Moderne Zeiten:
Cao Fei über ihren Spielfilm „Haze and Fog“

Cao Fei ist nicht nur eine der international bekanntesten chinesischen Gegenwartskünstlerinnen. Sie ist auch Mutter. Und ihre beiden Kinder sind selbst um halb zwölf Peking-Zeit nur schwer ins Bett zu bekommen. Doch dann, gegen Mitternacht findet sie Ruhe, um über ihren jüngsten Film „Haze and Fog“ zu sprechen, der gerade für die Sammlung des Pariser Centre Pompidou angekauft wurde.
Haze and Fog (2013) ist ein völlig neuer Typus des Zombiefilms – einem Genre, dass in China keine Tradition hat. Angesiedelt in der Dienstleistungsgesellschaft des heutigen Peking, erzählt er in poetisch-abgründigen Bildern von Isolation, Traditionsverlust, Umweltverschmutzung, sozialem Zerfall. Die Putzfrauen, Makler, Prostituierten und Kuriere, die sich im Film in Untote verwandeln, verlieren ihre Seele, oder haben sie bereits verloren.

Immer schon reflektierte Cao Fei den sozialen und ökonomischen Wandlungsprozess im modernen China kritisch. Doch ihre jüngsten Produktionen, wie auch der animierte Katastrophenfilm La Town (2014) erscheinen im Gegensatz zu ihrem früheren Werk geradezu pessimistisch. Schon lange ist die Künstlerin, die auch mit Fotografie, Installationen und Performance arbeitet, mit ihrem Oeuvre in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Noch bis zum Februar 2015 sind ihre Fotografien zum Filmprojekt Whose Utopia? (2006) in Time Present zu sehen, einer Ausstellung mit internationaler Fotokunst aus der Sammlung, die im Singapore Art Museum gastiert und dann weiter durch Museen in ganz Asien tourt. Für ihr Video und die Fotoserie arbeitete Cao Fei für ein halbes Jahr in einer Glühbirnen-Fabrik im chinesischen Pearl River Delta. Währenddessen rief sie Workshops mit jungen Arbeitern ins Leben, in denen sie sie aufforderte, sich über ihre ganz eigenen utopischen Vorstellungen mitzuteilen und ihre Zukunftswünsche direkt in der Fabrikhalle in einer Performance darzustellen. Und auch ihre „Coffee Yoga“ und Feng Shui-Performances für die Veranstaltungsreihe Globe, 2011 in den Frankfurter Türmen der Deutschen Bank beschäftigten sich noch mit Möglichkeiten von Gemeinschaft und alternativen Heilmethoden. Doch ob der Welt überhaupt noch zu helfen ist, verrät sie im Gespräch mit Oliver Koerner von Gustorf.  

Oliver Koerner von Gustorf: Während sich Ihre früheren Werke mit den Utopien und Möglichkeiten einer digitalen und globalisierten Gesellschaft beschäftigen, erscheinen Ihre aktuellen Arbeiten apokalyptischer: In Haze and Fog” sind die Protagonisten seelenlose Wesen, die sich in Zombies verwandeln. Das Thema von „La Town“ ist eine Metropole, die, wie Sie es ausdrücken, von „unbekannten Katastrophen heimgesucht wird“. Leben wir in der Endzeit?

Cao Fei: Ja, wir leben in der Endzeit. Aber das „Ende der Zeit“ kann weder zeitlich noch geographisch an Längen- und Breitengraden gemessen werden. „Es“ geht dem Ende und dem Tod entgegen. Wir nehmen die klimatischen Veränderungen wahr, bevor das gesamte System kollabiert, ohne jedoch dieses Gefühl beschreiben zu können. Außer diesem unbestimmten Gefühl gibt es keine genauen anthropologischen, phänomenologischen oder statistischen Methoden, die belegen, dass wir uns auf dem Weg in die Apokalypse befinden. Denn genau wie ein Vulkanausbruch, ist auch die Apokalypse unvorhersehbar. Das Ende ist aber auch der Anfang von etwas Neuem.

Ist dieser „vernebelte“ Dämmerzustand, den Sie in Ihrem ersten Spielfilm beschreiben, etwas spezifisch Chinesisches? Es ist merkwürdig, aber als jemand aus dem Westen fühle ich mich in einem ganz ähnlichen Zustand.

Was ich beschreibe, ist eine allgemeine Befindlichkeit. Es ist ein Gefühl, das man kaum ausdrücken kann - ein Gefühl, das sich immer mehr anstaut, aber dabei so schwer greifbar ist, wie die feinen Partikel eines Nebels. Natürlich trifft das nicht nur auf China zu. Es ist ein Symptom für die „Depression“ in der post-kapitalistischen Welt. Dieser Zustand ist in seiner Widersprüchlichkeit überwältigend. Man kann ihn einfach nicht überwinden. Er bewegt sich zwischen Apathie und Aufruhr, er ist unlösbar und allgegenwärtig.

“Haze and Fog” bezieht sich sowohl auf den Verlust von Tradition und Identität als auch auf ein rigides Klassensystem von Konsumenten und Dienstleistern. Jemand macht Dreck und der muss dann von jemand anderem wieder beseitigt werden. In Ihrem Film gibt es Szenen, in denen eine Putzfrau die schicken Pumps ihrer Arbeitgeberin anzieht und wie die reichen Frauen Yoga macht – allerdings im Keller. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein Akt der Rebellion hat aber auch etwas sehr Stereotypes und Verzweifeltes. Können Sie mir mehr über diese Szene erzählen?

Wir leben in einem engmaschigen System, in einer Gesellschaft, in der alles bis ins Letzte geregelt ist. Jedes Mal, wenn ich auf den sauberen Flur eines großen Gebäudes blicke, frage ich mich, wann die Putzleute da waren. Immer wenn ich draußen eine Zigarettenkippe auf den Boden werfe, denke ich darüber nach, ob der Wind und der Regen sie wegschwemmen, oder ein Müllmann sie noch rechtzeitig findet und aufsammelt – oder sie in ein blühendes Gebüsch oder einen Graben fegt und so tut, als ob er sie nicht gesehen hätte. Was ich beschreiben möchte, ist diese scharfe Trennung von Klassen und Gesellschaftsstrukturen. Jedem Individuum ist eine ganz bestimmte Position in einem bestimmten Bereich zugewiesen. Ich möchte zeigen, dass es außerhalb dieser reglementierten Aufteilung noch andere Möglichkeiten gibt. Die Leute glauben, dass wir in unserer Konfusion, in unserer „Vernebelung“ so etwas wie Sicherheit gefunden hätten. Ich glaube aber, dass all diese voneinander abgetrennten Bereiche wie durch ein Geäst oder Ranken miteinander verbunden sein sollten. Die Situation der Putzfrau in meinem Film ist fiktional. Ich möchte damit die heimlichen Sehnsüchte beschreiben, die in der Dunkelheit verborgen liegen, aber auch die Kämpfe gegen die Unterdrückung, die sich im Unterbewussten abspielen.
 
Gegen Ende des Films verfüttert der um seine Existenz kämpfende Immobilienmakler seine Kunden an die Zombies. Was ist seine Rolle?

Der Makler weiß gar nicht, was er tut. Er verschließt die Augen vor dem, was passiert, denn er ist wirklich blind. Er weiß noch nicht einmal, wie es ist, „lebendig“ zu sein. Er hat keine Ahnung, was er zur kapitalistischen Wertschöpfungskette beisteuert. Er sucht lustlos nach Kunden, mit denen er eine Gruppe von Zombies füttert, die in einem noch unverkauften, leerstehenden Gebäude wohnen. Wer behauptet denn, dass ein Immobilienmakler keine Zombies füttern kann? Wer baut all die vielen leerstehenden Gebäude? Ich glaube es ist interessanter, es mal aus dieser Perspektive zu betrachten. Vielleicht ist das sogar die wahre Bedeutung von „Kapital“.

Das Licht in Ihrem Film erinnert an US-Horrorfilme und das New Hollywood der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, die Einsamkeit in ihren Räumen an Edward Hoppers Gemälde.

Ja, ich mag Hopper wirklich sehr! Die künstliche Lichtsetzung, oder auch die natürlichen Schatten, die das Tageslicht durch ein Fenster wirft – all das dient im Film dazu, die innere Leere der Menschen und ihre innere Entfremdung von der Stadt und ihren Gebäuden zu betonen. Ich wollte die Einsamkeit der Menschen hervorheben, wie verstreut und voneinander getrennt soziale Gemeinschaften heute sind.  

Bei einigen Szenen von “Haze and Fog” musste ich auch an den Film “Syndromes and a Century“ des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul denken. Kennen Sie seine Arbeiten? Für mich ist er einer der wichtigsten Regisseure, er steht für eine völlig neue Art des Erzählens und des Filmemachens. Er beschäftigt sich in seinen Filmen ebenfalls mit der Dualität von Land- und Stadtleben, dem Verlust von Tradition und Spiritualität. In seinen Filmen spiegelt sich die Kultur der Landbevölkerung immer auch im urbanen Leben wider. Welche Rolle spielt in Ihren Filmen die Dualität von Natur und Metropole?

Syndromes and a Century ist mein absoluter Lieblingsfilm von Apichatpong. Seine Filme sind voller abstrakter Poesie und Frieden. Wie er von der schmerzhaften Trennung zwischen der modernen Welt und der Vergangenheit erzählt, ist wunderbar euphemistisch und sehr feinfühlig. Was mich aber interessiert, ist wie sich die Beziehungen zwischen den Menschen und zwischen Menschen und dem System im Zeitalter rasanter Urbanisierung verändern. Mich interessieren die unsichtbaren „nebelähnlichen“ Kontrollmechanismen, der Traditionsverlust, der Zusammenhang zwischen dem Moralwandel und den verschieden Generationen. Wie wirkt sich unsere heutige Art zu leben auf unsere Zukunftsvorstellungen aus? Die thematischen Schwerpunkte in Apichatpongs und meinem Film überschneiden sich. Aber unsere Arbeiten sind sehr verschieden, da wir unterschiedlich aufgewachsen sind und erzogen wurden. Auch der Stil unserer Filme ist anders, ebenso wie die Themen, die unsere Länder und Nationen beschäftigen.

Sie haben mit Arbeiten über die Subkultur einer jungen „digitalen“ Generation angefangen. „Haze and Fog“ hingegen benutzt keine offensichtlichen digitalen Effekte, „La Town“ sogar eine sehr traditionelle Technik – Stop-Motion. Was ist passiert? Sie scheinen mit jedem neuen Projekt, eine neue Ästhetik zu entwickeln oder sich anzueignen.

Ich bin eben neugierig. Ich mag Veränderung und probiere gerne neue Sachen aus. Ich mag es nicht, wenn alles so bleibt wie es ist.

Sehen Sie sich mittlerweile eher als Künstlerin oder Regisseurin?

Für mich ist eine Regisseurin auch immer eine Künstlerin. Es gibt keine großen Unterschiede. Ich bin auch Mutter zweier Kinder. Abgesehen davon kann ich wahrscheinlich auch noch andere „Identitäten“ besitzen. Ich bin schon gespannt, welche Möglichkeiten da noch kommen.

Letzte Frage: Gibt es überhaupt noch die Möglichkeit eines politischen Wandels oder die Umwelt zu retten? Wie können wir uns aus diesem vernebelten Zustand befreien?

Ich glaube, dafür wird es für eine sehr lange und unsichere Zeit in unserem Land nur Scheinvorschläge geben. Durch ganz persönliche Ausdrucksformen und Performances versuchen Künstler, den Nebel in der inneren Welt der Menschen zu lichten, oder ihnen zu erklären, warum „wir“ alle so bedrückt sind.