der documenta-Teilnahme waren sie mit ihren Arbeiten in zahlreichen bedeutenden Institutionen präsent, etwa der Tate Britain, dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston, dem Ullens Centre in Peking oder auf der Venedig Biennale.

Die Arbeit als Dreier-Kollektiv verstärkt das diskursive Element und die Offenheit ihrer Projekte: „Es gibt ‚ich‘ (eins), es gibt ‚du‘ (zwei) und dann gibt es ‚viele‘(drei). Mit drei beginnt die Vielzahl, die Flucht aus dem Gefängnis von ‘ich und du‘ in eine andere Welt“, erklären sie. “Drei steht für den Weg heraus aus der Tretmühle der Dialektik. Mit drei fangen wir an, die Bedeutung von Pluralität und Fülle zu verstehen.“ Statt in binären Kategorien wie schwarz oder weiß, richtig oder falsch zu denken, eröffnen sie eine Vielzahl von Betrachtungsmöglichkeiten, um so der Komplexität der Gegenwart gerecht werden zu können. Pluralität und Offenheit zeichnen auch The Arc of a Day aus. Diese Momentaufnahme der Welt, in der wir leben, setzt die unterschiedlichsten Assoziationen in Gang. Man kann über das Phänomen der Zeit nachdenken, die Globalisierung, die Unendlichkeit oder die heutigen Arbeitsbedingungen. Das Raqs Media Collective versteht diese Installation aber ganz einfach auch als “Geste der Solidarität mit allen, die tagtäglich gegen das Ticken der Uhr ankämpfen und als Ausdruck des Respekts gegenüber denjenigen, die sich die Zeit dafür nehmen, die Dinge sorgfältig zu erledigen.“