Go Away Closer
Dayanita Singh im Frankfurter MMK

Sie ist eine der weltweit wichtigsten Fotografinnen. Dayanita Singh stellt zugleich die Konventionen ihres Mediums immer wieder in Frage. Das MMK in Frankfurt präsentiert jetzt eine große Werkschau der indischen Künstlerin, der in den Deutsche Bank-Türmen eine ganze Etage gewidmet ist. Und auch in „Time Present, der Ausstellung mit internationalen Fotoarbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank, die gerade durch Asien tourt, ist Singh vertreten.
Das Konzept, Fotografien wie Malerei als Einzelbilder an weißen Wänden zu präsentieren, hat Dayanita Singh noch nie besonders interessiert. So erklärte sie dann auch in einem Gespräch, dass sie für ArtMag mit ihrem Verleger  Gerhard Steidlführte: „Ich möchte meine Fotografien nicht länger in Passepartout und Rahmen zeigen.“ Stattdessen träume sie von einem Fotobuch, bei dem jedes Bild zugleich Covermotiv sein könne. Das Buch würde so zum Bildträger und könne in Ausstellungen präsentiert werden – in entlegenen Dörfern Indiens wie in großen Museen. Jetzt hat Singh diesen Plan verwirklicht: Museum of Chance, das Künstlerbuch zu ihrer großen Retrospektive im MMK, enthält 88 Bilder, kommt dementsprechend mit 88 verschiedenen Covern heraus und ist Bestandteil der Werkschau.

„Meine Arbeit dreht sich nicht darum zu fotografieren, sondern Bilder auszuwählen und sie in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen“. So fasst Singh, die sich selbst als „Book Artist“ bezeichnet, ihre Arbeitsweise zusammen. Seit Mitte der 1980er Jahre präsentiert sie ihre Aufnahmen bevorzugt in Büchern. Ihr erstes widmete sie dem berühmten indischen Musiker Zakir Hussain, den sie auf seinen Reisen um die ganze Welt begleitete. Für Privacy (2003) porträtiert sie seit den 1990er Jahren Menschen aus der indischen Oberschicht in präzise komponierten Tableaus. Doch mit ihren jüngeren Serien hat sich ihr Œuvre radikal verändert. Sie hat sich buchstäblich von den Menschen entfernt und fotografiert bevorzugt urbane Architekturen und hermetische Innenräume: So zeigt sie in File Room (2013) mit Papieren und Akten vollgestopfte Archive – kafkaeske Szenarien über die Vergänglichkeit der Erinnerung.

Bei ihren Büchern experimentierte sie immer wieder mit den Möglichkeiten des Mediums: Sent a Letter (2008) besteht aus einem Set von sieben kleinen Leporellos, “The Blue Book” (2009) aus Postkarten, die man verschicken kann. Davon ausgehend entwickelte Singh schließlich ihre Museum Structures, von denen acht im MMK zu sehen sind. Auf diesen flexiblen Holzkonstruktionen sind jeweils 70 bis 140 in Reihen angeordnete Schwarzweißfotografien zu sehen. Singh stellt ihre Bilder zu Sequenzen zusammen, die immer wieder neu kombiniert werden können. Dabei besitzen ihre Displays die schlichte Eleganz minimalistischer Skulpturen.

Auch die „Museen“ zeigen, dass nicht das Einzelbild im Mittelpunkt von Singhs Interesse steht, sondern die wechselnden Beziehungen zwischen den Fotografien. „Ich bin nicht daran interessiert, die ganze Geschichte zu erzählen“, erläutert Singh, „denn es gibt sowieso keine in sich abgeschlossene Geschichte. Sie verändert sich andauernd. So kann die gleiche Fotografie hier etwas Bestimmtes bedeuten, in einem anderen Kontext aber etwas ganz anderes.“

Jedes „Museum“ erzählt von einem bestimmten Thema: Das Museum of Little Ladies ist jungen Mädchen gewidmet, das Museum of Furniture besteht aus Stillleben leerer Räume. Dabei bewegen sich die Aufnahmen zwischen Dokumentarfotografie und subjektiver Fiktion. Ganz bewusst verzichtet Singh auf eine Beschriftung oder Datierung der einzelnen Fotografien. Stattdessen ist der Betrachter eingeladen, die Bilder selbst zu verorten und aus ihnen seine eigenen Geschichten zu entwickeln.

Selbstverständlich bestehen Singhs Fotoarbeiten auch als Einzelbilder. Ihre Aufnahmen von nächtlichen Straßen, Räumen oder Maschinen besitzen eine fast magische Präsenz. Go away closer: Gerade in Bezug auf ihre Porträts passt der Titel der Ausstellung perfekt, sind diese doch von einer genau austarierten Balance zwischen Empathie und Distanz gekennzeichnet  – egal, ob die Fotografin Menschen aus der oberen Mittelklasse Indiens zeigt, aus der sie selber stammt, oder gesellschaftliche Außenseiter wie Mona Ahmed, mit der Singh seit 1989 eine enge Freundschaft verbindet. Mona gehört zu den „Hijras“ – Eunuchen, die in Kommunen zusammenleben und  ihren Lebensunterhalt durch Tanzen und Segnungen auf Hochzeiten verdienen. Mona wurde allerdings nicht nur aus Familie und Gesellschaft sondern auch aus der Gemeinschaft der Eunuchen ausgestoßen und lebt allein auf einem Friedhof in Alt-Delhi. 2001 widmete ihr Singh das Buch Myself, Mona Ahmed. Im MMK ist die Fortsetzung dieses Projekts zu sehen – die Videoarbeit Mona and Myself, die Singh 2013 für den Deutschen Pavillon auf der Venedig Biennale schuf. „Mona wollte die Geschichte erzählen, wie es ist, weder hier noch dort, weder männlich noch weiblich, weder ein Eunuch, noch jemand wie ich zu sein.“

Dieses Gefühl der Unbestimmtheit vermitteln viele von Singhs jüngeren Fotografien. So zeigt sie in Dream Villa (2010), einem ihrer schönsten Bücher, wie Orte und Dinge, die bei Tageslicht völlig profan erscheinen, in der Nacht zu etwas Mysteriösem und Verstörendem werden. Es sind Bilder, die Gedichten gleichen. Nichts ist hier wie es zu sein scheint. „Genau davon handelt meine Arbeit – von Träumen, von dieser Phase zwischen Schlafen und Erwachen, in der alles miteinander kollidiert.“


Dayanita Singh. Go Away Closer
27.9. 2014 - 4.1.2015
MMK 3 (ehemals MMK Zollamt), Frankfurt