The Question:
Stehen Frauen in der Kunstwelt in der zweiten Reihe?

Frauen malen nicht nur schlechter als Männer, sie bestehen auch die „Marktprüfung“ nicht. Das jedenfalls behauptete Georg Baselitz. Die Marktprüfung, das ist für ihn die „Wertprüfung“. Doch spricht der Markt wirklich das letzte Wort? Woran misst sich der Erfolg von Künstlerinnen? Und warum werden Arbeiten von Frauen noch immer weniger gekauft und gesammelt? ArtMag fragt die, die es wissen müssen – internationale Galeristinnen, Kuratorinnen und Künstlerinnen.

Elise Atangana / Freie Kuratorin und Produzentin, Paris.
Photo: Salima Pujami

Elise Atangana

Es gibt unendlich viele Themen, die mit der ungleichen Behandlung der Geschlechter zusammenhängen. Vom 18. Jahrhundert bis heute betrafen diese Fragen auch immer wieder die Kunstpraxis von Frauen.

Hängt die Diskriminierung durch den Markt und die Institutionen damit zusammen, dass es sich um Frauen handelt, oder liegt es am Werk selbst? Sollte man deshalb eine Theorie der weiblichen Ästhetik entwickeln? Wie erreicht man tatsächlich eine Demokratisierung der Verhältnisse?

Die Kunstkritikerin Aline Dallier-Popper beschreibt den grundlegenden Widerspruch, der sich den Künstlerinnen stellt: „Um ihre Produktion in das System des Kunstmarktes mit seinen Imperativen von Qualität und Individualität zu integrieren und gleichzeitig an dem Zusammenbruch dieses Systems mitzuwirken, müssen sie häufig das ganz Eigene ihrer Arbeit entweihen, damit ihre Schöpfung für alle zugänglich ist.“

Zitat: Fabienne Dumont, "Aline Dallier-Popper. Art, féminisme, post-féminisme", Critique d’art [online], 34 | Autumn 2009, Viewed 15 October 2014.





Susan Fisher Sterling
Direktorin, National Museum of Women in the Arts, Washington.
Photo: Michele Mattei

Susan Fisher Sterling

Es gibt einige „Schlüsselwert-Indikatoren“, die darüber Auskunft geben, wie das Werk eines Künstlers bei einer Auktion abschneidet. Dazu gehören Galerieausstellungen, Einzelausstellungen in Museen, die Präsenz in Museumssammlungen und wichtige Artikel in der Presse.

Für die USA zeigen Statistiken, dass Frauen immer noch eine Minderheit in Museen und Galerien bilden. Dabei sind 51 % aller Künstler Frauen. Zugleich wird die Mehrheit dieser Institutionen von Männern geleitet oder begründet. Wie kann der Markttest ein „Werttest“ sein, wenn dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern nicht nur die Hierarchien der Kunstwelt, sondern die gesamte Gesellschaft kennzeichnet?

Den Ausgangspunkt für jede Diskussion muss die Erkenntnis bilden, dass eine grundlegende Benachteiligung von Frauen auch in der Kunst existiert. Für eine faire Bewertung müsste man zunächst dieses vorherrschende Ungleichgewicht bekämpfen.












Mathilde ter Heijne
Künstlerin, Berlin, vor ihrer Installation "Woman to Go"
Frieze London 2013

Mathilde ter Heijne

Haben Künstlerinnen überhaupt Interesse an diesem patriarchal-kapitalistisch geprägten Kunstmarkt?

Ich glaube, sie wissen, dass der Marktwert heutzutage kein geeigneter Gradmesser für gute und wirkungsvolle Kunst sein kann. Sie organisieren sich selbst und entwickeln ihre eigene Kunstwelt, experimentieren mit anderen spannenden Kunstformen und -begriffen. Da hinkt der Markt der Entwicklung leider hinterher.

Die meisten Sammler scheinen nicht gut informiert zu sein oder haben vielleicht kein wirkliches Interesse daran, was Kunst heutzutage sein kann.














Siri Hustvedt / Autorin, New York.
Photo: Marion Ettlinger

Siri Hustvedt

Wenn der Kunstmarkt „immer recht hat”, wie Georg Baselitz behauptet, dann ist seiner Logik zufolge sein eigenes Werk dem von Louise Bourgeois weit unterlegen. Ihre teuersten Arbeiten übertreffen seine um Millionen. Wie auch immer, dieses Denken ist absurd. Der Markt wird von der Wahrnehmung von Werten bestimmt, aber nicht von eigentlichen Werten.

Wahrnehmung ist nichts Passives, sondern etwas Aktives, das von oft unbewussten Erwartungen gesteuert wird. Viele empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Männer und Frauen ein Kunstwerk als bedeutender einschätzen, wenn der Name eines Mannes – und nicht der einer Frau – darunter steht. Begriffe wie „Artist“ sind immer noch männlich codiert. Künstlerinnen sind „Women artists“. Aber wann hat man zum letzten Mal jemanden von „Men artists“ reden hören?

Nur wenn wir uns der tief verwurzelten Vorbehalte gegen „Frauenkunst“ wirklich bewusst werden, wird sich unsere Wahrnehmung ändern.











Wangechi Mutu / Künstlerin, New York.
Photo: Mario Lazzaroni

Wangechi Mutu

Man kann die Kunstwelt nicht vom Rest der Welt trennen. Viele der geschlechtsspezifischen Unterschiede und der Benachteiligungen, mit denen Frauen im Kunstbetrieb drangsaliert werden, existieren auch in jedem anderen beruflichen Bereich. Die Kunstwelt spiegelt all die Probleme wider, unter denen das gesamte System leidet.

Und ja, dazu gehört auch der Sexismus in der Arbeitswelt, unfaire Bezahlung, die voreingenommene Haltung gegenüber dem Geschlecht, die ungleiche Verteilung von Lob und Anerkennung, die Unterrepräsentation in Sammlungen und auf dem Markt.













Janelle Reiring / Galeristin, Metro Pictures Gallery, New York.
Photo: courtesy Janelle Reiring

Janelle Reiring

Ich kann Georg Baselitz’ unglückliche Äußerung ablehnen, aber es steckt ein Quäntchen Wahrheit darin: Geld ist ein sehr machtvolles Symbol für den kulturellen Wert. Wir alle prangern diesen Umstand an, verneinen kann ihn jedoch keiner. Frauen ziehen dabei nicht nur in der Kunstwelt, sondern auch in der Gesellschaft den Kürzeren. Wie viele weibliche Vorstände in großen Unternehmen gibt es, wie viele Regierungschefinnen, wie viele Regisseurinnen von Blockbuster-Filmen? Wie haarsträubend der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei den Auktionspreisen ist, wurde mir zum ersten Mal durch einen Artikel von Sarah Thornton im „Economist“ klar. Der Wert eines Künstlers auf dem Markt hängt von vielen Dingen ab. Das fängt mit seinen/ ihren Intentionen und Ambitionen an und hört mit dem System auf, das ihn oder sie unterstützt: Kuratoren, Galerien, Kritiker, Museen, Sammler, Auktionshäuser etc.

Die jüngste, unglaubliche Expansion des Marktes für Gegenwartskunst ging mit dem Heranwachsen einer Generation von Künstlern einher, die sich darüber im Klaren war, dass man als Künstler zugleich reich und berühmt werden kann. Die Generationen davor konnten nur darauf hoffen, bekannt zu werden. Wir erleben inzwischen großartige Künstler, die auch großartige Marktmanipulatoren und Promoter ihrer Arbeit sind. Nur sind bislang darunter keine Frauen, aber das kommt noch. Die beiden Künstlerinnen, die immer in den Top 20 der Rankings sind – nämlich Cindy Sherman und Rosemarie Trockel machen einen großen Bogen um jede Art von Selbstvermarktung und machen ihre Kunst, ohne dabei an die Verkäuflichkeit zu denken.

Ich hatte das Glück, in einer Kunstwelt aufzuwachsen, in der seit den frühen 1980er Jahren unglaublich viele extrem wichtige und einflussreiche Künstlerinnen groß geworden sind – vom Mark einmal abgesehen: Cindy Sherman, Louise Lawler, Rosemarie Trockel, Sherrie Levine, Barbara Kruger, Jenny Holzer, Marlene Dumas. Es kommen immer mehr dazu und sie werden noch stärker – Camille Henrot und Nina Beier zum Beispiel. Ich bewundere die furchtlose Haltung, die junge Künstlerinnen heute haben. Sie gehen geschickt mit den Strukturen der Kunstwelt und des Marktes um. Galerien und Museen zeigen mehr Frauen, Sammler kaufen mehr Künstlerinnen, und die Auktionshäuser ziehen nach. Die Zahlen sind noch miserabel, aber ich bin optimistisch.





Amanda Sharp / Gründerin, Frieze Art Fair, London.
Photo: Mike Gold, courtesy of Mike Gold/Frieze

Amanda Sharp

Betrachtet man lediglich die Auktionsergebnisse, bekommt man tatsächlich den Eindruck, dass der Markt von Künstlern mit Höchstpreisen beherrscht wird. Allerdings ist das längst nicht die einzige Form von Kunstmarkt. Vielleicht sind die Bereiche, in denen Künstlerinnen Erfolg haben, nicht ganz so augenfällig.

Es verzerrt nicht nur das Bild, wenn Erfolg allein durch Höchstpreise gemessen wird, sondern verweist Frauen auch immer auf den zweiten Platz, obwohl sie substanzielle Werke haben, die sich gut verkaufen und auch in Museumsschauen vertreten sind. Korrigiert wird dieses Bild durch die Neubewertung von Künstlerinnen, die gerade im Gange ist: So zeigten auf der Frieze Masters vor allem Institutionen großes Interesse an der Spotlight-Sektion, in der wenig bekannte Positionen des 20. Jahrhunderts präsentiert wurden. Dazu zählten auch zahlreiche Frauen – Rosemarie Castoro und Mary Corse, zwei bedeutende Vertreterinnen des amerikanischen Minimalismus, waren da in diesem Jahr gute Beispiele.
















Ranjana Steinruecke / Galeristin, Mumbai.
Photo: courtesy Ranjana Steinruecke

Ranjana Steinruecke

Warum beschränkt man diese Frage auf die Kunst? In fast allen Berufen spielen Männer die Hauptrolle. Sehr häufig beschäftigen sich Künstlerinnen in ihrer Arbeit mit ihrer unmittelbaren Umgebung, und die daraus resultierenden Themen haben vielleicht nicht den Wow-Faktor, der in der Kunstwelt so gefragt ist.

Frauen spielen häufig das subversive Potenzial ihrer Kunst herunter. In unserer Galerie sind die Hälfte der Künstler Frauen. Das war nicht geplant, aber es sagt wahrscheinlich etwas über uns aus. Der Markt spielt eine bedeutende Rolle, aber in der Kunst gibt es auch andere, stillere Einflüss und Kräfte, die viele Sammler anziehen.