Saya Woolfalk
Im Institut der Empathie

Die Mission von Saya Woolfalks „Empathics“ ist die Stärkung des Mitgefühls. Derzeit kann man ihre blau-weiß geschminkten Science-Fiction-Wesen in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York und im Chrysler Museum of Art erleben. Achim Drucks ist in den fantastischen Kosmos der New Yorker Künstlerin eingetaucht.
Globalisierung und Internet haben die Menschen weltweit so eng miteinander verbunden wie nie zuvor. Doch die Hoffnung, dass aus dieser Nähe auch ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl resultiert, scheint sich nicht zu erfüllen. Im Gegenteil. Tagtäglich gibt es neue Nachrichten von Gewalt und Konflikten, die daraus entstehen, dass Menschen allein auf Grund ihrer Religion, Hautfarbe oder Herkunft bewertet werden – als Freund oder Feind, Bedrohung oder Bereicherung. Solche Kategorisierungen aufzubrechen ist das Ziel von Saya Woolfalk. Um alternative Möglichkeiten des Zusammenlebens zu erkunden, schuf sie das in einer fernen Zukunft angesiedelte Refugium No Place und die Empathics.

Anna und Jessica, zwei dieser Botschafterinnen universeller Harmonie, begegnet man jetzt in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York. Mit ihrer blau-weißen Gesichtsfarbe und dem elaborierten Kopfschmuck sehen die Empathics aus wie Hohepriesterinnen eines bizarren Kultes. Die beiden 2011 entstandenen Fotoarbeiten sind Teil der Ausstellung Herland, in der acht Künstlerinnen aus der Sammlung Deutsche Bank jeweils eine Künstlerin vorstellen, die sie ganz besonders schätzen. Woolfalk wurde von Wangechi Mutu eingeladen. „Eine von Saya Woolfalks Installationen zu betreten gleicht dem Besuch eines geheimnisvollen Museums in einer Art Paralleluniversum“, erklärt die „Künstlerin des Jahres“ 2010, die mit Woolfalk ein Faible für hybride Geschöpfe teilt. „Saya gehört zu dieser Familie von brillanten Künstlern, die ihre ganz eigenen Welten erschaffen.“

Und in dieser Welt ist alles im Wandel begriffen, die Grenzen zwischen Geschlechtern, Rassen und sogar Menschen, Tieren und Pflanzen haben sich aufgelöst. „Die Bewohner von No Place sind zugleich Mensch und Pflanzen und haben eine empathische Beziehung zu ihrer Umwelt“, erklärt die 1979 in Japan geborene Künstlerin, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. „Sie essen, schlafen und leben in komplexen Familienstrukturen. An bestimmten Momenten ihres Lebenszyklus‘ verändern sie Geschlecht und Farbe.“

No Place ist ein psychedelisches Gesamtkunstwerk. Zunächst fühlt man sich in ein seltsames Teletubby-Land versetzt: In Woolfalks Filmen und Performances bewegen sich gesichtslose Gestalten in Ganzkörperanzügen, die mit blatt- und blütenartigen Textilobjekten geschmückt sind, durch bonbonfarbene Kulissen.  Das faszinierende an diesem utopischen Kosmos ist die Verbindung von komplexen Inhalten und liebevoller Handarbeit mit einer fast naiven Ästhetik. Bei ihren Videos und Installationen verzichtet sie auf ambitionierte Digitaltechnik und teures Set-Design und setzt stattdessen auf Stop-Motion und einen verspielten Do-it-yourself-Look. Die fantastischen Kostüme sind von brasilianischen Volksfesten wie dem Bumba Meu Boi inspiriert – einem Spektakel, bei dem europäische, afrikanische und indianische Traditionen verschmelzen. Während eines zweijährigen Fulbright Stipendiums in Brasilien beschäftige sich Woolfalk, die mit einem Anthropologen verheiratet ist, intensiv mit den lokalen Folkloretraditionen.

In Brasilien begegnet man, wie es der Anthropologe Roberto DaMatta formuliert, einer „Gesellschaft, in der sich Kulturen und Ethnien mischten, statt wie in anderen Ländern schön säuberlich voneinander getrennt zu koexistieren. Sie leben zusammen, gehen Beziehungen ein und bringen Menschen hervor, die mit den klassischen ‘Rassen‘-Termini nicht zu erfassen sind.“ Aus der Auseinandersetzung mit dieser hybriden Gesellschaft entstand die Idee zu No Place – einem Projekt, das auch Woolfalks eigenen Hintergrund wiederspiegelt: „Ich bin schwarz, weiß und japanisch und das eine oft schwierige und widersprüchliche Angelegenheit.” Beeinflusst hat sie aber auch der Afrofuturismus – Autoren wie Octavia Butler oder Samuel Delany, die in ihren Science-Fiction-Romanen Themen wie Identität, Rasse und Geschlechterrollen aufgreifen und Gegenentwürfe zu den bestehenden Verhältnissen beschreiben.

Inzwischen haben ihre Geschöpfe Kontakt mit der Gegenwart aufgenommen: „Als Versuch, das fantastisch-futuristische No Place mit unserer realen Welt zu verbinden, habe ich die Empathics entwickelt. Bei diesem Projekt geht es mir darum, wie Vertreter verschiedener Kulturen zusammen kommen können, um eine gemeinsame Kultur zu entwickeln. Der Begriff ‘Empathie‘ impliziert dabei die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen und zu teilen.“

Woolfalks Video The Institute of Empathy (2013) zeigt die Entstehung der Empathics. In den Wäldern von Upstate New York entdeckt eine Gruppe von Frauen ein bunt schillerndes Skelett. An den Knochen haftet genetisches Material, das sowohl pflanzlicher als auch menschlicher Herkunft ist. Wie Sporen dringt es in die Körper der Frauen ein und der Transformationsprozess beginnt. Doch mittlerweile sind diese Botschafterinnen einer zukünftigen Harmonie zu Geschäftsfrauen mutiert. „Die Empathics sind Chimären und können deshalb auch die Grenzen zwischen den Spezies überschreiten, rassische und ethnische Identitäten verschmelzen und sich mühelos zwischen den menschlichen Kulturen bewegen. Mit ChimaTEK möchte ich erforschen, was passieren würde, wenn man diesen langwierigen Prozess einer genetischen und kulturellen Umwandlung vereinfacht und in Form einer Serie von Lifestyle-Produkten zum Kauf anbietet. Der Titel meiner aktuellen Ausstellung im Chrysler Museum of Art lautet dann auch ChimaTEK: Life Products. Sie stellt die Produktpalette von ChimaTEK vor. Dank dieser Technologien können die Konsumenten ihre eigene Identität remixen und manipulieren.“

Neben einem Werbevideo für die Produkte der Empathics ist hier auch eine „Hybridisierungsmaschine“ zu sehen, mit deren Hilfe man den Identitätsremix bequem in den eigenen vier Wänden vollziehen kann. Für die Umwandlungsprozesse sind allerdings seltene Minerale nötig, die in aufwändigen, die Umwelt schädigenden Prozessen gewonnen werden. Auch die innovativen Technologien der Empathics basieren also auf der Ausbeutung der Natur. „Indem ich ChimaTEK wie ein Geschäftsmodell präsentiere, hoffe ich, ein Gefühl von Vieldeutigkeit zu vermitteln. Ich möchte, dass mein Publikum anfängt, diese Utopie, die ich entwickelt habe, zu hinterfragen und beginnt über die Vor- und Nachteile dieses beständig wechselnden Daseinszustandes nachzudenken.“ Saya Woolfalks Empathics haben sich ihren irdischen Biotop hervorragend angepasst. Von ihrer Utopie ist dabei allerdings nicht mehr viel übrig geblieben. In einer Konsumgesellschaft endet  ihr Versprechen eines harmonisch-hybriden Wunderlands wie schon so viele spirituelle oder esoterische Bewegungen – als schnödes Lifestyle-Produkt.

Herland
bis 17.03.2015
60 Wall Gallery
Deutsche Bank, 60 Wall Street, New York

Saya Woolfalk: ChimaTEK Life Products
bis 31.05.2015
Chrysler Museum of Art, Norfolk, Virginia