„In meiner Arbeit gibt es keine andere Originalität als meine eigene“
Ein Hausbesuch bei Meschac Gaba

Er hat keine künstlerische Nationalität. Sein Museum soll keine Wände haben. Und auch sonst will sich Meschac Gaba nicht auf Kategorien festlegen lassen. Im Herbst präsentiert die Deutsche Bank KunstHalle seine Installation "Museum of Contemporary African Art" aus der Sammlung der Tate Modern. Julia Grosse hat den Kunstrebellen aus Benin in seiner Wahlheimat Rotterdam getroffen.
Rotterdam ist vielleicht nicht die schönste Stadt der Niederlande. Doch sie begrüßt einen als Hollands Hauptstadt für Architektur. Es ist Samstagmittag und Touristen strömen entspannt aus dem kürzlich eingeweihten Bahnhofsgebäude. Nach ein paar Metern drehen sie sich um und fotografieren den exzentrischen Eingangsbereich, der sich steil in die Höhe schiebt, wie ein riesiger Metallsplitter.

Meschac Gaba wohnt nur wenige Taximinuten vom Bahnhof entfernt. Es gibt nette Bars neben Hundesalons und Fahrradläden, in den Seitenstraßen stehen elegante, reduziert gehaltene Einfamilienhäuser aus dunkelrotem Backstein. „Architekt wäre ich gerne geworden“, sagt der 1961 geborene Künstler lächelnd und setzt sich auf das große Wohnzimmersofa. Bauen würde er dann aber vielleicht eher in Cotonou, dem ökonomischen Zentrum Benins, denn dort ist er mindestens sechs Monate im Jahr ebenfalls zu Hause. Sein Studio in Cotonou befindet sich unweit vom Flughafen, mit viel Platz für seine Installationen, seine Kunstbibliothek und sein Gästehaus für Künstler.


MESCHAC GABA’S “MUSEUM OF CONTEMPORARY AFRICAN ART”
Es war der größte Neuankauf, den die Londoner Tate je getätigt hat. In diesem Herbst ist Meschac Gabas gigantische Installation als Leihgabe in der Deutsche Bank KunstHalle zu Gast – ein spektakulärer Auftakt zur Kooperation mit der Tate. Als „Museum im Museum“ lädt das etliche Räume umfassende Werk zum Feiern, Spielen und Entdecken ein. Gabas alternatives Museum fordert nicht nur mehr Sichtbarkeit für afrikanische Gegenwartskunst, sondern hinterfragt auch die kulturellen Abgrenzungen, die den westlichen Kunstkanon bestimmen.


Seit den späten 1990er-Jahren durchleuchtet Gaba Konstruktionen kultureller Identität. Inspiriert durch seine eigene Realität zwischen den Niederlanden und seiner Heimat Benin in Westafrika, hinterfragt seine Arbeit spielerisch diverse Beziehungen, zwischen Afrika und dem Westen, dem Lokalen und dem Globalen, Kunst und Alltag. Themen wie Globalisierung, Kapitalismus, Ökologie, Migration, Religion oder Macht übersetzt er in eine Bildsprache, die aufrüttelt, ohne zu schocken, die Leute zusammenbringt, ohne sie in Sozialromantik zu hüllen. In Rotterdam lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern in einer lichtdurchfluteten Wohnung, in der auch gearbeitet wird. „Doch der Großteil meiner Produktion erfolgt im Studio in Cotonou. Das Klima ist zum Arbeiten einfach angenehm.“ Zurzeit läuft Gabas erste Ausstellung bei seiner neuen Galeristin Tanya Bonakdar: Im New Yorker White Cube stehen Marktstände mit Wertsymbolen, von vergoldeten Steinen über Handys bis hin zu Geldscheinen.

„In meiner Arbeit gibt es keine andere Originalität als meine eigene. Ich habe in diesem Sinne keine künstlerische Nationalität“, sagt Gaba und schaut hinüber zu den beiden Meerschweinchen seiner Kinder, die sich in ihrem Käfig um das Mittagessen streiten. „Ich liebe Benin, doch das heißt nicht, dass meine Inspiration dort endet. Das, was ich mache, kann ich auch in New York oder London machen.“ Als Künstler lebt er seit Jahren das vor, was viele junge Kollegen aus afrikanischen Ländern heute für sich entscheiden können: Identität basiert auf der ganz eigenen Biografie und nicht auf der geografischen Herkunft. Gaba entscheidet sich 1996 für ein Kunststudium an der Rijksakademie in Amsterdam, da die Niederlande und das bis 1990 sozialistische Benin keine koloniale Vergangenheit teilen. „Der Austausch über meine Arbeit mit Kollegen und Professoren an der Akademie hat mich sehr inspiriert.“

Ein Werk, das in den beiden Studienjahren entstand, war Bread and Hammer, eine große Skulptur aus zwei Holzblöcken, aus denen er die Formen eines Brotes und vieler Hämmer aussägte. Es steckt noch der kommunistische Einfluss in dieser Arbeit, grinst Gaba und betrachtet die sperrige Skulptur, die an der Wand lehnt. Auf dem Kaminsims und den Fensterbänken stehen kleine Arbeiten, zum Teil sind es Vorstudien, wie die zwei tierförmigen Spardosen, überzogen mit einem Muster aus zerschnippelten, entwerteten Geldscheinen aus Benin. Die großen Versionen dieser Spardosen, in Form von Tieren oder den Logos afrikanischer Banken, hängen derzeit in der New Yorker Galerie. Ein immer wiederkehrendes, wichtiges Detail seiner Bildsprache sind Geldscheine, mit deren ausgiebiger Verwendung Gaba spielerisch auf den instabilen Wert von Währungen verweist.

Der Kurator und Kunstkritiker Simon Njami beschreibt Gabas Schaffen als ein Kontinuum, ein Werk in ständiger Entwicklung, in dem die Kreationen miteinander kommunizieren. So, als sei sein Œeuvre nie abgeschlossen, sondern eine ewige Suche nach der großen Lösung für eine bessere, funktionierende Gesellschaft. In der Praxis kann man tatsächlich kaum ein Projekt von Gaba als singulär bezeichnen. Auch Symbole wie Geldscheine und Flaggen und der Aspekt des Spielerischen tauchen beständig auf. Sein bisher umfangreichstes Projekt ist das Museum of Contemporary African Art: Diese Installation ist zwischen 1997 und 2002 auf zwölf Räume angewachsen und tourt durch die Kunstwelt, von der documenta 11 bis zur Tate Modern, die das Werk angekauft hat. Nun ist Gabas Museum in der Deutsche Bank KunstHalle zu sehen. Es gibt darin einen Raum für Religion und Kunst, einen für Architektur, einen Museumsshop, eine Bibliothek und auch ein Restaurant.

Gabas Motivation für dieses eigene Museum ist nicht zuletzt die in der Kunstwelt lange Zeit verbreitete Annahme, dass es zeitgenössische afrikanische Kunst schlichtweg nicht gäbe. Ein Auslöser war Jean-Hubert Martin mit Les Magiciens de la Terre von 1989 im Centre Pompidou: eine Ausstellung, die spirituelle Objekte, kunstvolle Särge und Sandgemälde als „zeitgenössische afrikanische Kunst“ konnotierte. „Diese Schau beschrieb eine zeitgenössische Kunstproduktion in Afrika, die nicht unsere war“, erinnert sich Gaba. Sein Museum habe keine Wände, sagt er und betont damit die Freiheit, seine umfassende Installation zu zeigen, wie und wo er will.

Und wenn es kein physisches Museum gibt, keinen White Cube in London, Berlin oder Kapstadt, dann schafft sich Gaba seine eigenen Grundrisse oder benutzt eine andere Infrastruktur. So initiierte er 2010 das MAVA (Musée de l’Art de la Vie Active), ein Projekt für Cotonou, das die gesamte Stadt zum MAVA deklariert. Es fand eine prozessionsartige Performance statt, die später auch in Karlsruhe zu sehen war: Rund 30 Menschen tragen Perücken aus Kunsthaar, die auf historische Figuren der globalen Geschichte verweisen – von Martin Luther King über Kwame Nkrumah bis Jeanne d’Arc. Indem er den westlichen Ikonen wichtige Persönlichkeiten der afrikanischen Geschichte zur Seite stellt, verweist Gaba auf die Notwendigkeit einer globalen Erzählung. Die erste dieser Tresses-Serie aus Haaren zeigte er 2005 im Studio Museum Harlem, dargestellt ist geflochtene „Architektur“ aus Cotonou und New York.

Wie unerwartet und humorvoll Gaba die „Art-World“ und die „Non-Art-World“ dabei immer wieder zusammenbringt, zeigt seine rollende Bibliothek: Taxifahrer düsten während der Benin Biennale durch Cotonou, die Nummernschilder hatte Gaba gegen Zitate ausgetauscht: „Life=art=life“, „But this is not the endpoint“. Eines der Taxi-Motorräder stand danach in der Stevenson Galerie in Kapstadt, dazu lief das Video der Aktion vor Ort in Benin. Dieses Ausstellen des Motorrades wirkt wie eine augenzwinkernde Reaktion auf das, was Gaba jahrelang in ethnologischen Museen vorfand: alltägliche Dinge – die Werkzeuge „der Anderen“ –, die sich in den Museumsvitrinen plötzlich in Objekte ohne eigentlichen Kontext verwandeln.

Die Kunst von Meschac Gaba ist zum Spielen da und wird von ihm in der Rolle des Spielleiters mit einem Hang zur Politsatire präsentiert: In der Tate-Modern-Schau lagen erwachsene Besucher auf dem Bauch und bauten aus großen Klötzen ihre Idealstadt. In Rules of the Game (2001) lässt er Länder gegeneinander antreten: Ausstellungsbesucher werden an Tischtennisplatten gebeten und spielen mit Schlägern, auf denen jeweils andere Landesflaggen leuchten. Das Bild Citoyen du Monde zeigt die Landesflaggen dieser Welt, die Gaba auf einen Punkt in der Ferne zurasen lässt. Die Art der Darstellung hat fast comichafte Züge, in denen jedes Land bis zur Unkenntlichkeit zusammenschrumpft. In dieser Arbeit steckt Humor, aber kein Zynismus. Vielmehr symbolisiert sie Gabas absolut zuversichtliche Vision eines hierarchielosen Miteinanders. Ganz konkret möchte er nun aber erst einmal ein Museum für zeitgenössische Kunst in Afrika initiieren. „Jedoch keine Kopie eines westlichen Ausstellungshauses“, sagt er und setzt seine Sonnenbrille auf. Draußen sind es inzwischen 30 Grad, Gaba will noch schnell einkaufen gehen. „Ich träume von einem Museum ohne Mauern, in Form eines Kunstdorfes, in dem die Künstler leben, produzieren, ausstellen und ihre Arbeiten verkaufen können.“